Brief aus Havanna

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Von Henky Hentschel

Man meckert ja nicht gerne an einem Land herum, in dem man zu Gast ist, aber man kann auch nicht einfach die Augen zumachen, wenn der Staat den großen Knüppel herausholt und seinen Leuten auf den Kopp haut. Die haben es nämlich eh schon schwer genug.

"Aus heiterem Himmel" sagt man, aber eigentlich war der Himmel eher bewölkt, als der Knüppel herabsauste. Mit "Himmel" bezeichne ich die Überlebensstrategieen der Kubaner. Die sind - das weiß man ja - ziemlich findige und clevere Leutchen. Sie lassen sich was einfallen. Sie verleihen Video-Kassetten oder sie backen ganz hinten im Innenhof ihrer Kolonialhäuser Pizzas. Sie nehmen in ihren Autos Leute mit und kassieren dafür. Sie vermieten schwarz an die Touristen. Sie reparieren Autos, Schuhe und Motorräder, obwohl sie das nicht dürfen. Sie verkaufen Langusten und Käse, Rindfleisch, Aufenthaltsgenehmigungen und ärztliche Atteste, hausgemachte Zigarren und Zigaretten, die "Tupamaros" heißen, und hausgemachten Rum, der "Chispa" heißt, Kalk und Zement, Kies und Sand aus den Vorräten des Staates. Auf dem schwarzen Markt gibt es Viagra (deutlich billiger als in einer deutschen Apotheke), PPG-Tabletten gegen Cholesterin, Salben und Tropfen für alles Mögliche. Und so kommt auf die eine oder andere Weise jeder zu dem, was er braucht.

Es gibt Zeiten, da funktioniert dieses System leise schnurrend wie der Motor eines neuen Benz. Die Polizei schaut nicht hin, denn schließlich entsteht niemandem ein Schaden. Außerdem schaffen sich die Bullen mit dem Wegschauen weitere Arbeit vom Hals, denn solange alle oder zumindest viele bekommen, was sie brauchen, hält der Druck sich in Grenzen, und weniger Leute kommen auf dumme Ideen wie Mord oder Raubüberfall. Das System verletzt zwar verschiedene Gesetze und Verordnungen, aber diese Verletzungen tun außer dem Fiskus eigentlich keinem weh. Sie bessern einfach nur die extrem niedrigen Löhne und Gehälter auf.

Aber dann passiert wieder was.

Fast über Nacht wurde Schwerwiegendes bekannt: Kuba, so die Behörden, war auf dem besten Weg, sich als weiterer Kunde auf dem Drogenmarkt einzurichten. Immer mehr junge Leute lernten das eher harmlose Marihuana schätzen, und die teuflische Erfindung Crack war bereits bis in die Schulen vorgedrungen. Zwölfjährige näherten sich dem Stadium der Sucht.
Wie gewohnt, reagierte der Staat schnell, entschlossen, mit all seinen Kräften und oft brutal. Ganze Straßenzüge wurden abgeriegelt, und die Polizei durchsuchte Häuser und Wohnungen mit der ihr eigenen Gründlichkeit. Vieles ging zu Bruch.

Etwa zu gleicher Zeit kam ein Gesetz heraus, das den Behörden erlaubte, Wohnungen, Häuser und Ländereien einzuziehen, ohne die Gerichte einzuschalten. Eine Berufung war nur mit Zustimmung des Präsidenten des Nationalen Wohnungsamtes oder mit der des Landwirtschaftsministers möglich. Der Landwirtschaftsminister erhielt seinen neuen Job, weil ein guter Teil des Marihuanas auf dem kubanischen Markt im Land selber angebaut wurde. Wer immer in seiner Wohnung oder auf seinem Land irgendwelche Gesetzwidrigkeiten beging oder duldete, durfte ab sofort nicht nur wie bisher mit äußerst schmerzhaften Geldstrafen und ein paar Jahren Knast rechnen, sondern auch damit, seine kleine Landwirtschaft oder seine Eigentumswohnung (85 Prozent der Kubaner leben in ihrer eigenen Wohnung) zu verlieren.

So weit, so gut. Oder auch nicht so gut, wenn man sich Gedanken über den Rechtsstaat machte. Nicht so gut, aber sagen wir mal nachvollziehbar. Aber schon am Tag der Polizeiaktionen begann das Volk, mit den Zähnen zu knirschen. Der schnurrende Benz-Motor stotterte, und dann blieb er ganz stehen.

Eine meiner Nachbarin buk ziemlich gute Pizzen. Damit war jetzt Schluss, weil die Polizei bei ihrer Suche nach Drogen darauf gestoßen wäre, daß die Frau nicht erklären konnte, wo sie das Mehl herhatte. Eine andere hatte sich ihr kleines Zubrot mit süßem Gebäck verdient. Schluss, aus, Feierabend. Ein Kumpel hörte auf, mit seinem Lada Touristen an den Strand zu fahren. In dem Viertel, in dem ich das Vergnügen habe, wohnen zu dürfen, der Altstadt, traf die staatliche Keule so gut wie jede Familie. Seit langer Zeit war die Stimmung in Havanna nicht mehr so schlecht gewesen. Es kam - beinahe unvorstellbar in diesem Land - zu Tätlichkeiten gegen die Ordnungskräfte.

Die Katholiken in der Bevölkerung heulten sich bei ihren Priestern aus. Die Priester informierten Jaime Ortega, den Kardinal. Der Kardinal schrieb einen Hirtenbrief und ging darin auf die neue Situation ein.

"Der Staat ist dazu da, der Familie zu helfen und nicht umgekehrt", schrieb der Kardinal. "Wieviel Angst, wieviel Besorgnis, wieviel Unruhe des Gewissens gibt es ... unter denen, die die hohen Steuern nicht bezahlen können, um ihre kleinen Aktivitäten zu legalisieren!", schrieb der Kardinal.
"Ist es Sünde, so zu handeln, wenn uns klar ist, dass die Ausgaben unsere Möglichkeiten in der Familienökonomie übersteigen, fragen die Gläubigen", schrieb der Kardinal. Und dann stellte er die Schlüsselfrage:
"Ist es nicht möglich, die hohen Steuern zu senken, um das Illegale legal zu machen und diese Ängste verschwinden zu lassen? Warum kann man der Eigeninitiative keinen größeren legalen Spielraum einräumen und in vernünftiger Form den Arbeitswillen und die Kreativität unseres Volkes in der Landwirtschaft, im Handwerk, in den Dienstleistungen, in ganz verschiedenen Tätigkeiten begünstigen und erlauben, dass mehrere sich legal zusammentun, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Dies ist die beste Art, um die Korruption zu vermeiden."

Statt immer mehr zu kontrollieren und zu strafen, sollte der Staat eher Mitleid empfinden, meint die katholische Kirche. Und fordert, die Jugend zur Freiheit zu erziehen.

Harsche Töne also, ungewohnt deutliche Töne. Ich bin nicht gerade ein großer Freund der katholischen Kirche, aber diesem Jaime Ortega muss ich Recht geben. Seit Jahren habe ich den Eindruck, dass der kubanische Staat es gar nicht gerne sieht, wenn jemand aus eigener Kraft und mit ehrlicher Arbeit zu ein bisschen Geld kommt. Und das führt zu einer Art von Lähmung, die ich jeden Morgen auf der Straße bemerke. Diese Lähmung macht mich traurig, denn die Kubaner könnten und würden sich gegenseitig das Leben erleichtern, wenn man sie nur machen ließe. Das Zeug und die Fantasie dazu haben sie jedenfalls.

Bis zum nächsten Brief in der Hoffnung, dass der Benz dann wieder schnurrt.

2. August 2003

Leserbrief

 

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