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Wendunmut und Leidvergesz
Gedichtzyklus zur Lyrik von Nikolaus Lenau
Von Silvia Sernau
Anmerkungen zu den Gedichten:
Die kursiv gesetzten Textteile in dem Gedicht Rosen wären wie
Rosen sind Zitate aus dem Gedichtband "X-te Person Einzahl"
von Gerhard Falkner.
Die kursiv gesetzten Textteile in den Gedichten Einem fernen
Gelb, Endkreis oder finitor, frühe schon dem geistigen gesichtskreis
gewendet und Mein süßes Leben im Spiegel sind
Zitate aus "Deutsches Wörterbuch" von Jacob und Wilhelm
Grimm.
Rosen wären wie Rosen
So fühlst du auch bei Rosen dich
verlassen
Nikolaus Lenau
Wahr ist: Ich suche Rosen in Wortländern von glücklosen Gutsherren
und finde
Herrenmöbel und leidenschaftliche Regenrinde in geöffneten
Wäldern ich
tausche sie gegen eine Schale unversöhnlicher Früchte, die
ich einem Dichter
stahl. Es sind nur noch die Worte der anderen die ich kenne ich habe
meine
in den Schatten gestellt. Was lässt sich anderes dagegen tun als
Glaube Liebe
Hoffnung die schimmernde Seite aus einem unbekannten Land das mich überdauert
Wahr ist aber auch: Rosen lassen Worte aufkommen wie dunkelsüß
und
abgeschrittene Küsse wie sonnige Rückstände und anderes
Fremde das mich
anfliegt wie ein Insekt
Nachtrag: Und Rosen wären wie Rosen eine unaufhaltsame Masse
Einem fernen Gelb
Nimm fort, was mich so traurig macht
/ Auch die Vergangenheit.
Nikolaus Lenau
Ich spreche von Firnis einem fernen Gelb
wie ungefähr (Chamois vielleicht) in der ursprünglichen
subjectiven Bedeutung auch verbunden mit dem gefühl
der sehnsucht einem Ton auf alten Bildern und ich sehe
dunkel verkantetes Möbel vor dem sich das Haar über der Stirn
nach hinten wölbt und wie durch einen langen Korridor
trete ich ein in den erstaunten Blick meines Vaters ein Grau
das sich in Herz faltet
Endkreis oder finitor,
frühe schon auf den geistigen Gesichtskreis gewendet
Vielleicht ist unser unerforschtes Ich
/ Vor scharfen Augen nur ein dunkler Strich
Nikolaus Lenau
Über die Jahre wie ein Bogen aus Zeit schnellen Worte und
Töne und Bilder Irrlichter (denen ich folge) stillstehende
Satzzeichen gebieterischer Wächter
Vergangenheit ein kunstausdruck der grammatik die
übersetzung von präteritum die verflossene
Zeit die Vorzeit im Allgemeinen jene die mir den Mund verbietet
an schieren Tagen und wie die vergangene und letzte
Zeit schwinden Bilder und Töne im gegensatz zu gegenwart (präsens)
und zukunft (futurum) und auf allen liegt sprödes Licht
Doch was weiß ich von Licht sprechen wir von dem Fernen
von dem was ist vor scharfen Augen nur ein dunkler Strich vor dem
die verblühenden Zweige der Forsythien im Wind schwanken leise
Mein süßes Leben im Spiegel
Ich bin mein Schatten, der mich überdauert!
Nikolaus Lenau
Ich frage mich ob Schatten sich wiederholen wie die Berührung
eines Steins
oder wie eine Geschichte und während ich entdecke dass von
mangel des lichts die Rede ist und dämmerung und dunkel
überhaupt
bin ich bestürzt
Da ja das dunkel auch nur schatten ist wie die nacht
der schatten der erden verliert sich dieser Gedanke in einer Art
somnambulen Rausch gleitet durch die Jahreszeiten ein Beweis
meiner Existenz eine unaussprechliche Umnachtung
Hin und wieder begegnet mir ein süßes Leben im Spiegel und
ich betrachte es besorgt bei dem Gedanken an das durch hemmung des
lichtes
hervorgerufene dunkle abbild des körpers
Denn der fortrückende geht zugleich
von dem bisher eingenommenen orte weg
Lieblich war die Maiennacht
Nikolaus Lenau
Der Blick eines Vorbeifahrenden in ein hell
erleuchtetes Fenster eine Erinnerung an etwas
lange Vergangenes und ich ergründe die Bedeutung
von fort als könne sie sich verflüchtigen wie das nächtliche
Bild
einer Straßenbahnhaltestelle im gelbroten Himmel einer Werbetafel
und
im Hintergrund der Klang von Schritten auf Kopfsteinpflaster Fetzen
einer unbekannten Sprache die an mir vorüberzieht (eine Wolke)
und
sich verliert: der Blick in eine andere Geschichte
Eine noch zu verfolgende Spur
Der Himmel ließ nachsinnend seiner
Trauer
die Sonne lässig fallen aus der Hand
Nikolaus Lenau
Der Himmel gestrichen nach
lässig in Sky Blue mit sonniger Hand eine
noch zu verfolgende Spur des Tages ich
strecke mich nach den Grenzen und über
setze das Licht leichtzüngig und funklend
vor Mutwillen das Lachen im Stabhochsprung denn
wenn ich reise dann nachts im wilden Schein des Mondes
In gewissem Betracht der Anfang jener Zerrissenheit
Sie hat nicht acht, / Ob Knospenspringen
/ Und Frühlingssingen / Mich traurig macht
Nikolaus Lenau
Das macht so eingerückt und hinter
Fensterscheiben
und ängstlich gegen jedes wahre Wort
Dieter Leisegang
Vielleicht das Dach über meinem Haus
in Rouge Cardinale wie hingetupft und quasi fragend
die Fenster darunter geteilt in Times New Roman aber
erstaunlich schon die Verkettung diese
Kausalität zu jener Zeit schienen die Sätze sich
aufzulösen am Ende einer jeden Zeile blieben
unendlich ich verstummte rang
mir das Wirt ab mühevoll fremd gegen jede Lebens
Kunst und von Zeit zu Zeit schwoll der Fluss an und
stand mir dann zum Sterben schön
wendunmut und leidvergesz
Der Wind ist fremd, du kannst ihn nicht
umfassen
Nikolaus Lenau
und wie ich in einer Bewegung verharre
als wollte ich eine Erinnerung zücken und es werden
mir dann doch nur die Worte abgerissen
von den Lippen im Sturm Worte
wie wendunmut und leidvergesz seltene Kräuter
in meinem Garten sie fallen
mir zu absichtslos und wie verschwistert
Von wahrhafter Lyrik und deren Korrosionsbeständigkeit
"Die Geschichte der Menschheit wiederholt
sich
konzentrativ in der Geschichte des Menschen. Ich spüre,
was ich versäumt, verschwendet, verfehlt habe, und das
ist mein Übel."
(Nikolaus Lenau, IV, 151)
Den Lyriker des Weltschmerzes Nikolaus Lenau habe ich mir vorgestellt,
wie Günther Kunert ihn beschreibt, als das "übliche Bild,
biedermeierlich gerahmt, von einem, der ständig eine tote Geliebte
bedichtet und herbstliche Wälder". Ich sah ihn in den schwäbischen
Salons seine Gedichte rezitieren bei "dämmernden Abendstunden
und hingehauchten Liedern am Piano", gekleidet in dunklen Pelzmantel,
schwarzen Frack, einen Gehstock in der Hand mit silbernem Knauf als
Bestandteile der ständigen ästhetischen Inszenierung seines
Lebens. Und damit hatte auch mich der übliche klischeebeladene
Blick auf ihn ereilt, wie Kunert beschreibt und zu Recht als Diskriminierung
kritisiert.
Dass Lenaus tränenreiche Sprache aus heutige Sicht schwer zu akzeptieren
ist, ist zwar erklärlich, aber auch einseitig. In der Zeit der
Restauration hatte er, wie viele andere Dichter, unter der Zensur der
österreichischen Staatsgewalt zu leiden und war daher ständig
auf Reisen. Er verarbeitete diese Erfahrungen bewusst mit den entsprechenden
Metaphern aus der Natur, und so ist die Bezeichnung "Weltschmerz"
als Schmerz um die Natur und an der Natur und damit am Menschen zu verstehen.
Welche Bedeutung die Naturlyrik innerhalb seines Werkes hatte, war
Lenau durchaus klar: "Das, worin ich neu bin, worin ich Epoche
mache in der deutschen Literatur, ist meine Naturpoesie, meine poetische
Durchdringung und Abspiegelung der Natur und ihres Verhältnisses
zur Menschheit." Mit diesem Konzept hatte er großen Erfolg,
fast jedes Jahr erschien ein neuer Gedichtband von ihm.
Nikolaus Lenau hatte sich rückhaltlos der Poesie verschrieben.
Sein Lebenswerk umfasst außer seinen Briefen nur eine (einzige)
Prosa, nämlich eine Rezension, aber vier größere und
einige kürzere Versdichtungen sowie über 500 Gedichte. Anlässlich
der Herausgabe der Lenauschen Briefbände im Jahre 1990 spricht
die Zeit von einem Teufelspakt: Der Dichter habe zwölf Jahre
Gedichteschreiben mit dem Wahnsinn bezahlt.
3. August 2002
Leserbrief
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