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Frisch und fröhlich
Wir stimmen uns auf den Krieg ein
Unter
den 257 klugen Redensarten, die das Deutsche Sprichwörterlexikon
von 1856 zu "Krieg" auflistet, findet sich natürlich
auch für uns das Passende, etwa dies: "Besser ein ehrlicher
Krieg als ein schlechter Friede." Es ist einfach nicht gut, dass
nichts vorangeht. Unsere wohlinformierten Zeitungen haben das begriffen;
sie können es kaum erwarten, dass es endlich losgeht, und wissen
den Kriegsbegn ganz genau: am 14. Februar (weil da der Truppenaufbau
abgeschlossen ist) oder auch am 20. Februar (weil da die Pilgerflüge
nach Dschidda zu Ende sind) oder doch gleich danach, mindestens. Siehe
aber auch Jean Paul: "Das Wundfieber des Krieges ist gesunder [sic]
als das Kerkerfieber eines faulenden Friedens." Oder Professor
Leo, der schon 1853 gegen die "europäische Völkerfäulnis
nur ein einziges "Heilmittel" sah, einen "ordentlichen,
gottgesandten Kriegsregen": "Ein langer Friede häuft
eine Menge fauler Gärungsstoffe auf. Darum thut uns ein frischer,
fröhlicher, die Nationen, namentlich die die europäische Bildung
tragenden Nationen tiefer berührender Krieg bitter noth."
Von Tim Frohschütz
Vor gut hundert Jahren war die Welt ja auch schon mal so weit. Jene
Zeit "heroischer Festivität" (Thomas Mann) war sogar
reich an musischer Ausbeute, insbesondere lyrischer. Davon nun eine
kleine Auswahl.
Wir blättern dabei wie zufällig in einer Anthologie, der von
Kurt Pinthus herausgegebenen "Menschheitsdämmerung",
und stoßen auf das Gedicht "Der Krieg" von Georg Heym:
Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.
Aber das kommt uns denn doch ein wenig zu unheimlich vor. Wir versuchen
es mal mit Franz Werfel (ebenfalls "Der Krieg"):
Auf einem Sturm von falschen Worten,
Umkränzt von leerem Donner das Haupt,
Schlaflos vor Lüge,
Mit Taten, die sich selbst nur tun, gegürtet,
Prahlend von Opfern,
Ungefällig scheußlich für den Himmel -
So fährst du hin
Die Bedenken, die uns hier kommen, sind anderer Art: nämlich dass
zu leicht einer diese Strophe als Anklage gegen den Supreme Commander
missbrauchen könnte. Das passt also auch nicht.
Aber da haben wir ja noch Jakob von Hoddis, unsern Geheimtipp:
Der Todesengel harrt in Himmelshallen
Als wüster Freier dieser zarten Braut.
Und seine wilden, dunklen Haare fallen
Die Stirn herab, auf der der Morgen graut.
Vielleicht doch etwas zu negativ, diese Jeremiade. Ganz abgesehen davon,
daß sie noch neun ebenso düstere Strophen weitergeht.
Aber dann stoßen wir bei demselben Autor endlich auf das folgende
Gedicht, das uns einen ganz anderen Ton anzuschlagen scheint, einen
irgendwie frisch-fröhlichen. Nein, was da aber auch alles passiert!
Aber lesen Sie selbst:
Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Is doch lustig, oder?
Bernd
Heisig, Christus muß mit uns (1988)
12. Februar 2003
Leserbrief
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