|
|
Genau gelesen Heinrich Böll: "Briefe aus dem Krieg 1939 1945" Der Einblick in das Innenleben des Soldaten Heinrich Böll, die Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit dieses Überlebensdokuments, behält selbst bei unverminderter Aufmerksamkeit für die neu aufgelegte Wehrmachtsausstellung und ihre pädagogische Funktion einen unser Bild vom Soldaten differenzierenden Wert. Von Stefanie Brauer Ich glaube, ich habe den Auftrag, allen Menschen eindringlich
zu sagen, dass es nichts so Geheimnisvolles, nichts so Verehrungswürdiges
gibt wie das Leid; nichts, das so unmittelbar uns geschenkt ist, regelrecht
geschenkt, nicht auferlegt. Es ist wirklich eine Gnade, wenn wir leiden
dürfen, denn wir dürfen dann doch auf eine geheimnisvolle
Weise wie Christus sein ..." Schwer zu sagen, wie der Leser mit den ersten parr hundert Seiten verfahren
soll. Die ständige Wiederholungen und Klagen über das Leben
bei der Truppe machen den Text zähflüssig. Von Hass"
ist viel zu lesen auf Vorgesetzte, Kameraden, sinnlose Arbeit
und Manöver, auf dieses geisttötende" Leben. Und
doch: Wer weiß, wie viele Soldaten damals an anderen Einsatzorten
ihr Leben ließen, den berührt diese konstante Klage etwas
merkwürdig konnte Böll, fragt man sich, nicht das Privileg
seiner Situation erkennen, nämlich über lange Zeit als Wachhabender
in Köln und Umgebung eingesetzt zu sein und damit Gelegenheit zu
haben, Frau und Familie nach Dienstschluss und am Wochenende zu sehen.
Andererseits wird nur jemand, der diese ersten monotonen, mit zahlreichen
über den Wert des Leidens im Christentum versehenen Briefe überstanden
hat, die Entwicklung entdecken, die er Schriftsteller Böll erfährt.
Mit diesen genauen, täglich notierten Beobachtungen aus dem Krieg gewinnt das Buch gerade heute eine hochaktuelle Relevanz. Denn es erscheint zeitgleich mit der Wiederauflage der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht während des Krieges. Und es zeigt eine andere, sehr individuelle Dimension des Krieges. Detailliert stellt es die Innenwelt des Soldaten Heinrich Böll dar, einen jungen Mann mit christlicher Prägung, der den ganzen Krieg hindurch vom ersten bis zum letzten Tag - in der Uniform seinen Dienst absolviert. Hier spricht ein sensibler junger Mann, der sich bewusst ist, mit dem Krieg sehr wertvolle Jahre seines Lebens zu verlieren, der den Krieg hasst und der dennoch mittun muss. Deutlich werden die subtilen Ambivalenzen gegenüber Deutschland: Ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, dass ich gefühlsmäßig so wenig gebunden bin an Deutschland, aber intellektuell unbedingt dafür bin." (S. 456) An anderer Stelle entsetzt er sich über die Äußerungen eines Franzosenmädchens, das in der Küche seiner Dienststelle aushilft, erfährt, wie antideutsch die französische Zivilbevölkerung denkt: Sie sagt mir, dass die ganze Welt Deutschland" instinktiv hasst ... dann schweigt sie. Sie macht gar keinen Hehl daraus, dass sie auch Deutschland hasse, aber ich konnte es eigentlich kaum glauben [...] Ich war wirklich erschreckt von soviel naiver Voreingenommenheit, die uns mit völliger Selbstverständlichkeit für halbe Wilde und Barbaren hält; es hat mich sehr traurig gemacht, diese sehr plötzliche und sehr tiefe Einblick in die wahre Meinung des französischen Volkes über uns ...", und im nächsten Brief, in Bezug auf dieses Mädchen: Ich habe ihr übrigens versprochen, dass ich sie falls sie will, einmal nach Deutschland einladen will, um ihr das wahre Deutschland" zu zeigen." (S. 760f.) Die Briefe zeigen einen jungen Mann, der trotz seiner Ablehnung des Krieges Respekt für die Gefallenen aufbringt, und der seine Frau über den Tod ihres Bruders zu trösten versucht: ... Du weißt, dass ich den Krieg hasse, wirklich, dazu braucht es keine Worte mehr, ganz nüchtern und klar ist das. Aber ich sage es Dir, ganz nüchtern und klar, mit aller Nüchternheit und auch aller Phantasie meines Wesens, dass es nach dem Märtyrertod keine höhere und edlere Art zu sterben gibt als die, zu fallen als Soldat vor dem Feind, irgendwie und irgendwo. Wirklich, das glaube ich. Das ist etwas so Hohes und Schlichtes." (S. 682) Passagen wie diese führen auf eindringliche Weise vor, wie die Psyche angesichts des Unausweichlichen funktioniert: Böll spricht sich selbst Mut zu und versucht für sich und seine Frau den Sinn im Unsinn des Märtyrertods" zu erkennen. Sich selbst sieht Böll allerdings nie bedroht Gott, so seine tiefe innere Überzeugung, werde ihm beistehen, er werde den Krieg überleben. Und seine christlichen Prinzipien hat Böll offenbar auch gegenüber seiner Umgebung behauptet: ...wir hatten uns in ein heißes Gespräch über Sterilisation eingelassen, über die Tötung von Irrsinnigen und über die berühmte und berüchtigte Euthanasie: ach, ich bin eigentlich richtig glücklich gewesen bei diesem Gespräch; die Argumente unseres Glauben sind doch phantastisch stark. Sie verstehen sie nicht, die meisten, das ist wohl wahr, aber in solchen Gesprächen lernen wir ja selbst erst die Größe und die Kraft unseres unsagbar tiefen und wahren Glaubens." (S. 735) Aufschlussreich ist für den heutigen Leser, dass diese christliche Prägung für Böll mit dem Krieg vereinbar war und dass er trotz aller Distanz - noch Ende 1943 sehr dem Zeitgeist verhaftet war. Aus dem Lazarett, in dem er die Folgen einer Splitterwunde am Kopf auskurierte, schreibt Böll an seine Frau: Ich sehne mich sehr nach dem Rhein, nach Deutschland und doch denke ich oft an die Möglichkeit eines kolonialen Daseins hier im Osten nach einem gewonnenen Krieg." (S. 972) Selbstverständlich darf ein solches Buch nicht von den Verbrechen
der Wehrmacht ablenken, die bis heute an der Öffentlichkeit erhitzte
Diskussionen auslösen, - und doch hilft der Einblick in das Innenleben
Heinrich Bölls, das Bild vom deutschen Wehrmachtssoldaten zu differenzieren.
Der Wert der Briefausgabe liegt in ihrer Unmittelbarkeit und ihrer Aufrichtigkeit.
Sie ist ein großartiges Zeitdokument, ein individuelles Überlebensdokument
und sie ist für die Böll-Forschung sicherlich von unschätzbarer
Bedeutung. Und doch: An die großen Romane Bölls, die das
Grauen des Krieges retrospekt verarbeitet haben, wie der vor einigen
Jahren posthum veröffentlichte Roman Der Engel schwieg",
reichen sie nicht heran. 23. Dezember 2001 |
Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert? |
|||||
|
|