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Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Von Henky Hentschel

Was hat die staatliche Genehmigung, mein Gästezimmer hier in Havanna an einen Touristen zu vermieten, mit dem Ozonloch zu tun? Wo liegt der Zusammenhang zwischen dem ersehnten Ende des weltweiten Waldsterbens und der Erlaubnis, ein kleines Straßencafé zu eröffnen? Kann die Zulassung einer kubanischen Wechselstube den Planeten retten?

Es könnte sein, so absurd die Behauptung klingen mag. Ich lebe in seinem System, das seine Schöpfer - die Gebrüder Castro und Ernesto Ché Guevara - sozialistisch nennen, und täglich lese ich in der Parteizeitung über die Sünden des Kapitalismus. Laut 'Granma' ist der an allem schuld, was schlecht ist auf dieser Welt: am Ozonloch, am Waldsterben, an der Armut in der Dritten Welt und der Arbeislosigkeit in der Ersten (wo liegt eigentlich die Zweite?, frage ich mich häufig), an Seuchen, Epidemien und Analphabetismus im Süden des Planeten, der Kindersterblichkeit dort, der Unterernährung, der Wohnungsnot undundund. Ob wirklich ITT, Siemens und die Rockefellers dieser Welt uns all das eingebrockt haben, kann ich nicht nachprüfen. Aber ich weiß, daß es all diese Erscheinungen gibt - überall, außer auf Kuba. Und diese Tatsache stimmt mich nachdenklich.

Wer sich den Blick mit Begriffen wie Kapitalismus oder Sozialismus versperrt, kann nicht in die Ferne schauen. Also weg damit! Betrachten wir die Wirklichkeit! Kuba mischt heute - für die Insel der einzig gangbare Weg, um aus der Krise zu finden - Methoden der freien Marktwirtschaft mit der guten, alten Planwirtschaft aus den Jahren des Überflusses, als es den Großen Bruder Sowjetunion und seine osteuropäischen Kinderchen noch gab. Das Ergebnis kann sich langsam, aber sicher sehen lassen, und daß ich dieses Gästezimmer vermieten, ein Straßencafé eröffnen und legal Geld tauschen kann, sind erste Früchte dieser Politik. Zaghaft, aber mit sichtbarer Konsequenz öffnen sich Märkte, die noch vor kurzem als für immer verschlossen galten. Es lohnt sich wieder zu arbeiten auf Kuba, weil Privatinitiative nicht mehr als ein Verstoß gegen den ethischen Kodex revolutionärer Gleichmachung angesehen wird. Wettbewerb ist angesagt, und Fleiß macht sich wieder bezahlt.

Aber trotzdem entzieht sich der Staat nicht seiner Verantwortung. Trotzdem bleibt die Kindersterblichkeit auf der Insel unter zehn Promille. Trotzdem gehen die Kinder - alle Kinder - umsonst in den Kindergarten, zur Schule und viele von ihnen später auf die Universität. Trotzdem unterziehen sich Kranke den kompliziertesten Operationen und bezahlen dafür keinen roten Heller.

'Das kann nicht sein! Das darf nicht sein!' schreien weltweit blinde (oder gekaufte) Journalisten. Daß die 'andere' Seite ganz ähnliche Ziele verfolgt - nur auf anderen Wegen -, das verschweigen wir lieber. In diesem Falle heißen die Solidarleistungen einer Gruppe von Menschen nicht Sozialismus, sondern betriebliche Altersversorgung oder einfach Krankenkasse. Der Gedanke hinter den Systemen bleibt dennoch derselbe: Sichern wir uns gegenseitig ab!

Die Kubaner haben seit 1987 drei Milliarden Bäume gepflanzt. Sie haben einen jahrhundertealten Rassismus ausgemerzt und der Frau auf die Ebene des Mannes gehoben. Auf 260 Insulaner kommt ein Arzt. Die schönen Künste explodieren - und das mitten in der schwersten Wirtschaftskrise aller Zeiten. Ich zumindest finde das verwunderlich. Andere sollen - wenn es nach dem Willen der Mächtigen geht - gar nicht erst darüber nachdenken.

Daß die Menschheit mit täglich höherer Geschwindigkeit in eine für den Planeten und alles Leben auf ihm tödliche Sackgasse rennt, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern. Daß 'business' auf Kosten der Schwachen allein diesen Irrsinn nicht stoppen kann, sollte heute eigentlich bereits ein Sechsjähriger begriffen haben. Die Nur-Marktwirtschaft hat ebenso versagt wie die Nur-Planwirtschaft. Beide waren unfähig, die wirklichen Probleme der Menschheit zu lösen. Aber während der Staat meiner alten Mutter ihr Krankenhaus in Ulm-Söflingen kurzer wegen Unrentabilität schließt, bauen die Kubaner gerade ein paar neue und stellen nebenan gleich noch ein High-tech-Institut für Molekularbiologie hin. Sollten sie etwa klüger sein als der Rest der Welt?

Ein bißchen klüger sind sie, glaube ich, aber dafür können sie nichts. Diese Klugheit kommt aus ihrer Geschichte. Daß sie heute mutterseelenallein gegen den Strom schwimmen und für ihre Schwierigkeiten rein pragmatische Lösungen suchen, dazu hat sie keine Einsicht getrieben, sondern die nackte Not. Die Krise hat sie gezwungen, Mischformen zwischen den beiden angeblich unversöhnlichen Systemen zu finden. Und jede kleine Konzession des einen Systems an das andere hat seither weitere erzwungen. Die Geister, die Fidel Castro rief, wird er nicht mehr los, und so steuert Kuba einen unsicheren, aber phantasievollen Zickzackkurs zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Irrtümern und halben Lösungen, Öffnungen, Widersprüchen und prähistorischen, aber immer seltener werdenden Repressionsversuchen. Aber das Schiff kommt voran. In den letzten Monaten hat es Gewässer erreicht, von deren Existenz bisher niemand wußte: Gewässer, in denen die großen Fische die kleinen nicht mehr fressen und wunderbarerweise dennoch nicht verhungern. Markt, freie Preisgestaltung, Steuern, Rationalisierung sind für die Kubaner über Nacht zu selbstverständlichen Begriffen geworden. Dennoch wird das soziale Netz nicht wie in den USA oder in der Bundesrepublik Deutschland abgebaut. Es hält - trotz allen Drucks von außen.

Wo die Reise hingeht, weiß heute vermutlich nicht einmal Kapitän Castro. Der Kommunismus hat aufgehört, ein Ziel zu sein, und der Neoliberalismus bietet keine Alternative. Den Kurs bestimmt das Wörtchen 'nicht'. Dies wollen wir nicht, aber das auch nicht und jenes schon gar nicht. Und so kämpft sich das kleine kubanische Schiff durch die Wellen internationaler Kritik und nordamerikanischer Feindschaft.

Ich würde mich nicht wundern, wenn die Welt irgendwann feststellen würde, daß es Kuba war, das mit seinem Pragmatismus den Weg aus der planetarischen Sackgasse gefunden hat. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Mächtigen dieser Welt eines Tages anhand des kubanischen Beispiels doch noch zu der Einsicht gelängen, daß es auf einer überfüllten Erde ohne einen 'contrat social' eben nicht geht, und daß die Armen, an denen sie sich mästen, eines Tages tot oder die Sieger im Krieg der Kriege sein werden.

Seit die Utopien verschwunden sind, ist es noch grauer geworden auf dem blauen Planeten. Nur hier auf dieser tropischen Insel ist das Leben trotz aller Not und trotz aller De-facto-Verbote bürgerlicher Freiheiten noch bunt geblieben. Ich habe das Glück, einem unerhörten sozialen Experiment als Beobachter beiwohnen zu dürfen. Falls Uncle Sam es zuläßt, werde ich wohl noch lange staunen können.

Der nächste Brief, ich verspreche es, wird wieder lustiger.

7. Dezember 2001

Leserbrief


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