Derzeit im Parlament

"Pianisten"

Von dem Parlamentsmitglied Johann Georg Widmann, einem Abgeordneten der Südtiroler Volkspartei, hat man außerhalb Nord-Italiens noch nicht viel gehört. Jetzt aber wurde ein seltsames Bewegungsbild im römischen Parlament nach ihm benannt: der "Widmann-Effekt". Wie kam der Südtiroler zu diesem Ruhm?

Von Cecilia Saltini

Wo gibt es mehr Pianisten in Rom: in den Konzertsälen oder im Parlament (Foto) bzw. im Senat?
Die Antwort ist nicht so einfach, wie es scheint, und sie wird vielleicht sogar überraschen, denn schon seit Jahren sind Senat und Parlament in Rom voller sehr talentierter Pianisten. Das Komische ist allerdings, dass diese Pianisten keinerlei musikalische Ausbildung haben; trotzdem spielen sie genug gut Klavier, um immer wieder das Gesetz zu brechen.
Nun erhebt sich die weitergehende Frage: Wie kann ein Abgeordnete oder ein Senator im Parlament oder im Senat ein Klavier finden und darauf spielen, während er doch an seinem Sitz bleibt, und gleichzeitig auch noch das Gesetz brechen? Der Trick geht so: Das Klavier besteht eigentlich nur aus nur zwei Tasten, die jeder Abgeordnete und Senator benutzt, um mittels eines elektronischen System an Abstimmungen teilzunehmen. Nun sind, leider, seine Kollegen, die neben ihm sitzen, oft nicht da. Und in dieser Situation werden Senatoren und Abgeordnete zu echte Pianisten, wenn sie auch an Stelle ihrer abwesenden Kollegen deren Stimme abgeben.
Sie wissen zwar, dass sie dabei von Fernsehkamera gefilmt werden. Aber bis vor kurzem hat sie das nicht erschreckt oder von ihrem Tun abgehalten. Im Gegenteil, die meisten von ihnen sind ganz überzeugt, dass sie sich völlig innerhalb der Gesetze bewegen. Sie haben immer wieder im Fernsehen und Interviewern erklärt, dass nach dem Gesetz, wenn sich der Kollege im Parlament oder im Senatsbefindet, aber gerade nicht auf seinem Sitz sitzt, darf der anwesende Abgeordnete oder Senator an ihrer Stelle abstimmen.
Lucio Malàn, ein Abgeordnete der Parkamentsmehrheit, der bei dieser Tätigkeit gefilmt wurde, sagte zum Beispiel: "Wenn ein Kollege von mir während der Abstimmung auf die Toilette muss, dann wähle natürlich ich an seiner Stelle. Wieso sollte ich das nicht dürfen?".
Der beste Pianist aller Zeiten ist zweifellos Tiberio Cecere, Abgeordnetee der Democrazia Cristiana, der im Jahr 1992 durch offenbar übermenschliche Geschicklichkeit an Stelle von vier verschiedenen Kollegen abstimmte und sehr stolz und ironisch sagte: "Um das zu schaffen, braucht man Kraft und Gewandtheit." Bemerkenswert war auch die Leistung von Franco Tunis, der mit der einen Hand für zwei Personen zugleich abstimmte, während er gleichzeitig in der anderen Hand sein Handy hielt und eine Nummer wählte.
Die meisten Senatoren und Abgeordneten sind aber ein wenig schüchterner und verbergen die tastendrückende Hand unter einer Zeitung. Unvergessen ist aber ein Abgeordneter, der sich dabei unter seinem versteckte, um bei seinem Tasten-Spiel nicht gesehen zu werden.
Vor gut einem Monat, während der Abstimmung über das berüchtigte "Verdacht"-Gesetz, haben ein Abgeordnete der Grünen, Willer Bordon, und Striscia la Notizia ein Video gezeigt, auf dem man mindestens 26 Pianisten beim Spielen beobachten kann. Der Kammerpräsident Pierferdinando Casini, der ihre Tastenkunststücke nicht mehr tolerieren konnte, hat zum dann zum ersten Mal einen dieser Klavierspieler einen halben Tag lang von der Kammer ausgeschlossen. Der Pianist, ein Abgeordnete der Südtiroler Volkspartei namens Johann Georg Widmann, gab seinen Fehler zu, und Casini erklärte: "Ich schätze Herr Widmann als einen anständigen Menschen und weiß, dass er ein guter Politiker ist, aber ich habe ihn zufällig bemerkt, und in Zukunft kann das Gleiche allen Anderen ebenso passieren, egal ob sie der Mehrheit oder der Minderheit angehören."
Viele Journalisten die in bei dieser Sitzung dabeiwaren, berichteten, dass, als die zu spät kommenden Abgeordneten erfuhren, was geschehen war und wie verärgert Casini war, diese Abgeordneten sich plötzlich im Laufschritt in den Sitzungssaal begaben. Diese erstaunliche Wirkung wird seitdem der "Effetto Widmann" gennant.
Casini sagt außerdem: "Die Abgeordnete müssen ein Vorbild für die Bürger sein, deshalb sind solche Verhaltensweisen unzulässig und können in gar keiner Weise entschuldigt werden." Zudem schlug er vor vor, in dem Abstimmungssystem eine elektronische Fingerabdruckskontrolle der Abgeordneten einzubauen, wie sie im mexikanischen Parlament schon seit langem üblich ist.
Im Moment wird gegen einen Pianisten im Senat nur eine kleine Geldstrafe von 250 Euro und im Parlament überhaupt keine Strafe verhäng, aber eine echte Disziplinarstrafe fehlt sowohl hier wie dort. Immerhin werden die Pianisten ab jetzt von den Sitzungen der Abgeordnetenkammer bzw. des Senats ausgeschlossen.
Gleichwohl: Die Karriere der Pianisten im Parlament oder im Senat ist, wenn man nicht gesehen und ausgeschlossen wird, sogar finanziell ziemlich rentabel, denn ein Abgeordneter oder Senator, der an mindestens 70 Prozent der Abstimmungen teilnimmt, verdient pro Sitzung 200 Euro im Parlament und 250 Euro im Senat. Außer Casini und einigen anderen Politikern gibt es nicht viele Senatoren oder Abgeordnete, die sich über die Pianisten beschweren. In der politischen Gewichtsverteilung sind nämlich Politiker von rechts und links so sehr ineinander verwickelt, dass fast niemand dem anderen "Vergogna! Vergogna!" zuruft, wie es noch bei der Abstimmung über das "Verdacht"-Gesetz geschehen war.
Da muss wohl noch einige Zeit ins Land gehen, aber Italiener sind immer Optimisten und wünschen sich, früher oder später, eine neue und bessere Musik zu hören, gespielt von echten Pianisten, und zwar nicht im Senat oder im Parlament!

3. Dezember 2002

Leserbrief

Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert?