Das kollektive Gedächtnis

Erinnerungskultur

Berlin zeigt eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit des Deutschen Historischen Museums mit der Stiftung Topographie des Terrors, der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, dem Haus der Wannseekonferenz und dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst entstanden ist. Das ist die Crème de la Crème der deutschen Zeitgeschichtsinstitutionen, und alle bieten in ihren eigenen Häusern in und um Berlin exzellente Ausstellungen zum nämlichen Thema – wenn auch unter der für den Ort relevanten Fragestellung. Jetzt haben sie zum ersten Mal in großem Maßstab Exponate zu einer Ausstellung zusammengelegt.

Von Stefanie Brauer

Berlin, Ende Januar. Das Wetter trüb, verregnet, es wird noch immer nicht richtig hell, aber Wochenenden gibt es trotzdem und die nutzt der zeitgeschichtlich interessierte Hauptstädter (und der Tourist) zur Weiterbildung: Jüdisches Museum – längst gesehen, Haus der Wannseekonferenz, die Gedenkstätten, die Wehrmachtsausstellung, die Ausstellungen im Centrum Judaicum, die Topographie des Terrors - - - da fehlt doch was. Richtig. Denn es ist der 60. Jahrestag der Wannseekonferenz und der 27. Januar ist – seit zwei Jahren wenigstens – nun der offizielle "Holocaustgedenktag" zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz - Und was liegt da näher als eine weitere Ausstellung zu besuchen – zum Beispiel über den "Nationalsozialistischen Völkermord und die Motive seiner Erinnerung", eine "Zusammenschau" der in der Stadt verstreuten großen Aussstellungen im Kronprinzenpalais unter den Linden (Foto). Das klingt vielversprechend, denn auch das United States Holocaust Memorial Museum, das Staatliche Museum in Auschwitz-Birkenau und Israels nationale Gedenkstätte Yad Vashem haben ihren Beitrag zur Ausstellung geleistet – das könnte Reibungsflächen geben, Unterschiede im Erinnerungsdiskurs offenlegen, Fragen für unsere eigene Erinnerungskultur aufwerfen.

Genau das aber passiert nicht. Es geht hier nicht um Motive des Holocaust – es geht auch nicht um die sukzessive Veränderung eines Diskurses, um Fragen und Probleme etwa, die das Wegsterben der Täter- und Opfer-Generation aufwirft. Genauso wenig problematisiert die Ausstellung die spezifischen Perspektiven, mit dem die Erinnerung an die Massenermordung der Juden in den verschiedenen Ländern verbunden ist: dass die Auseinandersetzung in Israel, Polen und den USA in ganz anderer Weise mit der individuellen Trauer verknüpft ist und an den Verlust möglicherweise der eigenen Familienmitglieder erinnert, während diese Auseinandersetzung in Deutschland immer nur mit Fragen nach dem Leben in der Gesellschaft der Täter verbunden sein kann.

Dem Besucher der Ausstellung teilen sich vor allem Einzelschicksale durch Einzelexponate mit. Die zunehmend grausamen Kapitel der deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte seit Ende des Ersten Weltkriegs werden knapp und plastisch dargestellt: das Beispiel steht für das Allgemeine: Die Kindergärtnerinnen-Zeugnisse von Inge Deutschkron für den Versuch, umzulernen im Hinblick auf eine mögliche Auswanderung; die Kiste mit Briefen und in alte Mokkabohnen-Schachteln eingepackte Spielsachen für das Schicksal der 13jährigen Lilly Bial, die mit einem Kindertransport 1942 nach England entkommen konnte, während ihre Eltern nach Minsk deportiert und vermutlich in einem Lager im Osten ermordet wurden. Menschenmassen schieben sich durch die Räume, beugen sich über die Vitrinen, rücken zentimeterdicht an die gerahmten Dokumente an der Wand heran: Zeitungsausschnitte, in denen die Nürnberger Gesetze verkündet werden, Schnipsel aus dem Jüdischen Kulturbund, einer jener Organisationen, die als Reaktion auf die Repressionen des Hitler-Staates entstanden und mit denen die jüdischen Bürger versuchten, ein kulturelles Leben aufrechtzuerhalten. Sie sind einander gegenübergestellt, die beiden Geschichten: die von der zunehmenden Einengung des jüdischen Lebens in Deutschland, der langsamen Ausdehnung des Mordapparats und die Geschichte der – zunächst – stolzen Selbstbehauptung, zunehmend aber der Flucht, bis sich beide am Ende des Rundgangs durch den ersten Teil der Ausstellung verbinden: in dem neuen meterlangen Gipsmodell des Krematorium II von Auschwitz, das der polnische Bildhauer Mieczyslaw Stobierski 1995 geschaffen hat. Es zeigt den Vernichtungsapparat der Nationalsozialisten: die Männer, Frauen und Kinder, die zu den Gaskammern gebracht werden, die Kammern, in denen sich die Menschen entkleiden mussten, die Gaskammer und schließlich die Beseitigung der Leichen im Krematorium. Die Authentizität belegen Fundstücke in den Vitrinen drumherum: Häftlingskleidung, ein Hebel einer Lüftungsluke, Dosen mit der Aufschrift Zyklon B. Das Modell stellt gewissermaßen den Höhepunkt des Rundgangs dar, danach betritt der Besucher einen kleinen Raum, in dem Filme von der Befreiung der Lager gezeigt werden: Jene oft gezeigten und immer wieder anrührenden Sequenzen aus Bergen-Belsen: Die Leichen der ausgemergelten Frauen, die mit Bulldozern in Massengräber verschoben werden. Standbilder auf namenlose, tote Gesichter – in stummen Schrei geöffnete Münder, gebrochene Augen.

Viel weiter schaffen es die meisten Besucher kaum; und das ist – bei allem Lob für die sorgfältige Darstellung der Geschichte des Holocaust in diesem ersten Teil – das große Manko dieser Ausstellung. Denn im zweiten Teil erst geht es um die Rezeptionsgeschichte des Holocaust in Deutschland – und hier nun könnte die Frage nach den Motiven und ihren Veränderungen gestellt werden, auch die nach dem Selbstverständnis der beiden deutschen Staaten – und möglicherweise auch nach dem Scheitern an diesem Selbstverständnis, beziehungsweise dessen Instrumentalisierung im Dienste einer politischen Ideologie. Gerade in den späten Jahren ihres Bestehens wurde die Stilisierung der DDR zur "antifaschistischen", friedensliebenden Republik zunehmend unerträglich. Es ist aber auch nicht zu leugnen, dass den "Opfern des Faschismus" besonders in der Nachkriegszeit in viel höherem Maße als in der Bundesrepublik Anerkennung und Unterstützung zuteil wurde. Im einführenden Text zur Rezeption in den beiden deutschen Staaten ist allerdings nur vom Antisemitismus in der DDR die Rede und deshalb fühlen – die Einträge im Besucherbuch machen es deutlich – zu Recht viele ehemalige DDR-Bürger ihren Staat in dieser Beschreibung verunglimpft. Dass es in der Bundesrepublik nach dem Krieg Nationalsozialisten in staatstragenden Ämtern gegeben hat – Stichwort Globke – ist unumstritten und ein dunkles Kapitel deutscher Nachkriegspolitik – dargestellt wird es hier allein mit DDR-Propaganda-Material, von innerwestdeutschen Auseinandersetzungen, wie sie vor allem von der 68er Generation propagiert wurde: kein Wort. Dafür stehen hier all die Kapitelchen nebeneinander, die in den letzten Jahren seit dem Krieg die intellektuelle Öffentlichkeit bewegt haben: von den Nürnberger Prozessen über die Veröffentlichung der Tagebücher von Anne Frank, über den Eichmann-Prozess, antisemitische Ausschreitungen in den 60er und 80er Jahren, Kampf um den Börneplatz, Walser/Bubis-Debatte und Goldhagen-Debatte, der Streit um das Holocaust-Mahnmal, usw. usf. Das sind Themen der Erinnerung – aber sind es Motive? Interessant wäre es gewesen, an einem Beispiel die Veränderungen der Gedenkorte vorzuführen: Wie sich die pauschale Erinnerung an die "Opfer des Nationalsozialismus" individualisiert hat – wie die Stilisierung der Leidensorte sich verändert hat, hin zu einer Betonung des Authentischen. Wie die konkrete Darstellung angesichts des Nicht-Darstellbaren des Holocaust zunehmend der Abstraktion wich. Wie langsam die – allerdings noch immer weit verbreitete - Identifikation mit den Opfern der Erkenntnis Platz macht, sich als Deutscher mit der Tätergesellschaft auseinandersetzen zu müssen (und sich der Einsicht zu stellen, dass man als Deutscher in jedem Fall auch auf einer individuellen, biographischen Ebene mit der Geschichte verknüpft ist).

Nach dem Rundgang ein Blick in das Besucherbuch. Es habe, schrieb die Kritik über die Ausstellung, eine deutliche Veränderung im Erinnerungsdikurs stattgefunden. Heute seien es vor allem die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die sich Ausstellungen über den Nationalsozialismus mehr oder weniger emotionsfrei ansähen, um "zu wissen wie es war", die sich aber dem bis in die 80er Jahre hinein üblichen Gestus des "Nie wieder" entzögen. Die Einträge in den Besucherbücher belegen diese Beobachtung nicht. Wer sich hier verewigt hat, zeigt sich beeindruckt von den Exponaten und fast stereotyp wiederholt sich – in vielen Sprachen – die Parole "Never again". Das geht bis zu Warnungen vor dem Kanzlerkandidaten der CDU/CSU: "Nun also soll ein gewisser Dr. Stoiber trotz seiner Nähe zu den Neubraunen und unter deren Jubel Deutschlands neuer 'Führer' werden – Wehret den Anfängen!" Zeigt sich hier nun die zunehmend beschworene Offenheit der Deutschen? Ihre Fähigkeit, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und daraus für die Gegenwart ihre Schlüsse zu ziehen? Aber zieht die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Massenmord denn tatsächlich weitere Kreise – oder beschränkt sie sich nicht viel eher auf ein immer gleiches, zugegebenermaßen immer besser informiertes und von den Medien gehyptes Spezialpublikum, das, karawanengleich, von Ausstellung zu Ausstellung zieht?

Es bleibt ein äußerst zwiespältiges Gefühl, als wir um sechs Uhr aus dem Kronprinzenpalais, in dem an einem 27. Januar 1859 auch der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. das Licht der Welt erblickt hatte, auf die dunkle verregnete Straße treten. Was haben wir "gelernt?" Die von der Ausstellung aufgeworfene Frage nach den Motiven der Erinnerung, der Veränderungen im Geschichtsdiskurs hat die Ausstellung jedenfalls nicht beantwortet – aber vielleicht ist ja genau das die Chance: Für ein nächstes Holocaust-Ausstellungsprojekt.

Die Ausstellung geht noch bis zum 9. April. Öffnungszeiten täglich außer Mittwoch 10-18 Uhr, Donnerstag 10-22 Uhr, Karfreitag geschlossen, Ostersonntag und Ostermontag geöffnet. Eintritt frei.

16. Februar 2002

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