Kann Tony Blair sich halten?

Unrund laufende Image-Maschine

Der britische Premierminister muss sich Sorgen machen, vor allem um seine Glaubwürdigkeit. Und dabei steht er eigentlich kurz vor einem historischen Labour-Rekord. Haben die Image-Macher versagt?

Von Brigitte Voykowitsch

"Der Spinmeister, der eine so zentrale Rolle dabei gespielt hat, Tony Blair zu dem zu machen, was er ist, kann seinem Herrn einen letzten und ironischen Dienst erweisen, indem er Tony Blair die Chance gibt, sich selbst zu erneuern", schrieb die britische Sonntagszeitung The Observer Ende Juli. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Alastair Campbell, der Kommunikations- und Strategiedirektor des britischen Premiers, im Herbst aus dem Amt scheiden würde. Campbell, auf den sich Blair seit seiner Wahl zum Oppositionsführer vor knapp zehn Jahren mehr als auf irgendjemand anderen gestützt hat, wird auch künftig im Umfeld des Premiers bleiben, wenn man den jüngsten Spekulationen glaubt. Denen zufolge soll er Mitglied eines neuen Küchenkabinetts werden, das den Premier bei der Wahlstrategie vor dem nächsten Urnengang beraten soll. Mit dem Abgang des führenden Garn-Spinners, des Hauptverantwortlichen für die zuletzt arg ins Trudeln gelangte Image-Maschine des Premiers, bestünde nach Ansicht mancher Analysten wieder die Möglichkeit für die New-Labour-Regierung, ihren Vertrauensverlust wieder gutzumachen und ein neues Verhältnis zu den Wählern aufzubauen.

Spin, spinnen, Spindoktoren, Spinmeister - Begriffe wie diese sind zu einem elementaren und äußerst negativ besetzten Bestandteil des britischen Vokabulars geworden. "Das, was die meisten Menschen 'Spin', also die routinemäßige Ölung des politischen Getriebes, nennen, ist im Falle Blairs eloquente Selbsttäuschung heroischen Ausmaßes", schloss der Journalist Peter Dunn des links der politischen Mitte angesiedelten Magazins New Statesman, nachdem er über Wochen hinweg die Meinung von Psychologen und Psychiatern zur Befindlichkeit des britischen Premiers eingeholt hatte. Das war nach dem Irakkrieg und nach den von der BBC erhobenen Vorwürfen, das im vorigen September veröffentlichte Geheimdienstdossier, die angebliche Rechtfertigung für den Angriff auf Bagdad, sei "sexed up", sexier gemacht, also mit nichtfundierten Behauptungen angereichert worden. Im Mittelpunkt der Kontroverse steht dabei jener - laut BBC auf Initiative von Campbell eingefügte - Satz, wonach der Irak in der Lage sei, binnen 45 Minuten Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Es war aber noch vor dem Selbstmord des Waffenexperten David Kelly, der schließlich als Hauptinformant für den BBC-Journalisten Andrew Gilligan geoutet werden sollte.

Die Rechthaberei des Premiers in dieser jüngsten Krise veranlasste eine Reihe von Medienmachern, in der "Couch-Gemeinde" Erkundungen einzuholen. Dunn war keinesfalls der einzige, der immer wieder auf die Diagnose "Psychopath" stieß. "Wie sieht also Blairs Pathologie aus? Einige meiner Kollegen (und einige der seinen) diagnostizieren Narzissmus. Andere erkennen Größenwahn," erörtert der Neuropsychologe Paul Broks im Magazin Prospect und fährt fort: "Nehmen wir an, es stellt sich heraus, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besaß. Nehmen wir an, dass der Premier tatsächlich an der Aufbesserung der geringen Beweise für solche Waffen beteiligt war ... Stellen wir uns also vor, dass er mit lächelnden Lippen gelogen hat ... Das Profil, das sich abzuzeichnen beginnt, ist das eines plausiblen Psychopathen - charmant, intelligent, emotional manipulierend, rücksichtslos ambitioniert und eigennützig."

Blair, schrieb Dunn, sei einer der wenigen Politiker, die nie gelogen hätten, "weil sein Glaube an alles, was er sagt - über den öffentichen Verkehr, die Spitäler, Schulen, Waffenvernichtungswaffen - absolut ist." Eine vom New Statesman zitierte australische Psychologin verwies auf die einem Psychopathen eigene Fähigkeit, unangenehme Tatsachen komplett zu verdrängen: "Er sieht tatsächlich nicht die Dinge, die ihm klar zu erkennen geben, dass er Unrecht hat." Die Image-Maschine war dazu ausgerichtet, diese psychopathische Sicht zu verteidigen. Dass ein solches Unterfangen zum Scheitern verurteilt sein würde, hätten der Premier und sein Kommunikationsdirektor freilich in dem schon vor 1997 erschienenen Buch des früheren Labour-Abgeordneten Leo Abse, "Tony Blair: the man behind the smile", nachlesen können: Abse hatte vorhergesagt, dass "ein vom Traum geleitetes Regieren mit der Wirklichkeit kollidieren wird". Blair, schrieb Abse, zeichne sich durch "seine Liebe zu allen und Feindschaft gegenüber keinem aus, außer jenen, die seine konfliktfreien Träume - den Konsens durch Diktat - stören." Immer wieder ist der Mannschaft in Downing Street Nr. 10 kleinliches Verhalten und Rachsucht vorgeworfen worden; Blairs Image-Macher seien nichts als rücksichtslose "Bullies", hieß es oft, da brauche man sich als Journalist gar nicht besonders Labour-feindlich zu zeigen; wer sich nicht als gefügig erweise, bekomme den Druck zu spüren. Nun aber ist, wie heute die fast einhellige Meinung lautet, der seit Jahren umstrittene Spindoktor Campbell in seinem Bestreben, den Konsens durch Diktat mit allen Mitteln durchzusetzen, zu weit gegangen. Mit seinem nach der Veröffentlichung des Gilligan-Berichts angezettelten Krieg gegen die BBC hat er der Regierung schweren Schaden zugefügt. Dass dieser Krieg eingefleischten BBC-Gegnern wie insbesondere dem Medienimperium von Rupert Murdoch gar nicht so ungelegen kommt, ist ein Aspekt, der die Debatten zusätzlich anheizt.

Müßig ist es zu spekulieren, ob, wie manche meinen, ohne Campbells hysterische Reaktion die britischen Wähler über den Sommer hinweg der Themen Irak, Geheimdienstdossier und Massenvernichtungswaffen überdrüssig geworden wären und Blair im Herbst und zumal beim dann anstehenden Parteitag die Aufmerksamkeit auf neue Themen hätte lenken können. Das Blair-Team hat auf jeden Fall massiv an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren, bei Umfragen Ende Juli lag New Labour nur knapp vor oder gar hinter den Tories. Das Schlimmste ist - vorerst zumindest - allerdings nicht geschehen. Hätte die Witwe von David Kelly den Premier direkter Verantwortung für den Tod ihres Mannes bezichtigt, hätte sie also gesagt, dass "Blair Blut an den Händen hat", wäre das für den Premier das Aus bedeutet.
Nun soll eine Kommission die Hintergründe der Kelly-Affäre klären. Weder die Wähler noch die Medien scheinen freilich daran zu glauben, dass sie je wirklich Einblick in die Vorgänge um das umstrittenen Dossier gewinnen werden - von der Rolle und den Zielen der BBC, deren Journalist auf jeden Fall einen Fehler beging, indem er Kelly statt als Waffenexperten als Geheimdienstvertreter bezeichnete, was Kelly nie war, über die exakte Rolle Campbells bis hin zu den Entscheidungsprozessen, die zur aggressiven Befragung von Kelly durch den außenpolitischen Ausschuss, danach zum Outing von Kelly als Informanten der BBC und schließlich zu dessen Selbstmord führten. War es korrekt, Kelly zu outen? Wer gab das grüne Licht? Welche Rolle spielten dabei Blair und sein Verteidigungsminister? Wenn die Untersuchungskommission ihre Erkenntnisse einmal publik macht, könnte die Kelly-Witwe immer noch mit ihrem Kommentar Blair zum Abgang zwingen.

Zunächst aber befand sich Blair Ende Juli auf der Zielgeraden zu einem großen Erfolg: Der 2. August war der Stichtag, zu dem seine Regierung die Leistung von Clement Attlee, der insgesamt sechs Jahre und drei Monate in Downing Street Nr. 10 residierte, überbieten und die Labour-Regierung mit der bisher längsten Amtszeit werden sollte. War das, wie ein Kommentator in I befand, tatsächlich das vorrangige Ziel von Blair? "Von Anfang an bestand das Projekt im Wesentlichen darin, Labour in eine Partei umzuwandeln, die an die Macht gelangen und sich dort halten könnte. Wenn man diesen Aspekt von New Labour versteht, versteht man alles: von der großen Vorsicht der ersten Jahre aus Angst, die Wirtschaft zu ruinieren, bis zu den besessenen Bemühungen, die öffentliche Meinung zu manipulieren."

Sollten die Erlangung der Macht und deren Erhalt mit allen Mitteln des Spin tatsächlich die vorrangigen Ziele von Tony Blair gewesen sein? Legte er es, wie bei Abse nachzulesen ist, vor allem auf die Entpolitisierung der Labour Partei an und auf ein Image, das der Ex-Abgeordnete verächtlich als das "Charisma von Popstars und Models" einstufte? In The Times stellt sich eine Analystin hinter Blair und gegen Finanzminister Gordon Brown, den manche linken Kreise und auch eine Reihe von Labour-Parlamentariern bereits als Blair-Nachfolger ins Spiel bringen. Keine Frage, die Fähigkeit zum Premier hätte er wohl. Aber würde er sich für eine gezielte Bekämpfung der Armut einsetzen, für einen adäquaten Mindestlohn, für mehr soziale Gerechtigkeit, für den Eintritt in die Euro-Zone, dessen Nicht-Verwirklichung Euro-Enthusiasten dem Premier zum Vorwurf machen? Ist es nicht gerade Brown, der sich konstant gegen Europa gestellt hat und "Blair in Geiselhaft nimmt", der "sich an die USA mit ihren Sklavenlöhnen als Inspiration hält und an amerikanische Gurus", wie es im links der Mitte stehenden Guardian heißt. Brown, hält die Analystin von The Times fest, "scheint genauso verliebt in die Reichen und Mächtigen zu sein wie Blair". Ihr entscheidendes Argument aber, eines, das immer wieder von Blair-Gegnern innerhalb und außerhalb von New Labour zu hören ist, lautet: "Blair hat stets wie ein Eindringling [bei Labour] ausgesehen (und sich als solcher angefühlt). Das ist der Grund, warum so viele Labour-Abgeordnete und Gewerkschafter ihrem derzeitigen Chef misstrauen. Aber das war paradoxerweise auch das Geheimnis von Blairs Attraktion für die Wähler. Sie wollen einen Labourchef, der nicht wie einer aussieht." "Das Problem ist, dass Tony Blair der einzige ist, der die nächsten Wahlen für uns gewinnen kann", zitiert die Analystin dann die "leidvollen" Worte eines strammen linken Labour-Parlamentariers aus London.

An einen Erfolg von New Labour auch bei den nächsten Wahlen, die 2005 stattfinden sollen, und eine dritte Amtszeit von Blair denkt nicht nur dieser Mann. In Zeiten wie diesen, inmitten der verbalen Schlachten zwischen Regierungsanhängern und -gegnern und den erbitterten Debatten darum, welche Köpfe im Zuge der Kelly-Affäre nun rollen sollten, erstaunt die beachtliche Zahl von Stimmen, die sich hinter den Premier stellen. Aus voller oder halber Überzeugung oder "leidvoll". Weil es, sagen sie, keine Alternative gibt, weil die Tories keinen ernstzunehmenden Gegenspieler aufzubieten haben, weil die Armen, die Benachteiligten, die sozial schlecht Gestellten, die, die unter dem Zustand des Schul- und Gesundheitswesens und der anderen öffentlichen Dienste am allermeisten leiden, letztlich nur auf New Labour setzen können. Da meldet sich Ex-Labour-MP John Denham zu Wort, der wegen des Irakkriegs sein Amt niederlegte, und befindet: "Ich glaube nicht, dass wir uns dafür genieren müssen, was wir bisher getan haben. Wir hätten allerdings so viel mehr tun können." New Labour hatte schließlich "eine Vision versprochen, die mehr war als eine verwässerte alte Labour-Partei oder ein Korrektiv zum Thatcherismus ... Wir sprechen von Rechten und Verantwortlichkeiten als Basis für eine faire und gerechte Gesellschaft ... Doch es ist klar, dass viele Leute nicht den Eindruck haben, dass Britannien als Gesellschaft fairer wird." Denver verweist auf die Regierungen Attlee und Thatcher, die beide ein Erbe hinterlassen hätten, das bis heute "die britische Politik prägt". Und was wäre das Erbe der Ära Blair, falls sie doch schon demnächst zu Ende geht? Derzeit müsse sich das Team in Downing Street Nr. 10 ernsthaft darum sorgen, zu jenen zu gehören, die die Geschichte vergisst, meint Denver und bleibt dennoch dabei: "Wir werden wahrscheinlich in besserer Verfassung in die nächsten Wahlen gehen als die verfügbaren Alternativen."

Welchen Anteil am "Britannien der Mitte" (Middle Britain) Blair infolge des Irakkriegs und der Kelly-Affäre schwer verstimmt oder gar verloren hat, bleibt vorerst ebenso Spekulationsthema wie die Frage, wieviele Wähler er in den kommenden zwei Jahren wieder zurückgewinnen könnte. Die einen verweisen darauf, wieviele Regierungen zur Halbzeit einen Einbruch in den Popularitätswerten erlitten und sich bis zum folgenden Urnengang wieder erholt hätten. Andere betonen, dass New Labour in der ersten Amtsperiode von solch einem Einbruch verschont geblieben worden sei, sich dafür vom jetzigen vielleicht nicht mehr werde erholen können. In der derzeit aufgeheizten, ja hysterischen Atmosphäre werden allzuviele Szenarien ohne konkrete Basis durchexerziert. Fest steht: Zunächst gilt es, das Ergebnis der Untersuchungskommission zum Selbstmord von Kelly und die Reaktionen darauf abzuwarten. Dann muss Campbell tatsächlich gehen und die Spinmaschine neu eingestellt werden. Wenn Blair alles überlebt, kann er beginnen, sein Image zu erneuern. Immerhin hielt ihm der Neuropsychologe Broks jüngst zugute, dass sein Kopf "das Meisterstück eines pragmatischen Kompromisses" sei: "Gutaussehend, aber nicht so, dass es irritiert. Maskulin, aber mit einem Anflug von Weiblichkeit. Reif, aber nicht abgehärmt oder ausgelaugt. Establishment, aber nicht aristokratisch."

2. August 2003

Leserbrief

 

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