Ken Kesey

Captain Flag: Ein amerikanischer Held

Ken Kesey, Autor von "Einer flog übers Kuckucksnest", Organisator der ersten LSD-Partys Kaliforniens, starb im letzten November auf seiner Farm in Oregon.

Von Hans Pfitzinger

"Wenn mich jemand fragt, welches mein größtes Werk ist, sage ich immer: Der Bus. 'Einer flog übers Kuckucksnest' und 'Manchmal ein großes Verlangen' sind gute Romane, aber der Bus ist ein lebendiges Werk, ein vollkommen einzigartiges Werk." (Ken Kesey)

Wavy Gravy nannte sich der Clown. Er trug eine eng am Kopf anliegende Narrenkappe und einen bunten Overall, aus lauter Flicken zusammengenäht, dazu Cowboystiefel und in der Hand einen Stock mit kleinen Glöckchen dran. Eigentlich hieß er Hugh Romney, doch bei den Rockkonzerten im Golden Gate Park von San Francisco Mitte der siebziger Jahre sah man ihn nur in seinem Clownskostüm als Wavy Gravy. Mein Freund Douglas, der zu der Zeit gerade mit seiner Freundin Deanna in unsere WG eingezogen war, machte mich auf den kleinen Mann mit dem immer lächelnden Gesicht aufmerksam. Fast ehrfürchtig deutete er mit dem Kopf in seine Richtung: "Heh, da drüben steht Wavy Gravy." Als ich etwas verständnislos zu ihm hinschaute, fügte Doug hinzu:"Erinnerst du dich an den Woodstock-Film? Da kommt er auf die Bühne und sagt: 'Was wir jetzt vorhaben, das ist Frühstück im Bett für 400.000.' Und außerdem war er mit Kesey und den Merry Pranksters im Bus dabei." Ah ja, alles klar.

Seit der Reise waren damals gut zehn Jahre vergangen, doch Ken Keseys Trip von 1964 mit dem psychedelisch bemalten Bus gehörte zu den Legenden im kalifornischen Untergrund. Damit war der Autor des Bestsellers "Einer flog übers Kuckucksnest" zum Avantgarde-Helden einer gerade entstehenden Bewegung geworden, die später unter dem Oberbegriff Hippiekultur die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf San Francisco lenken sollte. Keseys erster Roman über die bizarren Erlebnisse des Randall P. McMurphy im kalifornischen Irrenhaus hatte den Autor in die erste Liga der US-Autoren katapultiert. Ein Hollywood-Produzent hatte sich die Rechte gesichert, die Kritiker von der Ostküste sahen mit dem Mann aus Kalifornien einen neuen Stern über der Literaturszene aufgehen.

Ken Kesey wurde geboren am 17. September 1935 in La Junta, im US-Bundesstaat Colorado ("Ich war zu jung für die Beatnicks und zu alt für die Hippies"). 1959 studierte er an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto das Fach Kreatives Schreiben. Das Stipendium reichte nicht, also wollte er etwas Geld dazuverdienen. Er meldete sich für medizinische Experimente, bei denen die Wirkung von damals weitgehend unbekannten Drogen erforscht werden sollte: Die US-Regierung hatte Studien in Auftrag gegeben,um die Wirkung von LSD, Meskalin und von psilocybinhaltigen Pilzen untersuchen zu lassen. Kesey mit seiner überdurchschnittlichen Intelligenz und der durchtrainierten Athletenfigur war willkommenes Versuchskaninchen. Und er dehnte die wissenschaftlichen Versuche aus, nahm schon mal einen LSD-Trip vor seiner Schicht als Nachtwächter in einem psychiatrischen Krankenhaus. Dort hatte er eine Vision: Eines Tages sah er einen großgewachsenen Indianer, der mit einem Besen den Flur kehrte. Die Grundidee für "Einer flog übers Kuckucksnest" war da. Der Roman erschien 1962, und Kesey hatte mit einem Schlag keine Geldsorgen mehr. Seine persönliche Schlussfolgerung aus den Experimenten mit den Psychedelika lässt sich so zusammenfassen: Die Welt kann nur besser werden, wenn möglichst viele Menschen Erfahrungen mit diesen Drogen sammeln.

Noch 1999 sagte er einem jungen Journalisten:"Ich finde, Drogen sind ungeheuer wichtig, high zu sein, ist wichtig ... aber es gibt auch andere Wege, um zur Erleuchtung zu kommen. Das kann ein Trauerfall sein, fasten, beten. Aber bei uns war es halt Acid, und wir versuchten, ein neues Bewusstsein zu verkörpern, eine völlig neue Art, die Welt zu sehen."

Zu diesem Zweck veranstaltete er regelmäßig gewaltige Parties, erst in seinem Haus in La Honda, dann, als wegen der vielen Leute Keseys Grundstück zu klein wurde, an wechselnden Orten in der Gegend südlich von San José. Im Mittelpunkt stand dabei jedes Mal eine große Schüssel mit "Electric Kool-Aid" - mit LSD versetzter Fruchtpunsch. Niemand hatte solche Treffen je zuvor erlebt. Die Parties sprachen sich herum, Kesey lud auch die Motorradrocker von der Hell's Angels-Gang ein, um sie unter Strom zu setzen - alles im Namen der Wissenschaft natürlich. Immer häufiger kamen befreundete Musiker vorbei, die sich The Warlocks nannten und eine seltsame Mischung aus Folk, Bluegrass, Rock, Jazz und Improvisation spielten. Auch als sie ihren Namen in The Grateful Dead änderten, blieben sie Ken Keseys Hausband.

Der kümmerte sich neben all dem Trubel der "Acid Tests", wie die Partys inzwischen genannt wurden, auch noch um sein zweites Buch, das 1964 unter dem Titel "Sometimes a Great Notion" erscheinen sollte, eine Familiensage über eine Holzfällersippe in Oregon. Dazu nahm er den Staat nördlich von Kalifornien selbst in Augenschein, und was er sah, gefiel ihm sehr. Später kaufte er eine Farm in der Nähe von Eugene, wo er für den Rest seines Lebens wohnte.

Ob die sehr durchwachsene Aufnahme von "Sometimes a Great Notion" bei ihm Zweifel an einem Schriftstellerdasein ausgelöst hatte, oder ob ihn die Aussicht auf das wahre Leben lockte - jedenfalls kaufte Kesey 1964 einen prächtigen Bus Marke International Harvester, Baujahr 1939, und ließ ihn mit Besen, Pinseln, Sprühdosen in leuchtenden Farben bemalen. Über der Windschutzscheibe, wo sonst die Endstation des Buses stand, prangte dasWort "Further" ("weiter"), wahlweise auch in der Schreibweise "Furthur". Auf dem Dach gab es ein Sonnendeck, hinten einen Generator für die Sound-Anlage, innen alles, was zum Überleben auf der Landstraße nötig war, dazu eine Filmausrüstung auf dem neuesten Stand der Technik. Die Gruppe von Künstlern, Theaterleuten und Clowns, die mitkommen wollten, nannten sich The Merry Pranksters, und am Steuer saß DER FAHRER. Neal Cassady war zu der Zeit in Nordkalifornien eine lebende Legende: Jeder wusste, dass Jack Kerouac mit seiner Romanfigur Dean Moriarty im Buch "On the Road" ("Unterwegs") ein ziemlich genaues Porträt von Cassady gezeichnet hatte. Ein Wahnsinn, der Mensch!

Die Reise ging von der Westküste an die Ostküste und wieder zurück, und da es Kesey auch darauf ankam, alles zu dokumentieren und für die Nachwelt festzuhalten, hatte er nichts dagegen, dass zeitweise ein Schriftstellerkollege aus New York mitfuhr, der sich eifrig Notizen machte.Der Typ hieß Tom Wolfe, und sein Bericht über Kesey und die Merry Pranksters erschien unter dem Titel "The Electric Kool-Aid Acid Test" - wahrscheinlich das beste Buch, dass Wolfe je geschrieben hat. Er begegnet Kesey mit großem Respekt, mit Staunen und Fassungslosigkeit:

"Ende Juni fahren wir durch die Dämpfe des südlichen Alabama, und Kesey erhebt sich direkt aus dem Comic-Heft und wird zu Captain Flag. Er zieht einen pinkfarbenen Kilt an, der aussieht wie ein Minirock, dazu pinkfarbene Socken und Markenschuhe aus Leder und eine pinkfarbene Sonnenbrille und bindet sich eine amerikanische Flagge wie einen Turban um den Kopf und durchbohrt sie hinten mit einem Pfeil, damit sie hält, und klettert auf das Dach des Buses, der dröhnend durch Alabama röhrt, und fängt an, für die Menschen am Straßenrand auf der Flöte zu spielen."

In Deutschland erschien Wolfes Buch im Herbst 1987 bei Eichborn (Titel: "Unter Strom - Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Pranksters)" und ist längst wieder vergriffen. Das ist nicht schade, wenn man der taz von damals glauben darf. Da schrieb Henner Voss: "Eine besengte Übersetzung, die keinen Umweg über den Schreibtisch eines Lektors genommen hat." LSD war im Jahr 1964 noch nicht für illegal erklärt worden, aber die Acid Tests und der seltsame Schriftsteller waren den Hütern von Recht und Ordnung ein Dorn im Auge. Sie versuchten, Kesey kleinzukriegen, und weil es gegen die Drogenlimo keine Handhabe gab, musste Gras herhalten: Wegen zwei Joints wurde Haftbefehl gegen Kesey erlassen. Er floh nach Mexiko, kehrte aber wieder zurück, stellte sich den Behörden und saß sechs Monate Gefängnis ab. (In der Essay-Sammlung "Demon Box" beschreibt er im ersten Beitrag "D Tank Kickout" seine Haftentlassung. Angeblich hat Kesey in den neunziger Jahren einen ganzen Band mit seinen Knastschriften zusammengestellt, der aber bisher nicht veröffentlicht wurde. Danach zog er auf seine Farm in Oregon, wo er mit seiner Frau Faye drei Kinder großzog (ein Sohn starb im Jahr 1984). Auf Fotos aus jener Zeit sieht man ihn auf einem Traktor sitzen und Furchen in den Acker ziehen - der Schriftsteller war zum Farmer geworden.

Drei Jahre nach der Begegnung mit Wavy Gravy kehrte ich nach Deutschland zurück und sah und hörte lange nichts mehr von Ken Kesey und den Merry Pranksters. Im Kino hinterließ er dann wieder Spuren für mich. Seine beiden ersten Romane wurden verfilmt. "Sometimes a Great Notion" hatte ich mal im US-TV sehen können, Paul Newman spielte die Hauptrolle, was wegen seiner Ähnlichkeit mit dem jungen Kesey recht gut passte. Mit dem Film "Einer flog übers Kuckucksnest" verdiente sich Michael Douglas als Produzent eine goldene Nase, und Jack Nicholson wurde endgültig zum Star. Nur einer war beleidigt: Nachdem er vier oder fünf Drehbuchfassungen abgeliefert hatte, in denen der Indianer stärker im Mittelpunkt stand als in der Endfassung, zerstritt Kesey sich mit Douglas und behauptete später, den Film nie gesehen zu haben.

"Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Aber ich schreibe nicht, um dem Leser meine Seele zu zeigen. Ich schreibe, um dem Leser seine Seele zu zeigen."

Als mir 1987 "Demon Box" in die Hände fiel, staunte ich über die Vielzahl von Themen, die Kesey in seinen Zeitschriftenartikeln behandelt hatte. In all den Jahren hatte er immer wieder Aufträge bekommen und angenommen - von Esquire, von Rolling Stone, vom Playboy, von Running. In "The Day After Superman Died" setzt er dem alten Kumpel und ewigen Fahrer Neal Cassady ein Denkmal, in "Now We Know How Many Holes It Takes to Fill the Albert Hall" erinnert er an den eben ermordeten John Lennon und seine Begegnung mit ihm im Londoner Apple-Büro, umgeben von Pranksters und Hell's Angels. Beide Texte vermischen Fakt und Fiktion auf eine merkwürdige Weise zu etwas Neuem, jenseits von Bericht und Reportage und Kurzgeschichte. In "The Search for the Secret Pyramid" erzählt er von seiner Reise nach Ägypten und den magischen Theorien der Pharaonenforscher. Hinreißende Arbeiten, aber nicht volkstümlich genug, um einen deutschen Verlag zur Übersetzung zu veranlassen. Bei Eichborn winkt die Lektorin ab: Kesey hätte wohl seine Schreibkraft verloren.

Anfang der neunziger Jahre erschien "The Further Inquiry", und er brachte zwei Kinderbücher heraus, "The Sea Lion" und "Tricker the Squirrel Meets Big Double the Bear". Letzteres wurde von der Kongressbibliothek in Washington als Lektüre für Sechs- bis Achtjährige empfohlen. 28 Jahre nach seinem letzten "großen Roman" erschien 1992 "Sailor's Song", drei Jahre später "Last Go Round".

Doch das Schreiben war immer nur ein Teil seiner Arbeit. Die Merry Pranksters gab es ja auch noch, als eine Art Avantgarde-Theatertruppe. Sie führten Mitte der neunziger Jahre "Twister" auf, eine Multimedia-Bühnenfassung von "Der Zauberer von Oz". 1997 erlitt Ken Kesey einen Schlaganfall, von dem er sich aber erstaunlich rasch wieder erholte. Zwei Jahre später war er Ehrengast beim Sundance Filmfestival in Colorado, wo ein Dokumentarfilm über die Beat-Dichter (Titel: "The Source") zur Uraufführung kam. Darin sagt er dem Regisseur: "Mir ist jetzt erst klargeworden, dass ich als einziger von ihnen noch am Leben bin - Ginsberg ist tot, Kerouac, Cassady, Burroughs." Und seit 1995 auch Jerry Garcia, der Leadgitarrist der Grateful Dead, Wegbegleiter seit den ersten Acid-Tests. Im Sommer 1999 tourte Kesey mit den Pranksters und dem Stück "The Search for King Arthur" durch England. Damals sagte er einem Interviewer: "Eine Publikation ist genau das: Wenn man seine Arbeit vor ein Publikum bringt." Ob Buch, Lesung, Theateraufführung oder Bus, Kesey sah sie alle als verschiedene, durchaus gleichwertige Formen der Veröffentlichung an. Was bleibt? Der Bus (er steht noch heute auf Keseys Farm in Oregon) und die Bücher. In Deutschland gilt der Singular: Das Buch, denn außer "Einer flog übers Kuckucksnest" (bei Rowohlt) gibt es nichts mehr von Kesey im Buchhandel. Vielleicht findet man in Bibliotheken noch "Manchmal ein großes Verlangen" (oder "Manchmal ein großer Einfall" - wenn ich mich recht erinnere, gab es Keseys grandiosen zweiten Roman mal unter beiden Titeln bei verschiedenen Verlagen). Auf englisch sieht es besser aus: Alle Werke sind als Taschenbücher in Druck, auch die letzten beiden Romane, auch "Demon Box", dazu eine Biographie ("Ken Kesey" von Stephen L. Tanner) und das Buch von Tom Wolfe. Der Dokumentarfilm über die Prankster-Reise im Jahr 1964 soll endlich fertiggestellt sein und angeblich demnächst auf Video herauskommen. Den wunderbaren Wavy Gravy erhellen www.intrepidtrips.com und www.cleartest.com/. Seine Wahlkampagne "Nobody for President" führte er unter dem Motto:"Who's going to lower your taxes? Nobody." Außerdem gibt es eine von Keseys Sohn Zane unterhaltene Homepage (www.key-z.com) - mit den blinkenden Anklickkreisen und dem Psychedelic-Paisley-Design ein wunderbares Beispiel für späten Neo-Haight-Ashbury-Stil. Zane hat Links zu den großen Brüdern im Geiste eingebaut, zu Allen Ginsberg, Grateful Dead, Jerry Garcia, Hunter S. Thompson, William Burroughs, Timothy Leary, dazu betreibt er einen Versandhandel mit "Shirts, CD, Buttons, Stickers" - die nächste Kesey-Generation hat sich aufs Merchandising von Daddys nachwirkender Energie verlegt. Seit November letzten Jahres ziert die Aufmacherseite der Homepage ein Foto von Kesey mit Cowboy-Strohhut und einem kurzärmeligen Hemd in den US-Farben. Darunter steht:"Rest in Peace, Dad! 11 - 10 - 2001". An seinem Grab erläuterte Ken Babbs, einer der Gefährten von den Pranksters, was Ken Kesey unter "prank" verstand: "Etwas,das niemandem weh tut. Es muss erleuchtend sein, und es muss lustig sein."

31. Januar 2002

Leserbrief


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