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Wirtschaft ohne Währung Eine reale Alternative Argentinien bietet eine wirtschaftshistorisch klassische Situation: Die Währung verfällt, und da sie als "Wertmaßstab" fehlt, werden die Waren nun direkt getauscht. Die Märkte dafür, die sogenannten trueques, bilden sich spontan. Im zweiten Takt entsteht hier dann auch eine "Ersatzwährung", die créditos, inoffizielle Gutscheine, mit denen man ebenso tauschen und am Ende sogar Pesos kaufen kann (so erklärt sich das Schild "Verkaufe Bargeld!" auf einem der Märkte von Buenos Aires). Von Gaby Weber Sonntag Morgen, auf dem Bernalesa-Markt", dem größten Tauschmarkt von Buenos Aires. Der Handel geht um die Mittagszeit los, doch schon ab neun Uhr bilden sich lange Schlangen. Vor dem schmiedeeisernen Tor bieten Kleinhändler Würstchen und Getränke an, für Pesos, Dollars, Patacones oder Créditos. Egal was kommt. Patacones sind Wechsel der Provinzregierung, Créditos Kreditscheine des Tauschmarkts. Auch die jungen Frauen am Eingang nehmen Tausch-Tickets für horizontale Dienste" entgegen. Die schnelle Nummer" kostet zwanzig Créditos, Präservativ inbegriffen. Auf kleinen Tischen werden Bücher und Lebensmittel angeboten, auf anderen Kätzchen, Kosmetik und selbstgemachte Sandalen. Pappschilder und Etikette sind handgemalt, 5 C, 2 C, zwanzig C. C steht für Crédito, Kreditschein, ausgegeben vom Tauschklub und gültig im Tauschklub und zunehmend an anderen Orten wie Taxiunternehmen, Restaurantketten und Reisebüros. Eduardo hat jeden Sonntag etwas anders, je nach Saison, was er gerade vom Baum pflückt oder kocht: Früchte, Nüsse und Gewürze, sowie Eier und Empanadas, gefüllte Teigtaschen. Er ist seit einem Jahr Mitglied im Tauschklub, für ihn die einzige Möglichkeit zum Überleben". Er arbeitet in einer Papierfabrik und verdient umgerechnet dreihundert Euro, davon kann er seine Frau und die fünf Kinder nicht ernähren. Neben ihm Raúl, noch bis vor kurzem Inhaber eines Vertriebs für chemische Produkte, Säuren, Reinigungsmittel, Industriebedarf. Sein Betrieb ging, wie seine Kunden, bankrott, jetzt tauscht er hier seine Waren und bekommt dafür Lebensmittel, Kleidung und Tapeten und Zement für den Ausbau seines Hauses.
Was als folkloristischer Flohmarkt mit alten Schuhen und Kunsthandwerk begonnen hat, ist in Zeiten von chronischer Wirtschaftskrise und Staatsbankrott eine reale Alternative geworden, die weltweit die Währungssysteme verändern werden", glaubt Ruben Ravena, der vor sieben Jahren in Bernal den ersten Tauschklub Argentiniens gegründet hat. Heute leitet der 38-Jährige ein Museum für Botanik und verdient genug, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, aber damals hatten er und seine Freunde aus der Öko-Gruppe keinen Peso in der Tasche. Und so ging es den meisten Nachbarn, Arbeitslosen, Gelegenheitsarbeitern, ledigen Müttern. Sie litten besonders unter der Währungspolitik der damaligen Regierung, die zur Bekämpfung der Inflation den Peso an den US-Dollar gebunden hatte und per Gesetz daran gehindert war, Geld zu drucken, das nicht durch Devisenreserven gedeckt war. Dies führte dazu, daß zu wenig Geld im Umlauf war, die Löhne zu niedrig, die Preise zu hoch. Und da niemand Geld in der Tasche hatte, druckten die Klubs es eben selbst. IHR Geld, ihre Creditos. Vorbei an den Auflagen von IWF und Weltbank. Heute sind in den Tauschklubs landesweit zwei einhalb Millionen Mitglieder eingeschrieben, das bedeutet, sie ernähren über sieben Millionen des 33 Millionen Volkes, über ein Viertel der Bevölkerung. Trotz dieser Größenordnung sei der Tauschhandel ein soziales, kein monetäres Phänomen, meint der Wirtschaftswissenschafter Jorge Schvarzer. Den sechzig Millionen ausgegebenen Créditos stehen zwölf Milliarden Pesos und zwei Milliarden Patacones gegenüber, eine makroökonomisch zu vernachlässigende Größe", meint Schvarzer. Patacones sind Obligationen, die die Provinzregierungen ausgegeben haben und mit denen sie Beamte und Lieferanten bezahlen. Aber sie spielen eine soziale Rolle. Wenn sich die Menschen nicht mehr über die Tauschklubs ernähren könnten, würden sie alle auf die Barrikaden steigen", meint der Geschäftsmann Biatra. Deshalb sehen es die argentinische Regierung und die internationalen Finanzorganisationen mit Wohlwollen, daß sich die Armen selbst über die Runden bringen und nicht länger dem Staatshaushalt zur Last fallen. Statt teure Arbeitsplätze und Sozialprogramme zu schaffen, sollen so zwei getrennte ökonomische Kreisläufe entstehen, der Kreislauf der realen Wirtschaft, in dem die Zentralbank Geld ausgibt, in dem Steuern erhoben werden und Sozialversicherungen existieren. Und der Kreislauf der informellen Wirtschaft, mit privaten Tausch-Tickets, wo keine Steuern erhoben werden und wo vom Staat nichts erwartet wird, keine Krankenkassen, Renten und die Förderung von sozial Benachteiligten. So kann sich der Staat aus der Sozialarbeit herausziehen, können Finanzmittel und Beamte eingespart werden. 3. August 2002 |
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