|
|
|
Mit Gemäßigten wie diesen
Gezinkte Karten
"Dialog - das gilt in der deutschen Kirchenszene
als ein 'Allheilmittel', dem 'nahezu Wunderkräfte' beigemessen
werden, wie der Berliner 'Tagesspiegel' beobachtete. Ob in Gemeindesälen
oder Gebetsstuben, in Fernsehstudios oder kirchlichen Akademien: Überall
ist 'interreligiöser Dialog' angesagt, suchen Christen eifrig nach
dem Guten im Glauben der anderen. ... Wenngleich keiner der Kritiker
eine Alternative zur friedlichen Debatte kennt - die Zweifel mehren
sich, ob der Dialog bisweilen nicht allzu nachgiebig, allzu naiv geführt
worden ist." ("Der Spiegel" 51/2000)
Von Anatol
Das hört sich gut an: Den gegenseitigen Respekt von Muslimen und
Christen, fordert - im Interview mit einer großen süddeutschen
Zeitung - der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland,
Dr. Nadeem Elyas. Auch sollen sich die in Deutschland lebenden Muslime
"mit der Gesellschaft mehr auseinandersetzen, sich die Sprache
aneignen". Man hätte das zwar schon längst für selbstverständlich
gehalten, aber immerhin gut, daß es Dr. Elyas mal sagt.
Dann nähern sich die offenbar furchtlosen Interviewer dem unwegsameren
Teil des Gesprächs. Es gebe zwar, läßt sich Dr. Elyas
ein, "Bereiche, die im Grundgesetz anders
geregelt sind als im Islam". Das sei aber gar kein Problem, denn
in solchem Fall seien die islamischen Vorschriften nicht verbindlich,
da sie "einen islamischen Staat voraussetzen". Als Beispiel
gibt er dazu die Mehrehe an: Sie sei "in Deutschland unangebracht,
weil sie keine Pflicht im Islam ist". Etwas unlogisch, wie eine
Nicht-Vorschrift überhaupt mit einer Rechtsnorm in Konflikt geraten
sollte. Aber gut.
In der nächsten Antwort wirds jetzt schon ernster. Es geht um die
Scharia. Sie könne, sagt Dr. Elyas, "nur angewendet werden,
wenn ein islamischer Rechtsstaat vorhanden ist", danach präzisiert
er auch noch: "wenn es einen intakten islamischen Rechtsstaat gibt".
Auf die Frage, wo es diesen intakten Staat gebe, antwortet er mit überraschender
Knappheit. "Derzeit nirgends."
Was heißt hier, mit Verlaub, "derzeit"? Ist es unfair,
ihm hier zu unterstellen, er erwarte (befürworte?, betreibe?) die
hoffentlich baldige Existenz eines solchen "intakten islamischen
Rechtsstaats"? In dem dann endlich die Scharia ihre volle Geltung
entfalte?
Aber hören wir noch weiter zu, denn die tapferen Reporter lassen
ihn noch nicht von der Angel.
Mit einer bewundernswerten Wendung bleiben sie konkret am Scharia-Thema:
"Auch im islamischen Utopia", halten sie ihm vor, "widerspricht
Steinigung dem Menschenrecht." Woraufhin Dr. Elyas das tut, was
wir früher noch als "Und ihr seid schlecht zu den Negern"
karikieren durften: Er versucht, das Argument mit einem Hinweis auf
Mißstände in den USA und die dortige Todesstrafe zu widerlegen,
ein dreifacher Roßtäuschertrick, denn erstens ging es hier
nicht um die Todesstrafe, sondern um Steinigung; zweitens ging es nicht
um die USA, sondern um eine selbst im noch fernen "intakten"
Islam-Staat angreifbare Unverhältnismäßigkeit; und drittens
wird ein Unrecht nicht dadurch beseitigt, daß es auch noch an
anderer Stelle vorkommt.
"Diese harten Strafen", fährt er unbelehrbar fort, seien
"diskutabel. Der Islam hat seine Gründe dafür, aber das
heißt nicht, daß sie als Maßstab für den Westen
gelten sollen". Hier ist das billlige, aber gängige Ausweichmanöver
mit Händen zu greifen: Es wird etwas zurückgewiesen, was niemand
verlangt hat, um bloß nicht auf das Verlangte eingehen zu müssen.
Als ihm schließlich gesagt wird, solche Strafen "dürften
nirgendwo gelten", kommt Dr. Elyas vollends ins Schwimmen. Seine
nur noch schwach fingerzeigende Antwort verliert sich im Ungefähren:
"Andere westliche Rechtsstaaten haben auch eine andere Sicht als
der deutsche - ohne daß man ihre Menschenrechtstreue infragestellt."
An der Stelle geben die Interviewer das Thema auf. Man muß anerkennen,
daß sie es lange durchgehalten haben.
Die Behauptung, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime argumentiere
unaufrichtig, ist wohl vermessen. Aber sehen wir uns die offizielle
Website des Verbands an (www.zentralrat.de).
Da ist zu erfahren: "Der Islam gibt der Menschheit ein vollständiges
Rechtssystem ...", und die Handlungsweise des Muslims wird durchgehend
"von dem einen, ewigen und immergültigen Gesetz Gottes bestimmt
...". Das klingt nicht so, als wäre da noch viel Platz für
ein Grundgesetz oder, Gott behüte, ein Verbot der Steinigung, gar
der Todesstrafe. Weiter zum Absatz über die Familie: "Während
der Mann für den Unterhalt verantwortlich ist, ist die Frau bemüht,
ihre Kinder ... zu erziehen und das Haus zu einem Hort der Geborgenheit
zu machen." Sieht so die islamische Gleichberechtigung aus? Oder
hat der Islam auch hier "seine Gründe"? Sicher nur aus
Raumnot werden "noch viele andere Gebote und Verbote, die dem Menschen
den Weg ... weisen", ebensowenig offen dargelegt.
Aber natürlich gilt das alles, die vielen uns noch unbekannten
Gebote und Verbote der Scharia, erst in einem "intakten islamischen
Rechtsstaat", den es "derzeit nirgends" gibt. Hat man
sich durch die Website durchgelesen, dann hört sich die Forderung
Dr. Elyas' nach einem Islam deutscher Prägung überhaupt nicht
mehr respektvoll an, eher wie ein Ultimatum.
Der deutsche Innenminister hat soeben den Khalifatstaat verboten, weil
dessen Prinzipien wesentlichen Normen des Grundgesetzes widersprechen.
Die islamischen Prinzipien, die der Zentralrat der Muslime in Deutschland
öffentlich verbreitet, glänzen aber auch nicht durch Verfassungstreue.
Deshalb ein guter Rat an den Verband: Bessern Sie Ihre Website nach.
Es werden Ihnen schon ein paar Argumentationstricks einfallen, um wenigstens
die schlimmsten Verstöße gegen die Verfassung Ihres Gastlandes
wegzubügeln. Damit man nicht gleich merkt, wie gezinkt die Karten
sind.
Dr. Elyas, "der 'Darling' der christlichen Dialog-Eliten"
("Die Welt"), gilt als gemäßigter Verfechter des
Islam.
23. Dezember 2001
Leserbrief
|
Haben Sie schon unseren
kostenlosen Newsletter
abonniert?
|