Steinsalz
Eine Erzählung mit zwei Personen (Ausschnitt)

Von Harri Engelmann

Da sind sie bei heftigem Gewitter beim Landrat eingestiegen und haben den Sohn erschlagen, weil er ihnen beim Stehlen in die Quere kam. Die Erinnerung an diesen Vorfall weckt seine noch schlummernde Energie. Er schließt das Fenster, hebt die Laterne, die zu seinen Füßen steht auf, und eilt den Flur zurück. Das Licht wirft schwankende Schatten, die an den Wänden hochjagen und ebenso schnell hinabgleiten. Er gelangt in die Diele des Haupthauses, reißt die Küchentür auf, greift blind um die Ecke, packt sich die Büchse, die dort verborgen ist und schleicht, in der einen Hand die Waffe, in der anderen Hand die Laterne, auf die Haustür zu.
Sie ist aus schwerem Eichenholz und dröhnt unter den Schlägen, als habe jemand einen Rammbock angesetzt. Fröhlich stellt die Laterne ab, spannt den Hahn der Waffe und ist grimmig entschlossen, so oder so ganz gegenwärtig zu sein. Für einen kurzen Augenblick wird ihm bewusst, daß er im Nachthemd dasteht und Pantoffeln trägt. Die Amtsperson in ihm zögert, aber sein jähes, aufbegehrendes Temperament setzt sich durch. "Verdammte Halunken!" ruft er gegen die gegen die geschlossene Tür.
"Trollt euch, sonst mache ich euch zu Grütze, Kerls!"
"Seine Majestät, der König!" – Was rufen die Kerle? Ich gebe euch gleich Majestät, denkt er. Doch dann vernimmt er das Schnaufen von Pferden. Auch einzelne Männerstimmen unterscheidet er. So redet kein Gesindel, schon gar nicht in diesem harschen militärischen Ton. Sind Dragoner in Friedrichsort eingerückt? Fröhlich wird unsicher, er kaut auf seinen Lippen herum. Ist es Militär, hat er schlechte Karten. Die haben schnell die Tür eingeschlagen. Er stellt die Büchse gesichert in eine dunkle Ecke, bückt sich und ertastet den Schlüssel, der hinter einer Vase liegt.
Er schließt die Tür auf. Öffnen braucht er sie nicht mehr. Sie wird aufgestoßen. Vor ihm steht ein Offizier, dem es vom Dreispitz heruntertropft.
Er tritt ins Trockene und herrscht den Amtmann an: "Ist Er des Teufels! Weiß Er denn nichts von Uniformen!" Der Offizier hat scharfkantige Gesichtszüge, eine große schmale Nase und eine hochfahrende Art. Er schlägt dem Amtmann mit seinen Handschuhen vor die Brust, daß er Platz machen möge, und diesem schwillt trotz der Überraschung aufs Neue der Kamm. Aber Offizier ist Offizier, und dieser hier ist ein Oberst, da tritt man lieber beiseite, verdeckt die in der Ecke stehende Büchse mit dem Körper und harrt der Neuigkeiten, die sicher nicht lange auf sich warten lassen.
Der Oberst reicht die Pistole, mit deren Knauf er vermutlich gegen die Tür geschlagen hat, einer Gestalt, die neben ihm steht. Dann weist er mit den Handschuhen durch die Tür ins Freie.
"Seine Majestät braucht ein Dach über dem Kopf, Kerl! – Veranlasse Er das Nötige! Es gießt wie aus Kannen." – "Majestät?" fragt Fröhlich benommen.
"Kerl, wie viele Majestäten gibt es in Preußen?"
Der Oberst schiebt angriffslustig den Kopf vor, der Blick ist hart und ungeduldig. "Na, dämmert es?" Dann nickt er seinem Begleiter zu, der geht zurück in den Regen und Fröhlich hört kurz darauf einen Wagenschlag. Er vernimmt eine heisere, kräftige Stimme.
"Loslassen! Ich bin doch kein Krüppel. Reiche Er mir den Stock und nehme Er diese Akten mit! Wer zum Teufel hat Ihm gesagt, daß Er sie in den Regen halten soll? Greif Er sich eine Decke und schlage sie damit ein! Was sind denn das für Possen? - Trägt Er sein Gehirn in der Jackentasche?"
Kurz nach dem Wortschwall taucht ein Geist in der Tür auf. Der Oberst tritt zur Seite und verneigt sich. Der Amtmann geht zum ersten Mal in seinem Leben vor einem Menschen auf die Knie, Nicht weil es sich schickt, einer Majestät derart drastisch zu huldigen, es ist Fröhlichs Instabilität, die ihm diesen neuerlichen Streich spielt. Er hockt da, ist aber außerstande und keineswegs willens, sich dort zu beugen.
Seine Beine sind schwach, das Wahrnehmungsvermögen jedoch außerordentlich geschärft.
Kein Zweifel, in seinem Haus steht der König von Preußen. Gewaltiger Dreispitz mit Kokarde, hervorspringende spitze Nase, ein grämlicher Mund, herablassend verzogen, und Augen, die Fröhlich wohl ein Leben lang nicht vergessen wird. Aus einem vertrockneten Gesicht mustert ihn ein dermaßen großes, hervorspringendes Augenpaar, das in seiner kraftvollen Lebendigkeit Blicke verschickt, abschätzig und neugierig zugleich, als müsste es sich jeden Gegenstand in diesem Halbdunkel für ewig einprägen, um ihn dann für immer zu verabscheuen.
Majestät löst mit dürren Fingern die Schnur seines Umhangs. Dahei reckt er sein Kinn, die Miene verrät Ungeduld – endlich kann er das Tuch von sich werfen. Es wird von einer Ordonnanz aufgefangen, die es ordentlich über den Knien zusammenfaltet.
Fröhlich hat jeden vermutet, nur den da nicht.
Er weiß, dass sein Erscheinen schlimmer sein kann als Brand und Viehseuche zugleich. Aber warum er mitten in der Nacht kommt und dann noch zu ihm, das stürzt Fröhlich in eine Verwirrung, die er nicht zu stoppen vermag. Es ist, als schreite ein Bär aufrecht aus dem Wald, das Pulver der Büchse ist feucht, und der Bär schreitet und schreitet.
In der Ferne donnert es abermals und der königliche Greis hebt seinen Stock und stößt ihm den Knieenden vor die Brust.
"Was tut Er da? Ist Er Irokese? Oder hat Er ein schlechtes Gewissen, daß Ihm die Schwäche in die Kniekehlen fährt? Wirft sich in den Dreck wie ein Weib, ohne sich seinem König bekannt zu machen. – Nenn Er mir seinen Titel, so Er einen hat!"
Fröhlich will sprechen, öffnet den Mund – nichts zu machen. Die Stimme versagt.
"Was ist, spreche ich polnisch?"
"Ich bin der Amtmann von Friedrichsort, Majestät", hört sich Fröhlich gepresst antworten, während er sich aufrappelt. Nun, da er steht, überragt er den König um Haupteslänge. Was den nicht davon abhält, tückisch zu ihm hinaufzuschauen.
"Hat der Amtmann auch einen Namen?"
"Fröhlich." – "Fröhlich also." Die Majestät schüttelt missbilligend den Kopf. "Fröhlich sind wir alle, wenn der Tag lang ist", krächzt er. "Ist Er etwa der Sohn vom Landrat Fröhlich?" – "Mit Euer Majestät Erlaubnis war mein Vater Domänenrat."
"Wenn ich sage, er war Landrat, dann ist Sein Vater Landrat gewesen. Ich habe ihn sehr gut gekannt. Und was ich kenne, das vergesse ich nicht." – "Ja, Euer Majestät" sagt Fröhlich und denkt: Der Alte Fritz in meinem Haus und ich stehe da im Nachthemd und Pantoffeln. Aber der winkt ab. Es sei zu spät für derlei Rätsel, und Fröhlich möge Platz schaffen für einen alten König und eine Handvoll Ordonnanzen. Ein Schluck Wein für die Nacht und ein Stück weiches Brot seien doch wohl noch aufzutreiben.
Da kommt Leben in den Amtmann.

Harri Engelmann, geboren 1947 in Berlin, nach 1953 in Stralsund und Rostock aufgewachsen, arbeitete lange Zeit als Kraftfahrzeugschlosser. Er lebt bei Kröpelin.
Als Erzähler trt er Ende der achtziger Jahre mit dem ersten Buch auf.
In den letzten Jahren veröffentlichte der WeymanBauer Verlag in Rostock zwei Erzählbände des Autors. Eine Gazette-Rezension seines Buches "Japanischer Garten" finden Sie hier. (http://gazette.de/Archiv/Gazette-31-Dezember2000/Leseproben1.html).
"Steinsalz" gehört zu einem Roman, an dem Harri Engelmann noch arbeitet; das Manuskript trägt den Titel "Der Russe".

16. Februar 2002

Leserbrief


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