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Fade
Eine Weihnachtsgeschichte
Von Hannes Blank
Er verschwand so langsam, wie der Dezember kurz vor Weihnachten vergeht.
Es fing damit an, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wann er das
letzte Mal das Haus verlassen hatte. Er schaut auf die Verfallsdaten
der Milchpackungen im Kühlschrank. Am Morgen war die Milch noch
gut. Vermutlich ist er letzte Woche im SPARmarkt hinter der Bushaltestelle
gewesen. Zu einer Zeit, wenn die Schüler schon in der Schule und
die Rentner noch nicht unterwegs sind. Er hat die langen Regalreihen
dann ganz für sich allein. Wenn es unbedingt notwendig ist, rasiert
er sich noch, sonst nicht. Die Angestellten aus dem Supermarkt müssen
ihn für einen arbeitslosen Spinner halten.
<27.12. A2/12:20>, <29.12. A2/17:05> und <01.01. A2/10:05>
steht auf den drei Milchtüten im Kühlschrank. Die letzte ist
demnach eine Milch, die erst nächstes Jahr fällig wird. Auf
ihre Weise sind länger haltbare Lebensmittel wie Weissager. Sie
wissen, was an diesem Tag, mehr oder weniger, passieren wird. Sie kennen
die Stunde ihres Todes. Sie sind zuversichtlich: Es steht auf ihnen
geschrieben, dass es einen ersten Januar, dass es ein neues Jahr geben
wird. Im Küchenschrank findet er eine Dose "Linsen mit Suppengrün",
die noch fünf Jahre hat. Ich sollte mehr länger haltbare Lebensmittel
kaufen. Fünf Jahre! Ich bin begeistert. Da gibt es doch diese Fragen,
wie "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?", und dann kann
ich voller Überzeugung antworten, dass ich zu Hause eine Dose "Linsen
mit Suppengrün" habe, die nun aufgebraucht werden muss.
Früher hatte er sich noch Zeit zum Laufen genommen und ist ins
Kino gegangen. Die Asics an, entlang der Umgehungsstraße bis zur
alten Tankstelle, über die Fußgängerbrücke in den
Wald. Vier Stationen mit dem Bus bis zum Berli : "Winterschläfer",
"Shakespeare In Love" und "Fargo". Die Angestellten
im Supermarkt sind wahrscheinlich gar nicht so gehässig. Er ist
nicht arbeitslos. Die aufgedonnerte Rothaarige im SPARkittel, die ihm
jedes Mal ein "Guttän Morgän!" entgegenplärrt.
Das Viertel liegt ausserhalb der Großstadt. Vom Supermarkt bis
zu dem Bungalow, in dem er seit acht Wochen allein wohnt, ist es nur
ein kurzer Fußweg. Wenig Häuser mit mehr als zwei Stockwerken
in der Gegend. Das Haus steht am Ende einer schmalen Sackgasse. Eingeschossig,
Siebzigerjahrebau. Die Besitzerin, besser gesagt die Mieterin, ist für
ein halbes Jahr in Pretoria, beruflich. Über Weihnachten fährt
sie nicht nach Hause.
Mir zuliebe kommt sie auch nicht her. In den Mails von meiner Lektorin
steht in letzter Zeit kaum noch etwas Persönliches. Wahrscheinlich
hat sie Kinder und ihr Ehemann ist arbeitslos. Oder er ist Alkoholiker.
Dann ist Weihnachten besonders schön. Vielleicht hätte ich
nicht so ausführlich darüber berichten sollen, warum sie über
Weihnachten nicht nach Hause kommt.
Von seinem Schreibtisch im Arbeitszimmer kann man direkt in den Garten
sehen.
Hinter dem Computerbildschirm sitzend, starrt er minutenlang nach draußen.
Nasskalter Spätnachmittag. Im Garten braune und gelbe Blätter
auf dem aufgeweichten Rasen. Die Nadelbäume und ein paar Sträucher
sind grün geblieben. Der Tag wird dunkel, draußen beginnt
es leise zu regnen. In Südafrika ist jetzt Sommerbeginn.
Wo gehen die Buchstaben hin, die ich beim Schreiben im Textverarbeitungsprogramm
lösche? Mir kommt der Gedanke, meine Mutter anzurufen, da erinnere
ich mich, dass sie über die Feiertage auf den Malediven ist. Ich
sehe in den Küchenschrank. Es sind einige Dosen mit weit in die
Zukunft reichenden Verfallsdaten und genug Cabernet da.
Es ist in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember und ungefähr halb
vier, als er aufwacht. Einbrecheralarm aus einem der benachbarten Häuser.
Der Cabernet rumort im Kopf, der Alarm dröhnt. Eine Minute lang,
dann ist es eine Minute ruhig, dann dröhnt er wieder eine Minute.
In der ruhigen Zeit versucht er vergeblich, wieder einzuschlafen.
Es hört nicht auf, also zieht er sich an und geht herüber.
Da die Quelle des Lärms nicht in seiner Straße liegt, muss
er um den ganzen Block laufen. Es beginnt wieder zu jaulen. Kein Mensch
zu sehen, in keinem Fenster Licht. Er läutet an dem Haus, aus dem
der Alarm kommt. Nichts passiert. Er läutet nochmals. Ich komme
mir bescheuert vor. Ich stehe mitten in der Nacht an Weihnachten in
einer gottverlassenen Seitenstraße und klingle an einem Haus,
aus dem Einbrecheralarm kommt. Zu Hause ruft er die nächste
Polizeiwache an und spricht seinen Namen, seine Adresse und denGrund
des Anrufes auf ein Band. Zwanzig Minuten später ist die Alarmanlage
aus. Der Morgen des nächsten Tages ist der Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages.
Ich weiß nicht, ob tatsächlich jemand von der Polizei
da war. Ich schalte den Fernseher an, aber es kommt überall Testbild.
Der Kaffee schmeckt fade. Das Telefon ist tot, Internet sowieso. Ich
will in die Innenstadt und gehe zur Bushaltestelle. Unterwegs merke
ich, dass ich keine Uhr dabeihabe. An der Haltestelle wartet niemand.
Kein Mensch auf der Straße, es kommt auch kein Auto vorbei. DieZeit,
in der sicher ein Bus hätte kommen müssen, vergeht. Ich fühle
mich leicht, alle Gedanken fallen von mir ab. Ich kann die Hand vor
Augen nicht sehen. Gegenüber hängt im Fenster eines Hauses
ein lichterblinkender Weihnachtsschmuck. Er geht an-aus-an-aus-an-aus
und bleibt dann aus. Es wird unglaublich hell.
22. Dezember 2002
Leserbrief
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