Hommage

Der Besuch des großen alten Mannes

Der Buch- und Drehbuchautor, Interviewer, Reporter und Regisseur Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezember 1921 in Wien geboren, mußte mit sechzehn Jahren emigrieren und kam als amerikanischer Soldat nach München. Seine wahre Heimat und seine zweitgrößte Liebe wurde Paris. Soeben hat er eine - mit Schwarzweißfotos von Artur Kittlitz jr. illustrierte - Liebeserklärung an sein Quartier veröffentlicht, das vierzehnte Arrondissement: "Unbekanntes Paris - Jenseits von Montparnasse Ein Spaziergang durch das letzte 'Pariser Dorf'".

Von Frank T. Zumbach

Er sieht aus wie Arthur Schnitzler, kultiviert das, glaube ich, auch ein bißchen, aber um es zu bemerken, muß man natürlich Arthur Schnitzler von Bildern her kennen. Er hat auch was von Freud, dem anderen großen Wiener Seelenforscher, so etwas (Über-)Väterliches, Beruhigendes, Zuhörendes, Vertrauenerweckendes. Aber am meisten erinnert er mich an die Beschreibung des Dr. Audlin in William Somerset Maughams Erzählung `Lord Mountdrago´, und ich frage mich, ob es dem damals über neunzigjährigen Maugham nicht ebenso erging, als er von Troller interviewt wurde:

"Dr. Audlins Erscheinung lenkte keineswegs die Aufmerksamkeit auf sich... Er sah älter aus als fünfzig. Die ziemlich großen blaßblauen Augen blickten müde. Nach geraumer Zeit fiel einem auf, daß sie sich kaum bewegten, sondern auf dem Gesicht ihres Gegenübers hafteten, aber so ausdruckslos, daß es nicht störte. Nur selten leuchteten sie auf, und sie verrieten weder Dr. Audlins Gedanken, noch paßten sie sich seinen Worten an. Einem guten Beobachter mochte auffallen, daß er viel weniger blinzelte als die meisten anderen Leute ... Er sprach mit unbeteiligter, eintöniger Stimme, melodisch, sanft und einlullend ... Er begriff seine Kräfte nicht, und als Skeptiker gelang es ihm nie ganz, an sie zu glauben, obwohl das angeblich die Grundbedingung des Heilens ist: allein die Ergebnisse seiner Behandlungen, die auch der ungläubige Beobachter nicht bestreiten konnte, zwangen ihn zu dem Eingeständ-nis, daß er eine geheimnisvolle und zweifelhafte Gabe unbekannten Ursprungs besitze, mit deren Hilfe er Unerklärliches zustande brachte ... und dennoch regte sich in seinem tiefsten Inneren der Verdacht, er sei eben doch nur ein Quacksalber. Ihm ging es gegen den Strich, eine Macht auszustrahlen, die er nicht ergründen konnte, und es kränkte sein Ehrgefühl, von dem Vertrauen seiner Patienten zu leben, wenn er zu sich selbst kein Vertrauen aufbrachte ... Wie gründlich hatte er die Menschen kennengelernt ...! Was man ihm da, manchmal verschämt, zurückhaltend oder zornig, manchmal allzu bereitwillig anvertraute, überraschte ihn schon lange nicht mehr. Ihn erschütterte nichts: er wußte nachgerade, daß der Mensch ein Lügner und seine Eitelkeit grenzenlos war, er wußte noch bedeutend Schlimmeres, aber er wußte auch, daß er nicht zu richten oder zu verdammen bestellt war... Er lachte selten, er lächelte höchstens gelegentlich, wenn er zu seiner Entspannung einen Roman las. Hielten die Autoren ihre Figuren wirklich für Menschen aus Fleisch und Blut? Wenn sie ahnten, wieviel komplizierter und unberechenbarer eine Seele ist, was für unversöhnliche Elemente da nebeneinander wohnen, was für dunkle und böse Kämpfe sie austragen muß."

Noch vor etwa einem Jahrzehnt, als Trollers Haupthaar schwarz war, kontrastierte es in einem irritierenden Effekt mit seinem weißen Bart, so wie innere Zerrissenheit, Gut und Böse, das Schwarz-Weiß seines `Pariser Journals´ gegenüber schamlosem Fernsehbunt. Inzwischen haben sich Haar- und Bartfarbe versöhnt, so wie er sich, scheint es, zuletzt in einer filmischen `Selbstbeschreibung´ mit seinem eigenen Leben versöhnt hat, und, mit Abstrichen, dem modernen Medium Fernsehen - in dessen `Nischen für Intellektuelle´ er sich nach wie vor bewegen darf.

Zum Dichter oder Schriftsteller, zu beidem womöglich, fühlte er sich in seiner Jugend berufen, in einer Zeit, deren elektrische Aufgeladenheit noch so viele echte Dichter und Schriftsteller hervorbrachte, all die Brechts und Kästners und Hemingways und Joyces und was es an kleineren Satelliten um so viele Fixsterne gab. Daß es nicht dazu kam, lag sicher nicht allein an den Nazis, an der Flucht vor ihnen und am Kampf ums Überleben. Das verrückte Schicksal oder Gottes Wille stellte bei Troller alles auf den Kopf und brachte ihn dazu, Romanfiguren nicht zu ersinnen, sondern ihre Schöpfer zu treffen. Oder Boxer und Sänger, Regisseure und Schauspieler: Er machte aus Menschen Romanfiguren und aus Autoren Chimären, Stars verwandelte er in Menschen und wieder zurück, er wurde Teil eines Spiels, dessen Regeln man ihn, da er Erfolg hatte, selbst bestimmen ließ; er zeigte einem Publikum, das Titten sehen wollte, Personen, und nicht selten auch Leuten, die an Personen interessiert waren, blanke Titten.

Sein Blick ließ die Interviewpartner meistens in Ruhe, so daß sie sich sicher fühlten und munter drauflosplauderten. Er selbst sprach nie viel, gab höchstens Stichworte, die ihre Eitelkeit kitzelten und dazu beitrugen, sich in Sicherheit zu wiegen. Und dann kam oft diese unerwartete, indiskrete Frage, plötzlich, wie die Stimme aus dem Dornbusch. Manche schafften es souverän, sich herauszuwinden, man merkte ihnen an, daß es so vorher nicht abgesprochen war. Manche schafften es, ihre Souveränität bis zu ihrem Bühnenauftritt zu wahren, wohin sie, wie bei Charles Aznavour, Trollers Kamera erbarmungslos verfolgte, oder wie Edith Piaf, die ihre letzte Lebenslüge, kurz vor ihrem Auftritt im Jenseits, singend vor ihm verteidigte. Er brachte den englischen Thronfolger, der wegen seiner Liebe zu Wallis auf die Krone verzichtet hatte, durch einen Bruch im sorgsam festgelegten Gesprächsprotokoll ins Stammeln, nicht ganz gerecht, wie mir vorkam, denn eigentlich ist seine Stimme, sind seine Fragen manchmal die eines im biblischen Sinne Gerechten: "Haben Sie Ihr Leben umsonst gelebt?"

Troller stellt anderen die Fragen, die er wohl immer wieder an sich selbst richtet, und er erhält bestürzte, ausweichende, auch ehrliche Antworten. Wunderbar, wie er den Neonazi-Yuppie Althans, dem Fassade alles ist, dazu bringt, wie ein Raubtier durch die Fassade auf ihn zuzuspringen und sie dadurch zum Einsturz zu bringen, und wiederum nur durch eine einzige indiskrete Frage. Oder wie er in `Mord aus Liebe´ seelische Verwundungen bloßlegt, bis zur Grenze des Erträglichen. Anfangs, im `Pariser Journal´, kam das alles noch ein wenig tändelnder und unbeholfener, `medienwirksamer´ daher, so wie ein Reiseführer, der mit den Touristen auf der gleichen Plattform steht, die den Eiffelturm emporschießt. Aber sein Skalpell schärfte sich spürbar, der Menschenfresser warf seine Scheu und seine Rücksichten mehr und mehr ab, er wurde zum Hannibal Lecter des Interviews, und man wartete vor dem Bildschirm gebannt auf die Reaktionen seiner nächsten Opfer, die ahnungslos waren, auf wen sie sich da einließen.

Na, höre ich George jetzt, ganz so schlimm war´s auch wieder nicht... Ich übertreibe, um zu beschreiben, in welcher Aufregung ich mich befand, als Troller mich zum erstenmal besuchte... Ich kannte ihn bereits seit Jahren, durch unseren gemeinsamen Freund Edgar Allan Poe, über den ich eine Biographie geschrieben hatte, und den wir in einer Art Dokumentarfilm oder -spiel darstellen wollten. Mir schwebte so etwas im Troller-Stil vor - eine Reise in die USA zu den Schauplätzen von Poes Leben, Interviews mit spleenigen Poe-Forschern oder Fans wie jene Dame, die sich für Poes Verlobte hält und über einsame Südstaaten-Friedhöfe wandelt, an ihrem äthergetränkten Taschentuch schnuppernd. Ich hatte während meiner letzten Recherche auf den Spuren des Dichters viele solcher Leute kennengelernt, genug, sie alle in eine höchst unterhaltsames Filmprojekt zu bannen, das sich jedoch leider an den Betonköpfen diverser Fernsehredakteure zerschlug, vielleicht auch an unserem Unvermögen, der Idee die richtige Form zu geben. Kurz, es wurde nichts aus der Sache, aber wir blieben in Verbindung.

Und jetzt kündigt er also seinen Besuch an. Die Wahrheit ist: In Trollers Gegenwart bin ich nach wie vor befangen. Nicht weil uns altersmäßig über drei Jahrzehnte trennen. Nicht weil er Fernsehgeschichte geschrieben hat mit seinem `Pariser Tagebuch´, seinen `Personenbeschreibungen´. Nicht wegen seiner großen Dokumentarfilme. Auch nicht, weil er für mich zu denen gehört, die das 20. Jahrhundert "gerettet" haben. Er entkam der Barbarei, er spiegelte und nahm in sich (und die Kamera) auf, was am Leben lebenswert war, indem er durch so viele Leben hindurchging. Was mich nervös macht, ist das Wissen um seine Begegnungen mit Menschen, die ich mag und doch nur aus Büchern kenne, sein gelebtes Leben im Austausch mit Maugham, Charles Bukowski, Gisèle Freund und vielen anderen, eigentlich allen, die ich selbst gern kennengelernt hätte. Und wenn es kein Neid ist auf das Zusammentreffen mit all diesen Künstlern und Narren, so zumindest die Angst, er würde mich, nach gemächlichem Palaver, doch plötzlich ebenso ins Auge fassen wie jeden von ihnen und die böse, überraschende, indiskrete Frage stellen: "Haben Sie Ihr Leben umsonst gelebt?" Und das leiseste Zucken meiner Augenbraue, ein zufälliges oder unzufälliges Lächeln, ein Kratzen am Kinn, jede so dahin gesagte Äußerung würde von diesem Welterfahrenen registriert und gedeutet werden ... Natürlich ist das alles Unsinn, und nichts ist mir willkommener als seine Gesellschaft. Aber darin liegt vielleicht sein Geheimnis: So viele zu kennen, aber von keinem gekannt zu werden (außer von seiner Frau, vielleicht). Ich wünsche mir noch viele Gelegenheiten, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Verspäteten Glückwunsch, George, zum 80.

23. Dezember 2001

Leserbrief


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