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Nur einen Mann aus Millionen!

Von J. G. Fischer

Erheb' Dich wie aus Einem Munde,
Du Schrei der Noth nach einem Mann;
Das deutsche Fahrzeug geht zu Grunde,
Es fängt schon tief zu sinken an.
Schon bog es hoffend um die Klippe,
Schon nach dem Hafen ging der Zug,
Da fiel auf der Bemannung Sippe
Der Wahn, wie er noch Keinen schlug:

Tritt aus der Führer wildem Zanken
Kein so antiker, ganzer Mann,
Der den unsterblichen Gedanken
Der deutschen Größe fassen kann?
Der uns ohn' Anseh'n und Erbarmen
Zusammentreibt im Schlachtenschweiß,
Und dann mit unbeugsamen Armen
Die deutsche Mark zu runden weiß?

Sie riß der herab der Einheit Fahne,
O unerhörte Meuterei!
Und Jeder schrie in seinem Wahne:
So bin ich stark, so bin ich frei! -
Du herrlich Schiff, so wohl gezimmert,
Ist's möglich? Läßt es Gott gescheh'n,
Daß Du verrathen und zertrümmert
Und rettungslos sollst untergeh'n?

Nur einer aus den Millionen,
So weit die deutsche Langmuth haust!
Zum Heil der Völker und der Thronen
Nur eine eisern harte Faust,
Die wie ein Blitz durch alle Grade
Empor sich zum Dictator schwingt
Und die Rebellen ohne Gnade
In's starre Joch der Einheit zwingt!

Die, nicht erwägend und nicht wählend,
Aufstelle das Columbusei,
Daß nicht der Deutschen Schmach und Elend
Ein Spottlied aller Völker sei!
Komm, Einziger, Dir sei geschworen,
Tritt auf, wir folgen Deiner Spur,
Du letzter aller Dictatoren,
Komm mit der letzten Dictatur!

Die Gartenlaube, Illustriertes Familienblatt 11 (1860), Seite 161

8. August 2001

Leserbrief


Kommentar:

Johann Georg Fischer (1816-1897) war in Stuttgart Volks- und Oberrealschullehrer und dazu Poet dazu (und nebenbei ein direkter Vorfahre des Industriellen Robert Bosch). 1848 betätigt er sich sogar politisch: Als "Dichter der Bürgerwehr" trägt er zum Beispiel bei Fahnenweihen seine vaterländische Gedichte vor und wird Mitglied im "Volksverein", der gegen die Monarchie und für die republikanische Einheit Deutschlands agitiert (was dem beamteten Lehrer das Leben nicht gerade leichter macht).

Nach der Reichsgründung 1871 stand er plötzlich als politischer Prophet da, denn schon 1849 hatte er das Gedicht "Nur einen Mann aus Millionen!" verfaßt, das nun jedermann als frühe Vorausdeutung auf Bismarck verstand. Zu dieser Zeit war der Dichter-Lehrer von seinen republikanischen Ideen schon weit abgerückt und vertrat auffällig die bald im gesamten Kaiserreich herrschende geistige Konformität.
Die treuen Stuttgarter haben ihm im Jahr 1900 (am Fuß der Hasenbergsteige)
ein Denkmal gesetzt.

Aus heutiger Sicht liest sich das vielleicht patriotisch gemeinte, monarchenfreundliche Gedicht eher wie ein rabiates Gebet, das 1933 in Erfüllung ging.