Zeitgemäße Beschimpfungen

Vom Staatsman, der kein Trottel war

In einer CNN-Talkshow Ende November fragte der amerikanische Politik-Stratege James Carville boshaft, ob in Kanada eine königliche Familie regiere, wie in Saudi-Arabien, oder ob es da überhaupt Wahlen gebe. Der Journalist Jonah Goldberg nannte Kanada schlankweg "ein bemerkenswert undemokratisches Land". Der Haussegen hängt offenbar schief. Und das nur, weil Premier Jean Chrétien den 11. September zum Anlass für die vertiefte Erkenntnis nahm, das wir im Westen von anderen als "arrogant, selbstzufrieden, habgierig und hemmungslos" betrachtet werden.
Ach ja, seine Regierungssprecherin (Foto) hatte über George W. Bush gesagt: "What a moron!" Und zwar on the record.

Von Vasile V. Poenaru

1812 drangen die amerikanischen Truppen nach Kanada, um den ganzen nördlichen Teil des Kontinents zu erobern - oder zu befreien, wie immer. Die Kanadier aber wollten nicht befreit werden. Mehr noch, sie setzten sich zur Wehr. Mit entsprechend nationalem Stolz feiert man heutzutage nördlich der Großen Seen jedes Jahr den damaligen Sieg über die ungebührlich eindringenden Amerikaner. Seither gab es keinen Krieg mehr zwischen den beiden großen Einwande-
rungsnationen. (They lived happily ever after?) Und in ihrem größten Dominion ist die Queen – sehr formal betrachtet – immer noch da.

Mittlerweile haben die Amerikaner freilich nicht nur Kanada, sondern so gut wie die gesamte kaufkräftig zivilisierte Welt erobert, mit anderen Mitteln natürlich und unter globalen Voraussetzungen, die sich vor zweihundert Jahren niemand träumen ließ. Der weiße Bruder aus dem Süden ist mit dem weißen Bruder aus dem Norden strenggenommen immer gut ausgekommen, so gut, daß es manchmal schwerfiel, sie zu unterscheiden. An allen Ufern aller Seen wurde in aller Ewigkeit dieselbe Friedenspfeife geraucht. Die amerikanischen Amerikaner und die kanadischen Amerikaner freundeten sich miteinander an, entwickelten einen regen Handel und kämpften mitunter gemeinsam gegen weltweite Bedrohungen der jeweiligen Stunde. Eine gewisse Spannung konnte man dabei allerdings fast immer hüben und drüben bei Spitzen- oder Tiefenpolitiker vernehmen, wenn's ums meckernde Nachbarland ging. Das überregionale Auf und Ab der Freundschaft spielte sich so ab, wie sie es eben oft tut, wenn einer einen Nachbar hat. Bei den Worten, die ausgetauscht werden, handelte es sich selbstverständlich nicht nur um Grüße, sondern auch um Schimpfworte: vom kleinen Zeitungsleser in seiner lukrativen Alltagshektik bis hin zu den großen Größen mit verstohlenem Weltenblick als geflügelte Worte ahnungslos oder doch ahnungsvoll in eine skandallüsterne Öffentlichkeit getragen, die auf mehr Wert bedacht war. Und gerade jetzt sind die sogenannten bilateralen Beziehungen wieder einmal eher schlecht dran.

Präsident Bush ist kein Trottel, er ist mein Freund. Diese beschwichtigend gemeinte Erklärung mußte der kanadische Premier Jean Chrétien Ende November beim NATO-Treffen in Prag zum besten geben, nachdem Françoise Ducros, eine seiner engsten Beraterinnen (und Director of Communication for the Canadian Government) vor mehreren Journalisten in Anschluß an eine durchaus nicht schwachsinnig intendierte Bush-Rede durch die schroffe (private) Bemerkung reagiert hatte: „What a moron!" Ob sie ganz spontan zu dieser ausdrucksvollen Bezeichnung griff oder dabei an die George W. Bush gewidmete Webseite (www.president.moron.com) anlehnte, darf man als ungewiß betrachten. Offensichtlich ist jedoch dieses eine Schimpfwort, das tagelang von Küste zu Küste im koalitionskräftigen Spätherbst für höchste (und oft schwachsinnige) Erregung sorgte, keineswegs auf die isolierte oder zufällige Stellung einer einzigen kanadischen Persönlichkeit zurückzuführen. Hierzulande wird die neuerdings besonders spürbare Anmaßung des amerikanischen Präsidenten, sich ungeniert in innerkanadische Angelegenheiten einzumischen, weitgehend als Unverschämtheit oder doch wenigstens als Ärgernis empfunden. Was für ein lausiger Lausejunge! könnte einer das leicht privat zum Ausdruck bringen. "What a moron!" meinte Françoise Ducros unwillkürlich, und ärgerte damit die Amerikaner, die die Kanadier geärgert hatten. Offensichtlich spricht diese Frau nicht für die kanadische Regierung, versuchte Ari Fleischer, Spokesperson der amerikanische Regierung, prompt geschmeidig einzulenken. Was Fleischer jedoch übersieht, ist daß Françoise Ducros als Spokesperson der kanadischen Regierung in Prag war. Sie agierte folglich durchaus als Stimme der Nation, oder sagen wir lieber als vertrauliche, als vertraulich unterdrückte Stimme der Nation: Ach wie gut, daß niemand weiß ...

An der Gesamtperspektive amerikanisch-kanadischer Beziehungen ändert ein Wort wenig. Bush hat nach wie vor für Kanada nicht viel übrig, das ist ein offenes Geheimnis. Er wollte zum Beispiel den kanadischen Premier im Unterschied zu anderen Gästen des Weißen Hauses nie ins Blair House einladen und auch nicht auf seine Crawford Ranch in Texas oder nach Camp David. Und dies hat seine guten Gründe: Freundschaft und die dem Persönlichkeitskult beiwohnende Idee blinder Nachfolgschaft sind für Ottawa nämlich manchmal trotz der uneingeschränkten Solidarität mit den USA verschiedene Dinge. Und deswegen steht Jean Chrétien jetzt unmittelbar hinter Gerhard Schröder auf der freundlichen Schwarzen Liste des weißen Hauses.

In Washington wird Chrétien übrigens längst „Dino" (Dinosaurier) genannt, wagte er es doch vor Zeiten, schon an George Bush sr. Kritik zu üben. Und bevor George W. nach den umstrittenen Präsidialwahlen schließlich an die Macht kam, war wohlbekannt, daß man sich in Kanada mehr über den erfahreneren, mehr weltoffenen Al Gore gefreut hätte. (Ein Ärgernis für Bush?) Mit Bill Clinton stand Chrétien allerdings auf vertrautem Fuß, aber die Zeiten sind vorbei.

Um die US-kanadische Beziehungen war es eigentlich auch früher in der zeitgenössischen Geschichte schon manchmal ziemlich schlecht bestellt, vielleicht sogar schlechter als heute. Nixon hat den damaligen kanadischen Premier Trudeau oft beschimpft, als dieser ein Wort im Friedensprozeß mitreden wollte, obwohl Kanada keine große Streitmacht ist. Später meinte Trudeau dazu: „I've been called worse things by better people." Präsident Lyndon Johnson wurde sogar handgreiflich, als der kanadische Premier Lester Pearson sich kritisch zum Vietnam-Krieg äußerte. Gegenwärtig ist man in Washington der Meinung, daß Kanada im sogenannten Krieg gegen den Terror nicht ganz mit bei der Sache ist, viel zu viele moralische Bedenken gelten läßt und viel zu wenig für Rüstung ausgibt. Daß da gelegentlich unlautere Bemerkungen fallen, ist nur natürlich.

Zum Jahrestag des 11. September wurde im kanadischen Fernsehen pompös bekanntgegeben, daß laut Umfrage leider nur 43 Prozent der Kanadier stolz auf das Militär des Vaterlandes seien, wohingegen in den USA volle 81 Prozent das anempfohlene patriotische Gefühl für ihre weltweit bedenkenlos einsatzbereiten Streitkräfte empfinden. We have a strong military, war verständlicherweise das Beste, was sich Bush vor einem Jahr auf strategisch emporstilisierten Fluchtwegen einfallen ließ, da er von seinen Beratern bedauerlicherweise nicht darauf hingewiesen wurde, daß es gerade diese unreflektierte Superman-Haltung ist, an dem die großartige Neue Welt ganz gewaltig an Großartigkeit einbüßt. Daß Bush am Tragödientag schwach war, kann ihm einer dabei nicht wirklich übelnehmen. Die Wahrheit hätte sich damals nämlich nur ein wirklich kühner und besonnener Staatsmann zugetraut, und die Vorgänger sind nun mal nicht mehr da. Die einmalige Gelegenheit etwa zu einer kühnen Friedensinitiative im Nahen Osten wurde folglich unter stillschweigendem Kleinmut strategisch verpaßt, dafür aber wurde die Gelegenheit wahrgenommen, die unangenehme innenpolitische Diskussion rund um die amerikanische Elite ganz in ferne Wüsten und freilich nicht mehr ganz so ferne Ölfelder zu verlegen. Und außenpolitisch versuchte sich der bislang kaum voll genommene Präsident einen Namen zu machen als der Mann, der bin Laden schnappt. Weil das nicht klappte, will nun Busch wenigstens der Mann sein, an dem Saddam Hussein zum Straucheln kommt. We are going to win the war that began here, meinte er zum Jahrestag des 11. September am Ground Zero, was natürlich im Zusammenhang des aktuellen Informationsstandes eine wahrheitswidrige und bewußt manipulative Anspielung auf den Irak darstellte und als billige Rethorik zugunsten des nahenden Präventivschlags wohl kaum zu überzeugen mag, dabei jedoch die Gemüter erregt und Konfusion zeitigt, zugunsten der kurzfristigen Autorität und Glaubwürdigkeit des Präsidialamts.

Der kanadische Premier hingegen sprach am 11. September 2002 erstaunlicherweise ganz offen von der Habgier und Arroganz westlicher Demokratien und davon, daß die Anschläge in einem gewissen Maße auf eine demütigende Machtpolitik zurückzuführen sind, bzw. daß die gute Gesellschaft des Planeten selbst einen Teil der Verantwortung an der September-Katastrophe mitträgt. Eine geradezu sensationelle Stellungnahme, die auf diesem Kontinent zum ersten Mal den Mythos des puren Bösen durchbricht, der aus heiterem Himmel und vollkommen außerhalb machtpolitischer Kontexte und daran gebundener menschlicher Katastrophen eingeschlagen habe. Moron hin und her: So etwas kann man ihm in Washington auf keinen Fall verzeihen.

Und noch erstaunlicher ist, daß sich Chrétien im September sogar daran machte, Bush wie einen ungezogenen Lausejungen auf dem Spielplatz der internationalen Politik zu einem besseren Benehmen zu ermahnen. Natürlich nicht unmittelbar, doch wem sonst könnte im Kontext des amerikanischen Alleingangs der Satz gelten If you are strong, you've got to be nice. Wird jetzt dieser Ansatz eines endlich nüchtern ehrlichen und verantwortungsvollen Umgangs mit unbehaglichem Zeitgeschehen konsequent weitergeführt, nimmt das Staunen kein Ende.

Die Kritik der reinen Unvernunft ist nämlich in Kanada ebenso wie in Deutschland auf harte Grenzen gestoßen. (Wer wird sich da den Kopf einrennen?) Ein amerikanischer Präsident will, daß wir rollen. Und vielleicht tun wir's ja bald. Der Mitroller-Komplex läßt sich allem Anschein nach unter Umständen ebenso leicht exportieren wie ein wackerer McChicken. Die von den staatlichen oder korporatistischen Experten für Meinungsbildung wohlbedacht erregten Gemüter sind da auch mit drin im Bild: mitten drin auf dem Bildschirm. Stellt einer nämlich seinen Fernseher an, so sieht er einen entschlossenen Bush, den es in Wirklichkeit möglicherweise gar nicht gibt. Und Kriegsideologien strömen ungehemmt ins Ohr. Könnte wirklich eine einzige Kugel reichen, um den gesamten Konflikt im Nahen Osten zu lösen? Ist das so einfach? Dann hätte dieser starke Staatsmann mit seiner schlichten These ja vielleicht tatsächlich ein starkes Bild im Sinn: nicht nur siegreich-erbaulich, sondern auch machbar. Dann wäre die ganze Kriegsfreundschaft-Disziplin ja gar kein so großer Schwachsinn, sondern bloß stilloser Pragmatismus.

Kommt es aber in der Machtpolitik wirklich darauf an, nicht schwachsinnig zu sein? Ist es nicht vielmehr der sogenannte politische Wille, auf den alle Welt setzt, egal, ob und wie die Leute denken? Wann immer nämlich Bush doofes Zeug von sich gibt, heißt es dann gleichsam als Entschuldigung: The President speaks his mind. And he is very determined. Hier werden Einfalt und Brutalität als Offenheit verkauft. Der erste Mann folgt seinem ersten Instinkt, von dem er annimmt, daß er der beste sei. Das heißt, er kann halt nicht so gut mit Diplomatie und Völkerrecht und Krisenmanagement umgehen, sondern eher mit den primitiveren Erscheinungsformen menschlicher Kulturen, wie Gewalt und Gegengewalt und Wahrheitsmonopol. Er erkennt seine Macht, er erkennt sein Zerstörungspotential und will damit Großartiges leiste: als Anführer einer fügsamen Koalition Gleichgesinnter. Er will einen glorreichen und soweit möglich eindeutigen Sieg und scheint nichts davon zu merken, daß das Problem darüber hinweggeht, daß er eine Schlacht oder hunderttausend Schlachten gewinnt. Bei der Zerstörung klappt es ja gewöhnlich, nur, beim Wiederaufbau nimmt man das Ganze bekanntlich nicht mehr so genau. Aber wer die Macht hat, sollte sich benehmen. Denn er trägt auch die Verantwortung. If you are strong, you‘ve got to be nice.

3. Dezember 2002

Leserbrief

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