Die so genannte Beweislage

Wer einmal lügt

Es klingt so harmlos in der FAZ vom 8. Februar: "Die britische Regierung hat sich am Freitag dafür entschuldigt, veröffentlichte Aussagen eines amerikanischen Wissenschaftlers in ihrem jüngsten Irak-Dossier ohne Quellenangabe verwendet zu haben. Teile des Dokuments beruhen auf der Arbeit von Ibrahim al-Marashi vom Zentrum für Studien zur Nichtverbreitung von Waffen. Auch der amerikanische Außenminister Powell hatte das britische Dokument in seiner Rede vor dem Weltsicherheitsrat erwähnt."
In Wirklichkeit ist die das britische Dokument ein politisch-moralisches Debakel.

Von Stefan Kubelka

Man muss es mit dieser Deutlichkeit sagen: Das dritte britische Irak-Dossier vom 30. Januar 2003 ist kein eigener Beitrag der Regierung, sondern ein skrupelloses Plagiat.
Wie ein erfahrenener Betrüger gibt die Regierung auch nicht mehr zu, als ihr nachgewiesen wurde. Sie habe, lautet ihre Entschuldigung von Anfang Februar, bedauerlichweise "die Aussagen eines amerikanischen Wissenschaftlers ohne Quellenangabe verwendet". Das klingt nach einem kleinen Versehen im Literaturverzeichnis. In Wahrheit jedoch haben die Regierungsautoren - P. Hamill, J. Pratt, A. Blackshaw und M. Khan - von dem genannten Wissenschaftler vier Seiten ganz und zwei weitere teilweise abgeschrieben - und dann einfach vergessen, die Zitate als Zitate kenntlich zu machen (eine akademische Redlichkeit, die ein Student im ersten Semester lernt).
Aber das ist noch nicht alles. Es wurde nämlich nicht nur bei "einem" Wissenschaftler, sondern bei insgesamt fünf anderen Autoren abgeschrieben. Das Dossier ist mindestens auf sechzehn seiner neunzehn Seiten ein vollendeter geistiger Diebstahl.
Schon der erste Satz der Einleitung ist unwahr. Dort wird behauptet, der Bericht "benützt eine Reihe von Quellen, darunter Geheimdienstmaterial" ("draws upon a number of sources, including intelligence material"). In Wahrheit jedoch sind die Vorlagen, aus denen er abgeschrieben wurde, öffentlich zugängliche Quellen.

Die ungenannt bleiben sollenden Textvorlagen:
- "Iraq's Security and Intelligence Network: A Guide and Analysis", von Ibrahim al-Marashi, erschienen in Middle East Review of International Affairs, Band 6, Nr. 3, September 2002 (der Autor war damals Postgraduate-Student am Monterey Institute of International Studies);
- "Can the Iraqi Security Apparatus Save Saddam?", von Ken Gause, erschienen in Jane's Intelligence Review, 10. November 2002 (der Autor ist ein Experte für internationale Sicherheit aus Alexandria, Virginia);
- Inside Iraq's Security Network", von Sean Boyne, erschienen ebenfalls in Jane's Intelligence Review, Teil 1 und Teil 2 1997;
- mehrere Berichte von Hans Blix an den Sicherheitsrat über die Schwierigkeiten der Inspekteure im Irak;
- ein Text von Professor Anthony H. Cordesman, Center for Strategic and International Studies, Washington (noch nicht identifiziert).
Keiner dieser Autoren wurde um das Recht einer Zweitverwertung seines Textes gebeten; sie wussten lange Zeit nicht einmal, dass eine Regierung sie kopierte.

Im einzelnen setzen sich die Abschreibungen im Dossier folgendermaßen zusammen:
- Seite 1: lediglich eine Zusammenfassung des folgenden Textes.
- Seite 2 bis 5: eine Wiederholung der Berichte Blix' an den Sicherheitsrat.
- Seite 6: die vereinfachte Darstellung eines Diagramms aus al-Marashi.
- Seite 7: der obere Abschnitt wurde aus Gause, die beiden unteren aus Boyne kopiert.
- Seite 8: vollständig aus Boyne abgeschrieben.
- Seite 9 bis 11: bis auf drei unwesentliche Absätze wörtlich aus al-Marashi übernommen.
- Seite 12: wörtlich von al-Marashi kopiert.
- Seite 13: übernommen aus Gause und Marashi.
- Seite 14: teils eine fehlerhafte Kopie aus Boyne, teils eine Kopie aus al-Marashi.
- Seite 15: zum großen Teil wörtlich übernommen aus Boyne und Gause.
- Seite 15 bis16: kopiert aus Boyne.
- Die restlichen Seiten scheint aus einem Text von Cordesman zu stammen.

Beim Abschreiben haben die vier Regierungsautoren ihre Sorgfalt so weit getrieben, auch noch die falsche Kommasetzung von al-Marashi zu übernehmen ("Saddam appointed, Sabir 'Abd al-'Aziz al-Duri als head ..."), ebenso seine nicht immer ganz englischen Grammatikkonstruktionen.
An anderer Stelle jedoch, wo es dem Propaganda-Zweck des Dossiers dienlich ist, verschärfen die Kopisten ihre Vorlage im Sinne der Regierung. Die offen ungenaue Zahl von "18 - 40,000" sogenannter "Saddam-Kämpfer" bei Boyne wird im Dossier kurzerhand zu "30,000 to 40,000" aufgeblasen. Wenn es bei al-Marashi heißt, der irakische Geheimdienst sei mit "monitoring foreign embassies in Iraq" befasst, dann wird im Dossier daraus "spying on foreign embassies in Iraq". Ebenso, nur noch durchsichtiger: Wenn dieselbe Vorlage im Zusammenhang mit dem irakischen Geheimdienst von "aiding opposition groups in hostile regimes" spricht, dann machen die Kopisten daraus: "supporting terrorist organisations in hostile regimes". Und wo al-Marashi von Saddam-rekrutierten "bullies and country bumpkins" spricht, also von "Schlägern und Bauernbengeln", dann läßt das Dossier die "country bumpkins" einfach weg: Sie klangen ihm offenbar nicht gefährlich genug.
An einer Stelle verraten die Abschreiber, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich abschreiben (und dass folglich die britische Regierung nicht mehr weiß, was sie da in die Welt setzt). Auf Seite 14 wird nämlich Boynes Erläuterung des irakischen Amtes für Allgemeine Sicherheit (al-Amn al-Amm) benützt, um damit das Amt für Militärische Sicherheit (al-Amn al-Askari) zu beschreiben, und dies wird noch vermischt mit einer - richtigen - Beschreibung aus al-Marashi: Das Ergebnis ist eine heillose Konfusion. So wird etwa Taha al-Ahbabi als Chef des militärischen Geheimdienstes 1997 bezeichnet, in Wirklichkeit jedoch war das Thabet Khalil. Man möchte der britischen Regierung wünschen, dass nicht alle ihre Informationen von dieser Qualität sind.

Dass eine Regierung aus dem Wunsch, an der Seite der USA unbedingt in einen Irak-Krieg zu ziehen, Zahlen fälscht, Gefahren aufbläst und ein schlechtes Dossier zusammenschreibt - all dies wäre noch der üblichen Kleinkriminalität zuzurechnen. Und wenn der Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika dieses Plagiat bei seinem Werbevortrag im Sicherheitsrat als weiteren Beweis für die Notwendigkeit eines Krieges zitiert, kann er einem fast leidtun.
Aber die britische Regierung, die uns wissentlich ein Plagiat als ihre geheimdienstlichen Erkenntnisse präsentiert, steht im Irak-Konflikt ohne Glaubwürdigkeit da. Sie hat die Legitimität verspielt, dem irakischen Diktator selbstgerecht vorzuwerfen, er arbeite mit Lügen und Täuschungen.

Quelle: Intelligence? The british dossier on Iraq's security infrastructure. 5. Februar 2003

12. Februar 2003

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