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Ari Rath zur gegenwärtigen politischen Situation in Israel
"Noch nicht in der Tiefe des Hasses angekommen"
Seine Leidenschaft gilt der Geschichte und Zukunft
Israels, und wo immer Ari Rath auftritt, wirbt er für eine friedliche
Koexistenz von Palästinensern und Israelis. Der 1925 in Wien Geborene
gehört zu jener Generation von Einwanderern, die auf der Flucht
vor den Nationalsozialisten in den 30er Jahren nach Palästina gekommen
sind und hier in Pioniersarbeit ihren Traum eines friedvollen, sozialistischen
Staates zu realisieren versuchten. 1938 war für den gebürtigen
Wiener Ari Rath ein Schock, auf den er, wie er später einmal schrieb,
mit "elementarem Zionismus" reagierte. Rath trat der zionistischen
Jugendbewegung "Makkabi Hazair" bei. Gemeinsam mit dem älteren
Bruder gelang es dem damals 14jährigen, sich nach Haifa einzuschiffen;
die Eltern flohen vor den Nationalsozialisten nach New York. Nach mehreren
Vorbereitungsjahren in Palästina wurde 1945 der Kibbuz Chamadiya
im Jordantal Raths zweites Zuhause. Ende 1946 ging er im Auftrag der
zionistischen Jugendbewegung "Habonim" in die USA, um junge
amerikanische Juden für das Kibbuzleben in Palästina zu werben;
1952 wurde Rath zum Generalsekretär der Pionier-Jugendbewegung
"Hatnua Hameuchedet" berufen. Eine zweijährige Beurlaubung
vom Kibbuz wollte Rath 1957 ursprünglich zum Studium der Geschichte
und Wirtschaft nutzen aber er geriet in den Sog des Journalismus
und kehrte nicht mehr in den Kibbuz zurück. Seit 1958 arbeitete
Rath für die "Jerusalem Post", die größte
englischsprachige Zeitung Israels, zunächst als Redakteur, von
1975 bis 1989 als Chefredakteur und Herausgeber. Seit seinem Ausscheiden
aus der "Jerusalem Post" wirkt er als freier Publizist und
Dozent für israelische Geschichte und Politik. Zuletzt unterrichtete
er an der Universität Potsdam.
Stefanie Brauer hat Ari Rath zu seiner Einschätzung
der Lage im Nahen Osten befragt.
Nach vierwöchigem Aufenthalt in Berlin reisen Sie nächste
Woche wieder nach Jerusalem zurück. Mit welchen Gefühlen?
Ich habe mich in Berlin erstaunlich wohl gefühlt. Man kann sämtliche
kulturellen Neigungen ausleben, und was mich immer wieder überrascht:
Hier ist alles viel billiger. Als überzeugter Zionist kann ich
mir aber nicht vorstellen, dauerhaft außerhalb Israels zu leben
und Wurzeln zu entwickeln.
Fühlen Sie sich durch die politische Situation, die ständigen
Selbstmordattentate nicht erheblich beeinträchtigt?
Man muss diese Geschehnisse im Überblick sehen. Wenn man über
sechs Jahrzehnte in Israel lebt, dann hat man eine fast ununterbrochene
Kette von Krieg, Bombardements, Terroranschlägen erlebt - alle
sechs, sieben Jahre kam es zu einem anderen Krieg. Der Selbstmordterror
dieser letzten zwei Jahre hat das Leben zusätzlich geändert:
Das ganze öffentliche Leben ist bewacht; die Sicherheitsbranche
boomt. Aber das Leben geht weiter und die Cafés sind wieder voll.
Der menschliche Geist ist ja fast unbeschränkt in seiner Anpassungsfähigkeit.
Für mich persönlich hat sich seit Oktober 2000 verändert,
dass ich meinen Heimatkibbuz im Jordantal nun nicht mehr auf direktem
Weg über Jericho erreiche, sondern einen dreistündigen Umweg
nehmen muss. Im tagtäglichen Leben geht der Kontakt zwischen Palästinensern
und Israelis weiter: 80-90 Prozent der Hotelangestellten sind Palästineneser,
auch Handwerker arbeiten nach wie vor für ihre jüdischen Auftraggeber.
Auch der durchschnittliche Palästinenser will ja eigentlich in
Frieden leben.
Gibt es eine solche Kontinuität auch unter den Intellektuellen?
Nicht genug. Aber es gibt doch gezielte Tagungen. Beispielsweise treffen
sich beide Seiten finanziert von einer deutschen politischen
Stiftung in der Türkei, um zukünftige Wirtschaftsbeziehungen
zu besprechen. Ich selbst bin Redaktionsmitglied des "Palestine-Israel-Journal",
einer Zeitschrift, die sich um den palästinensisch-israelischen
Dialog bemüht. Ich sage mit Bestimmtheit: Trotz der fürchterlichen
Selbstmordattentate ist der Konflikt heute noch nicht auf die tiefe
Ebene des wahren Hasses gesunken: So konnten nach dem fürchterlichen
Attentat auf die Cafeteria der Hebräischen Universität die
arabischen Studenten ganz normal weiterstudieren. Es gibt auch nach
wie vor keine Lynchjsutiz nach Anschlägen passt die Polizei
auf, dass auf Palästinenser keine Übergriffe passieren. Zudem
gibt es eine Initiative der Hinterbliebenen auf beiden Seiten: Jüdisch-israelische
Familien treffen sich mit palästinensichen Familien, um den Teufelskreis
des Krieges zu zerbrechen.
Zeigen solche Initiativen denn irgendeine Wirkung?
Gerade in diesen Wochen ist es wichtig festzustellen, dass von Anfang
an bestimmt war, dass in diesem kleinen Land Palästina beide Nationen
eine Heimstatt finden müssen. Das heißt, dass der jüdische
Staat nur in einem Teil von Israel entstehen kann. Leider ist diese
Einsicht nach dem Sechstagekrieg von 1967, der bis heute weitergeht,
vergessen worden. Wir waren so begeistert, dass wir wieder in Großisrael
sind und die heiligen Stätten in Judäa und Samaria besaßen.
Aber heute gelten noch die zehn Punkte, die Bill Clinton im Dezember
2000 dem israelischen Premierminster Barak und der palästinensischen
Führung vorgestellt hat: Sie sehen unter anderem vor, dass die
Siedlungen im Westjordanland in einen großen Block zusammengefasst
werden. Die Siedlungen im Gazastreifen sollen aufgegeben werden: Es
gibt dort 5-6000 Siedler, die ein Drittel des gesamten Wassers im Gaza-Streifen
verbrauchen, obwohl dort eine Million Palästinenser leben. Hätte
Clinton diese Punkte einige Monate vorher eingebracht, so dass vor seiner
Ablösung noch hätte verhandelt werden können, es gäbe
heute keine Intifada. Mit anderen Worten: Beide Seiten wissen ganz genau,
wie die Konturen eines friedlichen Ausgleichs aussehen müssen.
Aber keine der beiden Seiten ist derzeit zu Friedensverhandlungen
bereit.
Das stimmt. Durch die zunehmende Gewalt der Palästinenser wird
das rechtsnationale Lager verstärkt. Deshalb unternimmt die Regierung
auch nichts gegen die sogenannten "Stützpunkte". Wenn
irgendwo auf einem Hügel drei Familien mit einem Container und
einem Wasserfass siedeln, müssen sie sofort militärisch geschützt
werden. Das ist absurd! Deswegen bin ich auch der Meinung, dass diese
Siedlertätigkeit schnellstmöglich aufhören muss. Im August
haben wichtige ehemalige Offiziere einen Plan veröffentlicht, wie
man in einem ersten Schritt den ganzen Gaza-Streifen und einen Teil
der Siedlungen im Westjordanland räumen könnte. Natürlich
müssen da auch die entsprechenden Gegenleistungen seitens der Palästinenser
kommen.
Trotzdem: Am 28. Januar 2003 sind Neuwahlen in Israel, das rechtsnationale
Lager wird stärker widerspricht das nicht eher der Friedenshoffnung?
Es gibt dennoch Zeichen, die optimistisch stimmen können. Ein Beispiel:
die Frühwahlen bei der Likud-Partei. Sonderbarerweise hat Scharon
bei den Frühwahlen 16 Prozent mehr Stimmen bekommen als Netanjahu,
obwohl der viel populistischer ist. Verrückterweise bin ich in
der gegenwärtigen Lage schon ganz zufrieden, dass wir nun den alten
halb müden Löwen Scharon anstelle des jungen Draufgängers
Netanjahu haben. Das ist umso erstaunlicher, als doch noch vor einem
halben Jahr auf einer internen Versammlung der Likud-Partei ein Antrag
Netanjahus angenommen wurde, dass es keinen palästinensichen Staat
geben dürfe. Scharon hatte sich als Ministerpräsident unter
dem Hinweis auf die internationalen Verpflichtungen gegenüber den
USA und der EU dagegen erklärt und wurde überstimmt. Nun ist
es aber Scharon, der die Mehrheit erhalten hat und nicht der Demagoge
Netanjahu. Das sind zwar nur kleine Zeichen, aber immerhin. Bei jeder
Meinungsumfrage ist zudem auch heute noch eine schmale Mehrheit für
eine Zweistaatenlösung. Allein die Tatsache, dass die Öffentlichkeit
weiß, dass es zu einem palästinensischen Staat kommen muss,
ist eine Entwicklung, die man sich vor einigen Jahren nicht hätte
vorstellen können. Im übrigen wissen auch die Palästinenser,
dass es der Staat Israel war, der ihnen bei der Gründung eines
Staatswesens zu helfen bereit war und nicht die arabischen Bruderstaaten.
Wie beurteilen Sie in diesem Kontext die neue Führung der Arbeitspartei?
Es gibt bis heute noch die Erscheinung, dass sich die viele Spitzengeneräle
des israelischen Militärs in der Arbeitspartei engagieren. So auch
Amram Mitzna, der Bürgermeister von Haifa, der meinte, dass es
so nicht weitergehen kann. Bei den Frühwahlen hat er sofort 52
Prozent der Stimmen der Arbeitspartei zu bekommen. Damit wird sie bei
den Neuwahlen zwar noch immer nicht die stärkste Partei werden.
Aber die Umfragen zeigen, dass die Arbeitspartei mit Mitzna wesentlich
weniger Mandate verlieren wird. Mitzna sagt: Terror bekämpfen wie
unter Rabin, und Friedensverhandlungen anstreben. So wie ich selbst
werden sicher viele, die unter Ben-Eliezer für den etwas mehr links
orientierten Meretz-Block gestimmt hätten, jetzt doch wieder die
Arbeitspartei wählen.
Welche Rolle spielt denn in diesem ganzen Machtgefüge die Bedrohung
durch den Irak-Krieg?
Eine weniger wichtige Rolle, als man allgemein annimmt. Man ist besorgt,
aber in Grenzen. Man glaubt, dass Saddam Hussein deutlich weniger Raketen
mit einer Reichweite bis nach Israel hat als im Golfkrieg 1991. Sogar
Scharon hat jene Politiker zurecht gewiesen, die vor einigen Monaten
ein Eingreifen der USA zum Schutze Israels forderten: Er meint, der
Irak sei eine rein amerikanische Angelegenheit. Wer nun glaubt, dass
die Israelis in den palästinensischen Gebieten tun können
was sie wollen, wenn die USA in einem Irak-Krieg sehr beschäftigt
sind, der täuscht sich. Genau das Gegenteil wird der Fall sein:
Die Amerikaner wissen, dass sie für einen Krieg im Irak die Unterstützung
der arabischen Welt brauchen und das bedeutet, dass sie Israel
zähmen müssen.
Wenn die Angst vor einem Angriff Saddam Husseins auf Israel gar
nicht so groß ist, warum braucht es dann die deutschen Patriot-Abwehr-Raketen?
Das ist eine reine Präventiv-Maßnahme. Man darf nicht vergessen:
1991 hat der Irak 39 Scud-Raketen auf Israel abgefeuert und es
ist ein reines Glück, dass damals nur drei Leute zu Tode kamen.
Die deutschen Raketen sollen in Israel mit moderner Technik nachgerüstet
werden. Es gibt die Sorge, dass Saddam Hussein die ihm möglicherweise
verbliebenen wenigen Raketen mit biologischen Kampfstoffen bestückt,
die dann auch in sehr geringer Anzahl gefährlich werden könnten.
Die meisten Israelis haben aber heute viel eher davor Angst, im Straßenverkehr
an einer roten Ampel anzuhalten, weil vielleicht gleich ein Selbstmordattentäter
den Bus nebenan in die Luft sprengt.
Im Gespräch ist aber auch die Unterstützung Israels durch
deutsche "Fuchs"-Truppentransporter.
Dazu wird es wohl nicht kommen, und das ist - von deutscher Seite aus
- auch nachvollziehbar, denn Israel befindet sich derzeit ja nicht im
Krieg mit seinen Nachbarstaaten. Vielmehr muss man befürchten,
dass diese Transporter auch in den besetzten Gebieten gegen die Palästinenser
eingesetzt werden.
Kann sich Deutschland denn politisch überhaupt erlauben, diese
Transporter nicht zu liefern, schließlich ist auch das Verhältnis
zu den USA schon völlig zerstört.
Das wird meines Erachtens derzeit von den Medien etwas zu hochgespielt.
Die USA können auf Deutschland doch gar nicht verzichten, wenn
sie irgendeinen Einfluss auf Europa haben wollen. Und Israel kann sich
auch nicht erlauben, mit Deutschland nach den USA der wichtigste
Verbündete in eine diplomatische Krise zu geraten.
22. Dezember 2002
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