Interview mit Max Mannheimer

Die Gazette: Sie sind einer der wenigen Überlebenden von Konzentrationslagern, speziell Auschwitz, die hier in Deutschland leben. Was hat Sie bewogen, in dem Land zu wohnen, aus dem die Täter dieses Unrechts hervorgegangen sind?
Max Mannheimer: Nach der Befreiung am 30. April 1945 durch die US-Armee aus einem Güterzug in der Nähe von Tutzing befreit; ich wog 36 Kilogramm, verbrachte ich zwei Wochen in einem provisorischen Krankensaal in einer ehemaligen NAPOLA (Nationalsozialistischen Politischen Lehranstalt) in Feldafing. Nach vier Wochen verließ ich Deutschland und habe mir geschworen, nie mehr deutschen Boden zu betreten. Ich wollte nicht in einem Land leben, dessen Regierung die Ausrottung der Juden beschlossen hatte. Wenn man sechs der acht Familienangehörigen in den Gaskammern von Auschwitz verliert, ist der Schmerz unerträglich
Nach meiner Rückkehr in meine Heimatstadt (Neutitschein, Mähren, heute Tschechien) lernte ich eine Deutsche kennen, die vor der Besetzung des Sudetenlandes (am 10. Oktober 1938) einen jüdischen Professor gegen die verbalen Angriffe der Nazi-Schüler verteidigte. Nach der Besetzung des Sudetenlandes wurde sie, weil sie in dem sozialdemokratischen Turnverein ATUS (Arbeiter Turn- und Sportverein) eine Funktion hatte, aus der Schule hinausgeworfen. Sie wurde als "Arbeitsmaid" nach Königsberg geschickt, wo sie Feldpost sortierte. Nach ihrem Pflichtjahr kam sie nach Neutitschein zurück und wurde durch das Arbeitsamt einem Südtiroler, der ein jüdisches Haus und einen Obst- und Gemüsegroßhandel betrieb, als Bürokraft zugeteilt. Ich lernte sie im Juni 1945 kennen und erfuhr, dass sie britischen Kriegsgefangenen, die einmal wöchentlich in Begleitung eines Wehrmachtsangehörigen zum "Gemüsefassen" gekommen waren, heimlich BBC-Nachrichten und selbstgefertigte Skizzen über die militärische Lage zugesteckt hatte. Ihre Zivilcourage und ihre Persönlichkeit machten auf mich einen enormen Eindruck. Ich verliebte mich in sie, und sie versicherte mir, dass Deutschland, nach dem, was passiert war, ausgezeichnete Chancen habe, eine Demokratie zu werden. Und am 9. November 1946 war ich wieder in dem Land, dessen Boden ich nie wieder betreten wollte. Und seitdem bin ich hier.

Heute sind Sie bekannt als ein Augenzeuge, der deutschen Jugendlichen zu schildern versucht, was damals verfolgten Minderheiten angetan wurde.
Ich erkläre immer, dass ich als Zeuge der Zeit, nicht als Richter oder Ankläger in die Schulen komme. Und ich erkläre den Schülern, dass sie nicht die Verantwortung dafür tragen, was geschehen ist, wohl aber dafür, dass es nicht wieder geschieht.

Sie sprechen nun aber nicht nur vor Schulklassen, sondern Sie haben sich auch mit Vertretern einer Personengruppe befasst, bei der die Begegnung für Sie doch besonders schwierig sein dürfte: mit Neonazis. Wie kamen Sie dazu, mit diesen Personen überhaupt sprechen zu wollen?
Es war reiner Zufall. David Irving hatte am 4. Mai 92 im Bayerischen Hof in München eine Pressekonferenz geplant; ich wurde von einem Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde gebeten, als Auschwitz-Überlebender an dieser Pressekonferenz teilzunehmen. Da diese unter dem Kürzel A.V.Ö. (Althans-Vertrieb-Öffentlichkeitsarbeit) gebucht und der Name David Irving nicht erwähnt wurde, hat das Hotel sie verboten. Als Gast schien er willkommen zu sein. Vor dem Hotel gab es eine Ansammlung von ungefähr fünfzig Personen, darunter mehrere in- und ausländische Journalisten. Ein Transparent gegen David Irving, der das Hotel betrat und mit Pfiffen und Pfui-Rufen bedacht wurde, wurde hochgehalten. Vor dem Hotel stand auch der allseits bekannte Neonazi Bela Ewald Althans (li.), der in der Herzog-Wilhel-Straße 23 in München einen Laden mit Nazi-Propaganda-Material betrieb und der ihn, wie mir Althans später gestand, monatlich mit fünftausend Mark unterstützte. Ich sprach Althans an, stellte mich als Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Dachau und Auschwitz-Überlebenden vor und sagte ihm, ich sei überrascht, dass ein so intelligenter junger Mann, er war damals 26 Jahre alt, wissentlich solche Lügen verbreitet und die Vergasung der Juden leugnet. "Ich hab damals ja nicht gelebt", antwortete er. Ich sagte: "Sie haben ja zur Zeit der Pyramiden auch nicht gelebt und trotzdem kann man über ihre Existenz viel erfahren." Althans unterhielt sich dann mit den Journalisten und kam nach zu mir zurück und sagte: "Übrigens, Herr Mannheimer, ich habe alle ehemaligen Vernichtungslager besichtigt - Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Majdanek, Sobibor, Belzec, Chelmno." Er kannte sie alle.

War das Ihre einzige Begegnung mit ihm?
Nein. Im Januar 93 bekam ich ein Schreiben von Althans: Er wolle auch mit "Gegnern" in Kontakt bleiben. Dem Schreiben legte er ein Hetzblatt gegen Israel bei, nicht um mich "zu beleidigen", sondern nur "zur Information". Er werde sich, da er ins Ausland verreise, in drei Monaten wieder bei mir melden. Er hat sich dann aber nicht mehr gemeldet. Eine vorgeschlagene Fernsehsendung in der Reihe "Live aus dem Alabama" habe ich abgelehnt, weil ich der Meinung bin, dass man solchen Menschen keine Plattform geben darf. Stattdessen diskutierte ich im Sommer 1994 mit dem Aussteiger aus der Neonazi-Szene Ingo Hasselbach.
Im September 96 erhielt ich von Hasselbach ein Schreiben mit der Bitte, Althans in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim (München) zu besuchen. Ein umfangreiches Schreiben Althans' mit der gleichen Bitte lag bei.

Konnten Sie einen Grund für diese Bitte erkennen?
Ich nahm an, dass ich ihm beim Ausstieg aus der Szene helfen sollte, zumal er mit dem Aussteiger Hasselbach bereits Kontakt hatte.

Und haben Sie ihn besucht?
Nach einer Beratung mit meiner Frau und Prüfung meines Gewissens habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Allerdings war Althans bereits in der JVA Landsberg (in derselben, in der auch Hitler einsaß). Ich sagte ihm zu, ihm dreimal zwei Stunden zuzuhören, um mir ein Bild von ihm zu machen.
Wir saßen uns an einem kleinen Tisch gegenüber, und Althans erzählte und erzählte. Da er mich vorher hatte wissen lassen, er schreibe an seiner Autobiographie und habe bereits zehntausend Seiten geschrieben, sagte er mir, es seien inzwischen zwölftausend Seiten geworden. Er war ja als Aufschneider bekannt. Er beklagte sich bitter über die Weigerung der JVA Landsberg, ihm einen Freigang zu gewähren, der normalerweise bei Ersttätern nach drei Monaten bei guter Führung möglich ist. Er wollte die Zeit in der Berliner JVA angerechnet bekommen. Wenn er keinen Freigang bekomme, werde ihn seine Verlobte verlassen. Das war jedoch nur vorgeschoben, um den Freigang zu bekommen. Er war, wie man wusste, dem eigenen Geschlecht zugetan. In einem Schreiben an seine Eltern forderte er dringend ärztliche Hilfe wegen einer Netzhautablösung, die zur Blindheit führen würde. Laut Aussage der Anstaltsärztin handelte es sich um eine harmlos Entzündung. Bei meinem zweiten Besuch sprach ich etwa eine Stunde mit ihm und gab ihm die Erlaubnis, dem Richter in Berlin und in Landsberg meine Anschrift zu geben, falls sie meine Meinung über ihn wissen wollten. Es gab keinerlei Anfragen.
Nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe wurde er, da Ersttäter, entlassen und ging ins Ausland. Von dort bat er mich, die Aufführung des Films "Beruf Neonazi" bei Arte zu verhindern, die darüber hinaus noch ein Interview planten. Soweit mir bekann, hat es nicht sttatgefunden

Welches Bild hatten Sie sich schließlich von ihm gemacht?
In meinen Augen war er krankhaft mediensüchtig, und auf meine Frage, wie er so umschwenken konnte, nämlich von einem Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen, die etwas gutmachen will, ohne schuldig zu sein, sich den Neonazis zuzuwenden, sagte er: "Ich wusste, ich kann hier etwas werden."
Meine Hoffnung hat sich erfüllt. Er stieg aus der Szene aus, scheint mir vollkomen geheilt zu sein. Dass er sich an einen Auschwitz-Überlebenden wandte, beweist, dass er auf dem besten war, aus der Nazi-Szene auszusteigen.
Interessant war für mich auch die Begegnung mit Günter Deckert.

Wie man die zustande?
Gegen Günter Deckert (re), den Ex-Oberstudienrat, Vorsitzenden der NPD und Ex-Kreisrat aus Weinheim, hatte ich einen Strafantrag wegen Volksverhetzung und Beleidigung gestellt, weil er in einem Brief vom Sommer 1997 Zweifel äußerte, ob ich überhaupt in Auschwitz gewesen sei. Er fragte sogar nach dem Namen des damaligen Kommandanten und auch weshalb ich erst so spät nach Auschwitz gekommen war. Er wollte mich einfach provozieren. Die Anschuldigung wegen Volksverhetzung zog ich zurück. Wegen Beleidigung erhielt er drei Monate Gefängnis. Deckert saß damals in der JVA Bruchsal ein, der Prozess fand vor den dortigen Amtsgericht statt. Als Zuhörer waren etwa dreißig seiner Anhänger anwesend. Deckert saß mehrere Jahre in Bruchsal, weil er den US-Bürger Fred Leuchter, einen "Spezialisten" für Vergasungen, in die BRD eingeladen hatte, hier Vorträge zu halten und seine Bücher zu verkaufen. Der Tenor: Es gab keine Vergasungen; bei "wissenschaftlichen" Untersuchungen, ich glaube, es war 1988, hätten auf den Brocken der gesprengten Gaskammern keine Spuren von Cyklon B, einer Blausäure in Kristallform, gefunden werden können. Deckert wurde am 27. Oktober 2001 aus der Haft entlassen und kandidierte kurze Zeit danach für den Posten des Regierenden Bürgermeisters in Berlin für die NPD.

Sie können nach solchen Erfahrungen wohl kaum noch der Meinung sein, dass mit dieser nachwachsenden Generation von Neonazis überhaupt zu reden sei mit der Hoffnung, sie kämen dadurch zu einer etwas menschenfreundlicheren Einstellung.
Es ist sicherlich schwierig, doch nicht unmöglich, die jungen Neonazis aus der Szene herauszuholen. Oft kommen sie aus ungeordneten familiären Verhältnissen, und als "Milieugeschädigte" werden sie eine leichte Beute der Neonazi-Funktionäre. Es muss Aufgabe der Jugendverbände und der sozialen Einrichtungen sein, diese perspektivlosen Jugendlichen in die Gesellschaft zu integrieren.
Vor zwei Jahren besuchte ich, auf Wunsch eines Pastors, einen Neonazi-Treff in Cottbus. Aus dem Vorgespräch mit der Sozialpädagogin erfuhr ich, dass kaum einer der Neonazis einen Schulabschluss nachweisen kann, und keiner der dort Anwesenden hatte eine Lehre beendet.
Die Neonazis haben bei Wahlen kaum einen Erfolg. Doch ihre spektakulären Aufmärsche werden von den Medien oft in übertriebener Weise präsentiert. Das hat zur Folge, dass sich Jugendliche mit diesen vermeintlichen "Helden" oft identifizieren. Fremdenfeindlichkeit und Rassenhass sind ein fruchtbarer Nährboden.

Glauben Sie, dass Deutschland bei all den Aktivitäten gegen Neonazis und Ihr "Gedankengut" immer einen gewissen Bodensatz an Rassisten haben wird?
Sicherlich. Doch ist das kein deutsches Phänomen. Es gibt immer wieder rassistische Ausschreitungen, nicht nur in Europa, auch in Amerika (den Ku-Klux-Klan z.B.). Doch zu einem Genozid in dem Ausmaß wie der Mord an deneuropäischen Juden kam es nur während der Hitler-Diktatur.

Wird er uns eines Tages wieder gefährlich werden?
Ich hoffe nicht. Doch wenn ich mich so auf der Weltkugel umsehe, wozu Menschen imstande sind, was sie anderen Menschen antun, ist mein Optimismus gedämpft. Auch wenn ich aus dem Volk der Propheten komme, möchte ich dazu doch lieber keine Aussage machen.

Die Fragen stellte Fritz R. Glunk

28. Februar 2003

Leserbrief

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