Wie wir sehen

Über Photographie

In der Ausgabe des "New Yorker" vom 9. Dezember 2002 erschien unter dem Titel "Looking at War" ein später mit dem George Polk Award 2002 für Cultural Criticism ausgezeichneter Essay von Susan Sontag über "Photography's view of devastation and death". Der Artikel war bebildert, das auf ihm basierende Buch "Regarding the Pain of Others" - wie schon Sontags "On Photography" aus dem Jahre 1977 - kommt hingegen ganz ohne Fotos aus.

Von Hans Durrer

Es ist selten genug, dass sich jemand mit kritischen Reflexionen über Fotografie zu Wort meldet. Ein eigenartiges Phänomen: In einer Zeit, in der man alles hinterfragt (oder sich zumindest diesen Anschein gibt), in einer Zeit auch, in der wir fast in Bildern ersaufen, ist die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Welt der Bilder eine Ausnahme. Umso erfreulicher, dass es jetzt diesen ungeheuer dichten Text gibt, der von gescheiten Einsichten nur so sprüht.

Einsichten wie diese: "A painting or drawing is judged a fake when it turns out not to be by the artist to whom it had been attributed. A photograph - or a filmed document available on television or the Internet - is judged a fake when it turns out to be deceiving the viewer about the scene it purports to depict." Oder diese: "Photographs tend to transform, whatever their subject; and as an image something may be beautiful or terrifying, or unbearable, or quite bearable - as it is not in real life." Oder diese: "The problem is not that people remember through photographs but that they remember only photographs." Doch halt, stimmt das? Ja, vorausgesetzt man liest auch die nachfolgenden Sätze, die da heissen: "This remembering through photographs eclipses other forms of understanding - and remembering. The concentration camps - that is, the photographs taken when the camps were liberated, in 1945 - are most of what people associate with Nazism and the miseries of the Second World War."

Doch beginnen wir mit dem Anfang, mit einer Diskussion von Virginia Woolfs "Three Guineas" aus dem Jahre 1938, das sich mit den Wurzeln des Krieges auseinandersetzt und fragt, ob wir, wenn wir uns dasselbe Foto ansehen, auch dasselbe empfinden? Fotos aus dem Krieg müssten doch, so Woolf, uns derart schockieren, dass Menschen guten Willens gar nicht anders können, als sich vereint gegen solche Ungeheuerlichkeiten aufzulehnen.
Wer ist dieses "wir"?, fragt Sontag. Und führt aus:
"All memory is individual, unreproducible - it dies with each person. What is called collective memory is not a remembering but a stipulating: that this is important, and this is the story about how it happened, with the pictures that lock the stories in our minds. Ideologies create substantiating archives of images, representative images, which encapsulate common ideas of significance and trigger predictable thoughts, feelings."

Es ist unvermeidlich, dass ein jeder die Welt auf seine eigene Art und Weise interpretiert. Und diese hängt bekanntlich von der Erziehung, der Kultur, den Interessen, den Vorlieben, den Stimmungen etc. ab. So interessant dies das Leben macht, leichter wird das Zusammenleben dadurch nicht. Susan Sontag: "... to those who are sure that right is on one side, oppression and injustice on the other, and that the fighting must go on, what matters is precisely who is killed and by whom. To an Israeli Jew, a photograph of a child torn apart in the attack on the Sbarro pizzeria in downtown Jerusalem is first of all a Jewish child killed by a Palestinian suicide bomber. To a Palestinian, a photograph of a child torn apart by a tank round in Gaza ist first of all a photograph of a Palestinian child killed by Israeli ordnance."

Sehen wir also immer nur unsere Urteile, Vorurteile, Überzeugungen, also immer nur das, was wir eh schon glauben? Natürlich. Ausser es erzählt uns jemand die Geschichte zum Bild; und vorausgesetzt, wir wollen diese Geschichte auch hören. Nur eben: kaum dass es einmal nur die eine, allseits akzeptierte Geschichte zu einem Bild gibt. Nehmen wir zum Beispiel die berühmte Aufnahme von Robert Capa aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die den republikanischen Soldaten zeigt, der, tödlich getroffen von einer Kugel in den Kopf, zu Boden stürzt. So oft haben wir diese eine Geschichte zum Bild schon gehört, dass sie sich mittlerweile ganz automatisch einstellt, wenn wir diese Aufnahme betrachten. Bis dann jemand kommt und Fragen stellt. Fragen wie diese von Phillip Knightley in "The First Casualty": Was würde uns dieses Foto sagen, wenn die Bildlegende lautete "A militiaman slips and falls while training for action." Mit der Frage kriegt das Bild eine andere Geschichte. Eine gefälschte für die einen, die wahre für die anderen.

*

Sich mit Fotos beschäftigen, heisst Fragen stellen.
Nehmen wir das mittlerweile legendäre Foto von Kim Phuc, dem kleinen, vietnamesischen Mädchen, das nackt und schreiend vor einem Napalm-Angriff flieht. Wer nicht weiss, dass dieses Foto in Vietnam aufgenommen wurde, wer nicht weiss, dass ein südvietnamesisches Flugzeug (ein Akt von "friendly fire") gerade Napalm gesprüht hat, der wird das auch nicht sehen können. Was er sieht, ist ein kleines, nacktes, schreiendes, asiatisches Mädchen auf einer geteerten Strasse. Was ist passiert? Wie kommt es, dass ein Fotograf zugegen war? Wieso fotografiert der, anstatt dem Mädchen zu helfen? Was geschah, nachdem das Foto gemacht wurde? Etc. etc. In diesem Falle hatte sich der Fotograf Nick Ut, nachdem er das Foto gemacht, des Mädchens mit Namen Kim Phuc angenommen und es in ein Spital gebracht. Kim Phuc (Foto li.) lebt heute in Kanada.

In "On Photography" argumentierte Sontag, dass die öffentliche Aufmerksamkeit von den Medien, und damit von den Bildern, gesteuert werde. Und dass, erst wenn Fotos vorhanden seien, ein Krieg ‚real' werde. Gleichzeitig hielt sie fest (und war sich des scheinbaren Widerspruchs bewusst), dass in einer mit Bildern saturierten, ja hypersaturierten Welt, diejenigen Fotos, die uns erreichen sollten, dies gar nicht mehr können, weil wir schon allzu abgestumpft seien. "As much as they create sympathy ... photographs shrivel sympathy", schrieb sie. Und fragt sich jetzt, ob das denn auch stimme? Sie ist sich nicht mehr so sicher.

Wir werden in der Tat mit Bildern zugeschüttet. Und nicht nur mit Bildern. Kaum jemand zweifelt heutzutage daran, dass wir medien-übersättigt sind; dass es immer schwieriger wird, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden; dass der Fernseher, der ständig läuft, fast nur der Ablenkung dient. Wir haben damit zu leben gelernt, uns arrangiert, sind nicht einfach zu Opfern geworden.

Inmitten des Überflusses an Bildern gibt es nach wie vor solche, die uns erreichen sollten, und dies auch tun. Weil unsere Instinkte noch immer funktionieren.

Kinder, hat Charles Jonscher in "wiredlife" geschrieben, die mit den modernsten technischen Geräten aufwachsen, hätten überhaupt keine Mühe, zwischen realer und virtueller Welt zu unterscheiden. Im Gegensatz zu einigen (besonders französischen, glaubt man Frau Sontag) Intellektuellen, die unter anderem den Tod der Realität verkünden. Zum Beispiel Jean Baudrillard, "who claims to believe that images, simulated realities, are all that exists now". Man wünscht dem Mann Zahnweh.

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"Photography has kept company with death ever since cameras were invented, in 1839. Because an image produced with a camera is, literally, a trace of something brought before the lens, photographs had an advantage over any painting as a memento of the vanished past and the dear departed."

Die ersten uns bekannten Kriegsbilder stammten aus dem Krimkrieg und dem amerikanischen Bürgerkrieg, doch dies war (die Ausrüstung war noch viel zu schwerfällig) nicht die Art von Bildern, die wir heutzutage mit dem Krieg in Verbindung bringen. Letztere entstanden, zum ersten Mal, während des Spanischen Bürgerkriegs.
Während des Vietnamkrieges brachten dann die Fernsehkameras täglich Bilder vom Krieg in die amerikanischen Wohnstuben. Die Vorstellung, die heutzutage die meisten Menschen vom Krieg haben, stammt aus den Medien.

Was wir von der Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir von den Medien, hat Niklas Luhmann festgehalten. Und hinzugefügt: Und obwohl wir ihnen misstrauen, bauen wir trotzdem unser Weltbild auf ihnen auf.
Als Bewohner der westlichen Industriewelt stimmt man einer solchen Aussage ohne weiteres zu; lebt man hingegen etwas abseits der Medien-Zentren (und das tut der grösste Teil der Weltbevölkerung), lassen einen solche Einsichten wohl ziemlich ratlos.

Aber Susan Sontag lebt in New York und damit in einem der Medienzentren der Welt. Und was sie sich fragt, ist, ob einem Bilder die Wirklichkeit erfahrbar machen können. Sontag, die sich während des Bosnien-Krieges in Sarajevo aufgehalten, hat erfahren, dass sie es nicht können. "We can't imagine how dreadful, how terrifying war is - and how normal it becomes. Can't understand, can't imagine. That's what every soldier, and every journalist and aid worker and independent observer who has put in time under fire and had the luck to elude the death that struck others nearby, stubbornly feels. And they are right."

Auf den ersten Blick mag einem diese Erkenntnis etwas banal vorkommen. Dass die konkrete Erfahrung von Krieg überhaupt nicht verglichen werden kann mit einem Bild, einem Bericht, einer Erzählung von diesem Krieg, ja, wer möchte das bezweifeln? Denn ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Und ein Toter ist ein Toter ist ein Toter. Wer würde das nicht zu unterschieden wissen, ausser vielleicht ein paar (im übrigen nicht nur in Paris ansässige) Intellektuelle?
Wieso also glaubt Sontag, es herrsche Erklärungsbedarf?
Weil wir von Fotos annehmen (durchaus wider besseres Wissen), dass sie uns die Welt zeigen, wie sie ist (und obwohl zehn Fotografen vom selben Ort womöglich zehn verschiedene Aufnahmen nach Hause bringen). Und auch, weil ihnen etwas eigenartig Reales (das einem Gemälde oder einem Text abgeht) anhaftet. Sontag in "On Photography": "A photograph passes for incontrovertible proof that a given thing happened. The picture may distort, but there is always a presumption that something exists, or did exist, which is like what's in the picture."

*

Natürlich, Susan Sontag hat recht: Keiner, der einen Krieg nicht selber erlebt hat, kann ihn sich vorstellen. Doch auch hier gilt: Nicht jeder Soldat, nicht jeder Journalist, nicht jeder humanitäre Helfer erlebt den Krieg gleich, jeder erlebt seinen eigenen Krieg. Und doch fühlen sie alle sich in einer Erfahrung vereint, die den Fernsehzuschauern zu Hause abgeht.

Uns zu Hause bleiben die Bilder. Und unsere Imaginationskraft. Und diese ist den Militärs immer noch unheimlich genug, so dass sie es vorziehen, uns möglichst wenige (und nur von ihnen ausgewählte) Fotos aus dem Krieg zu zeigen. Denn sie fürchten, dass, wenn uns ein Foto erreicht - wie zum Beispiel dasjenige der kleinen, nackten, schreienden, vor einem Napalm-Angriff davonrennenden Kim Phuc im Vietnamkrieg -, wir kein Foto, sondern die schreiende, kleine Kim Phuc sehen.

2. August 2003

Leserbrief

 

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