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Eine (verbotene) Blume des Bösen

Kleiner Nachtrag zum 180. Geburtstag von Charles Baudelaire (1821 - 1867), mit einer Anmerkung von Carlo Schmid oder:
Politiker sind auch nicht mehr das, was schon früher nur wenige waren


Charles Baudelaire

Das Geschmeide

Die teure Frau war nackt, und weil mein Herz sie kennt,
Trug sie am Leibe nur ihr klingendes Geschmeide.
Und Siegerblick gab ihr die Flitterpracht; so brennt
Des Mohren Sklavin, ist sie einmal frei vom Leide.

Wenn diese Funkelwelt aus Steinen und Metallen
Im Schweigen tönt wie Spottgesang in hellen Klängen,
verzückt es mich; so bannt mich sehrendes Gefallen
An jene Dinge, wo sich Licht und Töne mengen.

So lag sie ausgestreckt, von meinen Küssen schwer,
und von dem Pfühl beglänzten lächelnd ihre Lippen
Und wohlig meine Liebe, mächtig wie das Meer,
Die zu ihr aufschwoll wie zu weißen Uferklippen.

Dem Tiger, den man bändigt, gleich sah sie mich an
Und probte sich verträumt in mancherlei Entfalten,
Und Unschuld, die mit Wollust sich in eins verspann,
Gab frische Reize den sich wandelnden Gestalten.

In glattem Fluß wie Öl und wogend wie der Schwan
Ließ Rücken, Arm und Bein sie mir vorüberschweben,
Und klaren Blicks sah sie mein Seherauge an.
Ihr Bauch und ihre Brüste, meines Weinbergs Reben,

Bedrängten schmeichelnder als böse Engel mich,
Um meiner Seele neue Ruhe zu betören
Und vom Kristallgebirg zu drängen, wo sie sich
In Einsamkeit erging und lauschte reinen Chören.

Mir war, ich sah nach neuem Plan in eins sich recken
Die Hüfte Antiopes und des Jünglings Rumpf,
So überschwall der schlanken Lenden Spann das Becken.
Auf ihrer braunen Haut die Schminke sang Triumph!

Und als die Ampel müd den Weg zum Sterben nahm,
Und nur der Feuerbrand noch hellte unser Zimmer,
Goß immer, wenn vom Herd ein Flammenstöhnen kam,
Es einen Strom von Blut auf ihren Bernsteinschimmer.


Nachwort des Übersetzers:

Die erste Auflage der "Fleurs du Mal" erschien 1857 in Paris und enthielt hundert Gedichte. Am 20. August desselben Jahres wurden Dichter und Verleger wegen 'Verstoßes gegen die guten Sitten' von der Pariser Strafkammer zu der Geldstrafe von 300 frs verurteilt und erhielten die Auflage, sechs Gedichte (Das Geschmeide; Lethe; Der Allzufröhlichen; Lesbos; Frauen in Verdammnis; Die Verwandlungen des Vampir) aus der Sammlung zu streichen. Im Jahre 1861 ließ der Dichter eine zweite, von den inkriminierten Versen 'gereinigte' Auflage erscheinen, die um 35 Gedichte vermehrt war.
Im Jahre 1866 erschien in Brüssel ein Bändchen 'Les Epaves', das 23 Gedichte, darunter die verbotenen, enthielt.
Nach dem Tode des Dichters erschien die mit einer Vorrede Théophile Gautiers versehene, nicht vom Dichter selbst herrührende, sogenannte endgültige Ausgabe der 'Fleurs du Mal', in der die in den vorausgegangenen Ausgaben enthaltenen Stücke um einige weitere, dem vorerwähnten Bändchen entnommene, vermehrt worden sind. Diese Ausgabe hat die Kritik der hervorragendsten Kenner Baudelaires herausgefordert. Dieser Übertragung wurde der Text der zweiten Auflage zugrundegelegt, dem - nach dem Vorschlag Ad. van Bevers - die sechs verbotenen und 25 weitere, vom Dichter offenbar für die geplante dritte Auflage vorgesehene Stücke hinzugefügt wurden.
Der Übersetzer ist sich gewisser Mängel in seiner Arbeit genau bewußt: er hat nicht immer das Besondere der Reimfolgen des Originals beibehalten; die Zäsuren der Alexandriner sind nicht überall streng beachtet worden; bei nicht wenigen Gedichten wurden die Silbenzahlen der Verse vermindert usw. Diese Regelwidrigkeiten wurden von dem Übersetzer gewagt, weil ihm schien, die deutsche Sprache verlange insoweit nicht dieselbe Regelhaftigkeit wie die französische, und zu den Verkürzungen der Verse hat er sich jeweils entschlossen, wenn er meinte, daß ihre Verdichtung der Verdeutschung zugute kommen könne.
Vielleicht wird der Leser dies gelten lassen; was er darüber hinaus auszusetzen findet, muß er dem Unvermögen des Übersetzers, es besser zu machen, zuschreiben.
Diese Übertragung wurde im Jahre 1941 abgeschlossen und war ursprünglich nur für einige Freunde bestimmt, die schließlich vermocht haben, dem Übersetzer einzureden, daß ein weiterer Kreis von Menschen, die den wahrhaft großen Dichter Charles Baudelaire verehren, durch diese Verdeutschung erfreut werden könnte. So ist sie denn doch zur Veröffentlichung gekommen.
Die 'Fleurs du Mal' sind in ihren Höhen und Tiefen ein so geschlossenes Ganzes, daß der Übersetzer nicht glaubte, sich auf eine Auswahl beschränken zu können. Auch aus den untergründigsten Dunkelheiten, die das Leiden des Dichters zu Schönheit läutert, strahlt Licht des Geistes in unsere Gewissen.

Comme montent au ciel les soleils rajeunis
Après s'ètre lavés au fond des mers profondes ...

Carlo Schmid (geboren in Perpignan 1896, gestorben 1979 in Bonn); Professor für Völkerrecht und Politische Wissenschaft in Tübingen und Frankfurt; Mitglied des Parteivorstandes der SPD; Vizepräsident des Deutschen Bundestages 1949 - 66, 1969 - 72. Übertrug auch Malraux und Macchiavelli ins Deutsche. Zitiert nach der Ausgabe von Goldmanns Gelbe Taschenbücher, Band 535. o.J. (DM 2.-).

27. August 2001

Leserbrief