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Fundamentalismus in den USA und in Deutschland "Kreuzzug" und "Gewissen" In der Diskussion um die Vertrauensfrage zum deutschen Militäreinsatz in Afghanistan ergab sich zwischen den Parteien fast ein Wettrennen um die intensivste, ehrenwerteste Gewissenserforschung: Jeder rang - vor allem mit sich selbst. In jeder Talkshow dasselbe Bild: entblößtes Inneres. Wäre es nicht besser gewesen, man hätte sich in der schwierigen Situation mit dem teilbaren und also vernünftig mitteilbaren Wissen befaßt? Von Dietrich Krusche Als ich in den zahllosen Wiederholungen des Fernsehens die Türme des World Trade Centers einstürzen und das Pentagon in Trümmern sah, war ich - bei allem Schrecken und Entsetzen - betroffen von der Höhe der Symbolik, die daraus sprach. Die Wirtschaft der USA und ihr Anspruch auf Globalität, die Übermacht ihres militärischen Apparats und der Anspruch auf Sicherheit vor dem Rest der Welt (der geplante Raketenschild im All) waren zielgenau getroffen worden. Von der Inszenierung der Terrorakte als Symbole, scheint mir, geht denn auch die nachhaltigste Veränderung aus. Das Pentagon und die Türme des World-Trade-Centers bedeuten nach ihrer Zerstörung mehr als davor - jedenfalls etwas anderes. Die Masse von heterogenen, ja eigentlich unvereinbaren Vorwürfen gegen die USA und den von ihr angeführten Globaltrend ist für diese Weltsekunde gebündelt. Alle latenten Vorurteile und erst recht der offene Widerspruch gegen den Umwelt-Zynismus der Bush-Administration, gegen ihre demonstrative Gleichgültigkeit, was das Palästina-Problem betrifft, gegen die Egozentrik der Sicherheitspläne der einzigen verbliebenen Supermacht sind zugleich aufgerufen. Seitdem ist die Konfrontation zwischen den USA und all denjenigen, die sich von ihrer wirtschaftlichen und militärischen Übermacht bedroht oder, wenn nicht bedroht, so doch an den Rand gedrängt fühlen, der Weltpolitik eingeschrieben. Alles andere bleibt offen, die Frage, welche Staaten sich von der Symbolik der Anschläge mitbetroffen fühlen müssen, ebenso wie die andere, welche Gesellschaften sich wie lange als Verbündete der USA begreifen werden und mit welchen Einschränkungen. Überall in der Welt hat ein Prozeß neuer Solidarisierungen, neuer Distanznahmen, neuer Selbstbestimmungen begonnen. Sehr viel weniger überraschend war, daß die USA auf die Herausforderung des Terrors symmetrisch reagierten. Ihr Präsident sprach von "Krieg", von "Kreuzzug" sogar, von "Gut gegen Böse" und führte die Christus-Formel in seine Politik ein: "Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns." Die Vergeltung schließt alles ein, politische, militärische, kriminaltechnische, wirtschaftliche, zumal finanzielle und finanztechnische Elemente des Gegenschlags; aber das alles wird überwölbt von einer Symbolverwendung, die dem Konflikt eine religiöse und, im weitesten Sinn, kulturelle Bedeutung gibt. Mein eigener Zwiespalt dieser Reaktion gegenüber wurde mir anläßlich der Fernsehübertragung der Trauerfeier für die Opfer der Attentate im Yankee-Stadium bewußt. In die bewegte Zustimmung angesichts der Solidarität der Bürger New Yorks, ihrer spontanen Hilfsbereitschaft, ihrer zwischenmenschlichen Nähe im geteilten Leid, mischte sich Staunen, Befremden, ja Ablehnung gegenüber den Inszenierungen und Ritualen, in denen die solidarische Trauer und der Trost der Solidarität ausgedrückt wurden. Im Zentrum meines Unbehagens: die Vermischung des Militärischen und Religiösen ("The Battle-Hymn of the Republic"), der kämpferische Anspruch, die Leit-Religion (Leit-Kultur) der Welt zu sein: "God bless America!" In der Reflexion dieser Haltung, wie sie seitdem auch in den USA selbst, vor allem aber in Europa vollzogen wird, ist rasch klar geworden: Diese Art, die Herausforderung des Terrorismus anzunehmen, den Kampf als einen Showdown und zugleich als jüngstes Gericht zu inszenieren, hat selbst etwas Fundamentalistisches. Darin treffen sich beide Seiten: der in seiner Selbstachtung gekränkte, durch die Ereignisse der jüngsten Geschichte fanatisierte Islamismus und die letzte verbliebene Weltmacht heute. Der Totalität ihres Anspruchs entspricht die von ihnen angezielte Höhe der Symbolik
Kein Zweifel, diese Entscheidungslage, was die Auseinandersetzung mit
dem Terror angeht, ist komplex. Wie darin agiert und vor allem, wie
darüber argumentiert worden ist, hat aber auch deutlich gemacht,
daß wir Deutschen unsere eigene Art von Fundamentalismus haben. Umso stärker der Kontrast zur Komplexität, ja Verworrenheit
dessen, was man zu der anstehenden Entscheidung wissen konnte, genauer
gesagt hätte wissen müssen, um es in angemessener Weise in
die Entscheidung einzubringen. Vor allem folgende Komplexe waren aufgerufen:
die Geschichte Afghanistans im letzten Vierteljahrhundert, die Verknotung
von Staatsmacht, Terror und ideologischer Paranoia im Taliban-Land,
die komplexen Zusammenhänge in der Bündnisfrage der Nato,
die Notwendigkeiten und Regularien einer Abstimmung innerhalb der Europäischen
Union, die vielfältigen Gemeinsamkeiten mit den USA, die Repräsentativität
oder Nicht-Repräsentativität des Islamismus für unsere
islamischen Zeitgenossen insgesamt, die Spannung zwischen der Gleichwertigkeit
aller Kulturen und Universalität der Menschenrechte, die den Frauen
in Afghanistan verweigert werden ... Zum Wissen gehört aber auch
das, was es einschränkt und begrenzt: die Defizite, die durch die
konsequente Zurückhaltung von Wissen durch die USA als kriegführender
Partei entstehen, bis hin zur Irreführung; und nicht zuletzt die
Verfälschungen der Realität, die durch die Arbeitsbedingungen,
Systemzwänge und Eigeninteressen der Medien entstehen. Im Interesse unserer demokratisch verfaßten Gesellschaft, die
mit den unterschiedlichen Weltanschauungen ihrer Bürger rechnet
und dieser Verschiedenheit gerecht zu werden versucht sollten
nicht alle Abgeordneten unseres Parlaments, zumal wenn es um Entscheidungen
geht, die weit in die 'Welt' hinein ausgreifen, sich auf die Bearbeitung
des für alle Wißbaren beschränken und auf den Abstieg
in die Symboltiefe verzichten, die durch den Begriff 'Gewissen' eröffnet
wird? |
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