Der Kandidat

Über die sehr langsame Verfertigung der Gedanken beim Sprechen

"Dieses großen Telefonunternehmens von Herrn Sommer", "gleichgeschlechtliche Verfolgung", "wegen ihrer Fraulichkeit"? Das soll Edmund Stoiber alles gesagt haben? Behauptet "Focus". Das Dumme daran: Die drei Zitate sind keine "Fakten, Fakten, Fakten", sondern von "Focus" kreativ nachgestellt. Nur hier erfahren Sie, sprachwissenschaftlich aufbereitet, was der Kanzlerkandidat der Union wirklich gesagt hat. Und was dahintersteckt.

Von Anatol

Die Merkmale der gesprochenen Sprache sind gut erforscht. Beispielsweise werden hier nicht alle Sätze zu Ende gesprochen, neue Sätze werden oft mit "und" eingeleitet, es treten verstärkt Defizite im Satzbau auf (nicht selten durch Selbstkorrekturen und ähnliche Einschübe), und einige Äußerungen ("äh", "ha") lassen sich keinen Lexikoneinheiten zuordnen. Solche Merkmale kennzeichnen auch die gesprochene Sprache des Kandidaten Stoiber. Seine Sprache ist aber auch durch andere, eher persönlichkeitsspezifische Merkmale gekennzeichnet.
Wir haben für unsere Untersuchung die Äußerungen des Kandidaten, die er am 20. Januar 2002 bei Sabine Christiansen gemacht hat, transkribiert (der vollständige Text kann hier abgerufen werden).
Ein wenig Statistik: Es handelt sich um einen Corpus von 6241 Wörtern, in dem - sehr korrekt - 22-mal das Wort "Deutschland" vorkommt, aber nur neunmal "Bayern"; bedenklich ist dagegen drei Wochen nach der Währungsumstellung die höhere Häufigkeit von "DM" (acht Fälle) gegenüber "Euro" (zwei Fälle); öfter kommt das Wort "Prozent" vor, 30-mal, was aber nicht verwundert, da es dem Sprecher vorrangig um Wirtschaft geht. Auffallend ist die Häufigkeit von "natürlich" (25), die die Neigung des Sprechers verrät, möglichst oft Selbstverständliches darzulegen, das keiner Begründung bedarf. Auf einige der 133 Pausenfüller ("äh") kommen wir gleich noch zu sprechen. Im übrigen darf diese Zahl nicht überbewertet werden, sie liegt noch unter der Vorkommenshäufigkeit des Wortes "ich" (147-mal). Der längste Satz umfaßt 281 Wörter.
Mehrere Verstöße kann man sicher der Nervosität des Kandidaten zuschreiben. Zum Beispiel auch diesen Sinn-Fehler, der durch den Ausfall eines "nicht" entsteht (der falsche Artikel bei "One-man-Show" bleibt hier unberücksichtigt):

und wir werden sehr - eng miteinander zusammenarbeiten, und es wird nicht so sein, daß da - ein One-man-Show, die wird es mit Sicherheit geben, Show sowieso nicht und One-man auch nicht.

Ebenso liegt es wohl nur an der hohen Erregung des Kandidaten, daß er sich bei einer Aufzählung völlig verheddert: Er wiederholt unter "zweiter Punkt" kurz, was er unter "Erstens" dargelegt hat, fährt dann mit "Zweitens" fort und breitet nach "Dritter Punkt" noch einmal ausführlich all das aus, was er schon unter "Erstens" gesagt hat:

Erstens: Es muß – äh – zum Beispiel bei vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland - generell den Anwerbestop für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer außerhalb der Europäischen Union aufzuheben, halte ich für falsch, das kann man den Millionen von Arbeitslosen in Deutschland nicht – äh – deutlich machen, hier stimme ich sogar ausnahmsweise mal mit Oskar Lafontaine überein, der das – äh – äh – am Sonntag vor einer Woche hier auch so deutlich gemacht hat. – Äh – zweiter Punkt: Ich halte also die Begren- - ich halte den Anwerbestop - der muß – äh – kann nicht generell aufgehoben werden. Zweitens: Es kann mit Sicherheit - muß eine Begrenzung der Zuwanderung her, die im Gesetz - weder in der Begründung, noch im Gesetz steht. Dritter Punkt: Ich halte es für absolut unverantwortlich, bei 4,3 Millionen erwarteten, von der Bundesregierung bereits prognostizierten Arbeitslosen im - im - im - im Februar oder März halte ich es für unverantwortlich, zu sagen: Wenn irgendwo in einem Arbeitsamtsbezirk, irgendwo in einem Teilmarkt jetzt ein Problem von - von - von - von Kräften besteht, daß ich also bestimmte Arbeitsplätze nicht besetzen kann, dann soll sofort der Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte aufgemacht werden, ohne daß man sich kümmert darum, ob ich die vielleicht in Hamburg oder ob ich die vielleicht in Erfurt oder wo auch immer bekommen kann, ich muß zunächst einmal den nationalen Arbeitsmarkt abschöpfen.

Nur störend wirken sprachliche Versatzstücke, die offenbar gedankenlos, jedenfalls nicht ihrem Inhalt gemäß eingesetzt werden, wie z.B. "sage ich Ihnen ganz deutlich", "das muß ich ganz offen sagen" oder:

Ob wir dann im langfrist- – äh – die Dinge wieder verändern, da muß ich Ihnen ganz offen sagen, äh – da müssen wir – äh – in Ruhe – äh – die Dinge in - erörtern und behandeln.

Die erwähnten Pausenfüller werden vom Kandidaten auf zweierlei Weise eingesetzt. Zum einen dienen sie der vorbereitenden Formulierung bereits andrängender weiterer Gedanken während des Aussprechens eines Textes von sprachlich geringer Anforderung (jedenfalls muß man annehmen, daß die Nennung der Namen "Merz" und "Merkel" dem Kandidaten keine hohen intellektuellen Leistungen abverlangt).

Und jetzt - das ist unsere Position, nie haben wir etwas anderes gesagt - wenn wir im September die Mehrheit bekommen, dann kann ich nur sagen - und deckungsgleich – äh – Herr Merz – äh – äh – Frau – äh – äh – Frau Merkel oder ich oder wer auch immer, das ist die Position von CDU/CSU ...

Zum andern jedoch dürften diese Pausenfüller auch echte Verlegenheit andeuten, etwa in der Antwort auf die Moderatorin, die die Absage eines in Aussicht genommenen Wahlkampfmanagers als "Flop" bezeichnet hat:

Es gibt doch keinen Flop. – Äh – ich meine, man überlegt, das hat – äh – äh – verschiedene Aspekte, ich hab mit Frau Merkel darüber gesprochen, und – äh – das war noch überhaupt nicht konkret, wir haben – äh – überlegt, wie – äh – ordnen wir eigentlich die Wahlkampfstruktur zu ...

Wenn, anders als in diesem Fall, die Verlegenheit offenkundig nur in Wortfindungsschwierigkeiten begründet ist, kann es bei dem Kandidaten leicht zu etwas kommen, das die Presse ungenau, aber boshaft als "Gestammel" bezeichnet hat. Hier zwei Beispiele für das Phänomen:

Die Großen [Unternehmen] können jetzt so viel verrechnen, in der ganzen Welt, mit - mit - mit - mit - mit anderen, mit peripher liegenden Tochtergesellschaften.

Ich meine, das sind vier Punkte - vier Punkte, die Herr Stolpe zum Beispiel im Bundesrat klar als Bedingung, das heißt also, Absenkung des Na- - des - des - des - des - des Na- - des - des Alters, des Alters der Kinder, wenn sie - des Nachzugsalters.

Die - übrigens sehr schnell gesprochene - Wiederholung der Artikel geschieht hier offenbar aus dem Grund, einem Gesprächspartner auch in einer Phase, die ein ruhiges Nachdenken erfordern würde, keine Chance zur Unterbrechung zu geben, also mit allen Mitteln das Wort zu behalten (diesem Zweck dienen ja ganz deutlich auch andere schnelle Wiederholungen wie "nein, nein, nein" oder parallele Reihungen wie "Jemand, der Ministerpräsident von Niedersachsen oder von Bayern oder von - oder von - von Baden-Württemberg ist").
Erst die Häufung mehrerer Wortwiederholungen oder die Kombination von Pausenfüllern mit Wortwiederholungen scheint eine echte - momentane - Verwirrung des Kandidaten anzuzeigen. Sie tritt zum Beispiel auch da ein, wo die Moderatorin sagt, er sei ja vom Finanzminister gelobt worden dafür, daß er das Vorziehen der Steuerreform nicht für finanzierbar halte:

Für mich kommt - also da - da werd ich ja vom - vom - da werd ich ja vom Täter, der die - der die Ursache gelegt hat, daß wir kaum mehr Spielraum haben, vom dem will ich nun wirklich nicht gelobt werden.

Gewichtiger ist das folgende Beispiel mit einer Kombination aus Wortwiederholungen und Pausenfüllern, weil dem Sprecher der gesuchte Unternehmensname (Telekom) nicht mehr einfällt, sondern nur noch der Name des Vorstandsvorsitzenden:

jetzt schreiben die großen Firmen, ob das British Telecom, ob das VIAG, ob das Telek- – äh – die - die - die - die – äh – äh – äh – die große deutsche Gesellschaft ist, Herr Sommer, der schreibt jetzt ab, weil er natürlich die 16 Milliarden Mark abschreibt ...

Hinsichtlich ihrer PR-Wirkung bedenklich sind Fehlleistungen dieses Inhalts deshalb, weil der Kandidat ja als kompetent in Wirtschaftsfragen gesehen werden möchte. Dem stehen Wortfindungsprobleme wie das "Telekom"-Beispiel zweifellos entgegen (wohl auch der Hinweis des Kandidaten zur Umrechnung von DM in Euro: "... ich muß jetzt auch immer noch umrechnen, es geht Ihnen vielleicht auch so, die alten Diskussionen laufen immer noch auf DM, und man muß dann sehr schnell mal zwei - oder mal zwei rechnen ...").
Noch erheblicher in seiner Außenwirkung ist es, wenn dem Kandidaten ein bestimmter Fachbegriff aus der Asyldebatte partout nicht einfallen will, nämlich die "geschlechtsspezifische Verfolgung":

Da kommt der fünfte Punkt und der sechste Punkt, kommen sicherlich die Fragen: gleichge-, nicht gleichgeschl-, sondern ob ich auch – äh – äh – Asylgründe schaffe außerhalb der politischen und der rassistischen Verfolgung, also auch Gründe – äh – wenn - aus - wenn - wenn andere Gründe sozusagen - also aus - dem Geschlecht oder ähnlichem – äh – stattfinden, daß also Frauen, die irgendwie wegen ihres Frauseins irgendwo verfolgt werden, ob ich denen jetzt ein Asyl - einen zusätzlichen Asylgrund gebe.

Die schier hilflos zu nennenden Formulierungsversuche des Kandidaten sind geeignet, ihn für eine Diskussion des Asyrechts ungeeignet erscheinen zu lassen. Sie deuten im übrigen auf eine emotionale Blockade hin, eine Ablehnung nicht nur dieses Asylgrundes selbst, sondern sogar eines für den Sprecher offenbar nur sexuell konnotierten, also sprachpsychologisch zensurbedürftigen Begriffs. Gegen Ende der Sendung teilt der Kandidat übrigens noch mit, er habe "ein sehr modernes Frauenbild".

Der Imageberater von der "BamS" (Spreng über Stoiber: "Ich fand ihn nicht so schlecht") wird zu tun haben.

31. Januar 2002

Leserbrief


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