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Interview mit Professor Beat Wyss
Für eine verstärkte Besinnung auf die europäisch-jüdische
Tradition des Kosmopolitismus und die Kunst als Medium interkultureller
Verständigung beim Kampf gegen Fundamentalismus und Terrorismus
plädiert der Kunsthistoriker und Autor Beat Wyss. Der gebürtige
Schweizer leitet das Institut für Kunstgeschichte an der Universität
Stuttgart und publizierte u.a. "Die Welt als T-Shirt".
Mit Professor Beat Wyss (Foto) sprach Hans-Christoph Neidlein
Globalisierungskritiker sehen die Welt zunehmend vereinnahmt durch
eine kulturelle Gleichschaltung "Made in USA". Teilen Sie
diese Einschätzung?
Die
USA bestehen ja nicht nur aus McDonald's und Coca Cola. Und die Globalisierung
ist keine kulturelle Einbahnstraße. Die Ethnisierung des Kapitalismus
hat vielmehr ein unheimlich buntes Gesicht. Riechen Sie doch die Düfte
der internationalen Küche in den Metropolen oder hören Sie
die Klänge der Weltmusik aus Obertongesang, Salsa und Hip-Hop.
Schauen Sie sich die "United Colors" der Werbung an, sie leben
leben ja vom Sexappeal des Fremden. Wenn in einer Fußballmannschaft
heute kein schwarzes Gesicht dabei ist, vermissen wir schon etwas. Und
das Bekleidungsstück der Informationsgesellschaft, das T-Shirt,
bietet Platz für unterschiedliche Firmenlogos, ethnische oder politische
Botschaften.
Zeigt der Terrorakt vom 11. September nicht einen tiefen Kulturbruch
zwischen dem demokratischen, pluralistischen Westen und dem fundamentalistischen
Islam?
Der schreckliche Anschlag ist kein Resultat eines "Clash of
Zivilisations", sondern eine Metastase unserer eigenen, technischen
Welt. Die Terroristen sind im Westen ausgebildete junge Leute, sie bedienten
sich modernster Technik sowie der medialen Massenwirkung. El Qaida und
Bin Laden sind ja zudem Zöglinge des US-Geheimdienstes.
Was können denn Kultur und Kunst beim Kampf gegen Terrorismus
und Fundamentalismus leisten?
Kunst ist das beste Medium interkultureller Verständigung.
Das hat einen ganz pragmatischen Grund: Im Gegensatz zu wirtschaftlichen,
politischen oder rechtlichen Fragen geht es in Fragen der Kunst - mit
Kant gesprochen - um ein Interesse ohne Interessen. In der ästhetischen
Erfahrung können wir uns auf den anderen in seiner Eigenart als
einem Selbstzweck einlassen. Kunst ist eine Schule der Toleranz und
des Respekt für andere kulturelle Identitäten. So ein Laboratorium
der Vielfalt bildet etwa die Documenta XI, die Sie seit Juni in Kassel
besuchen können.
Wo liegen die Grenzen für Toleranz und pluralistische Wertevielfalt?
Bei der universellen Einhaltung der Menschenrechte!
Hat sich mit diesem universalen Postulat die Pflege eigener Identität
im "global village" überlebt?
Ganz im Gegenteil. Man kann Toleranz nur predigen, wenn man weiß,
woher man kommt. Ich versuche meinen Studenten deshalb die Grundlagen
der judaeo-christlichen Tradition abendländischer Kunst zu vermitteln.
Oft bin ich dabei erschüttert, wie wenig noch gewusst wird. Als
einstiger katholischer Messdiener fühle ich mich in der Welt von
heute oft wie ein Fossil, das mit einer Zeitkapsel in ein nachmodernes
Heidentum katapultiert wurde, dessen Gedächtnis verschüttet
ist. Von anderen Kulturkreisen müssen wir lernen, wie sie ihre
Traditionen viel besser pflegen. Die westliche Jugend von heute vermisst
einen Kanon kultureller Identität, den die 68er Bewegung vorschnell
aufgekündigt hatte. Den Rest gab dann die Schnellbleiche der Amerikanisierung.
Europa sollte sich also wieder stärker auf seine eigenen Traditionen
besinnen?
Vor allem auf das Ideal des Kosmopoliten, das die Aufklärung
entwickelte. Beispielhaft ist auch das europäische Judentum in
seiner Vielsprachigkeit und Urbanität, seine Fähigkeit., eigene
Identität zu erhalten und zugleich mit einem Gastland zu vernetzen.
Der Mensch der Zukunft ist einer, der es versteht, seine eigene Kultur
in der globalen Diaspora zu vertreten.
Und diese Tradition des Kosmopolitismus gerade nach dem 11. September
offensiver zu vertreten?
Die Europäer haben nach vielen Völkerwanderungen und Kriegen
über 4000 Jahre gelernt, miteinander zu leben. Wir sollten diese
Stärke des Interessensausgleichs und der Toleranz noch stärker
in der Welt vertreten. Ich bin stolz, dass ich einen schweizerischen
Pass habe: ausgestellt in vier Sprachen. Die Schweiz hat es geschafft,
die Vielsprachigkeit als Wert zu besetzen. Die Europäische Gemeinschaft
sollte endlich lernen, dass Vielsprachigkeit kein handicap, sondern
ein Reichtum ist.
Hier haben wir also keine Nachhilfestunden der USA nötig?
Das eigentliche Problem der USA ist, dass sich die Mehrheit nicht
für den Rest der Welt interessiert. Schauen Sie sich doch die wenigen
Auslandsberichte in den US-Medien an. CNN ist für Diplomaten und
Heimwehamerikaner im Ausland. Ein Weltpolizist müsste über
die Welt besser informiert sein. Ebensowenig passt zur Rolle des Weltpolizisten
der Boykott internationaler Vereinbarungen wie des Kyoto-Protokolls.
Die amerikanischen Rosinenbomber der Menschenrechte nach den Gräueln
des Zweiten Weltkriegs waren für uns ein riesiges Geschenk. Doch
inzwischen sind die Menschenrechte in Europa besser verankert als bei
ihrer früheren Leihmutter. Die europäische Weltaußenpolitik
ist besonnener, gerade weil sie die abweichenden Auffassungen ihrer
Mitglieder ausgleichen muss. Dagegen vermischt der Weltpolizist USA
die neutrale Garantie der Menschenrechte mit eigenen Machtinteressen.
Sind wir also dabei, den Anti-Amerikanismus wieder zu entdecken?
Wir dürfen politische Kultur nicht mit politischer Korrektheit
verwechseln. Wir müssen wieder eine neue Streitkultur lernen. Offene
Debatten machen die Freiheit stark. Jede Kritik an der Bush-Regierung
als Anti-Amerikanismus oder jede Kritik an der völkerrechtswidrigen
Siedlungspolitik Israels als Antisemitismus abzustrafen, ist ja nicht
mehr als billiger Populismus.
Beat Wyss, Prof. Dr. phil., 1947 geboren in Basel.
Studium von Kunstgeschichte, Philosophie und deutscher Literatur in
Zürich. 1980 1983 Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds
an der FU Berlin und am Istituto Svizzero di roma. 1986 1989
Lektor beim Artemis Verlag und Lehrbeauftragter für Architektur-
und Kulturgeschichte an der ETH Zürich. 1990 Visiting Scholar am
Getty Center, Santa Monica, CA. 1991-1997 Professor für Kunstgeschichte
an der Ruhr-Universität Bochum. 1996 Gastprofessur an der Cornell
University, Ithaca, N.Y. Seit 1997 Leiter des Instituts für Kunstgeschichte
an der Universität Stuttgart. 1999 Gastprofessur an der Aarhus
Universitet, Dänemark, 2001 Träger des Kunstpreises der Stadt
Luzern.
Zahlreiche Publikationen zur Gegenwartskunst, der Klassischen
Moderne und der Kunst der Neuzeit in ihren kulturgeschichtlichen und
rezeptionsgeschichtlichen Zusammenhängen sowie zur Architektur
und Stadtbaugeschichte. Hegel`s Art History and the Critique of Modernity,
New York, Cambridge University Press(1999), Die Welt als T-Shirt, Zu
Ästhetik und Geschichte der Medien, Köln, Du Mont (1997),
Der Wille zur Kunst, Zur ästhetischen Mentalität der Moderne,
Köln, Du Mont (1996)
Mitglied u.a. in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
3. August 2002
Leserbrief
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