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Die offene Frage:
Was wussten wir, wieviel und wann?
Robert Gellately, geboren 1943, ist Inhaber der Strassler-Professur
für die Geschichte des Holocaust am Center for Holocaust Studies,
Clark University, USA. Auf deutsch erschien 1991 von ihm "Die Gestapo
und die deutsche Gesellschaft".
Von Philipp Reuter
Dass
Autoren sich ein Thema suchen, ist normal. Darüber hinaus gibt
es Themen, die sich einen Autor suchen. Allerdings hat das Thema, was
die Deutschen vom Holokaust wussten, seinen Autor noch immer nicht gefunden.
Jedenfalls nicht in Robert Gellately und seinem jüngsten Buch "Hingeschaut
und weggesehen. Hitler und sein Volk".
Obwohl er sich die Frage selbst stellt, gleich auf der ersten Seite
des Vorworts: "Ich begann mich zu fragen, wie viele und welche
Art von Informationen die Presse im Dritten Reich der Öffentlichkeit
vermittelt haben mochte. Was wußten die Deutschen über ihre
'geheime' Staatspolizei, über die Verfolgungen und die Konzentrationslager?";
und dann gleich noch einmal in der Einleitung:
Ich begann die Recherchen zu diesem Buch, indem ich mir eine der großen
Fragen vorlegte, die sich seit 1945 stellen, als wir Kenntnis von den
Konzentrationslagern bekamen: 'Was wußten sie, und seit wann wußten
sie es?' Wußten die Deutschen Bescheid über die Gestapo und
die Lager, die Verfolgungen, die Morde und so weiter, und machten sie
mit?
Und doch, wenn man schon hier genau hinhört, wird ein ganz anderes
Thema angeschlagen, das sich in aller Deutlichkeit im englischen Originaltitel
ausspricht: "Coercion and Consent", "Zwang und Zustimmung".
Es geht dem Autor also gar nicht so sehr um das Wissen der Deutschen
während des Nationalsozialismus, sondern um den Grad an Zustimmung
zum Regime. Dass die beiden Themen sich berühren, liegt auf der
Hand: Die Deutschen konnten natürlich nicht einem nebelhaften "Regime"
zustimmen, sondern nur einem Staat, über den sie Bescheid zu wissen
glaubten, der also über sich selbst Informationen herausgab, wie
gefiltert auch immer.
Mit diesen "offiziellen" Informationen befasst sich Gellately,
vor allem mit staatlich gelenkten Presse- und Filmberichten. Sein Buch
hat ein großes Verdienst: Es führt den Nachweis, dass die
Nationalsozialisten in aller publizistischen Offenheit über ihr
hartes "Durchgreifen" berichteten. Das geschah sowohl bei
der Kriminalitätsbekämpfung (deren tatsächliche Wirksamkeit
noch heute überschätzt wird) und der brutalen Eliminierung
von "Staatsfeinden", als auch in der Kriegsberichterstattung,
bei den Konzentrationslagern ("Arbeitserziehungslagern" für
"Gemeinschaftsfremde") und sogar - bis zu einem gewissen Grad
und Zeitpunkt - bei der Judenverfolgung. Zusätzlich beweist Gellately
mit überzeugenden Belegen, dass die Bevölkerung dem NS-Regime
und seinem "Durchgreifen" nicht nur stille Duldung bot, sondern
es mit sichtbarem Einverständnis mittrug. Die Diktatur brauchte
erheblich weniger Zwang, als bisher angenommen, vielmehr konnte es sich
auf eine breite aktive Zustimmung verlassen. Die Rede vom deutschen
Volk als dem ersten Opfer Hitlers sollte spätestens jetzt schamhaft
verstummen.
Zur Antwort auf die Frage jedoch, wann die Deutschen wieviel vom Holokaust
wussten, hätte der Autor systematisch ganz andere Quellen erschließen
müssen als Zeitungs- und Gestapoberichte, vor allem private Quellen
wie Tagebücher - nicht nur die Viktor Klemperers- und Briefe. Es
bleibt erstaunlich, wie Gellately immer wieder in die Nähe dieser
Fragestellung kommt, dann aber dem sichtbaren Faden nicht weiter nachgeht.
Dafür zwei Beispiele.
Der Autor zitiert eine Anzeige vom August 1943, in der der Denunziant
August Seufert ganz offen das Schicksal der Juden im Osten beschreibt,
das ihm der Denunzierte, Michael Nusser, mitgeteilt habe. An dieser
Stelle nun interessiert sich Gellately überhaupt nicht für
das Wissen des Denunzierten (oder seines Informanten), sondern beschreibt
lediglich die Reaktion der Gestapo. In der Denunziation
heißt es, ein Jahr zuvor habe Michael Nusser zu Seufert in seiner
Wohnung gesagt, daß "unsere Juden in Polen, die von der Regierung
dort hingeschickt wurden, selbst ihre Gräber schaufeln mußten
und so durch den Stalin-Genickschuß hingerichtet wurden".
Daraufhin beauftragte die Gestapo den örtlichen Gendarmen in Winkels,
einer Kleinstadt bei Bad Kissingen, mit Ermittlungen. ... Nusser gab
im Polizeiverhör zu, daß ihm ursprünglich ein Polizeibeamter,
der in Polen gedient hatte, die Geschichte von der Hinrichtung der Juden
erzählt und er sie dann Seufert weitererzählt habe. Bei seinem
eigenen Verhör brachte Seufert eine neue und potentiell tödliche
Beschuldigung vor, nämlich daß Nusser erst kürzlich
gesagt habe, Deutschland werde den Krieg verlieren. Eine solche Bemerkung
in der Jahresmitte 1943 hätte Michael Nusser den Kopf kosten können.
Die Gestapo begnügte sich jedoch mit einer Verwarnung.
Die Frage, wieviele andere Fälle weitererzählter "Geschichten"
von ermordeten Juden es in jener Zeit wohl gab, drängt sich hier
doch geradezu auf. Aber Gellately stellt sie nicht.
In unserem zweiten Beispiel versteckt der Autor das im Hinblick auf
sein angebliches Thema Wesentliche sogar in einer Fußnote am Ende
des Buches:
Siehe etwa StA W [Staatsarchiv Würzburg]: Gestapo 2635, zu einem
Fall vom Juli 1944, wo eine Frau denunziert wurde, weil sie gesagt hatte,
ein SS-Mann habe ihr erzählt, daß er bei der Ermordung von
40000 Juden "bis zu den Knien in Blut gewatet" habe [sic].
Die Frau wurde ermahnt, solche Geschichten nicht mehr zu wiederholen.
Auch hier fragt sich der Autor nicht, ob der SS-Mann eine seltene Ausnahme
oder ob es eher die Regel gewesen sei, dass viele heimkehrende SS-Männer,
aber auch Männer der SK-Abteilungen und dann wohl auch reguläre
Soldaten daheim von Mordtaten erzählten, wenn nicht von selbst
begangenen, so doch von erlebten.
Immerhin zitiert Gellately an mehreren Stellen Klemperer, der im April
1942 gerüchteweise von einem Massenmord bei Kiew gehört hatte.
Aber dazu notiert der Autor lediglich, beinahe missbilligend: "dabei
hatte das Massaker an über 33000 Juden bei Babi Yar (unweit Kiew)
schon Ende September 1941 stattgefunden". Die wahre Neuigkeit aber
entgeht ihm: dass es nämlich nur sieben Monate dauerte, bis die
Nachricht eines offiziell geheimgehaltenen Massenmords an Juden von
der Ukraine bis nach Deutschland wanderte.
Im Vorübergehen gestreift wird auch das zweite Flugblatt der Weißen
Rose vom Juni 1942, in dem von der "Tatsache" die Rede ist,
"daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in
diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind". Woher
wussten die Geschwister Scholl so etwas? Und wer außer ihnen wusste
es noch und von wem? Keine Auskunft. Ebenso unausgeführt bleibt
die summarische Bemerkung des Autors, die letzten nationalsozialistischen
Meinungsberichte "aus dem Reich" verrieten "eine verbreitete
Kenntnis der Bevölkerung von den deutschen Greueltaten im Osten".
Nirgendwo werden die vielen Splitter zu einem Gesamtbild zusammengelegt,
nicht einmal ansatzweise wird eine begründete Antwort auf die Vorwort-Frage
versucht.
Dringlich vermisst man bei der Lektüre auch eine Analyse, unter
welchen Umständen dieses offenbar vorhandene Wissen der Deutschen
nun zum Widerstand führte (wie bei der Weißen Rose) oder
erneute Zustimmung hervorrief (wie bei jenen Akademikern, die in Briefen
an das Propagandaministerium den Vorschlag machten, Juden an möglichen
Luftangriffszielen zu konzentrieren: Wenn es schon nicht die Bomber
aufhalte, so würden dabei doch viele Juden ausgerottet).
Noch einmal: Gellatelys Buch ist lehrreicher als viele andere, wenn
es die weitverbreitete öffentliche und stillschweigende Zustimmung
der Deutschen zum Nationalsozialismus beschreibt. Aber auf die selbstgestellte
Frage, was die Deutschen vom Mord an den Juden wussten, bleibt es die
Antwort schuldig.
Vielleicht ist die Zeit dafür noch immer nicht reif.
Robert Gellately
Hingeschaut und weggesehen. Hitler und sein Volk
Deutsche Verlags-Anstalt , Stuttgart, München 2002
456 Seiten, Euro 29,90
22. Dezember 2002
Leserbrief
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