GAZETTE-Interview mit dem afghanischen Autor Atiq Rahimi

Anfang dieses Monats erschien "Erde und Asche", der erste Roman des afghanischen Autors Atiq Rahimi in deutscher Sprache. Rahimi (geb. 1962), der seit seiner Jugend schreibt, ging wenige Jahre nach der sowjetischen Invasion Afghanistans ins französische Exil. Er lebt heute als Filmemacher und Autor in Paris.

Gazette: Sie haben Ihre Kindheit und Jugend im Afghanistan der 60er und 70er Jahre verbracht, einer Zeit also, in der es mehr Freiheit gab als je zuvor und je danach. Was sind Ihre wichtigsten Erinnerungen?

Rahimi: Es war eine großartige Zeit. Ich wuchs in einem wohlhabenden Milieu auf, mein Vater war Regierungsbeamter, meine Mutter Lehrerin, ich ging in eine Eliteschule. Es gab ein reiches Kulturangebot, einen großen Büchermarkt, viel Kino und Freiheit für die Philosophie. Es gab politische Parteien und Freiheit für die Frauen, die in manchen Berufssparten 40 Prozent der Arbeitskräfte stellten. Ja, es war gut, denn wir konnten wählen. Für eine gewisse soziale Schicht war das Leben wirklich sehr angenehm, wobei man nicht vergessen darf, dass es in den Provinzen viel Elend gab, Afghanistan war schließlich ein unterentwickeltes Land, auf dem noch dazu die Tradition schwer lastete. Doch schon 1973, da war ich gerade elf Jahre alt, gab es den ersten Bruch. Prinz Daoud putschte sich an die Macht, setzte König Zahir Shah ab und beeendet die Monarchie. Mein Vater, der Monarchist war, wurde verhaftet, und Schritt für Schritt wurden die Freiheiten eingeschränkt. Dann mit dem kommunistischen Putsch 1978 begann sofort der Terror. Davon handelt mein zweiter Roman, der im März auf Französisch erscheinen wird "(Les mille maisons du rêve et de la terreur"). Innerhalb eines einzigen Jahres wurden zehntausend Angehörige der afghanischen Elite hingerichtet. Dann kam die sowjetische Invasion. Da war ich 17, und plötzlich war alles vorbei.

Noch blieben Sie aber einige Jahre im Land; was veranlasste Sie dann, mit 22 ins Exil zu gehen?

Da kam einiges zusammen. Es gab Probleme in der Familie, ich verstand mich nicht mit meinem prokommunistischem Bruder. Schon mit 12 Jahren hatte ich begonnen zu schreiben, meist kleine Kurzgeschichten, die oft nur einige Absätze lang waren. Nun aber konnte ich nichts mehr schreiben. Ich hatte ständig Probleme mit der Zensur. Ein Mal hielt ich einen Vortrag über Camus, am nächsten Tag wurde ich ins Büro der KP zitiert, man sagte mir, das wäre das letzte Mal gewesen, dass ich über einen imperialistischen Schriftsteller geredet hätte. Camus - ein imperialistischer Autor! Dann war ich völlig gegen diese Invasion und dieses Regime, und wenn ich mein Studium der französischen Literatur in Afghanistan beendet hätte, hätte ich meinen Militärdienst machen müssen, ich bin aber unfähig, eine Waffe auch nur in die Hand zu nehmen.
Vorhin sagte ich, als die Sowjets kamen, war alles aus. Nun, vor kurzem war ich in London in den Archiven, um über die Epoche vor 1978/79 nachzuforschen, und da dachte ich mir wieder, das war wirklich großartig. Mädchen, die tanzten, Feste, bei denen sich die Frauen frei bewegten. Da sagte ich mir, olala, so war das tatsächlich. Natürlich war einiges dann auch unter den Sowjets noch so, natürlich tanzten die Frauen auch dann noch, aber das war wie so vieles andere nicht mehr aus freier Wahl, es war eher so für die Feste der Kommunisten. Man musste mitmachen, wobei kein Zweifel darüber besteht, dass es noch immer besser ist für die Frauen, tanzen zu müssen, als dann wie unter den Taliban behandelt zu werden. Aber es war nicht mehr die Freiheit wie zuvor.

Sie gingen also ins französische Exil, wo Sie die Freiheit hatten sich auszudrücken. Aber auch dort aber haben Sie erst nach langen Jahren das erste Buch veröffentlicht. Was hinderte Sie so lange am Schreiben?

Als ich ins Exil ging, hörte ich auf zu schreiben und ging sehr auf Distanz zu Afghanistan. Nach dem sowjetischen Regime in Kabul sah ich bei meiner Ankunft in Pakistan diese andere Atmosphäre, all die islamistischen Gruppen und Mudschaheddin, da war ich nur noch verzweifelter. Ich sage immer, ich bin kein politischer Flüchtling, ich bin ein kultureller Flüchtling, mit der Kultur des Totalitarismus und jener der Integristen habe ich nichts gemeinsam. In Frankreich hatte ich wenig Kontakt mit Afghanen, ich mied ihre Veranstaltungen, ich machte meine Studien hier und begann Filme zu machen, denn ich sagte mir, auf Französisch werde ich nie schreiben können, also suchte ich mir eine andere Sprache, eine Art, mich auszudrücken und wandte mich dem Bild zu.

Welcher afghanischen Kultur fühlen Sie sich - als kultureller Flüchtling vor Totalitarismus und religiösem Fundamentalismus - denn zugehörig?

Unserer kulturellen Vergangenheit bis zum 17., 18. Jahrhundert. Ich liebe diese Literatur, ich verschlinge diese Bücher und bin stark beeinflusst davon. Es gab eine Offenheit, eine Insolenz allem gegenüber, die damaligen Autoren wagten es, von Gott anders zu sprechen, sie interpretierten den Koran und wandten ihn nicht wie eine starre Doktrin an. Der Islam bis zum 17., 18. Jahrhundert beruhte auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf der Angst vor Gott, sondern auf der Liebe zu Gott. Es war eine Philosphie, die sich fast schon zu einer humanistischen Philosophie des Menschen hin wandelte, eine vom Sufismus geprägte mystische Philosophie, die gegen die muslimischen Dogmen ankämpfte. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein, sprach; die Liebe des Menschen zu Gott wurde stets mit der Trunkenheit durch den Wein verglichen, ohne die spätere Sakralisierung. Fardusi, Khayyam, Rumi und Nezami, das sind meine Autoren.

Wie erklären Sie sich dann den Weg, den Afghanistan von dort aus genommen hat?

Ich mache gerade einen Film für Arte über das zeitgenössische Afghanistan seit den 60er Jahren, und da stelle ich mir genau diese Frage. Ein armes Land wie Afghanistan ist binnen drei Jahrzehnten von einem Extrem ins andere gegangen, von der konstitutionellen Monarchie auf Basis des britischen Systems [bis 1973] über die Republik von Afghanistan auf französischer Basis, einen nationalistischen Kommunismus von 1978 bis 1979, dann den internationalistischen prosowjetischen Kommunismus, hin zur islamistischen Republik [1992-96], die sich am Iran orientierte, und schließlich zu den Taliban mit einem islamistischen Staat nach dem Modell Saudiarabiens. Was ist da gelaufen? Das ist die Frage, die ich allen meinen Interviewpartnern stelle. Warum neigen die Afghanen derart zu Extremen? Es hat sicher viel mit der geopolitischen Lage zu tun, es ist ein Land, das immer alle angezogen hat, was zu einer großen ethnischen und kulturellen Vielfalt geführt hat, aber auch zu Konflikten zwischen Zivilisationen und politischen Ambitionen, die keine Ruhe zugelassen haben.

Welche der genannten Entwicklungen hat Sie dann wieder zum Schreiben veranlasst?

Das war die Machtübernahme der Taliban 1996. Wieder war es eine Invasion Afghanistans, aber eine noch gefährlichere als die der Sowjets. Denn die Taliban kamen mit der Waffe der Religion, außerdem ließ die Welt Afghanistan allein, was ja 1979 nicht der Fall war, da war noch Kalter Krieg. Ich erinnere mich, als ich Mitte der 80er Jahre nach Frankreich kam, da wurden die tapferen Afghanen hochgejubelt, die sich gegen die Sowjets zur Wehr setzen. Diese tapferen Krieger, hieß es da. Aber ich sagte mir: Moment mal, die Afghanen sind doch nicht einfach nur Krieger, sie haben eine Kultur, aber jeder sprach von Afghanistan nur als dem Land der Krieger, keiner redete über unsere Zivilisation, das machte mir Angst.
Als dann die Taliban kamen, sah ich wieder diese Bilder von den Afghanen als Krieger, als Idioten, als Fanatiker, die nichts anderes zu tun wissen, als Hände abzuhacken. Da begann ich wieder zu schreiben, denn ich musste mich mit der Gewalt in meinem Land auseinandersetzen. Ich kam zu dem Schluss, das wir in unserem Land nie eine Periode der Trauer einlegen, unter den Sowjets gab es immerhin eine Million Tote, aber das Land fand keine Zeit sie zu betrauern, sondern ging sofort zur Rache über. Trauern aber ist so wichtig. Da schrieb ich meinen Roman "Erde und Asche" darüber, wie die Zukunft - in der Person des jungen Yassin - taub ist, die Gegenwart - in der Figur Murad - verraten, die Vergangenheit mit ihrem Schmerz und ihrem Leiden unterdrückt.

Können Sie sich vorstellen, wieder nach Afghanistan zurückzugehen? Was wären die Voraussetzungen?

Jetzt, denke ich, gibt es eine Chance für das Land, wenn die Politiker genügend Reife zeigen, aber man darf nicht vergessen: 20 Jahre Krieg haben alles zerstört, die Mentalität, den Mut, den Esprit, die Einstellung, da ist eine junge Generation herangewachsen, die nur Krieg gekannt hat.
Ich selbst fahre nach 17 Jahren nun das erste Mal wieder hin, aber um einen Film zu drehen. Da brauche ich Distanz und darf nicht in Sentimentalität verfallen. Um dort zu leben, müsste ich sein dürfen, wie ich jetzt hier bin, frei in meinen Gedanken, frei in meinem Schreiben, akzeptiert als der, der ich bin. Nie mehr könnte ich dort leben, wenn ich schweigen muss.

Die Fragen stellte Brigitte Voykowitsch.

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Claassen-Verlag (www.claassen-verlag.de), München 2002, 112 Seiten, 13 Euro.

16. Februar 2002

Leserbrief


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