Keine Lebensbeschreibung

Unüberlesbare Rachsucht

Der Biograph als Pamphletist – Otto Köhler porträtiert Rudolf Augstein als Antisemiten und Nazi-Mäzen

Das konnte Otto Köhler natürlich nicht ahnen, als er gegen das Opfer seines Biographen-Fleißes die Antisemitismuskeule zu schwingen begann: Sein Buch über Rudolf Augstein erscheint Ende Juni 2002 in einem Umfeld, das Köhlers mühsam eher unterstellte als belegte Anwürfe in Möllemannsches Zwielicht taucht. Rudi und Jürgen Arm in Arm, das internationale Judentum in die Schranken fordernd – so weit gingen wohl nicht einmal eingefleischte Augstein-Feinde. Und vielleicht hätte selbst Köhler weniger dick aufgetragen, wenn er die widerliche Schlammschlacht vorausgesehen hätte.

So aber rührt er nun mit im Sumpf, indem er den Revisionisten in Gestalt von Augstein scheinbar einen Kronzeugen liefert, wie sie ihn sich glaubwürdiger nicht wünschen könnten. Die wenigsten werden und können sich die Mühe machen zu prüfen, wie Köhler zu seinen Urteilen kommt, die fast ohne Abzüge das Präfix "Vor-" verdienen. Man wird bei der Lektüre seiner Seiten den Eindruck nicht los, dass der Autor einen anderen Spiegel gelesen hat als wir all die Jahrzehnte lang und dass das womöglich auch daran liegt, dass er ein paar Jahre lang (1966-72) für ihn schreiben durfte. Züge von Rachsucht sind unüberlesbar. Und wie es bei solchen Rundumschlägen immer ist: Sie treffen manchmal auch die richtigen Stellen, was an ihrer Blindwütigkeit nichts ändert.

Schön zu sehen ist auch, dass Köhler seine Spiegel-Lektion vorzüglich gelernt hat, indem er Kritik gekonnt in Häme und Sarkasmen verpackt, mutmaßt, wo ihm die Belege fehlen, scheinakribisch Solidität vortäuscht, wenn die Datenlage alles andere als gesichert ist. Zum letzteren nur ein Beispiel: Augstein behauptet irgendwo, er sei 1952 nach Ägypten gefahren. Das weiß Köhler besser: „Die Reise fand nicht... 1952 statt, sondern 1954. Ergebnis war am 16. 4. 1954 ein Spiegel-Titel..." Am besagten Datum erschien gar keine Spiegel-Ausgabe, sondern am 14. 4. Das macht aber nichts, denn Reise-Ergebnis war der Nagib-Titel, der am 10. 9. 1952 und eben nicht erst 1954 herausgekommen ist.

Wer Erbsen zählt, provoziert Nachzählung. Und doch sind das natürlich Peanuts oder halt Erbsen. Perfide wird es, wenn Köhler sein Opfer, das er auch immer wieder zwecks größerer Fallhöhe in den Journalistenhimmel hebt, nur so zur Probe ein wenig anbräunt und in Sippenhaft nimmt. War Augsteins Vater Arisierungsgewinnler? Einmal gefragt, ist ohne jeden Beweis bereits einmal zuviel. Köhler aber bohrt weiter: „Schließlich konnte er (Augstein sen.) 1936 günstig ein Fotogeschäft... einrichten" (S. 33). „...darum erwähnte Augstein auch nicht, wie der verarmte Vater – es war 1936 – günstig zu einem Fotoladen kam" (S. 334). „Augstein sagte, wir wollten nach dem Krieg nicht im Besitz jüdischen Eigentums angetroffen werden. Die Gefahr bestand nicht, weil der Vater die ‚schweinischen‘ Corinth-Gemälde nicht wollte... War die Gesamtgeschichte... etwa die, dass Vater Augstein etwas weniger Schweinisches in seinen Besitz brachte?" (S. 338/339).

Zum Antisemtismus-Vorwurf gehört das Herumreiten darauf, dass im und für den frühen Spiegel eine ganze Reihe schwer belasteter alter Nazis gearbeitet hat. Der Vorwurf ist nicht neu und wird auch durch neue Funde Köhlers nicht schwerer, freilich auch nicht erfreulicher. Zum einen aber war das kurz nach dem Krieg allenthalben so bis ins Bundeskanzleramt, vom BKA gar nicht zu reden, zum anderen tat der Kalte Krieg das Seine. Die West-Alliierten halfen kräftig mit beim Weißwaschen, und da sollte ein Zeitschriftenchef immer gleich merken, welche Läuse sich da in seinem Pelz einnisteten? Köhler folgert daraus aber, dass die braune Frühprägung bis heute wirke und den Spiegel zeitweilig zum Organ für Geschichtsfälscher gemacht habe.

Einer soll der Verfassungsschützer Fritz Tobias gewesen sein, der 1959/60 in einer Spiegel-Serie nachwies, dass weder Kommunisten noch Nazis den Reichstag am 27.2.1933 angesteckt haben, sondern allein Marinus van der Lubbe. Dass darf man weiter im Indikativ behaupten, denn was Köhler an angeblich Neuem in der Sache auftischt, kann schon deswegen nicht überzeugen, weil ihm im Rahmen einer Biographie, die pures Pamphlet ist, der Platz für schlüssige Argumentation fehlt. Ich kann ihn beruhigen, auch ein ganzes Buch wird nicht reichen zum Beweis der Nazi-Täterschaft.

Bei Hitlers krimineller Energie hätten sich unschwer andere – sicher kaum längere – Wege zum Aushebeln der Republik gefunden, die das gesamte Establishment nicht mehr wollte. Eine derart spektakuläre Brandstiftung wäre eher kontraproduktiv gewesen, da eine Mittäter- oder auch nur Mitwisserschaft leicht hätte durchsickern können. Selbst jetzt, da alles dafür spricht, dass auch die NS-Führung vom Feuer völlig überrascht wurde, werden ja die Köhlers nicht alle, die ohne zureichende Beweise dem übervollen NS-Schuldkonto auch noch dieses Verbrechen zuschlagen möchten sozusagen als »Mutter aller Untaten«.

Und Köhlers Treffer? Natürlich gibt es allerhand unsägliche Äußerungen von Augstein. Bei dem Textgebirge, das er aufgehäuft hat, wie denn auch anders? Gewiss, Nationales kommt nicht nur vor, sondern immer wieder kräftig durch. Das gefällt Köhler nicht, mir auch nicht. Mich versöhnt aber, was Augstein alles zur namenlosen Wut der Rechten geschrieben und aufgedeckt hat, so dass sie ihn sogar mundtot machen wollten. Köhler würde es anscheinend am liebsten ebenfalls, allerdings aus den umgekehrten Gründen. Wie weit er sich verrannt hat, dazu eine letztes Zitat aus einem Bericht über ein Gespräch Augsteins mit Walser (!!):

„Irgendwann bricht der Dialog zwischen diesen beiden ganz normalen deutschen Männern ab..." (S. 341). Das grenzt an Infamie, selbst einem Walser gegenüber. Die Formulierung nämlich nimmt den Titel eines Buches von Christopher Browning auf, das der Spiegel 1993 in einer langen Serie vorabgedruckt hat: „Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die Endlösung in Polen." Darin geht es darum, „wie aus ganz normalen deutschen Männern Massenmörder wurden". Ausgerechnet den Mann, der sich nicht gescheut hat, die Massaker seinem Millionen-Publikum zuzumuten, verbal in die Nähe der Mörder zu rücken – da endet alles Rezensieren.

Friedemann Bedürftig

Köhler, Otto : Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland.
Droemer Knaur, Juni 2002, 416 S.
ISBN: 3-426-27253-9
24,90 Euro

3. Dezember 2002

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