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Sun Tzu
Altchinesische Kriegslehren
Sun
Tzus "Dreizehn Kapitel über die Kunst des Kriegführens"
wurden 1772 von dem Jesuitenpater J. J. Amiot ins Französische
übertragen.
Erst Anfang des 19. Jahrhunderts folgten dann mehrere englische Übersetzungen,
von denen die letzte, 1963 von Samuel B. Griffith gefertigte, dieser
Besprechung zugrunde liegt.
Eine russische Übersetzung datiert von 1860.
Eine frühe Übertragung ins Deutsche von Bruno Navarra unter
dem Titel "Das Buch vom Kriege - der Militärklassiker der
Chinesen" aus dem Jahre 1910 ist vergriffen.
Neuerdings ist das Werk auch in deutscher Übersetzung in mehreren
Ausgaben wieder erhältlich, unter anderen in der Serie Piper: Sun
Tsu (Sunzi), Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Die Kunst des Krieges,
Euro 8,90.
Von Ulrich Scheske
Sun
Tzu ist als historische Persönlichkeit nicht bestimmbar. Das ihm
zugeschriebene Werk soll im 4. Jahrhundert v. Chr. in der "Periode
der kämpfenden Staaten" entstanden sein. Die Originalität
der Gedanken und ihre thematische Geschlossenheit lassen vermuten, dass
es sich nicht um eine Sammlung aus verschiedenen Quellen, sondern um
das Werk eines Mannes handelt, der über große militärische
Erfahrung verfügte.
Die "Dreizehn Kapitel" bilden das Kernstück der klassischen
chinesischen Lehre vom Krieg.
Sun Tzus Lehren sind das Manual einer intelligenten Kriegführung.
Sein erster Lehrsatz: "Krieg ist von entscheidender Bedeutung für
den Staat; er muss deshalb sorgfältig studiert werden" gibt
den Schlüssel zu seiner Philosophie. Kriegführen ist ihm nicht
ein Ergebnis untergründiger Strömungen und Emotionen, sondern
des sorgfältigsten Kalküls. In exakten Rechenoperationen werden
die Faktoren Moral (der Truppe und des Volkes), Führung, Organisation,
klimatische und topographische Bedingungen in ihren positiven und negativen
Werten auf beiden Seiten erfasst und zu einem zuverlässigen Kräftebild
verarbeitet. In ihrer Rationalität gleichen diese Kalkulationen
dem modernen Verfahren, mit Hilfe von Computern das Lagebild zu bestimmen.
"Kenne den Feind und kenne dich selbst, dann wirst du nicht in
Gefahr sein." Diese "im Tempelrat" vorzunehmenden Berechnungen
zeigen Sieg oder Niederlage an. "Mit vielen Berechnungen kann man
gewinnen, mit wenigen nicht." ...
Eine außerordentliche Stellung räumt Sun Tzu dem General
ein. Nicht der Draufgänger ist das Leitbild, sondern der klug Abwägende,
den wechselnden Lagen ständig Folgende, der aus ungünstigen
Situationen sich schnell und ohne Verluste zu lösen weiß
und im günstigen Augenblick gegen die Schwäche des Gegners
angreift. Zu siegen sei die Aufgabe des Generals, nicht der Truppe:
"Der fähige General sucht den Sieg aus der Situation; er verlangt
ihn nicht von seinen Untergebenen." ...
Einern solchen General wird große Unabhängigkeit gegenüber
dem Herrscher zugebilligt. Es sei Aufgabe des Königs, den General
auszuwählen; dann habe er die Ergebnisse der Operationen abzuwarten.
Es gäbe Situationen, in denen der General die Befehle des Königs
nicht ausführen dürfe. Sun Tzu führt an Beispielen aus,
wann die Befehle des Herrschers Unglück über die Armee bringen.
Hierzu bemerkt der Kommentator Chia Lin: "Kein Übel ist größer
als Befehle des Herrschers aus dem Hof."
Militärische Operationen sind aber nicht das einzige, vor allem
nicht das erste Instrument der Kriegführung im Sinne Sun Tzus.
Seine Strategie läuft darauf hinaus, den Gegner zu überwinden,
oline eine Schlacht zu schlagen. Seine Ziele sind, den feindlichen Staat
unversehrt zu gewinnen, nicht ihn zu zerstören; die feindliche
Armee zu fangen, nicht zu vernichten. "Hundert Siege in hundert
Schlachten zu gewinnen, ist nicht der Gipfel der Kriegskunst. Den Feind
ohne Kampf zu unterwerfen, ist die Krone der Kriegskunst." Sein
strategisches Instrumentarium ist anders geordnet: als Erstes fordert
er, die Pläne des Gegners zu vereiteln, bevor dieser sie verwirklichen
kann. Als nächstes: seine Bündnisse zu sprengen. Erst als
drittes: seine Armee anzugreifen. Die Städte erobert er, ohne sie
zu belagern.
Entschieden wendet sich der Klassiker gegen einen lang dauernden Krieg,
der nur die Schatzkammern des Staates leert und das Volk verarmt. Die
wirtschaftlichen Folgen werden von ihm klar bezeichnet: "Wo eine
Armee sich bewegt, steigen die Preise." ...
Den klassischen Lehren kommt eine außergewöhnliche Aktualität
zu. Mit dem vorangehenden exakten Kalkül, mit dem Primat der diplomatischen
vor der militärischen Aktion, mit der Forderung der beweglichen
Anpassung und damit der Ablehnung jedes starren Schemas, mit der Anwendung
des Prinzips des geringsten Mittels, mit den Methoden der psychologischen
Kriegführung, die den Gegner desorientiert, bevor sie ihn schlägt,
und schließlich mit der Betonung des moralischen Faktors gewinnen
Sun Tzus Lehren den Rang eines modernen Lehrbuchs der Strategie.
Quelle: Aus der Schule der Diplomatie. Beiträge
zu Außenpolitik, Recht, Kultur Menschenführung. Festschrift
für Peter H. Pfeiffer. Düsseldorf / Wien 1965
22. Dezember 2002
Leserbrief
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