|
|
Bushs Kriegsziele
Demokratie mit Gewalt
"Wir meinen nicht, dass jetzt amerikanische Botschafter
in der Gegend herumlaufen und sagen: 'Schaut euch doch mal diese nette
Regierung an, die wir da im Irak geschaffen haben', und wir gehen dann
wie ein Vertreter in irgendein Land und sagen: 'Wie wärs? Wollt
ihr nicht eine Kopie davon kaufen?' Das ist es nicht, was wir vorhaben."
(Douglas Feith, US-Verteidigungsministerium, über die Kriegsziele
der USA im Irak)
Von Stefan Kubelka
Nie wurde ein geplanter Krieg aufwändiger begründet. Der
Präsident der Vereinigten Staaten hat in einer einzigen State-of-the-Union-Rede
vier verschiedene Kriegsgründe präsentiert - jeden mit gleicher
Inbrunst. Da war zuerst die Brutalität Saddam Husseins gegen seine
eigenen Landsleute, dann die Missachtung der UN-Resolutionen, des weiteren
die militärische Bedrohung für die ganze Region und zuguterletzt
die Zusammenarbeit des Irak mit al-Quaida. Und als wäre das nicht
schon genug, malte der Präsident hier und da auch eine andere Gefahr
an die Wand: einen irakischen Angriff mit Massenvernichtungswaffen gegen
die Vereinigten Staaten.
Wer dieser Regierung immer schon misstraute, dem kommt die verdächtige
Vielzahl gerade recht. Wo so viele Gründe in der Debatte herumfliegen,
sagen sich die Besserwisser, muss es einen ganz anderen, einen verheimlichten
wahren Grund geben - und sie wissen ihn auch. Das Öl, sagen sie
dann mit Verschwörermiene; oder psychologisierend: They tried to
kill my daddy; oder religiös: der Fanatismus des vom Alkoholismus
Bekehrten; oder anders: die Wirtschaft überhaupt (der von der Wall-Street
erhoffte "Bagdad-Boom"); oder geostrategisch: die Beherrschung
der Nahost-Region; oder gleich hemmungslos global: die Weltherrschaft.
Der journalistische Handel mit den latenten Gründen blüht.
Nicholas Lemann (in The New Yorker) ist einem weiteren Motiv
nachgegangen, das vermutlich entscheidend war für die Zustimmung
der Demokratischen Partei zur Selbstentmachtung des Parlaments: Der
Krieg, heißt es, bringt dem gesamten Nahen Osten die ersehnte
Demokratie. Die Anzeichen dafür, dass die gegenwärtige Regierung
der Vereinigten Staaten dieses Projekt ernsthaft verfolgt, liegen auf
der Hand.
Man mag die Hinweise Bushs in der genannten Rede ("Alle Menschen
haben das Recht, ihre eigene Regierung zu wählen und ihr Schicksal
selbst zu bestimmen") als rituelles Bekenntnis abtun. Schwerer
wiegt es schon, dass Paul Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister
und eindeutiger "Falke", dieses Kriegsziel immer wieder einmal
erwähnt. Und dann ist ja auch keine sofortige US-artige Demokratie
damit gemeint, sondern der langsame Aufbau einer "Zivilgesellschaft"
mit "demokratischen Institutionen", also: einer freien Presse,
politischer Parteien und, vor allem, einer liberalen Marktwirtschaft.
Rechtsstaat und Parlamentswahlen würden folgen.
Ein ehrgeiziges Ziel und des Schweißes der Edlen wert.
Douglas
Feith (re.), im amerikanischen Verteidigungsministerium Unterstaatssekretär
in der Grundsatzabteilung, gab Nicholas Lemann Einblick in die Einzelheiten
des Projekts. "In den achtziger und neunziger Jahre erlebten wir
eine Ausbreitung der Demokratie in Gegenden, die bisher nicht viel Erfahrung
hatten mit einer demokratischen Regierung, und ich denke, dadurch hat
sich der Gedanke verstärkt, dass die grundlegenden Einrichtungen
einer Demokratie auf der ganzen Welt Anklang finden." Und weiter:
"Der Begriff der 'checks and balances' als Sicherheit gegen eine
Tyrannei ist etwas, das nach meiner Überzeugung überall in
der Welt angewandt werden kann. Das ist nicht die Eigentümlichkeit
einer bestimmten Kultur. ... Da wird jetzt so viel geschrieben über
die womöglich grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen der
muslimischen oder der arabischen Kultur und dieser Art einer freieren
Regierung. Wir glauben hier nicht an eine grundsätzliche Unvereinbarkeit.
Und wenn der Irak eine solche Regierung hätte und wenn diese Regierung
einige dieser demokratischen Institutionen schaffen könnte, dann
wäre das eine Inspiration für die Menschen im gesamten Nahen
Osten, ebenfalls diesen Zuwachs an Freiheit auszuprobieren, und das
wäre sowohl politisch, als auch wirtschaftlich von Vorteil für
sie."
Wie käme diese Wandlung aber praktisch zustande? Natürlich
nicht durch diplomatische Wanderprediger, sondern so: "Wenn es
ein politisches Erfolgsmodell im Nahen Osten gibt, im Irak, kann man
sich vorstellen, dass es eindrucksvoll und einflussreich ist. Wenn dann
jemand anderswo im Nahen Osten sich das anschaut und sagt: 'Wenn die
Iraker diese Vorteile haben können, vielleicht können wir
dieselben Vorteile auch für unser Volk bekommen", dann setzt
sich dieser Mechanismus in Bewegung." Feith ist klug genug zu wissen,
dass ein Demokratie-Experiment allein keinen Kriegsgrund hergibt. Aber:
"Wenn man darüber nachdenkt, was man nach dem militärischen
Konflikt macht und wenn man es richtig machen will und wenn wir den
Irakern helfen wollen und wenn die Iraker die Fähigkeit beweisen,
eine menschliche, repräsentative Regierung einzurichten - wird
dann dies alles einen Überlauf-Effekt auf die Politik der ganzen
Region haben? Die Antwort, glaube ich, ist ja." Das sind, ließe
sich einwenden, ein paar Wenns und ein "glaube ich" zuviel.
Den Kriegszielplaner selbst scheinen gewisse Zweifel zu plagen. Auf
die Frage, ob er zum Beispiel Syrien wirklich als so demokratiebegierig
ansehe, verweigert er die Antwort, zumindest "on the record".
Offenbar glaubt er selbst nicht ganz an seine schöne Domino-Theorie.
Es sind ja noch ganz andere Unwägbarkeiten im schönen Spiel:
Der Plan kann nur aufgehen, wenn der Krieg, falls er denn geführt
wird, von kurzer, relativ unblutiger Dauer ist und nicht, wie geplant,
ein jahrelanges Besatzungsregime installiert wird.
Das gesamte Demokratisierungsprojekt scheint ohnehin von Politik-Beratern
entwickelt zu sein, die nur mit unhistorischen, also rein mechanistischen
Analogien arbeiten. Was in Deutschland und Japan funktioniert hat, meinen
sie, muss doch auch im Irak funktionieren. Sie ticken wie Skatspieler:
Was zweimal geht, geht auch dreimal. Wieviel hirnlose Naivität
ist eigentlich erlaubt, wenn es um Leben und Tod unschuldiger Menschen
geht?
Auch für Normal Mailer ist der Demokratie-Export mit Gewalt ein
monströser Irrweg. "Wahre Demokratie", schrieb er am
21. Februar im Daily Telegraph, "entsteht aus vielen subtilen
menschlichen Schlachten, die im Lauf von Jahrzehnten und schließlich
Jahrhunderten ausgefochten werden, in Schlachten, aus denen sich erfolgreich
Traditionen aufbauen. Die einzigen Verteidigungslinien der Demokratie
sind am Ende die demokratischen Traditionen. Wenn man diese Werte missachtet,
spielt man mit einem edlen und verletzlichen Gebilde. Es gibt nichts
Schöneres als die Demokratie. Aber man kann nicht damit spielen.
Man kann nicht einfach annehmen, wir gehen jetzt da mal rüber und
zeigen denen, was für ein tolles System wir haben. Eine ungeheure
Arroganz ist das."
Die Suche nach einem auch nur halbwegs vernünftigen Grund für
einen Irak-Krieg bleibt ergebnislos. Wahrscheinlich ist es so, dass
George W. Bush diesen Krieg einfach deshalb haben will, weil er ihn
haben kann (siehe Michael
Wolff: War, Simplified, Die Gazette, November 2002).
28. Februar 2003
Leserbrief
|
| Haben
Sie schon unseren kostenlosen Newsletter
abonniert? |
|