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Der UN-Bericht über die Entwicklung der arabischen Länder
Zeit für die Wahrheit
"Man muss den Bericht mit unverstelltem Blick
sehen und Anstrengungen unternehmen, um Lösungen bereitzustellen.
Es wäre in der Tat eine schreckliche Tragödie, wenn in zwanzig
Jahren ein ähnlicher Bericht vorgelegt und dieselben ungelösten
Probleme dargestellt würden. Es liegt an uns, den Bericht zu lesen,
seinen Ergebnissen zuzustimmen oder zu widersprechen und dann entsprechend
zu handeln.
'Würde jetzt bitte der Zollbeamte, der mein Buch am Flugplatz beschlagnahmt
hat, es mir freundlicherweise wieder zurückgeben?'"
(Arab View, The Internet Home of Independent Arab Opinions)
Von Stefan Kubelka
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) hat vor einem
Monat den Bericht über den Entwicklungsstand der arabischen Länder
(Arab Human Development Report) veröffentlicht. Der Grund, warum
der Bericht in der deutschen Presse nicht besprochen wurde, mag in dessen
möglicherweise inopportuner Aussage liegen, die wirtschaftliche
und kulturelle Rückständigkeit der Region sei ausschließlich
auf interne Ursachen zurückzuführen.

Und das ist noch nicht das Schlimmste an dem Report. Seine Detail-Feststellungen
sind im Ganzen vernichtend für die betroffenen Regierungen: Die
zweiundzwanzig Länder der Arabischen Liga liegen in Ausbildung
und Gesundheit weit hinter anderen Entwicklungsländern zurück
(zum Teil sogar hinter Schwarzafrika), erst recht in den Bereichen Regierungsführung
(governance), Menschenrechte, Freiheitsrechte, Anteil der Frauen in
Wirtschaft und Politik sowie beim Zugang zu Wissen.
Der kulturrelativistische Einwand, hier würden wieder nur westliche
Wertvorstellungen exportiert, ist leicht zu entkräften: Dieser
Studie zufolge warten fünfzig Prozent der arabischen Jugendlichen
nur darauf, die Region verlassen zu können. Und die Autoren des
Reports sind ausschließlich arabische Experten von gutem Ruf:
der ägyptische Soziologe Nader Fergany, die ehemalige jordanische
Planungsministerin Rima Khalaif, der frühere UN-Botschafter der
Arabischen Liga Clovis Maksud, der ehemalige libanesische Finanzminister
Georges Corm oder der aus dem Maghreb stammende Soziologe Burhan Ghalioun.
Licht im Schatten
Der Bericht hat durchaus auch Positives zu melden. Die Lebenserwartung
in der Region ist in den letzten drei Jahrzehnten um fünfzehn Jahre
gestiegen, die Kindersterblichkeit auf vorbildliche siebzig pro Tausend
zurückgegangen.
Auch das Fehlen einer "guten Regierungsführung" ist nicht
in allen Ländern gleich dramatisch. Hoffnungsvolle Ausnahmen sind
hier etwa Katar und Marokko, wo - wenn auch langsam - zunehmend demokratische
Rechte gewährt werden; ebenso Bahrain und Oman, wo demnächst
die ersten Parlamentswahlen zu erwarten sind. Die sinkende Wahlbeteiligung
jedoch, auch in diesen Ländern, bleibt ein weiterhin beunruhigendes
Zeichen.
Auch die Armut wurde zurückgedrängt. Aber immer noch muss
die Hälfte aller Menschen in der Region von weniger als einem Euro
pro Monat leben.
Bei allen pauschalen Aussagen dieser Art ist zwangsläufig eine
große, im Fall der arabischen Ländern sogar erstaunlich große
Varianz der Einzelfälle zu berücksichtigen. Legt man den Globalen
UN-Index für menschliche Entwicklung zugrunde, so rangiert etwa
Kuwait beinahe auf gleicher Höhe wie Kanada, während die Verhältnisse
in Djibouti fast so beklagenswert sind wie in Sierra Leone (dem Schlußlicht
in diesem Index).
Defizite
Im Unterschied zu vergleichbaren Regionen zeigen die ökonomischen
Daten eine denkbar ungünstige Entwicklung. Die Industrie-Produktivität
der arabischen Länder betrug 1960 noch 32 Prozent der US-amerikanischen
Produktivität; 1990 jedoch war der Wert auf 19 Prozent gesunken.
Auch der Vergleich mit den asiatischen "Tiger"-Staaten fällt
für die Region ungünstig aus: Die durchschnittliche Pro-Kopf-Produktion
der arabischen Länder war im Jahr 1960 höher als in den asiatischen
Staaten; heute aber ist sie nur noch halb so hoch wie in Südkorea.
Das Bruttosozialprodukt aller 22 Länder der Arabischen Liga liegt
mit 531,2 Milliarden Dollar noch unter dem von Spanien (595,5 Milliarden
Dollar). Angesichts dieser Indikatoren nennt der Bericht die arabischen
Länder "eher reich als entwickelt"
Der Bericht identifiziert vor allem drei gravierende Defizitbereiche:
bei den politischen Freiheiten, der Befähigung der Frauen und dem
Zugang zu Wissen.
- Politische Freiheiten: In diesem Bereich schneiden die arabischen
Staaten nicht gut ab. Der Freiheitsindex misst verschiedene Aspekte
des politischen Lebens wie Unabhängigkeit der Presse, politische
Teilnahme und bürgerliche Freiheitsrechte. Bei diesem Index rangieren
die Länder der arabischen Liga weltweit am Ende, hinter Süd-
und Ostasien und Schwarzafrika. Der Machtwechsel durch Wahlen, formuliert
der Bericht diplomatisch, "ist in der arabischen Welt kein gewöhnliches
Phänomen".
- Befähigung der Frauen: Die Region, formuliert der Bericht drastisch,
läßt praktisch die Hälfte ihrer produktiven Intelligenz
ungenutzt. Die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben ist
die niedrigste in der ganzen Welt. Nur 3,5 Prozent aller arabischen
Parlamentssitze sind mit Frauen besetzt (zum Vergleich: in Schwarzafrika
sind es elf, in Südamerika 13 Prozent). In manchen dieser Länder
dürfen Frauen noch nicht einmal wählen. Jede zweite arabische
Frau kann weder lesen noch schreiben.
- Wissen: Hier sind die Zahlen besonders negativ. In den arabischen
Ländern werden nur 0,5 Prozent des Bruttosozialprodukts für
Forschung und Entwicklung ausgegeben (in Kuba: 1,26, in Japan 2,9 Prozent),
und die gesamten Forschungsinvestitionen betragen lediglich ein Siebtel
des Weltdurchschnitts. Nur 0,6 Prozent der Bevölkerung nützen
das Internet, magere 1,2 Prozent besitzen einen Computer.
Geradezu erschreckend sind folgende Berichtszahlen: In jedem Jahr werden
lediglich 330 Bücher ins Arabische übersetzt; während
dieser Zeit übersetzt Griechenland fünfmal so viele Bücher
ins Griechische. In den letzten tausend Jahren wurden ebensoviele Bücher
ins Arabische übersetzt, wie heute allein in einem Jahr von Spanien
ins Spanische übersetzt werden. "Wo sind unsere Übersetzer?"
fragt der Kommentator von Arab
View verzweifelt.
Empfehlungen
Der Bericht geht kurz auf den arabisch-israelischen Konflikt ein und
merkt dazu an, dass er zwar beträchtliche Energien bindet und der
Staatsbildung vor der Befreiung des Individuums derzeit den Vorrang
einräumt, dass er aber keineswegs als Ursache der schlechten Gesamtlage
bezeichnet werden kann.
Auch die Religion wird an keiner Stelle als Grund für den Entwicklungsrückstand
angeführt. Wenn sie in den Blick kommt, dann allenfalls indirekt,
wenn etwa von einem notwendigen Wertewandel die Rede ist. Auch hier
bemüht sich der Bericht um eine ausgesprochen schonende Ausdrucksweise,
die jedoch spürbar auf einen änderungsbedürftigen Tatbestand
hinweist: "Solange dominante Gruppen, die nur nach Macht, einflussreichen
Positionen und materiellem Reichtum streben, als löbliche Vorbilder
gelten, werden arabische Bürger wenig dazu ermuntert, individuelle
und soziale Ideale von Freiheit, solider Arbeitsethik, Wissen und Zusammenarbeit
zu verfolgen. Nur eine Vertiefung echter Demokratire und die damit einhergehende
Veränderung der Herrschaftsstrukturen fördern die erwünschte
Veränderung. Doch aktive Veränderung gehört auch zu den
wichtigsten Führungsaufgaben auf allen Ebenen der Gesellschaft;
die Elite muss das erstrebenswerte Verhalten der Menschen in einem System
'guter Regierung' [good governance] gestalten und vorleben."
In seinen zusammengefassten Empfehlungen ("The Way Forward")
betont der Bericht noch einmal die Notwendigkeit "größerer
Kreativität und Innovation" als Schlüsselqualifikation
zur Veränderung. Der beste Weg liege darin, "arabischen Künstlern,
Berufstätigen, Gelehrten, Studenten, Unternehmern und anderen sozialen
Gruppen Anreize zu geben, ihre Werke im Internet zu veröffentlichen,
statt zu versuchen, bestimmte Arten von Inhalten von oben her zu beschließen".
Gleichzeitig müsse auf jeden Fall die "Feminisierung der Arbeitslosigkeit"
abgebaut werden. Und schließlich erfordere ein höheres Niveau
menschlicher Entwicklung eine grundlegende Reform der Regierungsführung:
Benötigt würden dazu "Parlamente, die aus freien, ehrlichen,
wirksamen und regelmäßigen Wahlen hervorgehen". Der
Staat müsse sich als Rechtsstaat reformieren und verlässlich
öffentliche Dienstleistungen bereitstellen.
Kein geringes Programm, und keines, das irgendjemand den arabischen
Staaten abnehmen könnte. Der Westen könnte einigen von ihnen
allerdings schon damit helfen, dass er nicht länger im Sinn einer
prinzipienlosen "Realpolitik" just mit den Staaten die engsten
Beziehungen pflegt, in denen das Wissen und die Freiheit systematisch
unterdrückt werden.
Der gesamte Bericht mit ausführlichem Pressematerial
und Tabellenteil ist in mehreren pdf-Dateien beim UNDP
abzurufen.
3. August 2002
Leserbrief
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