Ausnahmezustände

Alaaf. Helau. Tschingbumm.

Offenbar nur in einem Land wird allen Ernstes darüber nachgedacht, ob Krieg und Karneval noch kompatibel sind. Ein Glück für uns, dass solche frohsinnigen Überlegungen in gut organisieren Experten-Gremien abgehandelt werden.

Von Eva Herold

Was ich bei meinen Mainzer Bekannten nie besonders gut verstand (außer dem Dialekt), ist ihr Hang zu organisiertem Frohsinn. Bis mir eine ansonsten durchaus bieder wirkende Dame steckte, daß sich zu Karnevalszeiten einfach unglaublich viele Gelegenheiten zum Vögeln ergeben: Es sei eben eine Art Ausnahmezustand. Ach so ... In diesem Zusammenhang wird mir dann auch eine Meldung klar, die ich zunächst befremdlich fand. Der „Bund deutscher Karneval" hat nämlich beschlossen: Sollte am Rosenmontag der Irak-Krieg ausgebrochen sein, werden die lustigen Umzüge trotzdem stattfinden.

Mal ganz abgesehen davon, daß dieser Krieg nicht „ausbricht" wie, sagen wir, eine Grippeepidemie, sondern choreographiert wird von ein paar Geldsäcken im geölten Zusammenspiel mit ihrem Gesinde (PR-Leuten, sogenannten Politikern, Medienfuzzis): Die Iraker betrachten es wahrscheinlich als nachrangig, ob hier ein paar Trottel schunkeln, während sie dort zu Klump gebombt werden. Und mir persönlich ist es auch egal, ob sich verkleidete Rheinländer Anfang März unter freiem Himmel die Kante geben und die Sau rauslassen – oder zuhause bleiben und mit dem gewohnten Sexualpartner vorlieb nehmen. Was mich an uns Deutschen so nervt, ist dieses scheinheilige Betroffenheits-Getue: Kann man das, darf man das? Wo doch da unten Menschen sterben?

Niemand würde von den Brasilianern erwarten, daß sie auch nur eine Minute mit Samba aufhören, wenn Deutschland – nur als Beispiel – von einem anderen Staat eins übergebraten kriegt, weil wir für den zufällig zur Achse des Bösen gehören. Aber die setzen sich vorher auch nicht hin und beraten: Also, eigentlich ist Samba ja ziemlich geil, aber, hm, ist es eigentlich angemessen, lustvoll mit dem Hintern zu wackeln, solange irgendwo in der Welt die Kacke dermaßen am Dampfen ist?

1991 hat der Jecken-Verband anläßlich des Golfskriegs die Rosenmontagsumzüge abgesagt. In einem Interview mit der ZEIT verrät uns der Ober-Narr, ein pensionierter Polizist, den wahren Grund, warum sie diesmal stattfinden sollen: „Die Unternehmensberatung McKinsey hat im Jahr 1990 errechnet, daß wir allein mit dem Kölner Karneval 3000 Arbeitsplätze ganzjährig sichern und jährlich 400 Millionen Euro umsetzen, vom Friseur für die Damen bis hin zu den Eintrittsgeldern. Bundesweit wären das mehr als vier Milliarden Euro." Und im übrigen sei der Karneval ja „die größte Friedensbewegung überhaupt, bei der Millionen friedlich im Geiste vereint durch die Straßen ziehen".

Im Geiste? Also bitte. Spätestens jetzt ich mir sicher, daß es sich bei besagtem Interview um Satire handeln muß – ich mag bloß nicht bei der ZEIT anrufen und nachfragen, weil ich damit zugeben würde, daß ich drauf reingefallen bin. Immerhin scheinen auch andere Leute die merkwürdigen Parallelen zwischen den beiden aktuell angekündigten Ausnahmezuständen – Karneval und Krieg – bemerkt zu haben: Es geht um eine Menge Kohle und die Gelegenheit, mal wieder ordentlich Rabatz zu machen. Und wenn dabei noch ganz offiziell was für den Frieden getan wird – wer wollte dagegen sein.

28. Februar 2003

Leserbrief

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