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Die stille Annexion
Israelische Siedlungen in der West Bank
Das "verheißene Land", wörtlich
genommen, ist eigentlich noch nicht erreicht. Siehe 1 Moses 15,18: "Deinem
Samen will ich dies Land geben, von dem Wasser Ägyptens an bis
an das große Wasser Euphrat" (obwohl es elf Verse vorher
noch bescheidener zuging, da ist nur von dem viel kleineren Chaldäa
die Rede und davon, "daß ich dir dieses Land zu besitzen
gebe"; ähnlich 5 Moses 34,4). Kommt es daher, daß manche
Israelis sich unbedingt mitten unter lauter Palästinensern ansiedeln
müssen?
Von Linda Benedikt

Wenn sich Israelis und Palästinenser einmal nicht über Jerusalem
und die Flüchtlinge in den Haaren liegen, dann liefern sie sich
heiße Wortgefechte über die Zukunft der jüdischen Siedlungen.
Sowohl der Gazastreifen, als auch die West Bank und die Golanhöhen
sind durchzogen von israelischen Trutzburgen, die eher Hochsicherheitstrakten
als Wohnanlangen gleichen. Um die 180.000 Israelis leben dort, säuberlich
getrennt von den Palästinensern in ihren eher ärmlichen Hütten,
unter einem unsinnigen Aufgebot an militärischer Sicherheit und
finanzieller Unterstützung.
Um sie überhaupt bauen zu können, wurden ungeheure Mengen
an staatlichen Fördermitteln verteilt, wurde palästinensisches
Land konfisziert und, besonders nach Oslo, eine Politik betrieben, die
Tatsachen schaffen sollte und genau das auch erreichte.
Dabei ist die Frage aktueller denn je: Mit welcher Berechtigung oder
wenigstens ideologischer Unterfütterung besiedelten jüdische
Siedler palästinensischen Boden? Wie kam es dazu, dass solche Anomalien,
wie die 42 jüdischen Familien, die im Herzen Hebrons inmitten von
20.000 Palästinensern ihr provokatives Dasein führen, überhaupt
entstehen konnten?
Die Siedlungslust der Israelis geht zurück auf das überwältigende
Resultat des Sechs-Tage-Kriegs im Jahre 1967. In nicht einmal einer
Woche gelang es Israel, sein Territorium um mehr als ein Drittel zu
vergrößern. Der jüdische Alptraum der geteilten Heiligen
Stadt war vorbei, die Klagemauer unterhalb des Tempelberges den Juden
wieder zugänglich, die Zeit der Stacheldrähte durch das Berlin
des Nahen Ostens zu Ende.
Die arabischen Staaten, die Israel und den Israelis eben noch Mord und
Totschlag und einen gezielten Schubs ins Meer angedroht hatten, waren
vernichtend geschlagen und zogen sich, aufs Bitterböseste blamiert,
zur politischen Inventur zurück.
Für einige Israelis war dieser Sieg nichts anderes als ein Zeichen
Gottes; ein weiterer Grund, an die Einmaligkeit und Auserwähltheit
des eigenen Volkes zu glauben.
Das politische Establishment hingegen, geführt von der Arbeiterpartei,
wurde durch den unerwarteten Landgewinn in allerlei Konflikte gestürzt.
Die Frage war, was man damit nun machen sollte. Alles zurückgeben?
Das Land behalten - und wenn ja, was damit tun? Und was mit all den
zusätzlichen Menschen, die, davon konnte man ausgehen, sich nicht
wirklich darüber freuen würden, plötzlich unter israelischer
Herrschaft zu leben, und die, das kam erschwerend dazu, aufgrund ihrer
hohen Geburtenrate den jüdischen Charakter des Staates in nicht
allzu langer Zukunft gefährden würden?
Während also die Politiker noch rätselten, die Mehrheit der
israelischen Bevölkerung unbesorgt zum Falafel-Essen oder zum Beten
in die "befreite" Jerusalemer Altstadt tingelte, bereitete
kleine, aber dafür entschlossene, religiös-fanatische Minderheiten
ihre Offensive vor.
Die bekannteste von ihnen: Gush Emunim, der "Block der Gläubigen".
Für sie war der Ausgang des Kriegs kein Wunder, sondern etwas,
worauf sie schon lange gewartet hatten. Und die die Chance zur Besiedlung
des neuen, alten Landes Teil des Erlösungsprozesses. Sie wollten
ganz praktisch dem Messias zuarbeiten.
Inspiriert von den Reden Zvi Yehuda Kooks`, eines zionistischen Rabbiners,
der im Jerusalemer Merkjaz ha` Rav zu religiösen und tatendurstigen
Juden von bald kommenden (und nach Juni 67 scheinbar gekommenen) Zeiten
der Erlösung predigte, machte sich an Pessach des darauffolgenden
Jahres ein kleiner Trupp ultra-religiöser und national gesinnter
Juden auf den Weg nach Hebron (eine für Juden wie Palästinenser
religiös signifikante Stadt).
Und zwar nicht nur, wie sie angaben, um - nach Einholung einer temporären
Aufenthaltsgenehmigung - im dortigen Park Hotel das jüdische Fest
über den gelungenen Auszug aus der Ägyptischen Gefangenheit
zu feiern - sondern um dort zu bleiben: Nach dem Sederabend weigerten
sie sich einfach, wieder wegzugehen. Dieses Verhalten, die illegale
Besetzung von Gebäuden und Land und der darauffolgende Ausbau der
so errungenen Position, sollte zum Wahrzeichen ihrer Siedlungspolitik"
werden. Dies galt besonders nach 1973, als sie erstmals, frustriert
von dem in ihren Augen zu langsam voranschreitenden Aufbau der staatsgelenkten
Sicherheitssiedlungen, die West Bank in Angriff nahmen.
Die israelische Regierung reagierte angesichts dieses eigenmächtigen
Handelns überrascht - und gespalten. Letzten Endes überwog
das Zaudern: Man traute sich nicht, offen gegen Juden vorzugehen, die
am Grab des Patriarchen beteten" und im Grunde genommen nichts
anderes taten, als eines der zionistischen Gebote zu folgen: Die Besiedlung
und Landnahme historischen Heimatbodens.
Moralische Unterstützung erhielten die Gläubigen dabei besonders
von Yigal Allon, einem hochrangigen Parteisoldaten, der sich durch den
nach ihm benannten Allon-Plan einen Namen machen sollte. Er zeichnete
verantwortlich für die Entstehung von jüdischen Siedlungen
in den eroberten Gebieten, die sich allein am israelischen Sicherheitsbedürfnis
orientierten. Dieser Plan, der die Annektierung des Jordantals und der
Golanhöhen empfahl - und den Grundstein für jüdische
Dauerpräsenz in und um Hebron legte - wurde von der Regierung als
Basis die weitere israelische Siedlungspolitik übernommen.
Leise Proteste und Zweifel seitens einzelner Regierungsmitglieder an
der Rechtmäßigkeit dieses eigenständigen und nicht unbedingt
legalen Aktes verstummten, als die neuen Bewohner Hebrons von Palästinensern
angegriffen wurde. Die Regierung reagierte prompt mit militärischer
Unterstützung. Und was jetzt begann, war der Aufbau des jüdischen
Kiryat Arba in mitten des palästinensischen Hebrons. Damit war
der Grundstein für die ideologisch motivierten Siedlungen in den
besetzten Gebieten gelegt (wobei anzumerken ist, dass es später
häufig auch junge Familien in die subventionierten Häuser
zog; bei ihnen spielte weniger die zionistisch-religiöse Ideologie
eine Rolle, sondern eher der schmale Geldbeutel, mit dem sie sich die
horrenden Mietpreise im israelischen Kernland nicht leisten konnten).
Zusätzliche Bedeutung und fast staatliche Würden, erhielt
Gush Emunim, als es der Likud-Partei gelang, 1977 das Machtmonopol der
Arbeiterpartei zu brechen. Hatte die Arbeiterpartei noch ideologische
Skrupel und Zweifel angesichts der wilden Siedlerei (was trotzdem nicht
viel an ihrer stillschweigenden Unterstützung änderte), so
siedelte Gush Emunim von da ab mit dem offenen Segen der Regierung:
Der wilde Siedlertrupp verwandelte sich plötzlich in eine quasi
staatlich alimentierte Volksbewegung".
Diese für Palästinenser und letztlich auch für Israelis
unheilige Allianz hatte zwei Gründe, die weit in die Anfangsjahre
des jüdischen Staates zurückreichten.
Erstens war die zionistische Rechte, seit Beginn ihres politischen Denkens,
schon immer der Meinung, dass Israel möglichst nur aus ehemaligem
biblischen Territorium bestehen sollte (wobei die Bibel hier nicht ganz
genau ist und sehr viel Spielraum zulässt). Die Abtrennung der
sogenannten Ost-Bank, also des heutigen Jordaniens, von dem Gebiet Palästinas
im Jahre 1922 (noch unter britischem Mandat) war deshalb für viele
eine schmähliche Niederlage. Besagte doch die Bibel, dass das ganze
Gebiet diesseits und jenseits des Jordans einmal jüdisches Gebiet
war. Während die Linke weit pragmatischer vorging und lieber mit
den Realitäten vor Ort arbeitete, träumte die Rechte noch
lange von einem regelrechten Groß-Israel". Das Ergebnis
des Sechs-Tage-Kriegs hatte sie ihrem Ziel ein gutes Stück nähergebracht,
und der Imperativ der Siedlungsarbeit wurde wieder zu einem wichtigen
Bestandteil der zionistischen Ideologie.
Zweitens war die Rechte, ganz anders die Arbeiterpartei, ohne eigene"
Siedlungsgruppen.
Während in der Anfangszeit des jüdischen Gemeinwesens die
linken Zionisten Land kauften, es tagsüber bearbeiteten und abends
die Glorie der jüdischen Pionierarbeit bei Lagerfeuer und Musik
besangen, konnten sich die Rechten nie einer derart staatstragenden
Tätigkeit rühmen. Sie blieben für lange Zeit nur die
ewigen Querschläger, sture Ideologen und Querulanten, die den Staat-im-Aufbau
beinahe in einen Bürgerkrieg gestürzt hätten, als es
darum ging, die lästige Mandatsmacht aus dem Land zu bomben..
Kurz: Das Unternehmen Israel war das Produkt linker, europäischer
Zionisten, dem Sozialismus in vielen Schattierungen verschrieben, und
seine Erfolgsgeschichte daher der alleinige Erfolg der Arbeiterpartei.
Deswegen stürzte sich der Likud auf seine" Siedler wie
auf ein Gottesgeschenk: Mit der rechten Ideologie folgten sie dem uralten
rechten Glauben, dass das ganze Land urjüdisch sei. Mit ihren Siedlungen,
die häufig als Containerlager begannen und sich dann Schritt für
Schritt Häuser, Strassen, Swimming Pools zulegten, also einfach
mit ihrer Präsenz bekräftigten sie den jüdischen Anspruch
auf biblisches Heimatland.
Und dies gilt bis heute. Oslo, also die Einsicht, dass beide Völker
so nicht mehr weitermachen können, hat daran nichts geändert.
Dabei bedient sich die Regierung, damals wie heute, gerne legaler und
semantischer Tricks. Während kurz nach dem 67 Krieg militärische
Siedlungen vom Obersten Gerichtshof aus Sicherheitsgründen abgesegnet
waren, stand die Rechtmäßigkeit rein ideologisch bedingter
Siedlungen auf wackligen Beinen. Um die Siedlungspolitik dennoch vorantreiben
zu können, wurden Ländereien kurzerhand als Staatsland deklariert
(eine Taktik, deren sich bereits die Arbeiterpartei bediente, die aber
erst unter dem Likud so richtig in Fahrt kam) und somit zur Besiedlung
freigegeben. Enteignete Palästinenser konnten zwar dagegen Einspruch
erheben, aber da die Kommission, die ihre Einsprüche bearbeitete,
dem Militär unterstand, hatten ihre Widersprüche selten Aussicht
auf Erfolg. Und was dem Staat gehörte, konnte der Staat auch nach
Gutdünken verwenden.
Heute werden Neubau und Ausbau der Siedlungen vor allem mit dem schönen
Wort vom natürlichen Wachstums" begründet. Das
ist reine Augenwischerei und eine Verharmlosung der Tatsachen.
In Zahlen stellt sich die Sache so dar:
1967 waren von den insgesamt 5.680 Quadratkilometern der West Bank 527
Quadratkilometer in israelischer Hand, im Jahre 1973 waren es bereits
700. Dies steigerte sich danach auf 2.500 Quadratkilometer im Jahre
1993. In Prozenten ergibt das einen Anstieg von neun auf 44 Prozent.
Wie gesagt: Auch der Friedenprozess" änderte nichts
an der israelischen Siedlungspolitik: Allein zwischen 1992 (als die
Likud-Regierung unter dem Hardliner Yitzchak Shamir durch die Arbeiterpartei,
angeführt von Yitzchak Rabin und Shimon Peres, abgelöst wurde)
und 2001 stieg die Zahl der Siedler in der West-Bank, dem Gaza-Streifen
und den Golanhöhen um 80.000, auf rund 180.000. Dabei wurde allein
unter Barak - dem selbsternannten Friedensrecken - der Grundstein zu
mehr als 6000 Wohneinheiten gelegt. Das ergibt alles in allem einen
Zuwachs von 62 Prozent
Zukunftsaussichten? Keine guten. Angst vor der politischen Macht der
Siedler, die Unentschiedenheit seitens Israel, wie viel man denn nun
wirklich bereit ist, an die Palästinenser zurückzugeben, um
so etwas wie Frieden zu erlangen, und die Tatsache, dass die Siedlungen
für die Mehrheit der Israelis eine hochsensible Angelegenheit sind
(aus den erwähnten ideologischen Gründen und aus einem vagen
Sicherheitsgefühl" heraus, das jeder Israeli meint verstehen
zu können, da es ihm über Jahrzehnte eingebläut wurde),
haben bis dato noch jede Regierung davon abgehalten, sich dieses Problems
ernsthaft anzunehmen. Lieber baut man heimlich weiter. In der stillen
Hoffnung, einen Großteil des so besiedelten Landes bei einem eventuellen
Friedenschluss einfach mitnehmen zu können.
Die Regierung Sharon droht bereits mit der Errichtung von bis zu 5000
neuen Wohneinheiten in den kommenden Jahren: Shalom chaverim!
16. Februar 2002
Leserbrief
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