Kurzgeschichte

Vom Treffen in Stuttgart mit Natali Lewski

Von Stefan Mangold

Am Ende meiner Kindheit bewunderte ich die Beatles. Bis zum vierzehnten Lebensjahr kaufte ich von monatlich zwanzig Mark Taschengeld alle Platten der Pilzköpfe aus Liverpool. Auch ein Buch las ich über die vier. Besonders beeindruckten mich Passagen, die von weiblichen Fans handelten, auf deren sexuelle Avancen die Bandmitglieder in Hotels und anderswo eingingen. Mir waren die Erfahrungen von Ringo, Paul, George und John fremd. Flaschendrehen stand für mich Zwölfjährigen im Zentrum der Freude. Und Geburtstagsfeiern, auf denen eine Colaflasche im Kreis gespannter Kinder wirbelte, fanden nicht oft genug statt. Außerdem lud man mich zu selten ein.
Den Beatles erging es besser. Sie konnten sich aus einem Pool anhimmelnder Frauen die Schönsten aussuchen und mussten nicht warten, bis ihnen ein Martin, Markus oder Hans-Joachim eine Einladung zusteckte. Bei denen passierte mehr als ungelenkes Küssen auf feuchte Münder. Selbst für den Schlagzeuger, der in der Gunst der Frauen weit hinter Paul und den anderen stand, blieb genug übrig. Gerne hätte ich, der pubertierende Christian aus dem Odenwald, mit Ringo Star, dem Drummer der Beatles aus Liverpool, getauscht.
Zu meinem dreizehnten Geburtstag bekam ich eine Gitarre geschenkt. Mit Jürgen Jurgeleit, meinem Nachbarn von der Schulbank, wettete ich um zehn Mark, mit spätestens 25 Jahren meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben zu haben. Jürgen wurde zwei Wochen später auf dem Fahrrad von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und erlag wenige Tage darauf einer Hirnblutung. An meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag steckte ich zehn Mark in ein Kuvert und schickte es anonym an Jürgens Mutter. Die stand in der Erbfolge an erster Stelle.
Meine Virtuosität auf der Gitarre konzentrierte sich auf fünf Akkorde. Zu denen schrieb ich das Lied „Wenn ich endlich 18 bin". Allerdings kam das niemals zum Vortrag. Meine Mutter hatte den Zettel mit dem Manuskript des Textes beim Aufräumen meines Zimmers gefunden. Ich fühlte mich peinlich berührt, zeriss meinen ersten und bis heute einzigen Liedtext über dem Komposthaufen im Garten und mischte die Schnipsel unter.Seit ein paar Monaten steht im Internet auf der Seite des "Club junger Autoren" eine Geschichte von mir, die heißt "Tante Elfriede zieht aus", anbei meine Emailadresse. Das rührt von einem Missverständnis her. Denn mit leicht über Mitte dreißig Mitglied sein in einem Verein, dem ausdrücklich junge Menschen angehören sollen, halte ich nicht für passend. Ich schrieb denen mit dem Hinweis, mir fehle die Zugehörigkeit. In der Antwort stand, meinen Text ließe man drin, auch wenn ein Versehen vorläge. Dabei blieb es.
An meine Emailadresse bekomme ich oft Werbung gesendet, deren Ursprung ich mir nicht erklären kann. Im Betreff steht etwa, "Sie haben gewonnen." Das lösche ich gleich. Denn Bedingung für Gewinn ist Einsatz und Teilnahme. Die meisten Werbemails handeln aber von süßen achtzehnjährigen Teenies, die "hemmungslosen Sex einfach nicht lassen" können. Die Absender geben Adressen kostenpflichtiger Seiten an, "Da sind auch meine Freundinnen zu sehen." Aus Angst vor Computerviren lösche ich die ebenfalls sofort. Im Internet findet sich eine Fülle freizügiger Darstellungen, für den Betrachter kostenlos zugänglich. Mir reicht das.
Letzte Woche bekam ich eine Mail, die hätte ich fast ebenfalls ungelesen gelöscht. Im Betreff stand "Deine Tante". Das klang für mich nach Peitschenhieben in Leder gepackter Damen auf Gesäße minder braver Jungs. Doch es schrieb eine gewisse
Natali Lewski. Der Name passte nicht zu meiner Vermutung.Natali Lewski stellte sich als Studentin der Kunsthochschule Stuttgart vor. Sie habe "Tante Elfriede zieht aus" gelesen, "Endlich mal eine lustige Geschichte". Mich freute das. Lob ist mir lieber als Tadel. Sie stamme aus der Ukraine, fuhr die Kunststudentin fort. Im Alter von elf Jahren sei sie mit Ihren Eltern erst nach Deutschland und dann nach Lissabon gesiedelt, und mit sechzehn Jahren wieder nach Deutschland zurück, genauer gesagt, nach Bretten. Bretten kenne ich, das liegt auf der Zugstrecke zwischen Heidelberg und Stuttgart. Manchen Sommer verbrachte ich hier als Kind bei der Schwester meiner Mutter und Cousine Claudia. Eine schwäbische Kleinstadt. Heute zieht mich nichts mehr hin.Sie sei 22 Jahre alt und studiere das dritte Semester in Stuttgart, schreibe ebenfalls Geschichten und an einem Roman. In der Anlage fand sich eine Textauswahl. Am Ende stand ihre Handynummer. Ich solle sie anrufen und demnächst in Stuttgart besuchen. Sie bewohne eine Dachwohnung und bereite mir dann einen Tee nach der Sitte ihrer Heimat und wir könnten uns über bildende Kunst und Literatur unterhalten.In einem Roman des amerikanischen Autoren Charles Bukowski erzählt der Icherzähler, wie er morgens vor dem Spiegel steht, einen dicken Bauch und das pockennarbige Gesicht eines alternden Mannes betrachtend nachdenkt, welche Wirkung "ein paar Gedichte doch haben". Denn mittags soll er eine attraktive junge Frau vom Flughafen abholen, die ihm in Bewunderung seiner Sprachkunst von sich ein Bild geschickt hatte. Bei mir stimmte was nicht. Ich bekam die erste Fanpost meines Lebens, das Angebot, mich mit einer 22-jährigen Ukrainerin zu treffen. Aber im Gegensatz zu dem Bukowski-Roman wollte die mich nicht besuchen. Ich sollte hinfahren. Im Internet, auf der Seite der Telefonauskunft, fand ich Namen und Adresse. Sie wohnte in Stuttgart-Fellbach in der Kleiststraße.
Zufällig kenne ich die. In Stuttgart spielte ich ein Jahr im Heeresmusikkorps 9 als Wehrpflichtiger das Horn. Wir traten mit unseren bordeauxroten Baretts und grauen Dienstuniformen einmal vor der Kleiststraße 14b an und bliesen einem General des Zweiten Weltkriegs zu dessen neunzigsten Geburtstag Märsche wie "Alte Kameraden". Das Geburtstagskind fragte unseren Taktgeber, den Oberstleutnant Röbiger, ob wir auch "Bomben auf Engeland" vortragen könnten. Das hatten wir nicht im Repertoire, was Röbiger bedauerte, und wie ich den Oberstleutnant einschätzte, auch aufrichtig. Zum Trost spielten wir die Nationalhymne. "Deutschland, Deutschland über alles", begleitete uns der Jubilar mit bemerkenswert kräftiger Stimme.
Natali Lewski wohnte nicht 14b. Ich schrieb zurück, auf dem Handy wolle ich nicht anrufen, denn Anrufe auf mobilen Telefonen erfolgten meist im falschen Moment. Ich schrieb meine Festnetznummer rein. Hinter dem Nennen ihrer Handynummer witterte ich ein Kalkül.
In Frankfurt ist es schwer, an einer Frau unter fünfundzwanzig Jahren vorüberzugehen, die nicht mit einem Telefon hantiert. Sei es, dass sie telefoniert, auf den Tasten tippt, sei es, dass sie im Moment meines Vorbeigehens auf ein Piepsen oder Klingeln hin in eine Tasche fasst. Jedenfalls trifft das für die hübschen zu, je jünger, desto mehr.
Eine Zeit lang hatte ich über mehrere Wochen freitags in der Redaktion einer Zeitung zu tun. Dann kam eine Frau Anfang zwanzig gegen Nachmittag ins Büro mit Papieren in Händen und besprach mit Redakteuren Zahlen, die darauf standen. Das dauerte nie länger als fünf Minuten. Die junge Frau war schlank, blond und blauäugig, jenseits aller individuell geschmacklichen Beurteilung ausgesprochen gutaussehend. Einmal bekam sie während ihrer Anwesenheit zwei Anrufe auf dem Handy. Ich kann mich an die Zahl genau erinnern, denn sonst hörte ich ab vier- bis fünf Mal auf zu zählen. Das ist ein Kern der Kommunikationstechnik. Der einst private Telefonanruf wird zum öffentlichen Barometer eines Marktwerts. Das Piepsen zeigt, ich bin ein knappes Gut, als Freund, geschäftlich oder und vor allem anderen rein sexuell.
Ich vermutete, Natali Lewski schaue nicht schlecht aus. Nicht nur wegen der Nummer, sondern weil Kunststudentinnen meistens irgendwie optisch nicht übel daherkommen. In einem Chat lernte ich vor ein paar Jahren eine Graphikdesignerin kennen. Wir telefonierten lange und verabredeten uns schnell. Anschließend kamen mir Bedenken, ich wusste über ihr Aussehen nichts. Ich zog Freund Remmler zu Rate. Der war einmal in Offenbach in der Hochschule für Gestaltung auf einer Party Gast gewesen. Dort hatte meine Verabredung studiert. Remmler beruhigte mich, "die Ischen da sehen alle topp aus". Als ich die Frau aus dem Chat traf, stimmte ich innerlich zu.
Kunststudentin Lewski schrieb mir rasch mit dem Vorschlag zurück, ich möge sie unter nachstehender Festnetznummer anrufen. Warum rief sie nicht selbst an? Der Inhalt ihrer Mail bedingte zwei Überlegungen. Vielleicht aus einem tradierten Rollenverständnis heraus. Der Mann muss sich melden. Die Osteuropäerin jenseits der Oder ist nicht emanzipiert. Gewagte These, pauschal gesprochen eventuell falsch. Trotzdem. Einige Beobachtungen stützen meine Behauptung.
In Bulgarien finden sich weltweit die schönsten Frauen. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, als ich einmal dort war. Auf die Männer trifft das nicht zu. Eher glaubte ich vor Ort, die minderbemittelten Vertreter meines Geschlechts seien ebenfalls in dem Schwarzmeeranrainerstaat versammelt. In Cafés und Restaurants sitzen grazile Frauen mit dem Äußeren von Fotomodellen und streicheln übergewichtigen Herren in Trainingsanzügen aus Nylon die Wangen. Die Gesichter der Herren sind durch landesüblichen Wodkakonsum derart verquollen, dass ich den Vergleich mit übermästeten Schweinen kaum meiden kann. Einmal beobachtete ich in Sofia ein Paar, das sich an den Tisch neben mir setzte. Die Frau war höchstens zwanzig Jahre alt, hübsch wie landesüblich. Ihr Freund schien nicht nüchtern und bestellte acht Gläser Schnaps von gelblicher Farbe, die er binnen zwei Minuten trank. Remmler hatte mal eine Freundin. Orderte er ein drittes Bier, sprach sie: "Das ist jetzt dein drittes." Das ging den Abend fort, mit verstärkter Betonung auf der nächsten Zahl. Es störte. Ein lautes Mitzählen der Schönheit in Sofia hätte ich verstanden, spätestens, als deren Liebster die Gläser neun bis sechzehn abarbeitete. Statt dessen säuselte sie ihm irgendwelche Zärtlichkeiten in die vom rundlichen Kopf weit abstehenden Ohren, worauf der erst verzögert, dann verschwommen lächelte. Frauen, die solche Gestalten dulden, sind nicht emanzipiert. Remmler erzählte mir von einem Aufenthalt in Stettin über polnische Paare übrigens ähnliches.
Als zweite Möglichkeit, warum Natali Lewski wollte, ich solle sie anrufen, zog ich Geiz in Betracht. Geizige Menschen sind findig, geht es um ihre Passion. Scheinbar. Eigentlich folgt deren Sinnen nur der Frage, wo ist es billiger, am besten umsonst. Ein Telefongespräch von Stuttgart nach Frankfurt kostet günstigst 1,4 Cent die Minute, macht gerechnet nach altem Geld 2,73 Mark für eine Stunde. Das ist wenig. Aber ruft der andere an, kostet es nichts.
In Weimar traf ich neulich eine Cousine zweiten Grades. Nebenbei, bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau hatte sie die Silbermedaille über 4 x 200 Meter Freistil im Schwimmen der Damenstaffel für die DDR gewonnen. Heute arbeitet sie im Museum für zeitgenössische Kunst als stellvertretende Kuratorin.
Nach ihrem Dienstschluss wollte ich sie abholen. Das ging nicht, sie musste zum Zahnarzt. Ich schlug ihr vor, mich von ihrem auf meinem Handtelefon anzurufen, wenn sie die Praxis verlässt. Weimar ist klein, man kommt von überall schnell zueinander. Mein Vorschlag stieß auf Ablehnung. Ab sechs Uhr solle ich vor dem Zahnarzthaus warten. Die Zeit vertrieb ich mir auf einer Bank gegenüber mit Zeitungslektüre. Eigentlich wäre ich lieber im Park spaziert. Um sieben begrüßte mich die Schwimmheldin von einst.
Ich vermute, die Cousine zweiten Grades war von Geiz motiviert. Sie wollte Kosten meiden, ferner nicht in meine Richtung laufen, obwohl ich ihr auf halbem Weg begegnet wäre. Geiz an Geld und Gefühl verquicken sich meist. Sie gönnte mir nicht die Bequemlichkeit, mich bis sieben Uhr frei zu bewegen.
Menschlicher Umgang beruht auf Tausch in vielerlei Form. Die Geizigen fürchten, gebe ich etwas, bekomm' ich's nicht wieder. Die stellvertretende Museumskuratorin mahnte sich abends im Gasthof "Thüringer Wildbrett", wo ich vorzügliche Kartoffelklöße aß, zur Vorsicht, "Ich muss aufpassen, sonst werde ich ausgenutzt." Eigentlich wollte die Cousine zweiten Grades nicht essen gehen, "Der Zahn tut weh." Ich versprach, ihre Zeche zu zahlen. Der Schmerz klang ab.
Am Ende des Abends erzählte sie mir noch von einer Katze aus der Nachbarschaft. Die schnurre in der Hoffnung, "Ich gebe ihr Fressen". Darauf falle sie nicht rein. Ich überlegte, ob ich irgendwen um seiner selbst und nicht um seiner Eigenschaften willen mag. Mir fiel niemand ein. Bin ich wieder in Weimar, soll es die entfernte Verwandte nicht wissen.
Die Kurzgeschichten, die mir Natali Lewski gesendet hatte, fand ich nicht schlecht. Die Sprache ist rhythmisch, die Form beherrscht. Nur interessieren mich die Themen nicht. Die Icherzählerin fährt einen Renault und wirft im Streit mit ihrem Freund von Eifersucht getrieben Teller an die Wand. Autos langweilen mich, Frauen, die sich leidenschaftlich geben, halte ich oft für hysterisch. Und Eifersucht ist mir zuwider, erst recht die eigene. Unangenehm, von Damen zu wissen, die mich als gehörnten Idioten keifend vor sich hopsen sahen. Hoffentlich haben die mich vergessen.
Geschichten, die vom Innenleben der Hauptperson handeln, berühren mich wenig, es sei denn, Sexuelles kommt vor. In einem ihrer Werke erzählt die Studentin von einem Mann im Anzug, der sitzt ihr im Zug gegenüber. Zwischen Strumpf und Hose sieht die Erzählerin behaartes Männerbein. Was die sich dann denkt, weiß ich nicht mehr. Die Geschichte geht ohne äußere Handlung zu Ende.
Mich erinnert der Mann im Zug an Franz Bockenfelde, Bass an der Oper in Frankfurt. Dem sind Männer im Anzug ein Fetisch. Besonders schätzt er den "Aufdringlichen Vertreter". Dabei klingelt sein Freund an der Wohnungstür, ausstaffiert mit grauem Anzug und Krawatte nebst schwarzem Aktenkoffer in der Hand. Drinnen fordert er den Kauf dubioser Versicherungspolicen. Doch Franz Bockenfelde verweigert stur. Das bringt den Vertreter in Rage, bis "er mich nimmt, dass ich schreie." Franzens Freund besitzt noch einen Nadelstreifenanzug. In dem gibt er den italienischen Mafiosi beim Eintreiben von Schutzgeld. Dessen Wut auf mangelnde Zahlungsmoral sucht sich ähnlich Luft.
Sollte ich die Ukrainerin in Stuttgart besuchen, dann in meinem Anzug von Armani. Lange müsste ich nicht Gespräche über Kunst aushalten und harntreibenden Tee dazu trinken, wie sie schriftlich gedroht hatte. Rasch entfaltete das unter dem Hosenbein des Mailänder Designers keck rauslugende Männerhaar aphrodisische Wirkung. Der Lewki aus Stuttgart ginge es letztlich nicht besser als dem Frankfurter Bockenfelde.Von der Anzugsidee ließ ich schnell wieder ab. Darin meiner ansichtig, wüsste die Ukrainerin über mein Vorhaben umgehend Bescheid. Oder ich sagte ihr anfangs, zwar trüge ich einen, zu bedeuten hätte das nichts, "nicht, was du denkst, Natali". Nein, wenn Stuttgart, dann Jeans.Und eigentlich hatte ich auf eine Fahrt in die schwäbische Landeshauptstadt keine Lust. In Frankfurt gibt es Viertel, die sind mir verleidet. Dort erlebte ich mehr Ungemach als angenehme Stunden. Stuttgart ist mir zur Gänze vergällt. Das Jahr in der Militärkapelle missfiel mir wie sonst keine andere Zeit. Oberstleutnant Röbiger drohte einmal, mir "auf den Sack zu schlagen, bis es Ihnen aus der Hose raucht." Das war während der Proben zu einem Song der Beatles gewesen, für Blasorchester arrangiert. Ein Kollege hatte mir die Noten durch einen versehentlichen Stoß vom Pult gestoßen. Anschließend stampfte Röbiger wie zuvor mit dem rechten Fuß im Takt auf den Boden auf und brüllte durch die Halle den Refrain, "All you need is love." Des Oberstleutnants Erscheinung erinnerte an die des Reichmarschalls Göring, nur wuchtiger, feister, gedunsener. Noch was unterscheidet die beiden, Göring war Morphinist, Röbiger Alkoholiker.
Stuttgart als Stadt gab mir nichts. Von einer Metropole zu sprechen, wenn auch durch das Adjektiv "schwäbisch" meist relativiert, ist irrig. Der Dialekt der Leute wirkt infantil. Kein Substantiv ist vor Verniedlichung gefeit. Mit einer Frau zu schlafen, die schwäbisch spricht, stell ich mir nicht vor. Benennungen wie "Mösle", "Säckle", "Schwänzle" erotisieren keinen. An Stuttgart gefiel mir lediglich die Staatsgalerie. Donnerstags abends ging ich dort manchmal vorbei und betrachtete von Picasso ein Bild mit dem Titel "Die Artisten". Die Frau drauf ist hübsch.
Nach einer Woche schrieb Natali Lewski wieder, "Warum rufst Du nicht an." Aus technischen Gründen hätte ich erst jetzt ihre Mail mit der Nummer erhalten und meldete mich bald. Den Tag drauf klingelte ich durch. Niemand nahm ab, einen Anrufbeantworter gab es nicht. Zum Beweis meines Versuches schrieb ich ihr den Sachverhalt. Diesmal antwortete sie, in Frankfurt laufe auf dem Flughafen eine Ausstellung, dort hänge ein von ihr fotografiertes Bild, "Sofort hingehen!" Ein weiterer Text lag bei. Darin berichtet Natali Lewski, Ähnlichkeit mit der Hauptdarstellerin des französischen Films "Die fabelhafte Welt der Amelie" sie ihr attestiert worden. Wieder stilistisch von Peinlichkeit frei, auch diesmal auf äußere Handlung verzichtend.
Der Film gefiel mir. Natürlich gefiel mir auch die Hauptdarstellerin. Die Aussicht, eine zu treffen, die Audrey Tautou ähnelt, hatte was für sich, sogar in Stuttgart. Bei meinem nächsten Anruf ging Natali Lewski ran.Aus Kiew sei sie mit ihrer Familie übergesiedelt. Wegen der Strahlenbelastung durch den Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl wollten die Eltern die Ukraine nach Zerfall der Sowjetunion verlassen. Ihr Vater gab eine Physikprofessur auf. In einem Unternehmen in Bretten arbeitete er anschließend an der Entwicklung medizinischer Geräte. Die Firma bot ihm nach einem Jahr die Stelle des Abteilungsleiters in einer Dependance in Lissabon an. Ein paar Jahre später habe er zu einem Angebot von Siemens in München nicht nein sagen mögen. Neben ukrainisch, russisch und deutsch spräche sie englisch, französisch und portugiesisch. Das, und dass ihr Bruder ein Engagement als Tänzer in Amsterdam innehat und im Ensemble der einzige sei, der nicht schwul ist, wusste ich nach weniger als zehn Minuten. Fragen hatte ich wenig gestellt. Außerdem arbeite sie in der Staatsgalerie und führe Besuchergruppen durch die Abteilung für zeitgenössische Kunst.
Es nerve, stünden Leute vor Exposès der Moderne und meinten, "Das kann ich auch." Wäre ich einer von Natali Lewskis Museumsbesuchern, schwiege ich, um den Verdacht zu meiden, mit kleinbürgerlichen Ignoranten ins selbe Horn zu stoßen. Im Stillen dächte ich aber, ist was dran, meine Nichte malt ähnlich, bald wird sie fünf. Stehe ich in Frankfurt im Museum für moderne Kunst vor einer blauen Leinwand, betitelt mit "Gratwanderung IV" oder "Impressionen aus Chemnitz, als es noch Karl-Marx-Stadt hieß", fällt mir nur auf, "Das Bild ist blau."Natalie Lewski erzählte noch von einem verstorbenen Künstler, der für teuer Geld Konserven verkaufte, in denen persönlicher Kot lagern soll. Bis heute diskutiert die Kunstwelt rege, ob der Stuhlgang drin wirklich von ihm stammt. Scheiße in Dosen verscherbeln, und die Käufer bibbern, dass drin ist, was drauf steht. Gewiefter Geschäftsmann, Hut ab.
Ich verabredete mich mit Natali für den kommenden Samstag in Stuttgart mittags drei Uhr zwei Minuten am Hauptbahnhof, was mich kurz nach der Zusage reute. Denn samstags 15:30 Uhr ist Fußball im Radio, und ich lausche gebannt. Aber den Termin hatte die Ukrainerin vorgeschlagen. Meine Leidenschaft für den Ballsport wirkt auf Frauen oft nicht attraktiv. Ich verberge sie, soweit das geht.
Remmler hatte ich von der Verabredung in Stuttgart berichtet. Er meinte, "Springt ein Fick raus, bestimmt." Vermutete ich ebenfalls. Doch sonderlich ambitioniert fühlte ich mich nicht. Gefiele sie mir, sinnierte ich, wie krieg ich sie rum, eine Überlegung von Makulatur. Denn die Frau an sich weiß längst, ob sie will oder nicht. Dennoch muss ich strampeln, mich charmanter gebärden als sonst, bis es kommt zum Vollzug. Klar, ich spiel mit. Aber seit ich Tauben auf dem Flachdach vor meinem Wohnzimmer beobachte, langweilt mich die Wiederkehr des ewig Gleichen zunehmend. Ein aufgeplustertes Männchen stolziert hinter dem Weibchen her und gurrt. Selbiges zeigt sich desinteressiert und pickt Krumen vom Boden. Seit einem dreiviertel Jahr bin ich Zeuge. Vielleicht habe ich was verpasst, jedenfalls sah ich keine kopulierenden Tauben. Sicher, mir geht es besser als Täuberichen. Nur überkommt mich gelegentlich die Lust, dem Verhaltenscodex der Evolution den Rücken zu kehren, Frauen als sexuelle Wesen zu ignorieren, zumindest so tun.Ich fuhr nach Stuttgart aus Furcht, nicht hingefahren zu sein. Im Dilemma fiel mein Entscheid. Blieb ich daheim, wälzte ich mich nächtens im Bett, vermutend, Verkehr mit Audrey Tautou verschmäht zu haben. Die Chance, einmalig. Das überwog, auch wenn durch Hinfahren mehr Gefahren lauerten. Vielleicht sieht Natali Lewski nicht aus wie Tautou, die Passage ihres Textes entprang einer Hybris. Oder in ihrem Angesicht liegt noch mehr Liebreiz als in dem der französischen Schauspielerin, aber kein sinnliches Verlangen nach mir. Oder mein Wahn der sexuellen Interpretation führt sich ad absurdum, der Kunststudentin geht es tatsächlich um Künste. Oder wir treiben es, und hinterher will ich nach Hause, und nachts fährt keine S-Bahn, kein Zug.
Es war der letzte Spieltag der Bundesliga und drei Mannschaften hatten noch die Chance zur Meisterschaft. Die an Fußball Desinteressierten möchte ich nicht langweilen, die anderen erinnern sich sowieso. Darum nur dies angemerkt: Dortmund genügte in jedem Fall ein Sieg, Leverkusen musste gewinnen, gleichzeitig Dortmund verlieren, für Bayern München war ein Sieg ebenfalls Pflicht, während die anderen ohne drei Punkte den Platz derweil verlassen sollten. Leverkusen galt meine Sympathie, denn manches Mal verfehlte der Verein die Meisterschaft nur knapp als Zweiter. Ich saß im ICE von Frankfurt nach Stuttgart, und je weiter ich meiner einstigen Garnisonsstadt näherte, desto mehr packte mich Wut. Seit dem Jahre 1975, als Gladbach vor Hertha den Titel errang, verpasste ich keinen letzten Spieltag am Radio. Nach siebenundzwanzig Jahren sollte ich das Finale erstmalig wegen einer dubiosen Vorstellung von einer Frau verpassen. Das Stationsschild Mühlacker glitt vorüber, ich beschloss, Zeitzeuge des Geschehens zu bleiben. Ich bin Verfasser von "Tante Elfriede zieht aus", damit bewies ich der Lewski genügend Feingefühl. Das gleicht den Wunsch aus, eine Kneipe mit dem laufenden Fernsehprogramm von "Premiere" aufzusuchen, in dem die entscheidenden Spiele per Konferenz übertragen werden. Sollte Natali das nicht ertragen, dann "vade retro, satane", der Kick hat Vorrang.
Zeitig hielt der Zug Gleis acht im Sackbahnhof. Ich stieg aus und lief zum Gleisanfang. Audrey Tautou sah ich nicht. Es schaute sich auch sonst keine Frau um, als suche sie wen. Unpünktlichkeit ist mir zuwider. Wer Verabredungen nicht einhält, verfügt über anderer Leben. Verspätung ist die Pose, alles locker zu nehmen oder wichtig zu sein. Ich warte nicht gerne und bin zeitlich immer präzise.
Als die Kunststudentin nicht auftauchte, rangen zwei Empfindungen in mir, Wut und Freude. Vielleicht konnte ich doch ungestört das Finale des Meisterschaft verfolgen. Auf der anderen Seite fühlte ich mich als Opfer von Frechheit und rief die Handynummer an. "Ja", meldete sich eine Frauenstimme. Eine Unsitte. Jeder meldet sich auf dem Handtelefon mit "Ja", keiner mit Namen. "Christian Penzel" sagte ich und sonst nichts. "Wo bist Du?" Die als Frage gestellte Antwort verblüffte mich. "Auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart, wir sind verabredet, Natali." Ihr ginge es "irgendwie schlecht", gerade sei sie beim Arzt gewesen.
Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war das die vierte nicht eingehaltene Verabredung einer Frau, und das vierte Mal hörte ich am Telefon, "Ich war beim Arzt". Warum kommt keine auf die Idee, dass die Oma verstorben, das Haus eingestürzt, der Hamster entflohen ist, warum steht immer ein Mediziner im Zentrum imaginären Geschehens? Vermutlich hatte die Ukrainerin den Samstag vergessen. Sonst hätte sie mit "in der Notaufnahme" der Erzählung vielleicht einen Anstrich von Wahrhaftigkeit beigefügt. "Und nun?" Sie wollte mir erklären, wie ich die Kunsthochschule finde, dort könne man sich treffen. "Nein, wir treffen uns hier." Sie lenkte ein. In einer Stunde wäre sie auf dem Bahnhof. Wir verabredeten uns vor Gleis acht auf meinen Vorschlag hin. Es gab eine Kneipe mit einem Fernseher, von dem hatte ich Blick auf das Gleis und Audrey Tautou, falls sie käme.
Während der Übertragung vergaß ich die Ukrainerin. Bis 16 Minuten vor Schluss konnte ich hoffen, Leverkusen gewänne die Meisterschaft. Dann ging Dortmund gegen Bremen in Führung. Daran änderte sich bis Ende nichts. Danach wollte ich in einen Zug nach Frankfurt steigen. Aber von Frankfurt nach Stuttgart fahren, Fußball im Fernsehen schauen und anschließend nach Frankfurt zurück, erschien mir als ausgefallene Art, einen Nachmittag zu verbringen. Die Ukrainerin stellte sich auch zur zweiten Verabredung nicht ein. Eine Stunde war verstrichen. Ich empfand mehr Ärger über mich als über die Frau. Gleich nach ihrer ersten Mail hätte ich auf den Vorschlag, sie in Stuttgart zu besuchen, ablehnend antworten sollen. Nur ein Idiot fährt daraufhin nach Schwaben.
Natali Lewski musste hübsch sein. Keine durchschnittlich aussehende Frau kann sich ein solch kapriziöses Verhalten erlauben. Die Manneswelt ist töricht genug, diesen Prinzesschen in der Hoffnung auf Verkehr schlechtes Benehmen zu verzeihen. Ich rief wieder an. "Bin gleich da!", sprach Natali Lewski, und das Telefonat war beendet. Ich blieb, weil ich wissen wollte, wie es ausgeht. Außerdem hatte ich zuviel investiert, um jetzt nach Hause zu fahren. Eine weitere halbe Stunde stand ich Nähe Gleis acht. Dann sah ich eine Frau, von der man meinen könnte, sie habe mit der französischen Schauspielerin Ähnlichkeit. Nebenher lief ein junger Mann in Schlaghosen, einem Skateboard unterm Arm und einer Schirmmütze auf dem Kopf. Der Skateboardträger lief weiter, die Frau blieb stehen und tippte auf ihrem Handtelefon. Bei mir klingelte es im Jackett.
Sie entschuldigte sich. Es sei nicht "ihre Art, so viel zu spät zu kommen." Gerade habe sie mit "einem Kerl gesprochen". Als Quintessenz der Unterhaltung stünde fest, "Er soll sich aus meinem Leben verpissen, oder ich bringe ihn um." Ich gab zu verstehen, diese Drohung könnte bei späterer Untersuchung Hinweise auf die Täterin geben. Ich riet, die Tötung zu delegieren. Daran habe sie schon gedacht. Vor einem Jahr fuhr sie mit einigen Russen im Zug in einem Abteil. Sie gaben sich als Informatikstudenten aus, es war jedoch klar, "Das können nur Killer sein." Denn man bot an, falls Konflikte bestünden, lösten sie die gegen Unkostenbeitrag. Eine Handynummer der vermeintlichen Studententruppe "habe ich noch".
Gewalt ängstigt mich. Mein Freund Jakowski erzählte mir mal von einem Essen mit dem Komponisten Hans Werner Henze in einem italienischen Restaurant in Köln. Gegen Sperrstunde kam ein junger Mann in weißem Anzug und Sonnenbrille, setzte sich und bekam ohne Bestellung Espresso, Zigarre und ein Kuvert auf den Tisch, das er nach kurzem Blick hinein in eine Seitentasche steckte. Er rauchte ein paar Züge, löschte die Glut in der Tasse und ging. Henze sprach anschließend von einem "grandiosen Auftritt". Das sehe ich anders. Die Mafia droht. Der Wirt spürt Angst und zahlt, erträgt die Demütigungen eines verkleideten Lackels. Das ist plump, nicht grandios. Aber viele Künstler und Intellektuelle erfreuen an Bier- und Schreibtischen Phantasien von Terror, Rache und Bestrafung. Mich nicht.
Die Kunststudentin und ich gingen die Königsallee hoch. Bei dem Mann, dessen Tod sie wünschte, handelte es sich um ihren Freund. Der war identisch mit dem Schirmmützenträger vom Bahnhof. Seit dem frühen Nachmittag habe sie mit ihm diskutiert, "Er sieht es nicht ein." Anschließend fuhr sie mit ihm zum Bahnhof und er dann irgendwo hin. Die Geschichte mit dem Arztbesuch schien ihr nicht mehr erinnerlich. Audrey Tautou fragte, ob ich mit meinem Leben zufrieden sei, "Ja, ungemein."Natürlich sieht Natalie Lewski nicht aus wie die Schauspielerin. Aber von Ähnlichkeit zu sprechen, ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Die Lewski ist klein und schlank, trägt kurze schwarze Haare und an dem Tag hing ein Hemd mit dünnen Trägern an ihr runter, unter dem ich kleine, formschöne Brüste erahnte. Oft wirken hübsche Frauen noch reizender, wenn sie Schlichtes tragen. Die Ukrainerin weiß das und hatte eine olivgrüne Militärhose an. Das Besondere ihrer Erscheinung liegt in den Augen. Ich weiß nicht, warum sie das in ihren Geschichten nicht erwähnt. Mich hätte das mehr als ihr Auto interessiert. Das rechte Auge ist dunkelbraun, das linke grün. Die Ungewöhnlichkeit hätte ich für ein Accessoire in Form einer gefärbten Kontaktlinse gehalten, aber ich kenne das Phänomen von Jürgen Jurgeleit, dem Schulfreund, der damals überfahren wurde. Nur hatte der ein blaues statt eines braunen Auges.Eine Frage wie "Bist Du mit Deinem Leben zufrieden", ist zu intim, gestellt von einer Frau, die ich nicht kenne. Außerdem verstehe ich sie nicht. Wann soll ich zufrieden sein, ständig, zu bestimmten Zeiten, im Sommer, im Winter? Natali Lewski interessiert meine Zufriedenheit sowenig wie ihre mich. Solche Fragen werden gestellt, zwecks Stichwortgebung. "Schön, dass Du zufrieden bist, denn ich ...", bis wir in ein Cafe am Ende der Königsallee traten, hörte ich nicht zu, sondern ergab mich der Reue, wieder in Stuttgart zu sein.
Gut sah sie aus. Hätte ich Natali irgendwo sitzen sehen und Remmler hätte die bei Ansicht einer schönen Frau übliche Frage "würdest Du?" gestellt, eifrig hätte ich bejaht, "Aber hallo." Jetzt empfand ich durch den Redefluss neben mir körperliche Aversion gegen die Lewski. Von ihrem Freund, vom Lob der Professoren über ihre Bilder und ihrer Mitte, die sie finden müsse, hörte ich entfernt reden. "Hast Du Dein inneres Zentrum bereits gefunden, Christian?" "Längst."
Im Cafe konzentrierte ich mich wieder. Sie hadere mit ihrem Lebensgefährten, der wolle sie "nicht jeden Tag sehen". Träfe er sich mit Kumpels, dann ohne sie. Das führte zu Streitgesprächen, die Stunden dauerten. Solche Dispute sind fruchtlos. Sie enden mit der Erschöpfung der Teilnehmer. Vor ein paar Tagen erzählte mir Jakowski, er habe mit seiner Freundin nach drei Monaten die Liaison beendet. Das wunderte mich. Noch vor kurzem feierte er einen runden Geburtstag und stellte die Neue allen vor.
An einer Bar habe er mit ihr gesessen und Cocktails getrunken. Bis sie forderte, er solle das Glas frei halten, nicht den Ellenbogen auf dem Tisch abstützen, denn "von einem Vierzigjährigen kann ich das verlangen." Daraufhin meinte Jakowski, er wünsche ihr, einen Mann mit korrekter Haltung des Ellenbogens zu finden, zahlte, ein letztes Mal auch für sie, und ging. Jakowski hat Recht, ein solcher Dissens ist unüberwindbar. Von da an wäre es nur schlimmer gekommen.Ich fragte die Ukrainerin, wie es zusammenhänge, dass ihr Freund verschwinden solle oder sterben, während sie jede Minute des Tages mit ihm verbringen wolle. "Solche Fragen stellt bestimmt ein Therapeut," warf sie ein, vielleicht sollte sie einen konsultieren. Ich nickte. Sonst sei es nicht ihre Art, nur von ihren Problemen zu reden, "Erzähl was von Dir, Christian." Ich zuckte mit den Schultern und zwang mich zu obszönen Phantasien, in denen die Ukrainerin die Hauptrolle spielte. Denn sie beugte sich über den Tisch und verschränkte die Arme. Ich hatte freien Blick auf ihre Brüste. Dennoch entwickelte sich kein vernünftiges Bild. Natali Lewski durch die Festung aus Wortschwall berühren, undenkbar.Ihr Handtelefon klingelte, und sie erzählte einer Freundin, mit "einem tollen Typen" im Cafe zu sitzen. Ich dagegen konnte mich nicht erinnern, seit meinem zwanzigsten Lebensjahr mich einer Frau gegenüber im Gespräch so trist verhalten zu haben. Damals rief ich nach einiger Überwindung Anja von der Heiden an. Die war Klavierschülerin auf dem Konservatorium der Akademie, auf der ich studierte. Wir gingen im Wald spazieren. Ich erzählte altklug und langweilte sie. Als mir nichts mehr einfiel, stellte ich eine Frage, vor der mir heute noch schauert, "Wie kommst eigentlich Du mit Deiner Verwandtschaft zurecht?" Ich weiß nicht, was sie drauf antwortete. Die Worte waren noch nicht draußen, da schämte ich mich schon.
Ich überlegte, ob ich die Zeitung aus meiner Tasche ziehen sollte, während Lewski telefonierte. Aber dann hätte sie womöglich aufgehört. Währenddessen schaute ich mich nach den Frauen im Cafe um. Heute mochte ich keine. Dann erzählte die Lewski von einem Bekannten. Der sei schwarz und stamme aus Mosambik. Mit ihm spräche sie portugiesisch. Allerdings sei er verrückt. Er habe behauptet, für ein Buch, "Ein Afrikaner in Deutschland" einen Verleger gefunden zu haben. Einmal habe er von innen seine Wohnung verschlossen, als sie ihn besuchte. Trotz mehrfacher Aufforderung weigerte er sich, die Türe zu öffnen, "Ich fürchtete, vergewaltigt zu werden." Schließlich drohte sie, mit ihrem Handtelefon die Polizei um Hilfe zu bitten. Er lenkte ein, zeigte sich beleidigt und habe gesagt, "Ich soll abhauen, die Freundschaft sei vorbei." Natali hatte noch versucht, ihn zu überreden, sie zum Auto zu bringen, "Die Gegend von Stuttgart ist gefährlich." Das wollte der Autor von "Ein Afrikaner in Deutschland" nicht.
Mittlerweile hatte ich einen Grauburgunder bestellt. Unter anderen Umständen hätte ich von dem Weißwein gern einige Gläser probiert. Sie trinke nie Alkohol, meinte die Studentin. Mit Frauen, die nicht trinken, ist es schwer, sexuellen Kontakt aufzubauen. Meist sind das solche, die fürchten, "die Kontrolle zu verlieren".
Traurig sei sie. Ständig verliebten sich Männer, "von denen ich aber nichts will." Die Verschmähten "tun mir dann immer so leid". Es klingelte wieder ihr Telefon und ich schaute auf die Uhr. In einer Stunde führe ich, die Züge nach Frankfurt wusste ich auswendig. Am Telefon sprach sie einsilbig, offensichtlich mit ihrem Freund. Nachdem sie endete, fragte Natali Lewski, ob sie mich in Frankfurt demnächst besuchen könne, "Ja." Leider müsse sie jetzt nach Hause, ihr sei wieder schlecht und sie wolle sich hinlegen. "Endlich", dachte ich. Auf der Straße meinte die Kunststudentin, hier könne sie in die U-Bahn steigen, doch "ich bring Dich zum Zug". Das lehnte ich ab, "Du musst ins Bett." Ich gab ihr die Hand und drehte die Lewski fast ein wenig grob an den Schultern in Richtung U-Bahnschacht und log ein "Auf Wiedersehen". Eiligen Schrittes ging ich davon. "Da geht es nicht zum Bahnhof," meinte sie noch. "Macht nichts," rief ich, ohne zurückzublicken.
Im Zugrestaurant trank ich einige Biere und dachte an die Beatles und Charles Bukowski. Für keinen von denen stellte der erste Kontakt zu einem Fan ein solches Fiasko dar, mit Sicherheit. Remmler würde mich fragen, und ich müsste die Pein im Bericht wieder durchleiden. Je näher der ICE nach Frankfurt fuhr, desto stärker überkam mich der Wunsch nach Sex ohne Reden. Im Bahnhofsviertel ging ich ins Eroscenter in der Elbestraße und bestellte "Einmal Blasen" für dreißig Euro. Ich zog die Hose runter und legte mich aufs Bett, "Ich bin dann soweit." Normalerweise kann keine der Asiatinnen deutsch. "Joana" erzählte hinterher von der Wohnungssuche mit ihrem Freund und wie schwer es sei, den Vermietern zu erklären, dass "unser Pitbull Jacky total lieb ist, wenn ihm keiner was tut". Ich hörte zu, während Gewaltphantasien in mir aufstiegen. Ich erschoss Jacky mit einer Damenpistole durch zwei Schüsse in den Kopf. Mit dem Rest an Kugeln löcherte ich den Magen des Freundes und Zuhälters der thailändischen Hure und ließ ihn verbluten. Bei beiden vermutete ich, sie als Mitgeschöpfe später nicht zu vermissen.Zu Hause ließ ich Wasser in die Wanne, legte mich rein und rauchte einen Joint. Anschließend ging ich ins Bett und fand trotz meines benebelten Zustandes keinen Schlaf. Ich war nicht zufrieden.

12. Februar 2003

Leserbrief

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