Gerburg Garmann

Reimlos den Rundköpfen, den spitzen

Wer schickt uns in den Sturm
der Porenblender?
Gerüstet sind wir umlichtet
von süchtigen Sonnen
schwarzzahlig umschwirrt und

feilgeboten von Brauenmalern,
die wirken auf Augenhöhe,
und von Schlafstehern,
die uns umgarnend umgehen.

Neue Schnittmengen werden
täglich gepresst und der Krieg
uns gastlich gezüchtet.
Wer kommt da noch auf
gegen die Segenssprüche,
die dir fahren übers Haar,
so reich, mein Kind,
so rund, so spitz,
mein armes?


Von handfesten Gründen und tapferen Schneidern

Handfeste Gründe gab es viele
für den Abwasch von Staub
und von Lehm schon vor dem,
was Waage und Stunde
geben sollten.

Wer tanzte den Tod beim süßem Mus?
Das tapfere Schneiderlein.
Wer stach den Wämsen
blutige Säume?
Das schwarzflinke Schneiderlein.

Kein Vogelschweigen, kein Wolfsgeheul,
als ihr Mitschneider verfabelte Entfernungen
kürztet, als weiße Opfer ihr Mehlmahler schufet,
sie allzu meisterhaft spieltet, die jüngsten
Blüten in euren übellangen Etuden.

Wer vergaß die rote Asche
auf den finsteren Meucheltischen?
Das unbedachte Schneiderlein.
Wer herzte sich dem Riesen an
in weitläufiger Welt?
Das eitle Schneiderlein.

Das Nachtstück begann lange bevor
die Rechnung nicht aufging, lange bevor
man kein Deutsch verstand, lange bevor
sich entheiterten Leben und Leib.

Und es war das tapfere Schneiderlein,
das jeden Weg tapfer zwischen die Beine
nahm, das tapfer den Tuchlappen schlug,
dem das Herz vor Freude wackelte
dabei wie ein Lämmerschwänzchen.

Das den siebenfach gebeinten Gürtel
trug, als auf das Wildschwein es traf,
dem die Elle es nicht über die Ohren zog,
sondern sich stellte in des Führers Dienst
und dennoch trug in der Fliegenhand
seine Kampfpreise zu leeren Kassen.

3. Dezember 2002

Leserbrief

Kommentar der Autorin:

Der Eber, das Schwein, sind zugleich gebräuchliche und streitsüchtig umstrittene Bezichtigungsmetaphern für politische Gefahren und Gegner aller Couleur (man denke etwa an Ernst Jünger und Heiner Müller), die sich nicht nur im oralen Diskurs, sondern seit langem auch auf literarischer Ebene beheimaten. Der (zunehmende) Unterschied zwischen Arm und Reich verfügt über seine eigene Metaphernbatterie. Weshalb ich mir - von den jüngsten und nicht so jungen Kriegen und aktuellen Kriegsplänen zutiefst beunruhigt - erlaube, beide sowohl durch eine zeitkritische Märchenlektüre vom tapferen Schneiderlein als auch durch das Brechtsche Auge wieder zu beleben.
Kinder sollten allerdings von meinen "Neuen Kinder- und Hausmärchen", die sich einerseits in verfremdend grotesker Surrealität mit dem Nazismus auseinandersetzen, als auch an die Brechtsche Dichotomie von Arm und Reich hinsichtlich des neuem Imperialismus erinnern, ferngehalten werden.
An die erwachsene Leserschaft möchte ich jedoch zwei Fragen und einen Anstoß weitergeben, die mich zum Schreiben der Gedichte "Von handfesten Gründen und tapferen Schneidern" und "Reimlos den Rundköpfen, den spitzen" gedrängt haben: Erinnern Sie sich an die dritte Probe, die das ungeliebte tapfere Schneiderlein bestehen muss, bevor es seinen verheissenen Lohn empfängt? Es soll das die Bevölkerung plagende Wildschwein fangen. Was es schafft, indem es dies in einer Kapelle (einem sakralen Ort, of all places!) einsperrt. Warum aber erlegt der große Kriegsheld Siebene auf einen Streich, obendrein zwei Riesen, lässt es dann allerdings bei der bloßen Zur-Schaustellung des verhassten Wildschweines bewenden? Und warum ward trotz aller bewundernswürdigen Taten die Hochzeit am Ende nur "mit kleiner Freude" gehalten?
Das zweite Gedicht erhielt seinen Anstoß vom Brechtschen Prolog zu "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe", in dem der Stückeschreiber gefragt wird,

"ob er unter den Menschen gar keinen Unterschied sieht.
Da sagte er: ich seh einen Unterschied.
Aber der Unterschied, den ich seh
Der ist größer als der zwischen Schädeln nur
Und der hinterläßt eine viel tiefere Spur
Und der entscheidet über Wohl und Weh.
Und ich will ihn euch auch nennen gleich:
Es ist der Unterschied zwischen arm und reich.
Und ich denke wir werden so verbleiben,
Ich werde euch ein Gleichnis darauf schreiben.
In dem beweis' ich es jedermann,
Es kommt nur auf diesen Unterschied an."