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Den Seinen gibts der Herr am Telefon
0190 - 88 22 11 48
Diese Geschichte einer erfolgreichen Recherche beginnt
mit einem grandiosen Glücksversprechen und endet mit einem ängstlichen
Mann auf der Flucht vor dem Telefon.
Von Tim Frohschütz
Der Brief, der Anfang Dezember in meinem Briefkasten lag, drängte
zur Eile: Ich solle sofort diese 0190-Nummer anrufen, da es jetzt "ERSTMALS
aufgrund der absoluten Dringlichkeit" möglich sei, meinen
"Gewinnanspruch" auf den "Bar-Anteil-Gewinn am Euro 25.000,00
Jackpot" telefonisch geltend zu machen. Komplett mit abgebildeten
drei "schon glücklichen Gewinnern" (siehe
Foto). Es klang - und war natürlich - unglaublich. Nur aus Neugier
rief ich an und nahm die fast 20 Euro teure, nichtssagende Ansage auf
Band auf.
Wer aber, fragte ich mich nun, steckte dahinter? Wer war eigentlich
diese Absender-Firma namens LCV, die in A-6961Wolfurt offenbar nur ein
Postfach 555 innehatte? Ich stellte fest, was zu erwarten war: Das kleine
österreichische Wolfurt (7.849 Einwohner) kannte eine solche Firma
nicht. Im Gegenteil: Der Gemeinderat wurde seit dem Herbst 2002 mit
Beschwerden eingedeckt, LCV mache "falsche Gewinnversprechen",
betreibe in Wahrheit aber nur Abzockerei mit 0190-Nummern. Einige Verbraucherzentralen
im Internet wussten immerhin, dass LCV auch unter einigen anderen Namen
aktiv sei, etwa unter "BESTworld", "Impuls" oder
"Alpenversand".
Also ging ich der 0190-Nummer nach. Die deutsche Post AG bietet unter
der Adresse http://www.regtp.de eine Liste aller 0190-Nummernblöcke
an und dazu die Namen der Firmen, an die sie vermietet werden. Auf diesem
Weg gelangte ich zur Mainzer Firma dtms (Deutsche Telefon- und Marketing
Services AG). Sie ist mit einem Markanteil von zehn Prozent, 30.000
Servicenummern und einem Jahresumsatz von 170 Millionen Euro (2001,
eine Steigerung von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr) eine der
größten ihrer Branche. Der Geschäftsführer Günter
Femers gab sich offen und auskunftsfreudig: Ja, die fragliche Nummer
sei an einen seiner 4600 Kunden vergeben worden, nämlich an die
Firma legion Telekommunikation in Düsseldorf, aber "was legion
mit der Nummer macht, wem sie sie 'untervermietet'", das sei ihm
unbekannt.
Der Kontakt mit legion Telekommunikation erwies anfangs als holprig.
Es gab nur eine 0180-Nummer, also keine Durchwahlen, und die zuständige
Person, Nathalie Heisters, war tagelang nicht zu erreichen. Aber dann
bekam ich diese wirklich ausführliche Fax-Antwort:
legion Telekommunikation GmbH ist eine eigenständige Tochter im
Lagadère-Konzern, dem zweitgrößten europäischen
Medienunternehmen. Als führender Anbieter für Audiotex- und
Call-Center-Dienstleistungen entwickeln, prodizieren und vermarkten
wir in Deutschland seit 1991 Lösungen in einem spezialisierten
Segment des Telekomunikations-Marktes einerseits und bestimmte Tools
des Relationship-Marketing andererseits. Wir sind kein Carrier, sondern
realisieren für unsere Kunden Dienste auf unseren Sprachcomputern.
Die in Ihrem Schreiben vom 12. 12. 2002 genannte Rufnummer steht im
Eigentum von legion Telekommunikation GmbH. Auf der 0190-88 22 11 48
liefen in der Zeit vom 06. 09. - 18. 11. 2002 Dienste für
Mediacom direct Gmbh
Hans-Martin-Schleyer-Str. 10
D - 77656 Offenburg
Tel.: 0781-91 93 212
Mit besten Grüßen aus Düsseldorf
legion communications GmbH
i.A. Nathalie Heisters
Damit hatte ich immerhin einen zweiten Firmennamen zu meiner Glücks-Nummer.
Die weitere Recherche bei Mediacom lief dann aber doch beinahe ins Leere.
Am Telefon meldete sich beim dritten Versuch eine Dame, die unter dem
stolzen Hinweis auf den "Datenschutz" jede Auskunft selbst
darüber verweigerte, wann einer ihrer leitenden Herren zu sprechen
sei.
Auf anderem Weg fand ich trotzdem die wesentliche Handy-Nummer heraus,
und zwar die von Rolf Wittmeyer, dem Mediacom-Geschäftsführer.
Er erregte sich sehr schnell über meine Fragen: Ich solle mich
doch nicht so haben, die BILD oder computel von Springer veranstalte
solche Gewinnspiele jeden Tag, und da schreibe nie jemand drüber;
also gut, die fragliche Nummer sei an Linda's Central Versand vermietet
worden, Keizersgracht 62-64 in Amsterdam, Telefonnummer 0031-20-5207957,
und ja, LCV und Linda's Central Versand seien identisch. Indes habe
er die Zusammenarbeit mit LCV seit einem Monat beendet.
Linda's Central Versand - das war immerhin etwas. Nur: So richtig "beendet"
kam mir die Sache nicht vor, da meine 0190-Nummer, wenn ich sie wählte,
noch immer ihre Ansage abspielte. Als ich legion Telekommunikation deshalb
erneut um Auskunft bat, um eine etwas zeitnähere diesmal, schickte
mir die unerreichbare Nathalie Heisters wieder ein Fax, in dem sie mir
mitteilte, "seit dem 22. 11. 2002" liefen unter der genannten
Nummer Dienste für (tatsächlich!)
Linda's Central Versand B.V.
Gaetano Martinolaan 95
Mecc. Of.Buil.
6229GS Maastricht
Niederlande
Tel. 0031-20-520 79 57
Also, das sah nun doch nach einem kleinen Erfolg aus. Hier stimmten
mit der Mediacom-Auskunft zwar die Orte nicht überein, aber immerhin
die Telefonnummer in Amsterdam (eine Telefonnummer in Maastricht hatte
der LCV nicht, genaugenommen hatte er in ganz Holland keine; die an
der angegebenen Adresse wirklich ansässigen Unternehmen kannten
in diesem Haus auch keine Firma Linda's Central Versand).
Beim Anruf in Amsterdam meldete sich mithin nur ein Euro-Business Center,
und eine liebenswürdige Nancy Kelder dort gab sich verwirrt: Erst
hatte sie von Linda oder deren LCV noch nie gehört, zuletzt fiel
ihr aber doch noch ein, dass sie denen die Briefe an ein Postfach in
Kerkrade nachschicken soll.
Als nächstes besorgte ich mir einen Amsterdamer Handelsregisterauszug,
und siehe da, der geheimnisvolle Glücksbrief-Absender lag plötzlich
in allen Einzelheiten offiziell und offen vor mir: Linda's Central-Versand
B.V. wurde am 14. November 1996 gegründet und acht Tage später
eingetragen; das Gesellschaftskapital betrug 1 Million NLG, davon waren
200.000 Gulden gezeichnet und einbezahlt; der Unternehmenszweck wurde
als "Das Betreiben eines Postversandbetriebes" beschrieben;
beschäftigt waren dort nicht mehr als zwei Personen; als alleiniger
Anteilseigner war die Interglobe Holding AG aus Basel eingetragen, und
als Geschäftsführer Hans Lichtblau, geboren am 3. September
1947 in Österreich, wohnhaft in der Wolfgang-Leeb-Gasse 19-1 in
A-2380 Perchtoldsdorf, einem Vorort von Wien.
Na bitte. Nun hatte das Glücksspiel sogar einen Namen.
Bevor ich Herrn Lichtblau anrief, erkundigte ich mich noch bei den Wiener
Wirtschaftskammern nach seinen Tätigkeiten. Ich erfuhr, dass er
dort als Geschäftsführer einer ganz anderen Firma bekannt
war, einer G.S.V. Gesellschaft für internationalen Spezialversandhandel
mbH in der Darwingasse 9 in 1020 Wien, Tel. 0043-1-514500.
Die österreichische Telefon-Auskunft gab mir indes für Herrn
Lichtblau eine andere Wiener Nummer (219-86-53), wo aber offenbar immer
nur ein Anrufbeantworter lief. Beim fünften vergeblichen Mal bat
ich um seinen Rückruf - und bekam ihn einige Stunden später,
wenn auch wider alles Erwarten.
Herr Lichtblau bestätigte mir ohne Zögern, dass er LCV bzw.
Linda's Central Versand gegründet habe; der Firmensitz sei in Maastricht,
aber auch in Amsterdam besitze man ein Büro; er habe aber keine
große Lust mehr, die Firma weiterzuführen und werde sie "in
wenigen Tagen" auflösen, "weil ich nicht mehr will".
Auf die Frage, ob er auch mit der Firma G.S.V. zu tun habe, hänge
er wortlos ein.
Damit hätte ich nun eigentlich aufhören können, der Fall
war ja aufgeklärt. Aus reinem Übermut rief ich aber am nächsten
Vormittag noch einmal bei den Wirtschaftskammern an, welche Firmen in
der Wiener Darwingasse 9 gemeldet seien. Antwort: ein IRU Reise-Unternehmen,
Telefon 215005. Als ich dort anrief, meldete sich zu meiner Verblüffung
als erstes Herr Lichtblau, noch dazu mit seinem Namen. Ich fragte ihn,
ob wir nicht gestern miteinander telefoniert hätten, worauf er
ein kurzes "Nein!" zischte und dem Hörer auflegte. Unmittelbar
danach rief ich dieselbe Nummer noch einmal an. Und diesmal wurde es
richtig mysteriös. Jetzt meldete sich eine weibliche Stimme, und
zwar das IRU Reeiseunternehmen - "Aber", sagte man mir auf
Nachfrage, "wir sind nicht in der Darwingasse". Danach wurde
eine Pausenmusik zwischengeschaltet, bevor sich eine dritte Firma meldete,
gewisse DVD Direktverkauf AG meldete, die aber - erwartungsgemäß
- keinen Herrn Lichtblau kannte. Beim dritten und vierten Anruf derselben
Nummer brach die Verbindung jedesmal nach dem ersten Klingeln zusammen.
Seitdem habe ich den phonophoben LCV-Geschäftsführer nicht
mehr angerufen. Fast tut er mir leid. So dauernd auf der Flucht vor
misstrauischen Handelskammern, vor einem Dutzend Verbraucherschutzverbänden,
die ihm gern den Prozess machen würden, vor den Tausenden Enttäuschter,
die trotz ihrer eiligen Anrufe aus dem schönen Jackpot keinen Cent
bekamen - das kann kein schönes Leben sein. Vielleicht sollte ich
ihm zum Trost meinen Gewinn-Anteil schenken.
Nachträge
- Das ZDF brachte am 29. Januar in "Mona Lisa" einen Bericht
über Linda's Central Versand (Zitat: "Wer die wahren Hintermänner
sind, lässt sich schwer ermitteln.").
- Herr Lichtblau hatte Linda's Central Versand bis Ende Januar 2003
nicht aufgelöst.
- legion Telekommunikation hat ihm Mitte Januar 2003 einen sechsstelligen
Euro-Betrag überwiesen, seinen Anteil an den 1,86 Euro pro Minute
aller Anrufe bei der Nummer 0190 - 88 22 11 48 (die Post AG behält
davon 24 Prozent)..
- Bei "Glücksspielen" dieser Art, so die ausdrückliche
Mitteilung ("Es ist wie beim Lotto"), werden Gewinne unter
1 Euro nicht ausgezahlt. Wenn sich also für den 25.000-Euro-"Jackpot"
nur 25.001 Anrufer melden (zu je 20 Euro Telefonkosten), dann braucht
Linda's Central Versand oder wer auch immer nicht einen einzigen Cent
zu überweisen. Ganz legal.
28. Februar 2003
Leserbrief
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