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Human, unauffällig:

Gehn mer Tauben vergiften im Park

Wie eine lächerliche Nebensächlichkeit plötzlich unser aller Interesse erregt, verrät unfreiwillig mehr über den geistigen Zustand unserer Gesellschaft als über den angeblich interessanten Gegenstand. Und der Autor fühlt sich bei Boulevardpresse-Reportagen über die Gekämpfung der Wiener Taubenplage unangenehm an eine grausige Vergangenheit erinnert.

Von Bernhard Kathan

Beauftragte des Wiener Tierschutzvereines arbeiteten in den letzten Wochen wie Detektive, und was sie schließlich erfuhren, ist empörend genug: Wiens Tauben werden in großen Transporten nach Bologna gebracht. Wöchentlich gehen 500 bis 1000 Stück nach dem Süden ab. Welches Schicksal dort die bedauernswerten Tiere erwartet, die tagelang, in enge Kisten gepfercht, auf der Bahn verbringen müssen, ist noch nicht ganz geklärt. Es scheint aber so, dass die Tiere in Italien den Sportschützen als lebendes Ziel dienen müssen. Es werden nämlich auffallenderweise vor allem Tiere mit dunklem Gefieder nach Italien verfrachtet. Diese Vögel bieten den Jägern ein besseres Ziel. Erst gestern ging vom Wiener Südbahnhof wieder ein Taubentransport nach Italien ab. 500 Tauben in sechs kleinen Kisten traten die vier Tage dauernde Reise nach Bologna an. In den Kisten befand sich kaum Wasser und Futter.

In österreichischen Boulevardzeitungen der Nachkriegszeit finden sich eine Vielzahl ähnlicher Berichte. Wie die erst kurz zurückliegende Berichterstattung über Kampfhunde mehr über Befindlichkeiten unserer Gesellschaft als über Kampfhunde sagt, hatten all diese Berichte etwas anderes zum Inhalt. Heute sind sie unschwer als Deckgeschichten zu lesen. Ihr eigentlicher, wenn auch latenter und den meisten der damaligen Leser nicht bewusster Inhalt bezog sich auf die NS-Zeit, vor allem auf die Frage der Deportation.

Vor dem März 1938 umfasste die Israelitische Kultusgemeinde in Wien 181.000 Mitglieder. Vielen Juden gelang die Flucht. Ab dem Frühjahr 1941 wurden von Wien rund 48.000 Juden in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nur etwa 1.700 von ihnen überlebten. Die Wiener jüdische Gemeinde, einst eine der größten der Welt, wurde nahezu vernichtet. Die anderen jüdischen Gemeinden in Österreich wurden praktisch ausgelöscht. In Österreich sollten nur rund 5.500 Personen jüdischer Religion oder Herkunft den Nazi-Terror überleben. Besonders in Wien musste das "Verschwinden" von so vielen Menschen symbolisch verarbeitet werden, nicht zuletzt deshalb, weil viele Österreicher in Wohnungen lebten, die nur wenige Jahre zuvor von Juden bewohnt wurden, viele Geschäfte besaßen, die Juden gehörten, viele an Arbeitsplätzen die Stelle von Juden eingenommen hatten.

Offensichtlich war es leichter, sich mit dem Verschwinden von Tauben als mit jenem von Menschen zu befassen. Gegen die Deportation der Juden gab es keinen nennenswerten Widerstand der nichtjüdischen Bevölkerung, bestenfalls wenige Menschen, die einzelne von der Deportation bedrohte Personen unterstützt oder ihnen Unterschlupf gewährt haben. Nun jedoch galt die Aufmerksamkeit Tieren, die in Zügen oder Flugzeugen transportiert werden. Von Eseln, Kälbern bis hin zu Blindschleichen oder Papageien reichte die Aufmerksamkeit der Tierfreunde und Berichterstatter. Viele Juden wurden in Viehwaggons deportiert, viele von ihnen haben die "Bahnfahrt" nicht überlebt.

Die Taubenberichterstattung eignete sich in besonderer Weise als Deckgeschichte. Zwei entscheidende Elemente antisemitischer Stereotypen fanden hier ihr Projektionsfeld. Juden wurden als Parasiten und Schädlinge diffamiert, die den gesunden Volkskörper zu verunreinigen drohen. Ihnen wurde ein ausgeprägter Geschlechtstrieb unterstellt. Tauben wiederum galten als Parasiten und Krankheitsüberträger oder drohten durch ihren scharfen Kot das Kulturerbe zu zerstören und sich unkontrolliert zu vermehren: Der Frühling hat auch wieder die Taubenjäger auf den Plan gerufen. In Wien gibt es rund 60.000 bis 80.000 Tauben. Diese große Zahl richtet alljährlich arge Schäden an den Gebäuden an. Es ist daher notwendig, die Vermehrung der Vögel unter Kontrolle zu halten.

Dass solche Berichte die Funktion hatten, die nur kurz zurückliegende Vergangenheit mit ihren schrecklichen Ereignissen zu überschreiben, wird vor allem dort offensichtlich, wo der Tod mittels Blausäure als "humaner" Tod behauptet wird: Jährlich sollen in Wien etwa 15.000 Tauben vertilgt werden. Die Gemeinde Wien hat mit dieser viel umstrittenen, aber leider erforderlichen Aufgabe ein Schädlingsbekämpfungsunternehmen in Wien-Landstraße beauftragt. Die Männer dieser Firma gehen nach einem ganz bestimmten Plan vor, um die Tauben dort, wo sie zur Plage werden, zu dezimieren. Dabei werden Kukuruzkörner ausgestreut, die mit Blausäure behandelt wurden. Sobald die Tiere ein Körnchen davon geschluckt haben, fallen sie tot um. Der Tierschutzverein kann gegen diese Art der Taubenvernichtung nicht einschreiten, weil sie vollkommen schmerzlos und human ist. Anders verhält es sich mit zwei privaten Taubenfängern, die in Wien eine Konzession für ihr Gewerbe besitzen. Sie fangen die Tiere in Netze, stecken sie lebend in Säcke und verkaufen sie als lebende Wurftauben an Schützenvereine oder als Raubtierfutter. Gegen das Treiben dieser beiden Taubenfänger hat der Tierschutzverein schon öfters protestiert. [1]

Die mit Blausäure behandelten Kukuruzkörner lassen an Zyklon B denken. Bevor Zyklon B in Auschwitz zur Massentötung von Menschen verwendet wurde, diente es zur Ungezieferbekämpfung. In der schrecklichen Sprachlogik der Massenvernichtung war es nur konsequent, ein Ungezieferbekämpfungsmittel auf jene Menschen anzuwenden, die mit Ungeziefer gleichgesetzt wurden. Wenn Tauben mit Hilfe von Blausäure "human" und "schmerzlos" getötet werden können, dann, so der latente Textinhalt, könne der Tod in den Gaskammern nicht so schlimm gewesen sein. In mehreren Berichten wird der Tötungsvorgang detailliert beschrieben: Als Vorfutter bekommen die Tauben Kukuruz. Danach folgen die mit Blausäure garnierten Semmelbröckerln als Hauptmahlzeit. "Die machen einen Peck und sind sofort weg", poetisiert Heinrich Czanek. Was die nicht verbrauchte Blausäure betrifft, so hat sie sich in den nächsten fünf Minuten verflüchtigt. Der Rest der Galgenspeise wird in den Kanal gekehrt. Oder: Ein geprüfter Vergasungstechniker lockt in den frühen Morgenstunden die Tauben mit Kukuruz an. Sie hören die Körner fallen und stürzen sich auf die Köder. Drei Zehntel Milligramm Blausäure genügen. Der Tod ist blitzartig. Die Köder sind nach fünf bis zehn Minuten unwirksam, die Blausäure ist flüchtiger als Äther, sie siedet bei 26 Grad. Die toten Tauben werden unauffällig in die Wasenmeisterei gebracht.

Neben anderen versuchte auch Rudolf Höss, Kommandant in Auschwitz, dem Tod durch Zyklon B einen "humanen" Anstrich zu geben: "Ich habe mir selbst die Tötung, durch eine Gasmaske geschützt, angesehen. Der Tod erfolgte in den vollgepfropften Zellen sofort nach Einwurf. Nur ein kurzes, schon fast ersticktes Schreien, und schon war es vorüber. [...] Die Leichen waren durchwegs ohne jegliche Verkrampfung. Wie mir die Ärzte erklärten, wirkte die Blausäure lähmend auf die Lunge, die Wirkung wäre aber so plötzlich und so stark, dass es nicht zu den Erstickungserscheinungen wie z. B. durch Leuchtgas oder durch allgemeine Luftentziehung des Sauerstoffs führe."[2] Bei der Tötung mittels Zyklon B habe es sich um eine schmerzfreie Tötung gehandelt, da ja der Tod augenblicklich eingetreten sei, und da die Leichen keine Anzeichen von "Verkrampfung" gezeigt hätten, könne man annehmen, dass es auch keinen Todeskampf gegeben habe. Zyklon B wurde jedoch deshalb eingeführt, um den Vorgang des Tötens zu beschleunigen. Erträglich sollte das Töten vor allem für jene sein, die töteten: "Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten, dass auch die Opfer bis zum letzten Moment geschont werden konnten", so Höss.[3]

Während die Bekämpfung der Tauben mittels Blausäure als human galt, wurde als tierquälerisch gegeißelt, Tauben mit Netzen zu fangen, lebend in Säcke zu stecken und sie als Wurftauben oder als Raubtierfutter zu verkaufen. Als besonders "human" wurden Versuche gepriesen, die Taubenplage durch die Kontrolle der Fortpflanzung zu beherrschen. Die Berichterstattung zur Taubenplage lässt auch dort an die NS-Zeit denken, wo die Sprache solcher Berichte an die Kriegsberichterstattung mit ihren Erfolgsmeldungen erinnert: In einer Nacht starben 1000 Tauben. Die Aktion soll den ganzen September dauern. [...] Die erste Aktion gegen die Taubenplage wurde bereits unternommen. In der Nacht zum Freitag befestigte man unter dem Tragwerk der Linzer Nibelungenbrücke an Laufkatzen Vergasungsgeräte. Feuerwehrmänner mit Gasmasken führten die Arbeit durch, die mit einem "vollen Erfolg" endete. Etwa tausend Tauben wurden getötet. Der "Taubenkrieg" soll den ganzen September geführt werden. Aber schon in der nächsten Ausgabe konnte sich wieder ein Bericht mit einer sentimentalen Bezugnahme finden. Im Übrigen, und dies sehe ich nicht mehr als Deckgeschichte, tragen die Kräne, die dazu dienen, Fenstersimse oder andere Mauervorsprünge mit Netzen oder Stacheln zu versehen, heute manchmal die Auftschrift "humane Taubenbekämpfung". Offensichtlich hat sich eine euphemistische Formulierung der Vergangenheit in die Gegenwart geschlichen.

Georg Kreisler, der 1938 nach Amerika auswanderte, hatte nach seiner Rückkehr in seine Geburtsstadt Wien im Jahr 1955 wohl keine Schwierigkeiten, die Boulevardberichte zur Taubenplage anders zu lesen. Es erstaunt nicht, dass Lieder wie "Taubenvergiften", "Opernboogie" und "Wien ohne Wiener" in Rundfunk und Fernsehen verboten waren. "Taubenvergiften" liest sich in unserem Zusammenhang wie ein böser Kommentar zu den angeführten Boulevardberichten:

Kann's geben im Leben ein größ'res Plaisir
Als das Tauben vergiften im Park
Der Hansl geht gern mit der Mali,
Denn die Mali die zahlt's Zyankali Die Herzen sind schwach und die Liebe ist stark
Beim Tauben vergiften im Park
Nimm für uns was zu naschen - in der ander'n Taschen
Gehn mer Tauben vergiften im Park

Historiker arbeiten in der Regel mit Verlässlichem. In Archiven suchen sie nach Akten, Briefen, Fotos oder Filmmaterial, nach Reststücken der Vergangenheit, die von sich behaupten, Geschichte zu sein. Schon schwieriger wird es mit den Aussagen von Zeitzeugen, die Jahrzehnte nach einem bestimmten Ereignis über dieses berichten. Allein durch wiederholtes Erzählen, welches nicht nur zunehmend durch andere Informationen, sondern auch durch Betonungen, die sich bei früherem Erzählen als erfolreich erwiesen haben, wird das ursprüngliche Ereignis "verfälscht". Während die Historiker möglichst nach harten Fakten suchen, beschäftigt sich die Wissenschaft der Erinnerung mit Graubereichen, mit den Interpretationen und Überschreibungen historischer Ereignisse.

Je mehr Erfahrungen mit Traumatisierungen oder auch Schuld verknüpft sind, umso mehr werden sie auch an Kinder und Kindeskinder weitergegeben. Dies muss nicht durch Erzählung geschehen. Im Gegenteil. Gerade das Verschweigen oder Auslassen kann eine Form der Tradierung sein. Das Verschwiegene wird durch seine Ränder benannt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Vater das Wort "Kamerad" je verboten hätte, aber bereits als Kind zählte dieses Wort für mich zu jenen Worten, die mir nicht über die Lippen kommen wollten, überlief mich ein kalter Schauer, wenn meine Lehrer von "Kameradschaft" sprachen. Meine Abneigung gegen dieses Wort verdankt sich wohl dem Verstummen meines Vaters, wenn von Kameradschaft die Rede war, seiner abgrundtiefen Abneigung allem gegenüber, was ihn an die NS-Zeit denken ließ, und war es nur die Feuerwehr, in der für ihn die alten Tugenden in die Nachkriegszeit herübergerettet wurden. Auch wenn familiengeschichtliche Tradierung und Erinnerung anders erfolgt, so geschieht auch das kollektive Tradieren oft gerade dadurch, dass nicht gesprochen wird, dass ausgespart wird, oder wie die erwähnten Beispiele zeigen, die Rede in einer Form geschieht, dass sie gleichermaßen verstanden wie nicht verstanden wird.

Wenn sich die Wiener in der Boulevardpresse der Nachkriegszeit besonders um das Tieren im öffentliche Raum zugefügte Leid kümmern, dann wird zwar ein wichtiges Anliegen der frühen Tierschutzbewegung aufgegriffen, aber die vielen Berichte über Hunde, die, von ihren Besitzern in Autos zurückgelassen ("Herrchen ging ins Kaffeehaus"), zu verdursten drohen, oder jene von weggelegten Hündchen oder Kätzchen ergäben keinen Sinn, würde man sie nicht im Kontext der NS-Zeit lesen. Ende der 60er Jahre sollten solche Motive an Bedeutung verlieren. Nun galt es anderes Tierleid zu beklagen. Mit den ersten Gastarbeitern ging es wieder um das Schächten. Wie früher Juden, so wurden nun türkische Gastarbeiter bezichtigt, grausam zu sein. Es lassen sich also unterschiedliche Bedeutungsschichten herausarbeiten. Diese spiegeln sich in den vielfältigsten gesellschaftlichen Diskursen. Manchmal sind – wie etwa in der Waldheim-Affäre – Daten zu nennen. Dass sich einzelne dieser Schichten besonders in der Tierberichterstattung ablesen lassen, ergibt sich nicht allein aus der Tatsache, dass Tiere ein großes Spektrum an Motiven bieten. Aufgrund anthropomorpher Zuschreibungen eignen sie sich in besonderer Weise für die projektive Verarbeitung von Traumen, Ängsten und Konflikten.

Im Gegensatz zur landläufigen Behauptung gab es in Österreich in den ersten Nachkriegsjahrzehnten einen dichten Diskurs zum Thema Schuld und Täterschaft. Dass es sich dabei durchwegs um entlastende Konstruktionen und einen nichtreflexiven Diskurs handelte, ist leicht nachzuvollziehen. Aber es gab einen Diskurs. Er diente dazu, wieder in die Normalität zurückzukehren. Die Vergangenheit wurde weniger verdrängt als überschrieben.

Die Boulevardpresse – heute wären das Fernsehn und andere Medien hinzuzufügen – bildet das Gedächtnis unserer Gesellschaft. Hier werden die kollektiven Traumen und Ängste verarbeitet. Dieses Gehirn dehnt sich aus, zieht sich zusammen, kennt besondere Sensorien, dann wieder eine bemerkenswerte Stumpfheit. Ein auffallendes Merkmal dieses Gehirns findet sich in den bizarren Missverhältnissen seiner Aufmerksamkeit. Die lächerlichste Angelegenheit kann die weltbewegendsten Ereignisse zu Fußnoten machen. Bei genauerer Betrachtung behandelt dieses Gehirn, in dessen Zellen eine Unzahl schlechter Schreiber tätig sind, zielsicher das, was die Leser beschäftigt. Man muss Boulevardzeitungen nur anders lesen.

Die österreichische Nachkriegsgeschichte verbinden die meisten mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dem Staatsvertrag, mit Kreisky, Zwentendorf, Schüssel und Haider. Die eigentliche Geschichte – ich meine die Geschichte der Befindlichkeiten, Ängste und Traumatisierungen – ist in sentimentalen Tierberichten der österreichischen Boulevardpresse nachzulesen. Das Motto der erfolgreichsten österreichischen Boulevardzeitung lautet: "Kinder, Tiere, Mädchen". Dies ist nicht allein deshalb ernst zu nehmen, weil Politik heute zunehmend boulevardisiert wird, sondern weil die Boulevardpresse ein sensibles Gespür für die Ängste und Empfindungen der Mehrheit hat. Sie registriert und produziert gleichermaßen Wirklichkeit.

In den 50er Jahren war das Verhältnis zu den Tauben durchaus noch ambivalenter als heute. Deshalb begegnen uns Tauben in solchen Berichten nicht nur als Parasiten und Krankheitsüberträger, sondern als Opfer hartherziger Menschen. Aber auch hier fällt es nicht schwer, eine inhaltliche Verbindung zur NS-Zeit herzustellen. Als eigentliche Opfer galten in der Nachkriegszeit nicht jene, die deportiert und ermordet wurden, sondern Soldaten, die in russische Kriegsgefangenschaft kamen. In einigen Berichten zur Taubenplage fand denn auch die "russische Lösung" Erwähnung: Moskau erklärt Tauben den Krieg. [...] Nachdem die medizinische Fakultät der Moskauer Universität in einer Reihe von Untersuchungen die sich immer stärker vermehrenden Taubenscharen der Stadt für Grippe-Epidemien verantwortlich gemacht hat, sollen die Millionen gurrender Vögel aus der sowjetischen Metropole verbannt werden. Seit einigen Tagen werden mit Hilfe großer fahrbarer Ventilatoren die Tauben von den Gehsteigen der Stadt ins Innere großer Lastwagen eingesaugt. Angeblich sollen sie Tausende Kilometer verfrachtet und in den bewaldeten Ebenen wieder in Freiheit gesetzt werden. Die Tauben auf dem Roten Platz sind bisher von der Verbannungsaktion verschont geblieben. Wenige Tage später wurde in einem Konkurrenzblatt nicht mehr von "bewaldeten Ebenen", sondern von "Sibirien" gesprochen: Mit gigantischen Staubsaugern will man in Moskau die Tauben von den Straßen und vom Roten Platz wegsaugen und nach Sibirien aussiedeln. In den Nachkriegsjahrzehnten war in den Köpfen der Österreicher "Sibirien" ein Ort des Sterbens. Was könnte man gegen die "vollkommen schmerzlose" und "humane" Vernichtung von Tauben mittels Blausäure einwenden angesichts der Schrecken Sibiriens? Die Absurdität der Vorstellung, Tauben mit Hilfe von Staubsaugern einzufangen, spiegelt sehr gut, dass es nicht um die manifesten Inhalte solcher Berichte ging. Die eigene Gesellschaft hatte so viele Opfer zu beklagen. Man konnte durchatmen, wieder leben.

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.tierbilder.at

[1] Alle kursiv gesetzten Zitate sind österreichischen Zeitungen der Nachkriegszeit entnommen. [zurück]
[2]Rudolf Höss, Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höss. Herausgegeben von Martin Broszat, München 1979, S. 126. [zurück]
[3]ebda., S. 127 [zurück]

7. Dezember 2001

Leserbrief


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