Mexikos autoritäre Vergangenheit

Das Massaker von Tlaltelolco

Tlaltelolco war die letzte Bastion der Azteken, die von den Spaniern erobert wurde. Heute ist es ein Platz im Zentrum von Mexiko-Stadt, der durch das Massaker vom 2. Oktober 1968 – wenige Tage vor der Eröffnung der Olympischen Spiele - zum gewalttätigen Symbol einer autoritären Ära geworden ist. Erst jetzt, 33 Jahre danach, sind Beweise dafür ans Licht gekommen, dass das Massaker nicht von gewalttätigen Studenten ausgelöst wurde, sondern von einer Sondereinheit unter Verantwortung des Innenministers und unter dem Oberbefehl des Präsidenten inszeniert war.

Von Judith Brandner

"Ich habe geglaubt, am nächsten Tag, also am 3. oder 4. Oktober würde das Volk zu den Waffen greifen und sich erheben, weil seine Kinder ermordet worden waren, aber nein. Nichts ist geschehen. Überhaupt nichts!"

Tief bewegt betrachtet Baltazar Doro Guadarrama eine Gedenktafel für die Opfer des Massakers vom 2. Oktober 1968 auf der Plaza Tlaltelolco, dem Platz der drei Kulturen in Mexiko-Stadt. Die Ruine einer aztekischen Pyramide, die Kirche aus dem 16. Jahrhundert und die Hochhäuser aus den 60er Jahren repräsentieren die drei Kulturen Mexikos. Auf der Gedenktafel sind die Namen einiger Opfer eingemeisselt und ein Text der Schriftstellerin Rosario Castellanos (Foto li.), die vergeblich Auskunft über das Schicksal ihres Sohnes verlangt hat.

Ende Juli 1968 begann die Studentenbewegung in Mexiko über die universitären Zirkel hinauszuwachsen. Am 27. Juli wurde die Regierung mit einem Spitzelbericht von verbalen Agressionen gegen Präsident Díaz Ordaz (Foto re.) informiert. Zwei Wochen später erlebte Mexiko-Stadt die größte Demonstration seit vielen Jahren: 200.000 Teilnehmer nannte sogar der Polizeibericht. Es war eine Mobilisierung gelungen, die alle überraschte, denn die allgemeine Situation war öffentlichen politischen Äußerungen keineswegs förderlich, weiß Pascal Beltran del Rio, der Chefredakteur des Politmagazins Proceso: "Eine Demonstration zu veranstalten, ein Plakat zu kleben oder eine Parole an die Wand zu malen, das war damals in Mexico etwas, wofür man ins Gefängnis gehen konnte, oder man wurde von der Polizei verprügelt. Sich politisch zu betätigen, war sehr riskant. Alle sozialen Bewegungen in Mexico wurden gewaltsam niedergeschlagen. Bei so etwas mitzumachen, dazu gehörte schon Mut."

Doch die Studenten mobilisierten weiter. Von Regierungsseite wurde die Bewegung zum perfekten Feindbild stilisiert, zu einem von Moskau, Peking oder Havanna aus ferngesteuerten Mob. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden härter und blutiger. Immer öfter zersplitterten Schaufenster, brannten Autos. Bis sich die Regierung entschloss, Militär einzusetzen. Am 18. September stürmt die Armee die Universität. 700 Festnahmen. Schulen werden vom Militär besetzt. Das Stadtviertel Santo Tómas muß von der Polizei regelrecht erobert werden. 10 Stunden lang leisten die Studenten Widerstand. Alles strebt auf eine endgültige Niederwerfung der streikenden Protestbewegung zu. Schließlich sollen in wenigen Wochen die Olympischen Spiele Mexikos positives Image in die Welt hinaus tragen. Der Tag der endgültigen Niederwerfung sollte schließlich der 2. Oktober 1968 sein. Der Ort: Tlaltelolco, Platz der drei Kulturen (Foto).


 

 

 

 

 

 


"Als wir hier ankamen und durch den Hintereingang ins Edificio Chihuahua gingen, sahen wir Leute in Zivilkleidung, aber mit kurz geschnittenen Haaren, so daß wir sie sofort für Soldaten gehalten haben", erinnert sich Baltazar Doro Guadarrama, einer der Aktivisten von damals.

Jung seien sie gewesen, in Zivilkleidung, viele im Anzug. Alle paar Meter sei einer dagestanden: "Wir sagten schon, die gehören zur Armee oder zur Polizei. Aber wir hätten niemals gedacht, daß es zu einem Massaker kommen würde, zu so einer brutalen Schlächterei." Baltazar Doro Guadarrama ist ein sympathischer kleiner Mann, sehr dunkel, wendig und von einer gewissen Eleganz. Ein studierter Techniker, der heute mit Klimaanlagen handelt. Gemeinsam mit anderen war er für die Propaganda zuständig. Ziemlich bekannt seien sie gewesen, erzählt er, denn sie ließen Ballons steigen: "Mit heißer Luft stiegen sie auf und wenn sie verbrannten, fielen die Flugblätter vom Himmel."

Der Platz der 3 Kulturen war seit der Besetzung der Universität durch das Militär immer wieder für Kundgebungen benutzt worden. Seine Lage ist dafür sehr gut geeignet, denn das direkt am Platz liegende Wohnhaus Edificio Chihuahua hat im dritten Stock eine geräumige Loggia, die als Tribüne dient. Dort erlebte Baltazar Doro den Beginn der Kampfhandlungen. Die Kundgebung hatte ungefähr um halb fünf Uhr nachmittags begonnen. Wegen der Olympischen Spiele seien viele Journalisten dagewesen, darunter auch die Italienerin Oriana Fallaci. Ihre spätere, dramatische Schilderung der Ereignisse ist unvergessen. Der erste Redner sei der kürzlich verstorbene Florencio Lopez Osuna gewesen, erinnert sich Baltazar Doro: "Während wir dem Redner zuhörten, kam ein Helikopter, zog eine Schleife direkt über dem Platz und schoß Leuchtkugeln ab. Das war das Signal für die Männer, die wir unten schon gesehen hatten und die inzwischen weiße Handschuhe angezogen hatten. Das war das Bataillon Olympia, wie wir noch am gleichen Abend erfuhren. Die stürmten auf die Tribüne und warfen sich auf die ersten Redner, die führenden Leute der Bewegung."

Der Balkon im dritten Stock habe auf der Seite des Platzes eine ungefähr 80 Zentimeter hohe Brüstung gehabt, schildert Baltazar Doro, hinter der sie in Deckung gegangen seien und auf den Platz hinunter geschossen hätten – ohne zu sehen, wohin. Daraus sei eine Schießerei mit den Soldaten auf der Straße gegenüber entstanden. Die Soldaten glaubten ja, daß sie von den Studenten beschossen wurden – ein Teil des mörderischen Plans. Sofort, als die Schießerei begann, habe er die Flucht ergriffen, erzählt Baltazar Doro und die Erschütterung ist ihm noch heute, über 30 Jahre später, anzumerken. Er lief hinauf, in den 5. Stock, wo seine Tante wohnte. Ihm folgten 25 bis 30 Leute in die Wohnung. Es sei wie im Krieg gewesen. Soldaten und Polizisten hätten herumgeschossen. Er und die anderen seien am Boden gelegen, in den hinteren Räumen der Wohnung, weg von den Fenstern, weil die Kugeln die Mauern durchschlugen. Vermutlich eine Panzerkanone schlug große Löcher in die Wände. Heute wisse man, so Baltazar Doro, dass auf den Dächern der umliegenden Häuser und sogar auf der Kirche Scharfschützen postiert gewesen seien, die in alle Richtungen schossen. Als die Schießerei nachließ und nur mehr vereinzelte Schüsse zu hören waren, sei er ans Fenster gegangen, um nachzusehen: "Auf dem Platz lagen die Leute auf dem Boden. Ich schätzte ungefähr 300 oder 400 Körper, ich weiß nicht, ob es Tote waren oder Verletzte, jedenfalls lagen sie reglos auf dem Platz."

Die Existenz von Scharfschützen auf den umliegenden Dächern war von Zeugen immer wieder behauptet worden, doch erst 1999 gelang es zwei der angesehensten Journalisten Mexikos, den Beweis dafür zu finden. Julio Scherer García, der Gründer des Magazins Proceso, und Carlos Monsiváis veröffentlichten ein Dokument des Verteidigungsministeriums, in dem bestätigt wurde, daß 10 Offiziere den Befehl hatten, in die Menge zu schießen und dies auch erfolgreich getan hatten, weshalb mehrere Tote, sowohl Zivilisten als auch Soldaten, auf ihr Konto gingen. Bis heute ist allerdings die genaue Opferbilanz ungeklärt. Das sei immer ein großes Geheimnis gewesen, und es sei immer mit unterschiedlichen Zahlen manipuliert worden – von 20 bis zu ein paar hunderten Toten, sagt der Chefredakteur des Proceso, Pascal Beltran del Rio und fügt hinzu: "Wir wissen, daß viele Leichen sofort von der Militärpolizei weggeräumt worden sind. Es gibt eine Zahl, die sich aus verschiedenen Quellen ergibt und die der Realität schon eher nahekommt: zwischen 300 und 500 Toten."

Baltazar Doro, damals 21, und seine Kollegen in der Wohnung der Tante überlebten die erste Schießerei. Als die Zivilisten des Bataillon Olympia das ganze Gebäude durchsuchten, wurden auch sie aus ihrem Versteck geholt und ins Erdgeschoß gebracht. Dort wartete ein Fotograf, der alle ablichtete, die herunterkamen: "Das waren die Fotos, die jetzt in der Zeitschrift Proceso erschienen sind. Da war auch mein Foto dabei. Ich erinnere mich genau, wie ich mich eigentlich verstecken wollte, damit sie mich nicht draufkriegen."

Danach seien Polizisten gekommen, hätten die Studenten am Gürtel geschnappt und mit vorgehaltener Pistole zu Lastwagen geschleppt. Dann habe eine zweite Schießerei begonnen.

Doch da ist der Lastwagen schon unterwegs ins Militärgefängnis. Am 2. Oktober werden Baltazar Doro und seine Kollegen verhaftet. Am 11., einen Tag vor Eröffnung der Olympischen Spiele, läßt man diejenigen wieder frei, die für ungefährlich gehalten werden. Die anderen seien in Haft geblieben und später in ein reguläres Gefängnis verlegt worden, erzählt Baltazar Doro: "Einige blieben 3 Monate dort. Die große Mehrheit war zweieinhalb Jahre im schwarzen Palast von Lecumberri. So nannte man das Gefängnis. Heute ist dort das Staatsarchiv. Ein schöner Zufall!" Ein schöner Zufall, denn möglicherweise lagerten genau dort bis vor wenigen Wochen die Fotos, auf denen sich Baltazar Doro in der Zeitschrift Proceso wiedererkannt hatte. Die gut 2 Dutzend Bilder zeigen die Männer vom Bataillon Olympia in voller Aktion: die Pistole in der Rechten, links einen weißen Handschuh. Und sie zeigen auch die Opfer. Studenten in Unterhosen mit erhobenen Händen an der Wand. Besonders eindrucksvoll Florencio Lopez Osuna (Foto),der Redner von der Loggia im Edificio Chihuahua, mit deutlichen Spuren von Mißhandlungen und mangelhaft abgewaschenem Blut. Dieses Titelbild erscheint am 9. Dezember 2001 im Proceso. Zwei Wochen später erscheint es noch einmal: Florencio Lopez Osuna ist gestorben. Unter zweifelhaften Umständen zwar, aber nach offiziellen Angaben ohne Fremdeinwirkung. Embolie mit 55 Jahren. Woher die Bilder kommen, die der Korrespondentin des Proceso in Madrid anonym zugespielt worden sind, ist unklar. "Bis heute wissen wir nicht, wer uns die Fotos übermittelt hat", sagt Beltran del Rio, der für die Veröffentlichung der Bilder verantwortlich ist. Er nimmt jedoch an: von jemandem, der Zugang zu Regierungsunterlagen hat. Das lasse zwei Schlüsse zu: Es gebe in dieser oder in einer früheren Regierung jemanden, der einem jetzigen oder ehemaligen Regierungsmitglied eine Botschaft schicken wolle. Und auch, daß es weitere Unterlagen gebe, die von den Behörden bisher nicht veröffentlicht worden seien. Für ihn haben die Fotos jedenfalls einen hohen journalistischen Wert:

"Sie geben die Realität wieder. Es ist leicht feststellbar, dass sie wirklich vom Tatort stammen, weil sie von Augenzeugen identifiziert worden sind."

Neben dem dokumentarischen Wert und der Beweiskraft der Bilder, bleibt natürlich noch einiger Spielraum für aktuelle politische Spekulationen. Eine gewisse politische Absicht, vielleicht auch eine Intrige. Ganz gewiss jedenfalls wurde der Ort der Übergabe – Madrid – nicht zufällig gewählt. Denn dort lebt mit Baltazar Garzón, ein Richter, der sehr aktiv ist, wenn es um Völkermord, Diktatoren oder andere Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika geht. "Wer immer uns also das Material in Madrid übergeben hat, er hat diese Art von Botschaft beabsichtigt", sagt Beltran del Rio.

Die Botschaft von Madrid könnte lauten: Das Ende der Straflosigkeit steht bevor. Denn nach der Zurücklegung mehrerer Anzeigen gegen die Verantwortlichen des Massakers ist ein Verfahren noch immer nicht abgeschlossen. Seit mehr als zwei Jahren wartet die Öffentlichkeit auf eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, von der eine Strafverfolgung abhängt. Der Hinweis auf den spanischen Richter Garzón hat nach allem, was Putschgeneral Augusto Pinochet passierte und argentinischen Generälen noch bevorsteht, einiges Gewicht. Denn die Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht mehr auf die nationale Gerichtsbarkeit angewiesen.

Der Proceso rief seine Leser dazu auf, die Menschen auf den Fotos zu identifizieren, und erhielt zahlreiche Reaktionen. Von den Behörden hingegen gab es bislang nur Schweigen. Pascal Beltran del Rio ist diese Methode des Nicht-Einmal-Ignorierens von Behörden und Politikern in Mexiko gewöhnt.

Doch eigentlich sollte sich auch daran mit dem letzten Machtwechsel etwas geändert haben. Denn nach mehr als 70 Jahren wurde bei den Präsidentschaftswahlen 2000 die Partei der Institutionalisierten Revolution PRI von der Partei der Nationalen Aktion PAN abgelöst. Und die war gewählt worden, weil sie versprach, den autoritären Stil der PRI nicht weiterzuführen.

Als die PRI an der Regierung war, sei diese Art von Reaktion typisch gewesen, analysiert Beltran del Rio. Die neue Regierung habe jedoch Transparenz und Offenheit verkündet. Deshalb sei er schon überrascht gewesen, daß diese Regierung nicht reagieren wollte - noch dazu, wo kein Regierungmitglied für die Ereignisse von Tlaltelolco Verantwortung trage. "Immerhin wissen wir, daß es sie interessiert, denn als der Tod von Florencio Lopez Osuna bekannt wurde, der zuvor auf der Titelseite abgebildet war, gaben sie sofort ein Kommunique heraus, in dem sein Tod bedauert wurde. Offensichtlich waren sie voll auf dem Laufenden, aber sie haben entschieden, nicht zu reagieren."

Doch ganz gleich, ob Regierung, Behörden und Täter von damals nun reagieren oder nicht, jede neuerliche Beschäftigung mit den Ereignissen von damals sei eine Rekonstruktion der Erinnerung, die den Intentionen autoritärer Regime zuwiderlaufe, denn die seien nur daran interessiert, die Geschichte selbst zu schreiben und die Erinnerung unter Kontrolle zu halten, meint Carlos Monsiváis. Der Wandel sei in Mexico sehr langsam vor sich gegangen, resümiert Pascal Beltran del Rio und erinnert daran, dass die PRI-Regierung 1929 begann. Der autoritäre Höhepunkt sei 1968 mit Tlaltelolco erreicht worden. Und erst von da an hätten sich die Dinge zu ändern begonnen, mit politische Reformen, die mehr Beteiligung ermöglicht hätten. Erst von da an sei es langsam vorwärts gegangen. Bis dahin habe es etwa politische Parteien gegeben, die verboten waren. So wurde die kommunistische Partei erst 10 Jahre nach Tlaltelolco legalisiert. Nachdenklich meint er: "Ich glaube, Tlaltlolco war der Anfang des Wandels, der sich erst im Jahre 2000 konkretisiert hat."

16. Februar 2002

Leserbrief


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