Andersen und Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Die Entstehung eines Märchens

"Ich greife eine Idee auf, die für Ältere gedacht ist", schrieb Andersen über seine Märchen, "und erzähle sie dann den Kleinen, während ich daran denke, daß Vater und Mutter oft zuhören, und ihnen muß man etwas für den Verstand geben." In den besten Geschichten des Autors ist es allerdings umgekehrt: Sie sind Märchen für Erwachsene, die sich Kinder gern erzählen lassen. "Und dort saßen sie beide", heißt es am Ende der "Schneekönigin", "erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer gesegneter Sommer".

Von Erling Kristiansen

Am 31. Oktober 1845 war Hans Christian Andersen sehr beschäftigt. Am Vormittag wurde er von dem König und der Königin in Audienz empfangen. Am Nachmittag stattete er bei Freunden und Bekannten, insbesondere bei der Familie Collin, seine Visite ab.
Am Abend desselben Tages trat er seine dritte große Auslandsreise an. Sein Ziel war das ferne Neapel, und gewohnheitsgemäß wollte er auf der Reise mehrmals Station machen. Ungefähr ein Jahr würde es bis zu seiner Rückkehr dauern.
Von den dänischen Dichtern des 19. Jahrhunderts hat Hans Christian Andersen mit Abstand die meisten Länder bereist. Er liebte es, unterwegs oder, wie er sagte, "auf dem Strome" zu sein. Doch gleichzeitig dachte er an die Menschen, die er in Dänemark zurückgelassen hatte. "Wie wird es meinen Freunden während dieser langen Zeit ergehen?", vermerkt er in seinem Tagebuch.
Nun würde er erst einmal knapp zwei Wochen auf dem Herrengut Glorup bei Nyborg und danach eine Woche auf Schloss Gravenstein, das damals dem Herzog von Augustenburg gehörte, zu Gast sein.
Als Hans Christian Andersen Glorup am Morgen des 10. November verließ, kam ihm nicht in den Sinn, dass am Abend dieses Tages Martinsabend war. Das fiel ihm erst ein, als er nach Odense kam, wo er übernachten wollte.
Verständlicherweise bewegte es ihn immer sehr, wenn er Odense besuchte. Hier war er geboren und aufgewachsen. Hier hatte sein früh verstorbener Vater in seiner Schusterwerkstatt gesessen und davon geträumt, in der Welt herumzukommen. Hier hatte seine Mutter am Bach gestanden und für die Leute gewaschen.
Die Mutter war im Herbst 1833 gestorben, als er seine erste große Auslandsreise unternahm. In Rom erreichte ihn die Trauerbotschaft. "Nun bin ich ganz allein," schrieb er. "Ich weiß, dass sie in ihrer Todesstunde für mich gebetet und mich gesegnet hat."
Einige Jahre danach setzte er ihr mit der Geschichte von einer Waschfrau, "Sie tauchte nichts", ein Denkmal.
"Doch, sie taugte etwas!" sagte die alte Magd und blickte zum Himmel. "Ich weiß es seit vielen Jahren und seit der letzten Nacht. Ich sage dir, sie taugte etwas, und Gott im Himmel sagt es auch, lass die Welt nur sagen: Sie taugte nichts!"
Auch an jenen Novembertag 1845 musste Hans Christian Andersen an seine entbehrungsvolle und doch so reiche Kindheit denken. Er machte eine Runde und besuchte verschiedene Leute, hatte aber auch Zeit, einen Gruß an Edvard Collin zu senden.
"Werter Freund", schreibt er, "jetzt weile ich in Odense, meiner alten Stadt, wo ich als armer Junge barfuß oder mit Holzschuhen umherlief. Wenn ich auf die Gasse blicke, denke ich wie Aladdin: 'Dort ging ich, als ich ein armer Junge war!' Wie gut, wie erstaunlich gut Gott zu mir anstatt zu tausend anderen gewesen ist. Ich begreife mein Glück nicht. Warum habe ich so viel bekommen?
Abends wird ein Fest gefeiert, daran hatte ich gar nicht gedacht. Es ist heute abend Martinsabend. Ganz Odense riecht nach Gänsebraten, und ich erinnere mich besonders meiner Kindheit. Ein Dichter sagt ja auch, mit Duft und Liedern seien viele Erinnerungen verknüpft; aber an Gänsebraten hat er wohl kaum gedacht!"
Am 12. November traf Hans Christian Andersen in Gravenstein ein und wurde von dem Herzog und der Herzogin freundlich empfangen. Später promeniert er mit dem Herzog, und am Abend liest er dem kleinen Hof aus seinen Werken vor.
Das Schloss, in dem er zu Gast ist, ist schön und hat eine idyllische Lage am Wald und in der Nähe eines Sees und der immer an Abwechslung reichen Flensburger Förde. An einen Tag mit stillem, warmem Sonnenschein macht er einen Spaziergang um den See, und fast jeden Tag geht er an die Förde.
Während seines Aufenthaltes auf Schloss Gravenstein, genauer gesagt am Dienstag, den 18. November 1845 erhielt er einen Brief von dem Xylographen Flinch in Kopenhagen.
Einige Jahre zuvor hatte Flinch begonnen, einen Almanach herauszugeben, der außer Kalenderblättern auch Zeichnungen und kleine Erzählungen enthielt. Jetzt bereitete er einen neuen Jahrgang vor und brauchte ein Märchen dafür.
Die Illustration hatte er schon. Dem Brief an Hans Christian Andersen waren "drei gedruckte Bilder" zur Auswahl beigelegt. Was die beiden ersten darstellten, steht nicht ganz fest. Auf dem dritten dagegen war eine von J. Th. Lundbyes Hand stammende Zeichnung eines Mädchens, das Streichhölzer oder, wie man damals sagte, Schwefelhölzchen verkauft.
Dies war das erste und letzte Mal, dass Hans Christian Andersen aufgefordert wurde, ein Märchen für ein bestimmtes Bild zu schreiben. Normalerweise entsteht der Text ja zuerst.
Das Bild hinterließ einen tiefen Eindruck bei Hans Christian Andersen. Es hatte eine zündende Wirkung auf ihn, könnte man fast sagen. Bereits am selben Tag schrieb er "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern".
Auf der Zeichnung ist das Mädchen, wie man leicht sieht, arm. Im Märchen aber erscheint die Armut noch bitterer, da es im Winter spielt.
"Es war entsetzlich kalt, es schneite, und der Abend begann zu dunkeln. Es war der letzte Abend des Jahres."
Wie auf der Zeichnung ist das Mädchen barfüßig; aber im Märchen hatte es die Pantoffeln ihrer Mutter angehabt, als es das Haus verließ. Der Schuhmachersohn Hans Christian Andersen beschreibt oft die Schuhe seiner Protagonisten. Das ist auch hier der Fall:
Die Pantoffeln sind viel zu groß. Das Mädchen hat sie verloren, als es über die Straße huschte. Es hat sie natürlich gesucht, doch der eine war nicht wiederzufinden, "und mit dem anderen lief ein Junge fort. Er sagte, er könne ihn als Wiege gebrauchen, wenn er selbst Kinder hätte."
Den ganzen Tag hat das Mädchen seine Schwefelhölzer feilgeboten. Einen Bund davon hat sie in der Hand und weitere in einer alten Schürze; aber niemand hat ihr welche abgekauft, und niemand hat ihr etwas geschenkt.
Hungrig und verfroren geht sie auf der Straße herum und traut sich nicht nach Hause. Sie weiß, dass ihr Vater sie schlagen wird, weil sie keinen Erfolg gehabt hat.
Die Schneeflocken fallen auf "ihr langes blondes Haar, das sich so hübsch im Nacken lockte; aber daran dachte sie nun freilich nicht. Aus allen Fenstern glänzten die Lichter, und es roch in der Straße herrlich nach Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend, und daran dachte sie."
Das Märchen wird immer trauriger. Man wundert sich vielleicht, dass es auf Schloss Gravenstein geschrieben wurde, wo es an nichts fehlte. Hier war vielmehr ein "festlicher und fürstlicher Überfluss" vorhanden.
Jeden Abend führte Hans Christian Andersen eine Prinzessin zu Tisch. Man hatte ihm am Tag zuvor ein zusätzliches Zimmer überlassen, das "große Nebenzimmer mit dem Teppich", so dass er nunmehr über insgesamt drei Zimmer verfügte.
Dies war etwas anderes, als in einer Dachkammer zu wohnen oder gar sich in einer Ecke zwischen den Häusern zusammenzukauern.
Diese Welt kannte er aber auch. Er wusste, was Armut heißt, und im Gegensatz zu vielen anderen, die in die Gesellschaft aufgestiegen waren, hatte er nach wie vor ein Herz für die Armen. "Ohne Propaganda hat er unvergesslich über Menschen auf der Schattenseite des Lebens erzählt, deren Verhältnisse er kannte."(H.Topsöe-Jensen).
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen hat sich in einer Ecke zwischen zwei Häusern hingesetzt, "von denen das eine etwas weiter in die Straße vorsprang als das andere.
Die kleinen Hände waren fast vor Kälte erstarrt. Ach! Ein Schwefelhölzchen konnte ihr guttun, wenn sie nur ein einziges aus dem Bund herauszuziehen, es an die Wand zu streichen und sich die Finger zu erwärmen wagte."
Sie streicht ein Schwefelhölzchen an und hält die Hand darüber. Es ist, als säße sie vor einem warmen Ofen. Es dauert aber nur einen Augenblick, und die Flamme erlischt.
Im Schein des nächsten Hölzchens wird die Mauer durchsichtig. Das Mädchen sieht einen schön gedeckten Tisch mit einer herrlich dampfenden gebratenen Gans, mit getrockneten Pflaumen und Äpfel gefüllt.
"Und was noch prächtiger war, die Gans sprang von der Schüssel herunter und wackelte auf dem Fußboden, Messer und Gabel im Rücken, gerade auf das arme Mädchen zu."
Der Ofen und die Gans, das sind Antworten auf die "zwei großen elementaren Empfindungen der Not": Kälte und Hunger. Wie alle anderen braucht das Mädchen im Märchen aber mehr als nur Wärme und Nahrung.
Hans Christian Andersen hätte diejenigen nicht verstanden, die vom Menschen als einem Tier, z.B. einem nackten Affen, sprechen. Nicht nur der Haarwuchs macht den Unterschied aus.
Das dritte Bild, das dem Mädchen erscheint, ist eben nicht wieder die Gans, sondern ein Weihnachtsbaum. Sie streckt die Hände danach aus, doch er verschwindet auch.
"Die Weihnachtslichter stiegen immer höher, und sie sah sie jetzt als helle Sterne am Himmel. Einer von ihnen fiel herunter und bildete einen langen Feuerstreifen am Himmel.
'Jetzt stirbt jemand!', sagte das kleine Mädchen, denn die alte Großmutter, die als einzige gut zu ihr gewesen und nun tot war, hatte ihr erzählt, dass eine Seele zu Gott emporsteigt, wenn ein Stern vom Himmel herunterfällt."
Aberglaube? Vielleicht. Es ließe sich jedoch auch auslegen als anrührende Veranschaulichung des Glaubens, dass jeder Mensch vor Gott wertvoll ist, auch das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen.
Im Märchen weist die Sternschnuppe auf den Tod des Mädchens, d.h. sein Eingehen zur himmlischen Freude, hin.
Das Mädchen streicht ein viertes Schwefelhölzchen an, sieht ihre Großmutter und ruft ihr zu: "Oh! Nimm mich mit! Ich weiß, dass du fort bist, wenn das Schwefelhölzchen erlischt. Fort wie der warme Ofen, der herrliche Gänsebraten und der große prächtige Weihnachtsbaum!"
Rasch streicht sie die restlichen Schwefelhölzchen an. "Sie wollte die Großmutter recht festhalten. Und die Schwefelhölzchen leuchteten mit einem solchen Glanz, dass es heller wurde als am hellen Tag.
Großmutter war früher nie so schön, so groß gewesen. Sie nahm das kleine Mädchen auf ihre Arme, und sie flogen in Glanz und Freude so hoch. Dort oben waren weder Kälte noch Hunger, noch Angst. Sie waren bei Gott!"
Hier hört man gewissermaßen die Worte der Bibel, was aber wohl auch die Absicht Hans Christian Andersens gewesen sein wird. Er kannte sich sehr gut im Alten und Neuen Testament aus. Ihm war auch die Stelle in der Offenbarung des Johannes vertraut, an der zu lesen steht, dass Gott bei den Menschen sein wird. "Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein" (Offb. 21:4).
Die Geschichte von dem armen Mädchen hätte mit dieser Herrlichkeit ausklingen können. Der Dichter will aber, dass wir es noch einmal sehen: Am folgenden Morgen im Winkel zwischen den Häusern, erfroren.
"Der Neujahrsmorgen ging über dem toten Kind auf, das mit den Schwefelhölzchen dasaß, von denen ein Bund abgebrannt war. "Sie hat sich wärmen wollen", sagte man.
Dieser Schluss erfüllt den Leser mit Kummer, doch das rechtfertigt selbstverständlich nicht, dass einige das Märchen Hans Christian Andersens mit einem anderen Schluss versehen haben, um es auf diese Weise zu "verbessern".
In einer Ausgabe wird das Mädchen beispielsweise gerettet und später von einer reichen älteren Dame adoptiert. Auf dem Umschlag des Buches steht folgendes:
"Kinder werden sich freuen, diese neue Fassung des Märchens zu lesen. Denn hier stirbt das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen in der eisigen Kälte nicht, sondern ihm werden Wärme, Essen und ein schönes Zuhause, in dem es einer glücklichen Zukunft entgegengeht, zuteil."
Was heißt hier eine neue "Fassung"? Tatsächlich handelt es sich um eine ganz andere Erzählung. Hans Christian Andersen kannte die Schattenseite des Lebens besser als viele andere. Es lässt sich nicht bestreiten, dass Kinder sterben.
"Niemand wusste, was sie Schönes gesehen hatte," schreibt er über das erfrorene Mädchen. Doch, er wusste es, und nun hatte er davon erzählt, so dass auch seine Leser es wussten.
"'Sie hat sich erwärmen wollen', sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!"

Die Abbildung ist eine Illustration zu dem Märchen nach einem Aquarell von Ruth Koser-Michaelis.

23. Dezember 2001

Leserbrief


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