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Bevölkerungspolitik

Fötizid und Infantizid

Geht es nur nach einem biologischen Zufallsprinzip, so müßte es - bei sonst gleichen Bedingungen - in jeder Gesellschaft etwa gleichviel Frauen und Männer geben. Indien aber zeigt ein seltsames Mißverhältnis zwischen der Zahl der weiblichen und der der männlichen Personen: Es gibt auffällig weniger Mädchen und Frauen als Jungen und Männer. Und die Tendenz ist fallend. Wo sind all die statistisch erwartbaren Inderinnen?

Von Brigitte Voykowitsch

"Mädchen sind den Burschen beim Lernen überlegen. Unsere Tochter könnte also spielend Ärztin werden und dann Geld scheffeln so wie er", sagt eine hochschwangere Frau zu ihrem Mann und deutet auf den ihnen gegenüber sitzenden Gynäkologen. Der hat dem Paar nach einem Geschlechtstest am Fötus gerade eröffnet: Das Kind, das sie erwarten, ist ein Mädchen.

Wäre diese Meinung von der Überlegenheit von Mädchen, die die werdende Mutter in einer indischen Karikatur äußert, mehrheitsfähig, so würde das Resultat der Bevölkerungszählung 2001 am Subkontinent wohl anders aussehen. So aber kommen laut diesem jüngsten Zensus in der Altersgruppe der 0-bis 6-Jährigen auf eintausend Burschen lediglich 927 Mädchen, vor zehn Jahren waren es noch 945. Insgesamt liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern bei 933 zu 1000, gegenüber 972 zu 1000 im Jahre 1991.

Experten führen diese Entwicklung auf die immer breitere Verfügbarkeit von Geschlechtstests zurück, in deren Folge die Zahl der Abtreibungen weiblicher Föten stark angestiegen ist. "Hier verbinden sich uralte Vorurteile und hochmoderne Technologie zum Schaden der Frau", sagt eine Feministin. Mädchen gelten als nur vorübergehend ihrem Elternhaus zugehörig, da sie doch bald heiraten und dann Teil der Familie ihres Mannes werden. Söhne dagegen bleiben für immer Teil ihres Elternhauses und müssen darüberhinaus wichtige religiöse Zeremonien wie etwa die letzten Riten für den Vater durchführen. Laut den in der Zeitschrift des indischen Ärzteverbandes zu Jahresbeginn veröffentlichen Schätzungen werden jährlich rund fünf Millionen weibliche Föten abgetrieben.

Der Zensus hat nun aber selbst Vertreter der diversen Religionsgruppen aufgeschreckt. "Die Abtreibung weiblicher Föten ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", erklärte der Shankaracharya von Kanchi, einer der führenden Hindu-Kleriker, bei einem Treffen in der Hauptstadt Neu Delhi Ende Juni. Andere religiöse Autoritäten bezeichneten bei der Tagung, die vom indischen Ärzteverband, der Nationalen Frauenkommission und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) organisiert worden war, den Fötizid als "kaltblütigen Mord". Mehrere Kleriker verwiesen zudem auf die Bedeutung, die schließlich auch der Frau bei der Fortpflanzung und dem Erhalt der Familie zukomme.

Die Worte von Führern der Hindu-, Muslim-, Sikh- und anderen religiösen Gemeinden könnten vielleicht schwerer wiegen als gesetzliche Regelungen, meinen Analysten. Doch um dem Fötizid - und auch dem Infantizid an weiblichen Babies - ein Ende zu setzen, werden ein langer Kampf und ein radikales Umdenken in der gesamten Gesellschaft vonnöten sein, betonen sie. Verbote allein bewirken nichts, wie die Erfahrung zeigt. Nicht ein einziger Arzt ist zudem bis heute wegen Fötizids verurteilt worden.

Berichten zufolge variiert der Preis für einen Geschlechtstest bei manchen Gynäkologen: Für die "gute" Nachricht - es ist ein Bub - ist mehr zu berappen als für die "schlechte" - "leider nur" ein Mädchen. Doch bei letzterem spielen andere - künftige - Kosten eine Rolle, allen voran die für die Mitgift. "Familien machen Druck auf Frauen, damit sie ihren weiblichen Fötus abtreiben, und verantwortlich dafür ist die Praxis der Mitgift", prangerte ein anderer Hindu-Führer bei dem Treffen in Delhi an. Auch die Mitgift ist offiziell längst verboten, zahlreiche Studien der vergangenen Jahre deuten aber darauf hin, dass in der Praxis die Mitgiftforderungen nur noch angestiegen sind und es häufig nicht mit einer einmaligen Mitgift getan ist. Immer wieder gehen Fälle durch die Medien, in denen Ehemänner stets neue Forderungen an die Schwiegereltern erheben. Oft tun sie dies freilich nicht direkt, sondern machen Druck auf die eigene Frau. Fügt diese sich nicht oder meint sie, ihre Familie sei außerstande, weitere Zahlungen zu leisten, riskiert sie nicht selten ihr Leben. Der Sari der Frau habe am Herd Feuer gefangen, lautet zumeist die offizielle Version, wenn eine Inderin mit schwersten Verbrennungen in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Der tatsächliche Verdacht lautet auf Mitgiftmord. Selbst wenn ein Mann unter einem solchen Verdacht steht, verringert das, wie Feministinnen feststellen haben müssen, kaum seine Chancen auf eine weitere Eheschließung – und damit eine weitere Mitgift.

Ärmere Familien verschulden sich wegen der Mitgift für ihre Töchter oft auf Generationen hin. Diese unerträglich hohen Kosten für Mädchen führten Frauen in Südindien an, als sie jüngst zu der dort wachsenden Häufigkeit weiblichen Infantizids befragt wurden.Zu Geschlechtstests und darauf eventuell folgenden Abtreibungen haben sie keinen Zugang. Somit greifen sie weiterhin zu herkömmlichen Methoden. Neugeborene Mädchen werden mit Pflanzensäften vergiftet oder aber sie werden erstickt, oft indem die Mutter sie mit viel zu groben Körnern füttert. Da diese Art von Mord bei Post-mortem-Untersuchungen entlarvt werden kann, suchen die Frauen nun aber nach anderen, weniger leicht aufdeckbaren Methoden.

Sie habe bereits zwei Töchter, eine weitere könne sie sich einfach nicht leisten, betonte eine schwangere Frau im südindischen Bezirk Salem, wo die Zahl der Infantizide besonders hoch liegt. In Salem und einigen anderen Bezirken kommen auf 1000 männliche Babies mittlerweile weniger als 900 weibliche. Sollte sie also wieder ein Mädchen gebären, so werde sie es nicht am Leben lassen, fuhr die Frau fort. "Was sollen wir denn tun, wenn wir nicht das Geld haben, um Mädchen großzuziehen und dann zu verheiraten?", fragte eine andere Frau den Interviewer und forderte ihn heraus: "Oder werden Sie die Kosten übernehmen?"


7. Dezember 2001

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