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GAZETTE-Interview mit dem afghanischen Autor Atiq Rahimi Anfang dieses Monats erschien "Erde und Asche", der erste Roman des afghanischen Autors Atiq Rahimi in deutscher Sprache. Rahimi (geb. 1962), der seit seiner Jugend schreibt, ging wenige Jahre nach der sowjetischen Invasion Afghanistans ins französische Exil. Er lebt heute als Filmemacher und Autor in Paris. Gazette: Sie haben Ihre Kindheit und Jugend im Afghanistan der 60er und 70er Jahre verbracht, einer Zeit also, in der es mehr Freiheit gab als je zuvor und je danach. Was sind Ihre wichtigsten Erinnerungen?
Da kam einiges zusammen. Es gab Probleme in der Familie, ich verstand
mich nicht mit meinem prokommunistischem Bruder. Schon mit 12 Jahren
hatte ich begonnen zu schreiben, meist kleine Kurzgeschichten, die oft
nur einige Absätze lang waren. Nun aber konnte ich nichts mehr
schreiben. Ich hatte ständig Probleme mit der Zensur. Ein Mal hielt
ich einen Vortrag über Camus, am nächsten Tag wurde ich ins
Büro der KP zitiert, man sagte mir, das wäre das letzte Mal
gewesen, dass ich über einen imperialistischen Schriftsteller geredet
hätte. Camus - ein imperialistischer Autor! Dann war ich völlig
gegen diese Invasion und dieses Regime, und wenn ich mein Studium der
französischen Literatur in Afghanistan beendet hätte, hätte
ich meinen Militärdienst machen müssen, ich bin aber unfähig,
eine Waffe auch nur in die Hand zu nehmen. Welcher afghanischen Kultur fühlen Sie sich - als kultureller Flüchtling vor Totalitarismus und religiösem Fundamentalismus - denn zugehörig? Unserer kulturellen Vergangenheit bis zum 17., 18. Jahrhundert. Ich liebe diese Literatur, ich verschlinge diese Bücher und bin stark beeinflusst davon. Es gab eine Offenheit, eine Insolenz allem gegenüber, die damaligen Autoren wagten es, von Gott anders zu sprechen, sie interpretierten den Koran und wandten ihn nicht wie eine starre Doktrin an. Der Islam bis zum 17., 18. Jahrhundert beruhte auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf der Angst vor Gott, sondern auf der Liebe zu Gott. Es war eine Philosphie, die sich fast schon zu einer humanistischen Philosophie des Menschen hin wandelte, eine vom Sufismus geprägte mystische Philosophie, die gegen die muslimischen Dogmen ankämpfte. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein, sprach; die Liebe des Menschen zu Gott wurde stets mit der Trunkenheit durch den Wein verglichen, ohne die spätere Sakralisierung. Fardusi, Khayyam, Rumi und Nezami, das sind meine Autoren. Wie erklären Sie sich dann den Weg, den Afghanistan von dort aus genommen hat? Ich mache gerade einen Film für Arte über das zeitgenössische Afghanistan seit den 60er Jahren, und da stelle ich mir genau diese Frage. Ein armes Land wie Afghanistan ist binnen drei Jahrzehnten von einem Extrem ins andere gegangen, von der konstitutionellen Monarchie auf Basis des britischen Systems [bis 1973] über die Republik von Afghanistan auf französischer Basis, einen nationalistischen Kommunismus von 1978 bis 1979, dann den internationalistischen prosowjetischen Kommunismus, hin zur islamistischen Republik [1992-96], die sich am Iran orientierte, und schließlich zu den Taliban mit einem islamistischen Staat nach dem Modell Saudiarabiens. Was ist da gelaufen? Das ist die Frage, die ich allen meinen Interviewpartnern stelle. Warum neigen die Afghanen derart zu Extremen? Es hat sicher viel mit der geopolitischen Lage zu tun, es ist ein Land, das immer alle angezogen hat, was zu einer großen ethnischen und kulturellen Vielfalt geführt hat, aber auch zu Konflikten zwischen Zivilisationen und politischen Ambitionen, die keine Ruhe zugelassen haben. Welche der genannten Entwicklungen hat Sie dann wieder zum Schreiben veranlasst? Das war die Machtübernahme der Taliban 1996. Wieder war es eine
Invasion Afghanistans, aber eine noch gefährlichere als die der
Sowjets. Denn die Taliban kamen mit der Waffe der Religion, außerdem
ließ die Welt Afghanistan allein, was ja 1979 nicht der Fall war,
da war noch Kalter Krieg. Ich erinnere mich, als ich Mitte der 80er
Jahre nach Frankreich kam, da wurden die tapferen Afghanen hochgejubelt,
die sich gegen die Sowjets zur Wehr setzen. Diese tapferen Krieger,
hieß es da. Aber ich sagte mir: Moment mal, die Afghanen sind
doch nicht einfach nur Krieger, sie haben eine Kultur, aber jeder sprach
von Afghanistan nur als dem Land der Krieger, keiner redete über
unsere Zivilisation, das machte mir Angst. Können Sie sich vorstellen, wieder nach Afghanistan zurückzugehen? Was wären die Voraussetzungen? Jetzt, denke ich, gibt es eine Chance für das Land, wenn die Politiker
genügend Reife zeigen, aber man darf nicht vergessen: 20 Jahre
Krieg haben alles zerstört, die Mentalität, den Mut, den Esprit,
die Einstellung, da ist eine junge Generation herangewachsen, die nur
Krieg gekannt hat. Die Fragen stellte Brigitte Voykowitsch. Atiq Rahimi, Erde und Asche, Aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Claassen-Verlag (www.claassen-verlag.de), München 2002, 112 Seiten, 13 Euro. 16. Februar 2002 |
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