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Revisionismus Das "Tagebuch der Anne Frank" sei eine Fälschung "Auch der englische Zeithistoriker David Irving
bezeichnete Anne Franks Tagebuch als eine "Fälschung",
die "aktenkundig" geworden sei. Der eigenwillige Irving, der
schon mal die These vertrat, Hitler habe von KZ-Lagern nichts gewußt,
war einem rechts verbreiteten Mißverständnis aufgesessen.
Danach soll, so die oftmals zitierte Legende, einem New Yorker Drehbuchautor
gerichtlich der Nachweis gelungen sein, Vater Otto Frank habe Filmzitate
ins Tagebuch geschrieben; tatsächlich bewiesen war jedoch nur,
daß er Teile eines ersten Drehbuchs zum Anne-Frank-Film, verfaßt
vom amerikanischen Kläger, in ein zweites, von anderen Autoren
gefertigtes verpflanzt hatte. Frank mußte dafür Schadenersatz
zahlen, aber Irvings Verlag mußte den Fälschungsvorwurf zurücknehmen." Von Friedemann Bedürftig Ein Geburtstagsgeschenk, das die Welt bewegen wird: Am 12. Juni 1942
findet Anne Frank, an diesem Tag 13 Jahre alt gewordene Tochter einer
vor den Nazis nach Amsterdam geflüchteten jüdischen Familie
aus Frankfurt, eine Kladde für Tagebuchaufzeichnungen auf dem Gabentisch.
Wenig später müssen die Franks vor dem Zugriff der deutschen
Besatzer untertauchen. Zwei Jahre leben sie in einem Hinterhaus in der
Prinsengracht 263, dann kommen die Häscher Zwei Monate hofft er, dass wenigstens seine Töchter überlebt haben, dann kommt die furchtbare Nachricht. Da nun Anne nicht wiederkehren wird, übergibt Miep Gies, eine der holländischen Unterstützerinnen der Untergetauchten, Otto Frank die von ihr geretteten Tagebuch-Aufzeichnungen Annes über die zwei Jahre im Versteck. Lange vermag der Vater die Texte nicht zu lesen. Als er dann doch die Trauer durchbricht und liest, kommt zur Erschütterung ein großes Staunen über das frühe Talent der Tochter zum Schreiben, zu minutiöser Beobachtung und zu psychologischer Feinzeichnung. Er begreift das als Auftrag und Vermächtnis Annes, die Welt ihre Stimme mithören zu lassen. Das "Tagebuch der Anne Frank" erschien erstmals 1947, wurde in alle Weltsprachen übersetzt und erreichte Millionenauflagen. Auch in Theaterfassung und Verfilmung kam es auf den Markt, wurde zu einem zentralen Zeugnis für die Judenverfolgung und den Völkermord durch die Deutschen und damit auch zum zentralen Ärgernis derer, die Hitlers Vernichtungsdespotie verniedlichen oder überhaupt nicht wahrhaben wollen. Erste Behauptungen tauchten auf, das Tagebuch sei über weite Strecken oder gar komplett gefälscht, vom Vater nachträglich erfunden und mit Hilfe von Kitschschreibern herausgebracht worden. Dass es so viel Mühe machte, die Vorwürfe juristisch aus der Welt zu schaffen, lag daran, dass Otto Frank manche Passage ausgelassen hatte. Er wollte damit seine und seiner Tochter Intimsphäre schützen, bot aber so und mit redaktionellen Eingriffen Angriffspunkte. Hinzu kam etwa in der deutschen Übersetzung der Versuch der Bearbeiterin, durch Milderung antideutscher Stellen die Akzeptanz im Täterland zu erhöhen. Heute schwer verständlich, aber damals im Verdrängungsklima vielleicht so unüberlegt nicht. Außerdem gab es zwei Fassungen von Anne, die selbst schon literarisch gefeilt hatte. Dadurch waren Widersprüchlichkeiten entstanden, die von den Revisionisten genüsslich breitgetreten wurden. Gleichviel: Alle Glättungen "Manipulationen" oder eben "Fälschungen", sagten die Gegner sind gemessen am Inhalt der Aufzeichnungen von Anne völlig belanglos. Doch Juristen neigen zum Erbsenzählen, und da werden aus lässlichen Änderungen eben doch Entschuldigungen für Diffamierer, die sich auf ihr Recht zu freier Meinungsäußerung berufen. Letztlich aber wurden in den 1960er Jahren alle Fälschungsvorwürfe entkräftet, und es hätte Ruhe eintreten können, wenn nicht das Bundeskriminalamt (BKA) gewesen wäre: Diese erst kürzlich wegen ihrer Rechtslastigkeit ins Gerede gekommene deutsche Ermittlungsbehörde stellte Ende der 1970er Jahre gutachterlich fest, im Original des Tagebuchs sei stellenweise Kugelschreibertinte verwendet worden, die es erst nach 1951 gegeben habe. Ob es sich bei den inkriminierten Stellen um Korrekturen oder überhaupt um nennenswerte Portionen handelte, sagten die Gutachter nicht. Und sie rückten auch nicht mit Beispielen heraus, als der niederländische Staat, Erbe des 1980 verstorbenen Otto Frank, 1986 eine neuerliche Prüfung durch das Gerechtelijk Laboratorium in Rijswijk in Auftrag gab. Warum das BKA mauerte, ist bis heute nicht geklärt. Klar aber ist, dass von Fälschung keine Rede sein kann, und wer der These immer noch anhängt kann sich durch eine kritische Edition aller überlieferten Originale eines Besseren belehren lassen. Sie ist 1988 vom Amsterdamer Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie (Reichs- heute Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation) herausgegeben worden. Und im Jahr 2001 wurden auch noch fünf Seiten hinzugefügt, die bis dahin ein ehemaliger Freund von Otto Frank zurückbehalten und erst gegen einen Betrag von 300 000 Dollar (zum Teil für wissenschaftliche Zwecke gespendet) herausgegeben hatte. Als authentisches Zeugnis für die Leiden und Hoffnungen der Verfolgten bleibt das Tagebuch unersetzlich. Wie genau es das Leben im Untergrund abbildet, besichtigen alljährlich 600.000 Besucher des Hinterhauses in der Prinsengracht, das als Museum originalgetreu erhalten und gepflegt wird. Lit.: Anne Frank Haus. Ein Haus mit einer Geschichte, interaktiver Rundgang, CD-ROM, Oberhaching 2000 Carol Ann Lee, Anne Frank. Die Biographie, München 2000. Ruud van der Rol/Rian Verhoven, Anne Frank. Bildbiographie (insbesondere für Jugendliche), Hamburg 1993 Der mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags
veröffentlichte Text ist ein Auszug aus dem im März 2003 erscheinenden
Buch: 3. Dezember 2002 |
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