Sascha Spangenberg

DELISCHE TÄNZERINNEN

Das stumme, morgenträge Meer zog
seine Nebelsegel auf am Steg
vorm tempelnahen Strand, dort
vor Letos Säulen, wo dein Himmel
blau wie ein schlafendes Auge ist.

Um uns dreht sich der Wind,
der alles schweigen macht (denn
er stiehlt uns das Wort von den
warmen Mündern und kühl
belächelt er unsere Stirnen).

Am Mittag hörte ich einen
Kiesel, den der Hang ins Meer warf,
verschluckt von der Welle, und
das kleine Jauchzen des Wassers
spritzte auf ein erwachendes Lid.

Unsre Schatten waren, wie das Haar, lang
und schwarz an abendheller Haut wie nachts das Meer
um die weißern Mondleiber; und am Strand
die scharfen Muscheln: man blutet
und findet eine rote Perle.

Und wie in Gärten schwerer Früchte leicht
im grünen See die Schwäne ziehn: so-
viel mehr Frieden als den Körpern erlaubt
hatten ihre Hälse, nackten
Flanken und flüsternde Schultern.

Nicht grell war vor ihnen das wolkenlose
Licht, die Erde satt wie Milch,
und ihre Lippen salzig. - Ich
trank davon nicht. Und hätte ichs:
Was käme danach?-


MAUPASSANT

Maupassant lief fünftausend Meter in fünfundzwanzig      Minuten,
wanderte sechzig bis achtzig Kilometer an einem Tag und
schoß auf einer Jagd siebenunddreißig Rebhühner.
Er schwamm sechs Kilometer und zog insgesamt elf
Leichen aus der Seine.
Maupassant hielt Hunde, Katzen, Goldfische, Hühner,
      Papageien und Schildkröten;
und lernte dreihundert oder vierhundert Frauen intim
      kennen und vergessen.
Maupassant hatte an einem Abend in Paris siebzehn
      Einladungen.
Er schrieb täglich drei Stunden und sechs Druckseiten,
eine zweiundsiebzigseitige Novelle in vier Tagen
ohne eine einzige Korrektur.
In zwölf Jahren publizierte er neben Zeitungsartikeln
      achtundzwanzig Bände und
      sechsundzwanzigtausend Seiten,
verdiente an seinen Rechten achtundzwanzigtausend
      Francs jährlich und
erreichte in vier Monaten neununddreißig Auflagen.

(Maupassant sagte von sich:
                    Ich empfinde die betrügerische Infamie des
                    Lebens wie sie nur je einer empfunden hat.)

22. Dezember 2002

Leserbrief

Kommentar des Autors:

Ein großes Beispiel von zyklischem Arrangement ist das "Wohltemperierte Klavier" von J. S. Bach - ein Beispiel auch dafür, wie sehr Welt, das heißt wie ausgreifend, verästelt und mannigfaltig, dabei streng einheitlich in seinen Grundzügen ein Kunstwerk sein kann.
Claude Debussy hat seine beiden Bände "Préludes" gewissermaßen im bescheidenen Gedenken an Bach komponiert. Dessen den Fugen vorangestellte Präludien des "Wohltemperierten Klaviers" sind formal freiere, kurze Charakterstücke, denen kaum eine Nuance des musikalisch Wahrnehmbaren entgeht. Debussy gestaltet seine Charakterstücke (übrigens nicht als erster) nach diesem Ideal: mit schwelgerischer Phantasie, atmosphärischer Stimmigkeit und dem Ziel der Vielfältigkeit innerhalb des Ganzen. Den Stücken nachgestellt ist jeweils eine mehr ergänzende als erläuternde Wendung, die man als Titel aufzufassen gewohnt ist. "Danseuses de Delphes" heißt die erste Komposition im ersten Band der "Préludes" von Debussy. Diesen Titel haben dem französischen Meister angeblich zwei Vasen geliefert, die auf seinem Kamin standen und antike Tänzerinnen zeigten. Und ebenso würde auch das Gedicht "Delphische Tänzerinnen" heißen, das als Nachdichtung dieses Klavierstücks gedacht ist: als nachfühlbare Übertragung seiner klanglichen Atmosphäre in eine sprachbildliche und -sinnliche. Wenn ich nicht geglaubt hätte, es sei zur dieser Übertragung ein Meer nötig, vor dessen lichttiefem Blau sich die apollinischen Bilder bewegen sollten. Da nun, wie unsere Atlanten alle wissen, Delphi ja nicht am Meer liegt, habe ich in Debussys Vasen "Delische Tänzerinnen" gesehen. Die Stimmung dieses knapp vierminütigen modernen Präludiums, vor etwa neunzig Jahren geschrieben, ist merkwürdig schweigsam für eine Szenerie von Tanzenden. Sie ist hell, klar und leise, eher ein Traum als ein Rausch, aber durchaus, so will es mir scheinen, körperlich. Aber ich will hier nicht zum zweitenmal, und zum zweitenmal schwächer, das Debussystück ‚vertonen'...
Diese Balladeske - wenn man mir die Bezeichnung erlaubt: episch, aber ereignislos - ist das erste Gedicht eines von mir ebenfalls "Préludes" genannten Zyklus von zwölf Gedichten, die in Titeln und Reihenfolge den Präludien Debussys entsprechen. Die deren inhaltliche Umrisse zur Gelegenheit machen, möglichst vielfältige lyrische Stile und Bildkomplexe vorzuführen. Und damit freilich über die Gelegenheit, den ersten Anstoß durch ein Klavierstück, hinausgehen, um sich als poetisches Präludium in literarischen Koordinaten zu verselbständigen.
Debussys Anlehnungen an die Literatur, die sich in "Préludes"-Titeln zeigt - etwa mit "La danse de Puck", Anspielungen auf Dickens und Baudelaire - schließen konkrete Vorstellungen seinerseits beim Komponieren nicht aus. Entschuldigen wir also ein auf den ersten Blick so unsinniges Vorhaben wie die Rückübersetzung musikalischer in sprachliche Poesie einfach als Hommage an einen Komponisten, dessen Werk deshalb so bilderreich und sinnlich ist, weil er nicht wie ein Professor komponiert hat - sondern wie ein Poet.


Unter den zahlreichen französischen Autoren mit herkulischer Arbeitsleistung - neben Balzac, Flaubert, Proust u.a. - muß man Maupasssant im Gegensatz zu den Genannten eine ähnliche Unermüdbarkeit im nichtliterarischen Leben bescheinigen. Seine körperlichen Aktivitäten, ob sportlicher, ob erotischer Art, stehen den geistigen weder an Aufwand noch an Erfolg nach. Und ebenfalls im Unterschied zu seinen Joch-Genossen, hat sich Maupassant nicht zu Tode geschrieben, sondern zu Tode gelebt und - genauer: geliebt. Er starb zweiundvierzigjährig und geistig verwirrt vermutlich an luetischen Spätfolgen.
Maupassant ist wahrscheinlich einer der desillusioniertesten der an desillusionierten Autoren reichen französischen Literatur. Das wäre umso weniger bemerkenswert, wenn man diesen Pessimismus als Verbitterung verdächtigen könnte. Jedoch bei einem Mann, der derart vom Erfolg verfolgt wurde wie Maupassant, muß seine oft geäußerte Verachtung einer Welt, die ihn begehrt hat, vielmehr auf eine sozusagen martialische Ehrlichkeit schließen lassen. Ein Schriftsteller von hohen Geistesgaben und ruhigem Urteilsvermögen, nicht etwa depressiv - denn welcher Depressive läuft fünftausend Meter, zieht Leichen aus Flüssen und schreibt 260 Novellen? -, der einem aus der Theaterloge, nach der Rebhuhnjagd, vom Balkon seiner Bibliothek, in hundertfältiger Frauenbegleitung, von den Seiten einer zukünftigen Literaturgeschichte und aus dem Jubel seiner Leserschaft heraus zuruft: wie schrecklich ist das alles! - der ist entweder ein infernaler Lügner oder ein Held an Unbestechlichkeit, der sich seinem Glück zuwendet wie einem Patienten und kühl eine Illusion diagnostiziert, ohne sich dumm ins Unglück zu retten, in dem er sich ja prinzipiell sowieso befindet, ein Heros praktizierter Vergeblichkeit und Märtyrer des hoffnungsslosen Erfolgs, vom Glück an eine glücklose Welt gekettet bis in den Wahnsinn.
Jedenfalls ist dieser Mann ein Gedicht wert.