Interview mit Professor Dr. Shalini Randeria

Die indische Soziologin hat an den Universitäten von Delhi, Oxford und Heidelberg studiert und an der Freien Universität in Berlin promoviert. Heute lehrt sie an der Universität München und ist außerdem Mitglied der Arbeitsgruppe Zivilgesellschaft am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Im Herbst erscheinen von ihr bei Suhrkamp "Das Recht im Globalisierungsprozess" (zusammen mit Klaus Günther) sowie bei Campus "Jenseits des Eurozentrismus: transnationale und postkoloniale Perspektive in den Geschichts- und Kulturwissenschaften (hg. mit Sebastian Conrad). "Globalisierung aus Frauensicht" (hg. mit Ruth Klingebiel) ist in 2000 im Dietz Verlag erschienen.
Mit Professor Randeria sprach Hans-Christoph Neidlein.

Politiker wie Gerhard Schröder fordern, die Globalisierung gerechter zu gestalten, um ihr ein menschlicheres Gesicht zu geben. Reicht das?
Es geht nicht nur um eine Umverteilung als Korrektur der zunehmenden Ungleichheit, vielmehr treffen konkurrierende Visionen von einem guten Leben und Gerechtigkeit aufeinander. Deshalb müssen bestimmte Lebensbereiche vor dem Zugriff des globalisierten Marktes und vor Privatisierung geschützt werden.

Können Sie Beispiele nennen?
Nehmen Sie die kollektiven Land- und Waldnutzungsrechte von indigenen Völkern in Indien. Diese Sammel- und Anbaurechte sind sehr ausdifferenziert, abhängig von der Fruchtbarkeit der Böden oder der Zahl der Familienmitglieder und sehr gut an die Umweltbedingungen angepasst. Eine Kommerzialisierung und individualrechtliche Regelung nach westlichem Muster oder eine Vertreibung zum Zweck des Rohstoffabbaus führen dort zu einem Abbau von Rechten und stehen im Widerspruch zu lokalen Vorstellungen von Gerechtigkeit. Es gibt lokale Gemeinschaftsgüter, die für die Armen dieser Welt wichtiger sind als globale Gemeinschaftsgüter.

Sollten wir also am besten die Handelsliberalisierung begraben und die WTO wieder abschaffen?
Nein, ein Zugang zu den Märkten des Nordens bietet dem Süden ja auch Chancen. Doch bisher haben die Industrieländer weder ihre Agrarsubventionen abgebaut noch ihre Märkte für Importe aus Entwicklungsländern geöffnet. Unter dem Druck des IWF, der Weltbank und der WTO sind aber letztere gezwungen worden, ihre protektionistische Politik aufzugeben und ihre Märkte für Güter und Dienstleistungen aus dem Norden zu öffnen. Die Agenda der WTO wurde längst über die Handelsliberalisierung ausgeweitet, beispielsweise mit dem Abkommen über geistige Eigentums- und Patentrechte.

Ist denn der Nationalstaat wirklich so stark von den Vorgaben der internationalen Finanzorganisationen geknebelt?
Globalisierungskritiker sollten die Doppelrolle der nationalen Regierungen als Täter und Opfer stärker beachten. Denn der listige Staat versteht es oftmals, Verantwortung für unliebsame Entscheidungen der Privatisierung und Liberalisierung an die internationalen Organisationen abzuschieben. Wir sollten unsere Regierungen wieder stärker in die Verantwortung nehmen. Leider gab es kaum Proteste gegen die jüngste Vergabe von Hermes-Bürgschaften in Millionenhöhe durch die Schröder-Regierung für den umstrittenen indischen Tehri-Staudamm. Und in Indien wird oftmals nur das Teufelsbild des Westens, der Weltbank und der multinationalen Konzerne an die Wand gemalt, aber weniger gegen die Korruption und Menschenrechtsverletzungen des eigenen Staates protestiert.

Sind nicht die Multis die eigentlichen Drahtzieher und Profiteure?
Ich sehe die Rolle der internationalen Unternehmen differenziert, sie sind Teil eines Geflechts von (Un)verantwortlichkeiten. Unter dem Druck ausländischer Unternehmen, IWF und Weltbank enteignet der Staat die lokale Bevölkerung, wie beispielsweise im ostindischen Bundesstaat Orissa, wo der britisch-australische Konzern Rio Tinto zur Aluminiumherstellung Bauxit abbauen wird. Aber ausländische Firmen bezahlen oft höhere Gehälter als einheimische und verwenden manchenorts umweltfreundliche Technologien.

Auf Druck kritischer Verbraucher und der NGOs .
Ja, C&A versucht beispielsweise T-Shirts in Südindien ohne Kinderarbeit herstellen zu lassen. Globalisierungskritiker nehmen an den Aktionärsversammlungen von Rio Tinto in London teil, um dort gegen die Vertreibung der indigenen Bevölkerung zu protestieren. Und ein Netzwerk von NGOs aus Indien, Europa und Nordamerika klagte erfolgreich gegen den amerikanischen Chemiekonzern W.R. Grace und das US-Landwirtschaftsministerium wegen "Biopiraterie". Das Patent des Schädlingsbekämpfungsmittels aus dem Öl von Samen des indischen Neembaums wurde schließlich durch das Europäische Patentamt widerrufen.

Ist denn die Globalisierung des Widerstands Voraussetzung für seinen Erfolg?
NGOs im Süden brauchen die internationale Vernetzung, um gegen multinationale Konzerne und internationale Institutionen erfolgreich zu sein. Aber diese Vernetzung führt oft zur Verschiebung lokaler Prioritäten und zur Abhängigkeit von den finanzstarken NGOs des Nordens. Beim erfolgreichen Widerstand gegen das Narmada-Staudammprojekt in Indien wurde beispielsweise die Suche nach einem angepassteren Dammbau und fairen Kompensationen für die Vertriebenen zunehmend durch die "No Big Dam"-Agenda ersetzt. Diese war international anschlussfähiger, das indische Projekt wurde öfter vor dem US-amerikanischen Kongress als im indischen Parlament diskutiert.

Die UNO erklärte 2002 zum Jahr des Ökotourismus, viele Naturschutzverbände unterstützen dies. Sehen Sie darin eine Chance für eine nachhaltige Entwicklung?
Im westindischen Gir-Wald soll derzeit mit Hilfe der Weltbank die letzte natürliche Heimat des asiatischen Löwen geschützt werden. Örtliche Viehzüchter werden deshalb vertrieben, Ökotourismus soll jedoch gefördert werden. Denn laut indischen Gesetzen aus dem Jahr 1974 darf niemand in einem Nationalpark ständig wohnen oder die natürlichen Ressourcen nutzen. Dieses Naturschutzkonzept wurde mit Hilfe des Smithsonian Instituts aus den USA in Anlehnung an die amerikanische Idee der menschenleeren Wildnis erarbeitet. Dahinter steht die Annahme, die lokale Nutzung sei die Hauptbedrohung für den Erhalt der Natur in den Schutzgebieten. Ironischerweise hat aber der asiatische Löwe nur dort überlebt, wo er seit Jahrhunderten in einer symbiotischen Beziehung mit den Viehzüchtern und ihren Büffelherden lebt.

3. August 2002

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