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Wahrnehmungsschwierigkeiten

Feindbild, Plural: Feindbilder

"West- und östliches Gelände" sehen einander an: erwartungsvoll. So voller Erwartungen, ja sicheren Überzeugungen, daß für Objektivität kaum noch Platz ist. Der voreingenommene westliche Blick auf den Orient wurde in der Vergangenheit als "Orientalismus" kritisch beschrieben. Wo aber bleiben in der europäischen Orientalistik die entsprechenden "Okzidentalimus"-Studien, die Erforschung der Vorurteile, mit denen der Orient auf den Westen blickt?

Von Stefan Kubelka

So sprachlos, wie mancher sie gerne hätte, ist "die alte Linke" - auch nach den Anschlägen vom 11. September - nicht. Um sich von der Ungebrochenheit ihres Weltbildes zu überzeugen, genügte es, den letzten Parteitag der Grünen zu verfolgen. Da wurde von den Gegnern des Afghanistahn-Krieges tapfer aufrechterhalten, daß die USA als ehemaliger Finanzier bin Ladens auch hier "ein Teil des Problems" seien und deshalb nicht zur Lösung taugten, schon gar nicht, wenn sie ein unschuldiges Volk "mit Streubomben" belegten. Auch die Globalisierung und überhaupt der amerikanische Imperialismus wurden wie eh und je als Argument hervorgeholt. Die Alt-Linken sagten der Welt damit zwar nichts rundweg Falsches, aber auch nichts Neues, und der Erklärungswert dieser Positionen war vernachlässigenswert. Aber gesagt hatte man es wenigstens wieder einmal. Genau wie der saudische König, der ja ebenfalls einige Gründe für den 11. September bei den Amerikanern selbst gefunden hatte.

In der Wissenschaft liest sich der linke Vorwurf kaum anders, höchstens ausgedehnt auf den Westen und damit komplizierter. Beispielsweise in einer Ringvorlesung noch im Jahr vor dem World Trade Center hörte sich das bei Professor Werner Ruf (Universität Kassel) ganz ähnlich an. Werner Ruf ist ein ausgewiesener Kenner der Islam, speziell der Länder des Maghreb. In seinen Augen brauchte der Westen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein neues Feindbild, wofür sich wie von selbst der Islam anbot: "Die neue Dichotomisierung der Weltsicht erfolgte jedoch, und dies erscheint keineswegs zufällig, im Augenblick der Krise um Kuwait und des darauf folgenden Golfkrieges, der zusammenfällt mit dem Austritt der Sowjetunion aus der Weltgeschichte." Zustimmend zitiert Ruf Reinhard Schulze ("Vom Antikommunismus zum Antiislamismus"): "Der Islam wird nun nicht nur als ideologische Antithese begriffen, sondern als gesamtkulturelle Antithese zum Westen und seiner universalistischen Identität. Der Islam gerät so zur Begründung des Gegen-Westens, zur Gegen-Moderne, ja zur Gegen-Zivilisation."

Solche kritischen Bewertungen stehen (auch wenn das ihren Urhebern nicht gefallen mag) in einer guten Tradition. Die Orientalistik hat schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts damit begonnen, die westliche Sicht auf "den Orient" zu durchleuchten. Und was sie entdeckte, war wenig schmeichelhaft: Der islamische Orient wurde im Westen seit jeher und systematisch als exotische und erotische Kulisse dargestellt, als Erzählungen oder Filme von "1001 Nacht" und "Sindbad, dem Seefahrer" oder als süffige Gemälde von nackten Sklavinnen und Odalisken (etwa Boucher 1745 oder Ingres 1839). Die vereinnahmende Sicht erhielt bald einen Namen: Orientalismus.

In diesem Sinne ist für die kritische Linke selbst Montesquieu ("Lettres persanes") des Orientalismus überführt, dann natürlich auch Kipling, dazu die Quasi-Gesamtheit aller historischen Orient-Beschreibungen. Sogar Kissingers Bemühungen um eine Beilegung des Israel-Konflikts werden mit dem Vorwurf einer stereotypisierten Sicht der arabischen Welt belegt.

Die Kritiker können zweifellos eine Reihe guter Belege anführen, und ihre These von der Eroberungslust des Westens muß durchaus - und nicht nur hier - als bewiesen gelten. Der deutlichste Beweis liegt uns derzeit vor Augen: der reißende Absatz von Büchern über den Islam; offenbar bemerken erst jetzt unzählige Menschen, wie wenig sie über den Islam wirklich wissen, und viele, wie falsch sie bisher über ihn informiert wurden.

Dieser Orientalismus hat allerdings in den islamischen Ländern ein fatales Gegenstück: den Blick des extremistischen Islamismus auf "den Westen". In seinen Augen ist der gesamte Westen imperialistisch, korrupt, moralisch verworfen und dekadent. Man könnte diese Sicht der Dinge parallelisierend "Okzidentalismus" nennen. Ebenso wie der Orientalismus sieht er im Westen keine Menschen mehr, sondern das grundsätzlich "Andere".

Für den Islamismus sind alle Frauen im Westen ethisch verkommen, weil dauernd sexuell aufreizend. Osama bin Laden hat schon 1996 in einer Fatwa alle Amerikaner pauschal nur "Kreuzfahrer" genannt. Für ihn sind sie außerdem "Feiglinge", wie auch für den Taliban-Führer Mohammed Omar, der die Amerikaner "zu feige" nannte, "um in unser Land zu kommen". Und daß in islamischen Ländern weithin das Gerücht geglaubt wird, am 11. September seien viertausend Juden nicht ins World Trade Center zur Arbeit gegangen, läßt auf eine tiefe Bereitschaft zu Verschwörungstherien schließen.

Das Argument der Linken, bei den Islamisten handle es sich nur um nicht-repräsentative Vertreter des Islams, hat eine entscheidende Schwäche. Nicht nur, daß damit Terroristen zu unerklärlichen Phantomen werden, die auftauchen und verschwinden wie Gespenster; schlimmer ist, daß in dem Argument "ein" Islam unterstellt wird, den es doch - wie dieselben Linken unermüdlich betonen - nicht gibt, sondern sehr verschiedene Strömungen innerhalb dieser Religion. Es spricht derzeit viel dafür, daß der Islamismus eine dieser Strömungen bildet und - auch in seinen möglicherweise weniger terroristischen Abstufungen - keine unbedeutende.

Die "okzidentalistischen" Heterostereotype des Islamismus haben seltsamerweise bis jetzt zu wenig das Interesse der Orientalistik gefunden* (obwohl sie doch, gegen den Westen gewandt, in der Vorurteilsforschung ihre bekannten Verdienste hat). Offenbar treten diese Mythen und Erklärungsbilder, wie virulent oder gar gewaltbereit auch immer, bis jetzt nur unterhalb einer wissenschaftlichen Wahrnehmungsschwelle auf. Oder aber - und das wäre in der Tat bedauerlich - die Orientalistik ist auf einem Auge blind. Und mit ihr, fast schon verständlicherweise, die kritische Linke.

* Einer der wenigen Wissenschaftler, der sich des Themas angenommen hat, ist Olcay Akyildiz, der in seinem Beitrag zum XXVIII. Deutschen Orientalistentag im März 2001, "Okzidentalismus in der türkischen Literatur", die Wahrnehmung des "Westens" in der osmanischen Literatur 1860 bis 1960 untersucht. Der "Westen", stellt er dabei fest, wird vom Orient - wie umgekehrt übrigens auch - als "weiblich" stereotypisiert, so daß sich zwei teilweise ähnliche Fremdbilder gegenüberstehen: "Einerseits der passive, geheimnisvolle, weibliche 'Orient' - andererseits der teuflische, attraktive, aber doch wieder weibliche 'Okzident'."

Siehe auch den Hinweis auf Rotraud Wielandt, Das Bild der Europäer in der modernen arabischen Erzähl- und Theaterliteratur, Beirut und Wiesbaden 1980 (Leserbriefe)

7. Dezember 2001

Leserbrief


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