"This is a free country!"

Die Freiheit und ihre Hüter

Dass die USA der globale Vorreiter der Freiheit sind und sie weltweit am besten gewährleisten können, ist ein Glaubenssatz, der auch unter Amerikanern, die der Regierung kritisch gegenüber stehen, weithin Gültigkeit hat. Denn die Rhetorik der Freiheit ist Teil der Sozialisation und des symbolischen Inventars.

Von Florian Coulmas

Freiheit ist ein Kampfbegriff. Sein ideologischer Charakter ist erstens daran zu erkennen, dass er zwar nicht leer ist, aber keine Einigkeit darüber erzielt werden kann, was er beinhaltet. Zweitens verändert er sich im Laufe der Zeit, ist also Gegenstand stetiger Revision. Und drittens ist der Singular ein großer Vereinfacher, der über die Komplexität der Realität hinwegtäuscht, was immer den Verdacht auf einen ideologischen Gebrauch nahelegt. Angesichts des manifesten Mangels an Freiheit, unter dem die meisten Menschen in der Feudalzeit litten, sah etwa Jean-Jacques Rousseau im Naturzustand des Menschen die Freiheit verwirklicht, die ihm in der zivilisierten Gesellschaft abhanden kam. Heute richten sich hingegen die vielleicht größten Anstrengungen unserer Gattung auf die Befreiung des Menschen von den Zwängen der Natur, was als Zivilisationsfortschritt gepriesen wird. Jede Epoche hat ihren eigenen Traum von der Freiheit und, so können wir hinzufügen, jede Kultur. Ein hoher Wert, gewiss, ist sie doch nicht der einzige, und sie konkurriert in allen Gesellschaften mit anderen wie Gleichheit und Solidarität, Gottesfürchtigkeit und Sicherheit, um einige zu nennen. Die Balance, die durch diese Rivalität zwischen verschiedenen Werten entsteht, ist in jeder Gesellschaft eine andere und somit auch die Freiheit selber.

Abzuwägen, wessen und welche Art von Freiheit für eine freie Gesellschaft die wichtigste ist, wie Freiheit zu schützen und mit anderen Werten zu vereinbaren ist, das sind Fragen, mit denen sich die politische Philosophie lange beschäftigt hat. Die grundsätzliche Aporie, die in der Unmöglichkeit der wertfreien Abwägung eines Werts besteht, hat den Philosophen dabei manches Kopfzerbrechen bereitet. Sie wird durch den Respekt, den man in unserer Zeit verschiedenen kulturellen Traditionen entgegenzubringen weithin geneigt ist, verschärft.

Im Singular von Freiheit zu reden, suggeriert, dass es um eine einzige ginge, aber das ist ein Trugschluss, dem nur jene anhängen, die den Begriff für ihre Zwecke vereinnahmen wollen. Auf der Ebene der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind es immer verschiedene, oft sogar gegensätzliche Freiheiten, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Im ideologischen Diskurs wird das gern übersehen oder aus argumentativen Gründen ignoriert. Die zugespitzte Antithese von Freiheit und Unfreiheit ist einfacher und deshalb überzeugender. Aber auch simplistisch. "Enduring freedom" - Fortdauernde Freiheit - nennt die amerikanische Regierung ihren Rachefeldzug gegen die Mörder vom World Trade Center mit einer pathetischen Geste, die zugleich dazu geeignet ist, an der Propagandafront Boden zu gewinnen. Sich als Garant der Freiheit zu gerieren, gehört nirgends so zur politischen Legitimation wie in den Vereinigten Staaten. Sie definieren sich als ein freies Land, denn der Ruf nach Freiheit war ihr Geburtsschrei. An Freiheit glauben die Amerikaner und daran, dass ihre Gesellschaft freier ist als andere, unbeschadet der Tatsache, dass sie, wie sich immer wieder zeigt, über alle anderen höchst mangelhaft informiert sind. Dass die USA der globale Vorreiter der Freiheit sind und sie weltweit am besten gewährleisten können, ist ein Glaubenssatz, der auch unter Amerikanern, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, weithin Gültigkeit hat. Denn die Rhetorik der Freiheit ist Teil der Sozialisation und des symbolischen Inventars. ("This is a free country" habe ich als Schlachtruf in Erinnerung, mit dem der Geschichtslehrer in der Highschool in Los Angeles uns bei jeder Regelübertretung zur Ordnung rief: "Steht beim Fahneneid gefälligst still! This is a free country!")

Eines der mächtigsten politischen Symbole Amerikas ist die im Auftrag der französischen Regierung von Frederic Bartholdi und Jean Eiffel 1886 erbaute Freiheitsstatue. Generationen von Einwanderern hat sie im Hafen von New York willkommen geheißen und ihnen die Freiheit versprochen. Aber wofür steht sie heute, wo die Küstenwache pausenlos nach unwillkommenen Einwanderern Ausschau hält und die Grenze nach Mexiko mit einem Zaun gesichert ist, der den Vergleich mit dem Eisernen Vorhang nicht zu scheuen braucht? Mythen sterben langsam, und ihr Verhältnis zur Realität kann sich verschieben, ohne dass die, die an sie glauben, es gewahr werden. Dass Freiheit in einer Gesellschaft als zentraler Wert gehandelt wird, macht sie noch nicht frei. Schon bei ihrer Errichtung verkörperte die Freiheitsstatue keinen gegebenen Zustand, sondern allenfalls einen Wegweiser, ein Versprechen, das noch nicht eingelöst war. Frauen hatten damals in den USA noch kein Wahlrecht und Schwarze gar keine Bürgerrechte.

Der Weg zur Freiheit ist mit Widersprüchen gepflastert. In einer Zeit, in der die amerikanische Regierung die Solidarität der europäischen Partner einfordert, ist es nützlich, diese Widersprüche zu inspizieren, geht es dabei doch, wenn man Washington glauben darf, nicht darum, Amerikas Macht zu mehren, sondern um die Erhaltung der Freiheit. Zweifel daran schürt aber nicht nur ein Präsident, dem liberal ein Schimpfwort ist, sondern auch die Befindlichkeit der amerikanischen Gesellschaft. Sind die Vereinigten Staaten wirklich eine vorbildlich freie Gesellschaft? Wie kann das ermessen werden?

Diejenige Gesellschaft ist die freiste, in der die meisten Menschen ihrer Freiheit beraubt sind. Diese Hypothese erscheint kontraintuitiv; wer die amerikanische als eine besonders freie Gesellschaft gelten lassen will, wird sich mit ihr aber arrangieren müssen. Der abstrakte Wert Freiheit ist nicht messbar, die Zahl derer, denen die Freiheit genommen wird, hingegen schon, und sie bietet Ansätze für Vergleiche.

In Westeuropa schwankt die Zahl der Gefängnisinsassen zwischen 80 und 100 je 100.000 Einwohnern, einzig in Großbritannien sind es deutlich mehr, 138. Im Vergleich zu den USA ist auch das jedoch eine bescheideneZahl. Dort sind es mit 686 sechs bis sieben mal so viele wie in Europa. In dieser Statistik steht Amerika mit einigem Abstand an der Weltspitze: Das freieste Land mit den meisten Gefangenen. Innerhalb der Vereinigten Staaten führt Texas, Präsident Bushs Heimatstaat, die Statistik an mit 1014 von100.000. Interessant sind diese Zahlen, weil sie Ausdruck unterschiedlicher Sozialphilosophien sind, die die Gesetze und das Handeln der Mächtigen bestimmen.

Am anderen Ende der Statistik findet man Länder wie Japan mit 48 Gefangenen je 100.000 Einwohner, denen von Amerika immer wieder bescheinigt wird, dass sie unfrei seien, ihre Bürger nämlich ein Leben in der Zwangjacke des Konformismus führten. Gewiss ist die soziale Kontrolle in Japan stärker als in Amerika, sind die Ligaturen, die asozialem Verhalten entgegenwirken, fester. In diesem Sinne ist die japanische Gesellschaft weniger frei als die amerikanische. Aber wie ist die Sorgenfreiheit zu bewerten, die sich aus der viel geringeren Kriminalität ergibt? In welcher amerikanischen Grosstadt könnte man seine Kinder vom ersten Schultag an allein zu Fuß in die Schule gehen lassen? In Japan ist das normal. Dass man in Japan oder auch hierzulande keine Feuerwaffen kaufen darf, ist eine Beschränkung der Freiheit des einzelnen, aber wieviel Freiheit gewinnt die Gesellschaft als ganze dadurch?

Hier stehen sich zwei Konzepte von Freiheit gegenüber, die Freiheit zu und die Freiheit von: Etwa die Freiheit, Handfeuerwaffen zu kaufen, (k)eine Krankenversicherung abzuschließen oder mit 180 über die Autobahn zu fahren auf der einen Seite und die Freiheit von Angst vor Verbrechen, Armut und Sorge auf der anderen. In vielen Fällen impliziert die Durchsetzung der Freiheit zu eine Einschränkung der Freiheit von, und umgekehrt. Die gesellschaftliche Freiheit zu optimieren, verlangt deshalb in jedem Fall einen schwierigen Balanceakt. Unser Misstrauen verdienen jene, die die Welt glauben machen wollen, es gäbe nur einen Weg und nur eine Macht, die sich auf die Freiheit verstünde.

12. Februar 2003

Leserbrief

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