FrauenFragen

Ist wirklich nichts mehr wie vorher?

Erinnern Sie sich auch so gut an den gebetsmühlenartig wiederholten Satz samt zugehöriger Betroffenheitsmimik, mit dem noch das letzte News-Milchgesicht im allerletzten Privatsender das Ende der Spaßgesellschaft beschwor? Mal sehen, was tatsächlich nicht mehr ist wie vor dem 11. September 2001: Es gibt plötzlich viel mehr Islamkenner und Terrorexperten mit unglaublich aufgeblähten Egos und viel weniger Leute, die Bürgerrechte für irgendwie wichtig halten. Während in und um Afghanistan das Gerangel um tribale Dominanz und Pipeline-Trassen in die nächste Runde geht und in New York die Ausschreibung für die Twin Towers-Nachfolge beginnt, wird Hamburg gnadenlos dunkelschwarz regiert, Berlin dafür rot-rot (kann man verstehen, sie hoffen dort halt auf die SED-Millionen fürs Stadtsäckel). Aber sonst? In Bazi-Land bootet Stoiber die Ossi-Tussi in der K-Frage aus, Reich-Ranicki nennt Spiegel-Autorinnen "Frauenzimmerchen", Sat1-Blitz berichtet über das Liebesleben von hirnamputierten Schlagerproduzenten ... alles wie gehabt.

Es gab hier im Westen einen Augenblick der kollektiven Angst, der Trauer und des Mitgefühls – vielen von uns wurde im Schock dieses Herbsttages bewußt, daß die Seele Schaden nimmt durch unsere Art zu leben und zu wirtschaften. Doch im sogenannten Tagesgeschäft ist kein Platz für ein Konzept wie "Seele" – ich meine, dieses Wort kriegst du wahrscheinlich sogar in der Redaktion vom "Wort zum Sonntag" rausgestrichen.

"Psyche" darf man sagen, immerhin. Also gut: Ein befreundeter Psychologe erwähnte unlängst, daß die Angststörungen hierzulande in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hätten: Angst – die letztlich immer Todesangst sei – gehöre zur menschlichen Grundausstattung. Und in einer Gesellschaft, in der es wenig Gefahren gibt (außer auf der Autobahn vor Greding), in der man relativ angstfrei lebt (außer du bist eine Frau und willst nachts unbedingt zu Fuß durch eine dunkle Straße) und den Tod so gekonnt verdrängt (und sei's in die sterile Klinikumgebung), müsse sich keiner wundern, wenn Angst sich in viele "Ängste" verkleide, vor Liften, vor freien Plätzen, vor sozialem Abstieg ...

Wie sind wir nun mit der Angst umgegangen, die uns der Terroranschlag gemacht hat? Wie gewohnt: Kurz schlucken, und weiter geht's: Euro-Aufgeregtheit löst die hektische Meinungsdiarrhö zu den Themen "Sind Muslime dialogfähig?", "Wie vertretbar ist Klonen?" und "Wann erholt sich die Börse?" ab. Zwischen Pisa-Studie und Berlusconi, McJobs und Haider-Idiotie quatschen sich ein paar Intellektuelle heiser, und niemand fragt sich mehr, was, genau, sich wirklich ändern könnte. Und nicht nur was, sondern auch – wie? Von oben: Genmanipulierern per Gesetz auf die Finger klopfen? Von unten: Jedesmal die Stadt in Grund und Boden demonstrieren, in der sich Wirtschaftsbosse zum Globalisierungs-Geklüngel treffen? Von außen: An der Lehrerbildung schrauben? Von innen: Vor der eigenen Tür kehren und ein besserer Mensch werden? Das wäre noch am ehesten mein Ding. Nur wie, bitte, stelle ich's an?

Als mein Vater im Sterben lag, war mir für kurze Zeit bewußt, wie leicht es sein könnte: Verantwortung für die eigene Entwicklung übernehmen und dieses kurze Leben bescheiden und gutgelaunt in Anstand und Würde abfeiern. Dann war er tot und begraben; mit dem Tagesgeschäft schlichen sich die Meinungen, Sorgen, Ablenkungen näher, wurden lauter, dröhnten mir die Ohren zu, bis ich wieder so weit war zu glauben, sie hätten was mit dem Leben zu tun. Wenn für mich also etwas anders sein soll als vorher: Was müßte ich tun? Versuchen, mehr dieser Augenblicke wahrzunehmen, in denen das Geschwalle mal still ist? Angst von medial erzeugter Hysterie unterscheiden und aushalten – ohne daß Menschen sterben, weder in New York noch sonst wo?

Moment, Moment. Zivilisationskritik hin, Medienschelte her, bevor mich jetzt die falschen Leute in die Arme schließen: Für mich ist es ganz wunderbar, hier nach wie vor – meinetwegen naive – Fragen stellen zu können, ohne mir direkt die Karriere zu versauen. Und wenn unser medienkompatibler Vordenker Sloterdijk in seiner neuen ZDF-Grips-Show "Im Glashaus" drei Mitmänner über den Begriff "Angst" räsonieren läßt, bin ich schon wieder halb versöhnt: Das bedeutet doch, daß wenigstens ein paar Herrschaften ansatzweise bereit sind, sich eigene Probleme anzuschauen, statt mit dem Finger auf irgendwelche Mullahs zu deuten. Ein bißchen wundert mich höchstens, daß zu diesem Diskurs Frauen nicht geladen waren, obwohl die von Angst eine Menge verstehen – gleich, ob sie in der Burka durch Ruinen oder auf Stöckeln in der Tiefgarage unterwegs sind ... Aber ich will ja nicht immer nur meckern.

31. Januar 2002

Leserbrief


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