Genau gelesen

Heinrich Böll: "Briefe aus dem Krieg 1939 – 1945"

Der Einblick in das Innenleben des Soldaten Heinrich Böll, die Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit dieses Überlebensdokuments, behält selbst bei unverminderter Aufmerksamkeit für die neu aufgelegte Wehrmachtsausstellung und ihre pädagogische Funktion einen unser Bild vom Soldaten differenzierenden Wert.

Von Stefanie Brauer

„Ich glaube, ich habe den Auftrag, allen Menschen eindringlich zu sagen, dass es nichts so Geheimnisvolles, nichts so Verehrungswürdiges gibt wie das Leid; nichts, das so unmittelbar uns geschenkt ist, regelrecht geschenkt, nicht auferlegt. Es ist wirklich eine Gnade, wenn wir leiden dürfen, denn wir dürfen dann doch auf eine geheimnisvolle Weise wie Christus sein ..."
Klingt wie religiöse Erbauungsliteratur rechtzeitig zum Christfest – und ist doch nur eine von vielen Passagen aus den „Briefen aus dem Krieg" von Heinrich Böll. Briefe, die er als Soldat während der Jahre 1939-1945 an seine in Köln lebende Familie und an Annemarie Cech, seine Freundin, die er im Frühjahr 1942 heiratete.
Die Kritik hat die beiden sorgfältig edierten – mit einem ausführlichen Stellenkommentar und einem langen von James H. Reid verfassten Nachwort emphatisch gerühmt. Hier zeige sich der spätere Romancier Böll schon auf der Höhe seiner Kunst. Mit solchen Hymnen im Ohr muss der Leser enttäuscht werden – zumindest über weite Strecken des immerhin allein mehr als 800 Seiten zählenden ersten Bandes. Der zweite Band enthält noch einmal 300 Seiten Briefe und den ausführlichen Stellenkommentar, sowie das von James H. Reid verfasste Nachwort, das die Briefe in den Kontext stellt und Lesehilfen anbietet – auf dass Böll richtig verstanden werde, auch wo er sich missverständlich ausdrückt.

Schwer zu sagen, wie der Leser mit den ersten parr hundert Seiten verfahren soll. Die ständige Wiederholungen und Klagen über das Leben bei der Truppe machen den Text zähflüssig. Von „Hass" ist viel zu lesen – auf Vorgesetzte, Kameraden, sinnlose Arbeit und Manöver, auf dieses „geisttötende" Leben. Und doch: Wer weiß, wie viele Soldaten damals an anderen Einsatzorten ihr Leben ließen, den berührt diese konstante Klage etwas merkwürdig – konnte Böll, fragt man sich, nicht das Privileg seiner Situation erkennen, nämlich über lange Zeit als Wachhabender in Köln und Umgebung eingesetzt zu sein und damit Gelegenheit zu haben, Frau und Familie nach Dienstschluss und am Wochenende zu sehen. Andererseits wird nur jemand, der diese ersten monotonen, mit zahlreichen über den Wert des Leidens im Christentum versehenen Briefe überstanden hat, die Entwicklung entdecken, die er Schriftsteller Böll erfährt.
Mit der Versetzung Bölls nach Frankreich nämlich kommt der Erzähler, der Dichter Böll zur Sprache und er überzeugt durch brillante Miniaturen: Landschaftsbeschreibungen und Alltagsszenen: die täglichen Kontakte mit der Zivilbevölkerung, dem Buchhändler, den Kokotten – von Böll manchmal Hexen genannt - , die sich den Soldaten anbieten - den Fahrten mit dem Feldwebel über Land, bei denen sie in typisch französischen Gasthöfen einkehren und siebengängige Menüs vertilgen. Böll portraitiert das im „Krieg eingerichtete Leben", das Alltagsleben der Besatzer – und so lässt sich auch nachvollziehen, welchen Reiz der Krieg auch haben konnte, für die, die ihn hinter derFront erlebten: Das Leben in anderen Teilen Europas, die Begegnung mit einer anderen Kultur – das Abenteuer. Allerdings erlebte Böll ab November 1943 den Krieg an der Ostfront – eingekauert in einem schwarzen, verlausten Erdloch, mitten in den Gefechten fehlt ihm die Zeit für ausführliche Schreiben: „Später einmal werde ich Dir einzelnes von diesen Tagen erzählen, in denen ich dem Krieg in sein wahres Gesicht sehe." (S. 948) „Manche Minute dieses Grauens ist für ewig eingebrannt in mein Bewusstsein und niemals werde ich vergessen, sie als Maßstab bei mir zu halten." (S. 950) „Es ist unglaublich viel mit mir geschehen und auch mit mir selbst. Alles Unwesentliche, das ich noch hatte, habe ich nun endgültig begraben." (S. 954) Böll berichtet von der Kälte und dem Elend, der Einsamkeit, dem Tod der Kameraden.

Mit diesen genauen, täglich notierten Beobachtungen aus dem Krieg gewinnt das Buch gerade heute eine hochaktuelle Relevanz. Denn es erscheint zeitgleich mit der Wiederauflage der Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht während des Krieges. Und es zeigt eine andere, sehr individuelle Dimension des Krieges. Detailliert stellt es die Innenwelt des Soldaten Heinrich Böll dar, einen jungen Mann mit christlicher Prägung, der den ganzen Krieg hindurch – vom ersten bis zum letzten Tag - in der Uniform seinen Dienst absolviert. Hier spricht ein sensibler junger Mann, der sich bewusst ist, mit dem Krieg sehr wertvolle Jahre seines Lebens zu verlieren, der den Krieg hasst und der dennoch mittun muss. Deutlich werden die subtilen Ambivalenzen gegenüber Deutschland: „Ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, dass ich gefühlsmäßig so wenig gebunden bin an Deutschland, aber intellektuell unbedingt dafür bin." (S. 456) An anderer Stelle entsetzt er sich über die Äußerungen eines Franzosenmädchens, das in der Küche seiner Dienststelle aushilft, erfährt, wie antideutsch die französische Zivilbevölkerung denkt: „Sie sagt mir, dass die ganze Welt „Deutschland" instinktiv hasst ... dann schweigt sie. Sie macht gar keinen Hehl daraus, dass sie auch Deutschland hasse, aber ich konnte es eigentlich kaum glauben [...] Ich war wirklich erschreckt von soviel naiver Voreingenommenheit, die uns mit völliger Selbstverständlichkeit für halbe Wilde und Barbaren hält; es hat mich sehr traurig gemacht, diese sehr plötzliche und sehr tiefe Einblick in die wahre Meinung des französischen Volkes über uns ...", und im nächsten Brief, in Bezug auf dieses Mädchen: „Ich habe ihr übrigens versprochen, dass ich sie falls sie will, einmal nach Deutschland einladen will, um ihr das „wahre Deutschland" zu zeigen." (S. 760f.) Die Briefe zeigen einen jungen Mann, der trotz seiner Ablehnung des Krieges Respekt für die Gefallenen aufbringt, und der seine Frau über den Tod ihres Bruders zu trösten versucht: „... Du weißt, dass ich den Krieg hasse, wirklich, dazu braucht es keine Worte mehr, ganz nüchtern und klar ist das. Aber ich sage es Dir, ganz nüchtern und klar, mit aller Nüchternheit und auch aller Phantasie meines Wesens, dass es nach dem Märtyrertod keine höhere und edlere Art zu sterben gibt als die, zu fallen als Soldat vor dem Feind, irgendwie und irgendwo. Wirklich, das glaube ich. Das ist etwas so Hohes und Schlichtes." (S. 682) Passagen wie diese führen auf eindringliche Weise vor, wie die Psyche angesichts des Unausweichlichen funktioniert: Böll spricht sich selbst Mut zu – und versucht für sich und seine Frau den Sinn im Unsinn des „Märtyrertods" zu erkennen. Sich selbst sieht Böll allerdings nie bedroht – Gott, so seine tiefe innere Überzeugung, werde ihm beistehen, er werde den Krieg überleben. Und seine christlichen Prinzipien hat Böll offenbar auch gegenüber seiner Umgebung behauptet: „...wir hatten uns in ein heißes Gespräch über Sterilisation eingelassen, über die Tötung von Irrsinnigen und über die berühmte und berüchtigte Euthanasie: ach, ich bin eigentlich richtig glücklich gewesen bei diesem Gespräch; die Argumente unseres Glauben sind doch phantastisch stark. Sie verstehen sie nicht, die meisten, das ist wohl wahr, aber in solchen Gesprächen lernen wir ja selbst erst die Größe und die Kraft unseres unsagbar tiefen und wahren Glaubens." (S. 735) Aufschlussreich ist für den heutigen Leser, dass diese christliche Prägung für Böll mit dem Krieg vereinbar war – und dass er – trotz aller Distanz - noch Ende 1943 sehr dem Zeitgeist verhaftet war. Aus dem Lazarett, in dem er die Folgen einer Splitterwunde am Kopf auskurierte, schreibt Böll an seine Frau: „Ich sehne mich sehr nach dem Rhein, nach Deutschland und doch denke ich oft an die Möglichkeit eines kolonialen Daseins hier im Osten nach einem gewonnenen Krieg." (S. 972)

Selbstverständlich darf ein solches Buch nicht von den Verbrechen der Wehrmacht ablenken, die bis heute an der Öffentlichkeit erhitzte Diskussionen auslösen, - und doch hilft der Einblick in das Innenleben Heinrich Bölls, das Bild vom deutschen Wehrmachtssoldaten zu differenzieren. Der Wert der Briefausgabe liegt in ihrer Unmittelbarkeit und ihrer Aufrichtigkeit. Sie ist ein großartiges Zeitdokument, ein individuelles Überlebensdokument und sie ist für die Böll-Forschung sicherlich von unschätzbarer Bedeutung. Und doch: An die großen Romane Bölls, die das Grauen des Krieges retrospekt verarbeitet haben, wie der vor einigen Jahren posthum veröffentlichte Roman „Der Engel schwieg", reichen sie nicht heran.

23. Dezember 2001

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