Serie: Mein Blatt

25 Jahre EMMA

In der Gazette-Reihe über die bevorzugte Zeitschriftenlektüre unserer Autoren erschienen bisher Beiträge von Hans Pfitzinger über "Titanic" und Andreas Odenwald über "Rolling Stone". Jetzt wollen wir zur Abwechslung mal ein Klischee bedienen: Eva Herold schreibt über d i e Frauenzeitschrift.

Von Eva Herold

Wenn ich behaupte, EMMA sei meine Lieblingszeitschrift, ist das einerseits eine Lüge: Ich lese sie auch nicht öfter als andere Blätter. Andererseits finde ich: EMMA verdient als einzige den Namen "Frauenzeitschrift".

Die ganze Cosmopolitan-Elle-Vogue-Amica-Maxi-Riege ist ein einziges buntes, manchmal witziges, meistens simpel selbstreferentielles Anzeigen-Umfeld: Hier sollen Produkte an die Frau gebracht werden, die sie schöner, begehrenswerter, glücklicher machen, vorgeführt von schönen, begehrenswerten, glücklichen Frauen. Tapfere Redakteurinnen und Redakteure mühen sich in Textbeiträgen redlich ab, etwas Orientierung und Lebenshilfe zwischen lifestylige Promotions zu quetschen; Psycho-, Job- und Kulturtipps wiegen die Leserin in der Illusion, doch irgendwie ein ganzer, selbstbestimmter Mensch zu sein. Diese "Frauenzeitschriften" sind mehr oder weniger brauchbare Anleitungen zur Anpassung an bestehende Verhältnisse.

"Männerzeitschriften" stimmen mich fast noch trauriger: Playboy, Penthouse, Maxim oder Max, diese Hefte rund um "alles, was Männern Spaß macht" mit ihrem Möchtegern-Hedonismus. Ich kenne gottseidank nur Männer, die selbst wissen, welcher Wein ihnen schmeckt, die sich null für Autos, Sport und die Meinungen von mehr oder minder begabten Nachwuchs-Schauspielern interessieren, und die auch dann einen hochkriegen, wenn man ihnen keine Hochglanz-Plastiktitten-Postille ins Sichtfeld hält. Für alle anderen gibt's eben Herrenmagazine.

Nur: Während der "Gefreite in der Oberpfalz" – so definierte ein Playboy-Chefredakteur in den Themenkonferenzen stets herzerwärmend seine Zielgruppe – höchstens Robert-Bly-Bücher lesen kann, um andere Ideen von Männlichkeit zu bekommen, hat das Girlie dieser Altersstufe eine echte Alternative zur printgewordenen Weibchenmisere, braucht nur zum Kiosk zu gehen, sich eine EMMA holen.

Kritische, wache Berichterstattung aus strikt weiblicher Sicht wird hier geboten, manchmal sogar mit einer Spur Humor. Der fehlte den EMMAs der frühen Jahre, als die Macherinnen und Leserinnen noch Emanzen hießen. Ich war ein bißchen zu spät dran für lila Latzhosen, und wenn ich im Frauenbuchladen (gibt's sowas eigentlich noch?) das Blatt zur Hand nahm, wurden meine lackierten Fingernägel von demonstrativ ungeschminkten Wesen in derbem Schuhwerk stirnrunzelnd zur Kenntnis genommen. Den Schwanz-ab-Umgangston feminstischer Kreise fand ich befremdlich, doch ihre Wut verstand ich, und die Themen ihres Presseorgans gingen mich an: Das krasse Patronizing im Job, die tägliche sexistische Anmache, die ungerechte Rechtsprechung... Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges getan: Das Scheidungsrecht ruiniert jetzt auch viele Männer, die Political Correctness geht sogar den Frauen langsam auf den Geist, und wenn ein Kerl heute meint, in den Hintern einer junge Dame kneifen zu müssen, kann er gar nicht so schnell "Ey, geile Schnitte" sagen, wie er eins in die Eier kriegt.

Wenn Alice Schwarzer und ihre Schwestern auch nicht viel erreicht haben mit ihrem Kampf, so ist es doch ein ehrenhafter. Natürlich konnten sie nicht verhindern, daß 20jährige sich Schenkelfett absaugen und gestandene Medienfrauen das Gesicht liften lassen, daß Frauen in wirklich entscheidenden Positionen so selten sind wie Tasmanische Beutelteufel (man hört immer mal von ihnen, hat aber selbst noch nie welche gesehen), daß Alleinerziehende tatsächlich sehr allein sind und die Altersarmut merkwürdig häufig Frauen trifft. Aber, Mädels: Wo wären wir ohne die streitbaren EMMA-Mütter? Wir würden womöglich Feldbusch für ein passables weibliches Vorbild halten, "Assistentin der Geschäftsleitung" für die höchste Sprosse der Karriereleiter, den Papst für einen Mann, der ungefragt bei der Familienplanung mitreden darf – und eine Frauenzeitschrift, die sich über 25 Jahre ohne Glamour-Anzeigen auf dem Markt hält, für reine Spinnerei.

16. Februar 2002

Leserbrief


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