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Zugfahrt nach Straßburg

Von Marco Serbanescu

Die ganze Nacht über hatte Torre in einem Buch gelesen, weil er wußte, daß er noch vor Morgengrauen ausstehen mußte und fürchtete, daß er, wenn er einschlief, nicht mehr rechtzeitig aufwachen würde. Endlich aber, als es Zeit war, kam seine Mutter ins
Zimmer, ihn zu wecken. Sie flüsterten miteinander, damit sein kleiner Bruder, der das Zimmer mit ihm teilte, nicht aufwachte. Sie sagte ihm, sie habe ihm einige Brote in die Tasche gepackt. Es war noch fast Nacht, und plötzlich war er sehr müde. Er wollte nach Straßburg, um sich dort die Kathedrale anzusehen. Er hatte sie schon einmal gesehen, aber damals war er noch ein Kind gewesen, und er erinnerte sich kaum noch.
Paß auf dich auf, sagte seine Mutter zum Abschied.
Ich bin kein Kind mehr.
Paß trotzdem auf dich auf.
Gut.
Hast du auch alles eingepackt, was du brauchst?
Ja.
Du bist sicher, daß du nichts vergessen hast?
Diese Mütter! Er, mürrisch, gab keine Antwort.
Er verabschiedete sich, nahm seine Tasche und ging aus der Tür und die dunkle Straße hinab.
Nachdem er sich am Schalter eine Fahrkarte gelöst hatte, trat er hinaus auf den Bahnsteig. Es war dunkel, man sah den Mond hinter den Wolken, und der Zug, matt glänzend im elektrischen Licht, stand bereits auf dem Gleis. In träger Schläfrigkeit schlenderte jemand über den Bahnsteig. Die übrigen Fahrgäste warteten in der geheizten Bahnhofshalle. Torre ging vor bis zur Bahnsteigkante, über ihm die beleuchtete Uhr, deren Sekundenzeiger sich lautlos bewegte. Drinnen im Zug sah man den Schaffner den Gang entlang gehen, der Reihe nach tauchte sein Schattenriß an den Fenstern auf.
Als sich die Türen auftaten, kletterte Torre das Trittbrett hoch und durchquerte den ersten menschenleeren Wagen. Er betrat eine der Kabinen und zog Tür und Gardinen zu, warf seine Tasche aufs Gepäcknetz. Nachdem er sich in den Sessel gekauert hatte, war mit einemmal alles mit Stimmen erfüllt, Schritte hallten durch den Gang, Türen schlugen zu.
Torre blickte zum Fenster hinaus auf den Bahnsteig. Der lag verlassen da.
Das Abfahrtsignal ertönte. Mit lautem Knall schlugen die Türen zu. Torre streckte die Beine aus, und gleich fielen ihm seine Augen zu, so müde war er. Wie lange er geschlafen hatte, als die Dämmerung ihn weckte, hätte er nicht sagen können. Warm war es und stickig in der Kabine, die Sonne fiel gelb durchs Fenster, Staub flirrte durchs Licht. Torre erhob sich und sog das Fenster herunter, es klemmte ein wenig. Hu, wie kalt ihm die Luft über das Gesicht jagte! Sie roch nach Gras und Feuchtigkeit, und Torre atmete mehrmals tief durch. Die Schienen dröhnten. Fuhr der Zug eine Kurve, konnte man, sich aus dem Fenster lehnend, die
Lokomotive und die Wagen am Ende des Zuges sehen, und die Strommasten sausten gefährlich nah vorbei, das war ein Spaß! Bäume, Brückenpfeiler, ein Bahndamm mit geschlossener Schranke, abermals Bäume, Hecken, Felder, Wie der Bahndamm in der Ferne verschwunden war, schob Torre das Fenster hoch. Jetzt, im ersten Moment, da es geschlossen war, schien es, als sei alles ungewöhnlich still. Torre lauschte, regungslos dastehend, der Stille, bis er aus einem der anderen Abteile die erste Stimme vernahm, der eine zweite antwortete, er nahm wieder Platz und schloß die Augen. Diesmal war es der Schaffner, der ihn weckte. Er verlangte nach der Fahrkarte. Torre suchte sie, noch im Halbschlaf, aus seiner Jackentasche hervor, und erst nachdem er einige Male geblinzelt hatte, wird er des Herrn gewahr, der ihm nun gegenüber sitzt. Tatsächlich, er mußte tiefer geschlafen haben, als er dachte! Sofort zog er die Beine an und setzte sich aufrecht hin, obgleich er, ach, wie gerne hätte noch
weitergeschlafen.
Junger Mann! Der Schaffner gab ihm die Fahrkarte zurück. Sie sind im falschen Abteil.
Torre stutzte.
Bitte?
Das hier ist die erste Klasse, erklärte der Schaffner.
Ach, dieser Torre, noch immer verstand er nicht, bis ihm auffiel, wie ihn der Herr, der ihm gegenüber saß, neugierig musterte. Torre begriff.
Entschuldigen Sie, ich wußte nicht...
Der Schaffner sagte, er müsse einige Abteile weitergehen. Torre nickte. Er fühlte sich ein wenig gekränkt. Nicht nur, daß der Schaffner verlangte, er müsse ein anderes Abteil aufsuchen, sondern vor allem, daß ihn dieser Mensch, der sich in die Kabine gesetzt haben mußte, während er geschlafen hatte, so dämlich anstierte. Torre zog seine Tasche vom Gepäcknetz, daß sie ihm fast auf den Kopf geschlagen wäre, er verließ das Abteil und wünschte, der Herr möge beim Aussteigen eine Stufe verfehlen und sich den Hals brechen. Wirklich, er war sehr hitzig und bedauerte wohl schon, die ganze Nacht kein Auge zugetan zu haben. Er durchschritt den Wagen, entgegen der Fahrtrichtung, der Boden unter seinen Füßen wankte. Die Tasche, diese blöde, schlug beständig gegen seine Beine. Die Kabinen, an denen er vorbeikam, waren allsamt leer, zwei Wagen weiter die Sesselpolster aus altem, abgenutztem Leder, und Torre hatte keine Lust, durch den ganzen Zug zu wandern, um eine leere Kabine zu finden. So zog er einfach auf die Tür der nächstbesten auf, in der zwei Männer saßen, und eine alte Frau und ein kleiner Junge, der vermutlich ihr Enkel war. Die beiden Männer spielten Karten. Sie sahen kurz zu ihm auf, als er eintrat. Er warf seine Tasche auf die Ablage und kauerte sich, zum Fenster hinaus blickend, in die etwas härteren Polster, draußen flogen die Felder vorbei. Bäume, Hügel, Bäume, Äcker, ein Backsteinhaus. Torre zog seine Jacke aus und schloß die Augen; doch schon nach kurzem Versuch wußte er, daß es ihm nicht mehr gelingen würde einzuschlafen. Wie aus Trotz verharrte er noch einige Zeit in dieser Stellung, aber es ging nicht, und schließlich tut er die Augen auf. Schaute zum Fenster hinaus. Die Zeit rann dahin, die beiden Männer führten sich gegenseitig Kartentricks vor, die alte Frau sah aus dem Fenster und richtet ab und zu das Wort an den Kleinen, der neben ihr sitzt. So mochte es wohl eine halbe Stunde oder auch eine ganze gegangen sein, bis der Zug in den Karlsruher Bahnhof einrollte, wo er einige Minuten Aufenthalt hatte und Torre aussteigen wollte, um sich am Kiosk Zeitungen zu kaufen. Was blieb ihm auch anderes übrig, wenn er ja doch nicht mehr einschlafen konnte? Die alte Dame erklärte sich bereit, auf seine Sachen aufzupassen, und Torre verließ den Zug, Gerade wie er aufs Trittbrett stieg, verließ auch, wenige Wagen weiter, der Erste-Klasse-Mensch den Zug, und Torre beobachtet ihn; aber nein, der andere, der feine Herr, verfehlt weder eine Stufe noch bricht er sich irgendwas. Torre geht den Bahnsteig hinab und ersteht am Kiosk einige Zeitungen.
Obgleich er nur kurze Zeit fortgewesen war, war der Zug, wie er zurückkam, schrecklich überfüllt. Wo wollten diese Leute, die sich plötzlich auf diesem schmalen Gang tummelten, bloß alle hin? In seiner Kabine angelangt bemerkte er gleich die zwei neuen Gesichter. Das Mädchen war sehr hübsch, sie hatte ein schönes Gesicht und schönes Haar, und auch der Junge war, sofern Torre das beurteilen mochte, recht gutaussehend. Torre setzte sich auf seinen Platz am Fenster, die Zeitungen auf dem Schoß zusammengefaltet, das Mädchen suchte etwas in dem auf dem Boden stehenden, vollgepackten Rucksack. Bald, wie der Zug losfuhr, gab sie es auf, der Junge warf den Rucksack ins Gepäcknetz, drehte sich eine Zigarette und brannte sie an. Das Mädchen rauchte nicht. Die beiden unterhielten sich auf französisch. Torre beobachtete sie. Der junge Franzose sah nicht besonders munter aus und nicht einmal richtig wach, und das Mädchen war wirklich sehr hübsch. Ach, wie Torre nun bedauerte, daß sein Französisch so miserabel war. Er blickte zum Fenster hinaus.
Das gibt es doch nicht! stöhnte einer der Kartenspieler. Der andere grinste zufrieden und sammelte die Karten zum Mischen wieder ein. Torre beginnt, in der ersten Zeitung zu lesen, die er sich gekauft hat, er liest, ohne sich noch weiter dafür zu interessieren. Indessen unterhält sich die alte Frau mit ihrem Enkel, der an einer Lakritzstange kaut. Der junge Franzose hat seine Zigarette zu Ende geraucht, schlägt die Beine übereinander und schläft, den Kopf in die Hand geschmiegt, ein.
Die Zeit, sie geht dahin. Torre tat freilich noch immer als lese er, aber er konnte nicht, die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen, und wenn er ein Wort gelesen hatte, hatte er es auch gleich wieder vergessen. Das Mädchen hatte sich erhoben und versuchte, etwas aus dem Rucksack zu nehmen. Da widerfuhr Torre ein unerwartetes Glück, sie, die hübsche Französin, fragte, ob er ihr helfen könne, den Rucksack herunterzunehmen. Ihre Stimme, Torres Herz schlug gleich einen Ton höher! Sie hatte wirklich eine einnehmende Stimme, Und selbstverständlich, man brauchte es ihm nicht zweimal zu sagen, er wirft die Zeitungen beiseite, sie interessieren ihn nun auch wirklich nicht mehr. wie ein geölter Blitz steht, er auf, der große Kavalier, und nimmt den Rucksack herunter, der weitaus schwerer ist, als er gedacht hatte. Selbstredend ließ sich Torre nichts anmerken. Das Mädchen, ihm nun ganz nah, duftet nach Must de Cartier. Sie lächelt und bedankt sich. Während sie im Rucksack herumstöbert Lind endlich einen Duden aus ihm herausfischt, nimmt Torre Platz.
Sie studieren in Deutschland? fragte er.
Es war eine schwere Anrede gewesen. Das Mädchen sah ihn an.
Ich war nun ein halbes Jahr in Heidelberg, um Ihre Sprache zu lernen, sagte sie.
Sie sah ihn an, und Torre wurde es ganz warm ums Herz, wenn sie ihn so ansah. Eine kleine Hoffnung erwachte in seiner Brust. Er wollte nicht, daß das Gespräch damit schon vorbei war, und sagte:
Wird denn im Elsaß nicht viel deutsch gesprochen?
Im Elsaß schon, sagte sie. Aber ich bin keine Elsässerin, ich komme aus Aix-en-Provence.
Ich verstehe.
Er nickte wissend.
Sie lächelte. Torre half ihr, den Rucksack zurück auf die Ablage zu stemmen. Er wollte sich wohl ein bisschen wichtig machen und sagte:
Studieren Sie außer Germanistik noch etwas anderes?
Sie studiere Kunst und interessiere sich vor allem für Bildhauerei. Torres Herz, es schlug zum Zerspringen!
Bildhauerei, oh, jetzt konnte er reden und zeigen, daß er kein Dummkopf war, er sagte:
Ah, Rodin und so.
Sie lachte kurz auf.
Gefällt Ihnen Rodin?
Er ist der einzige französische Bildhauer, der mir auf die Schnelle einfiel, gestand Torre. Und nun lachten sie beide. Es gefiel ihm, mit ihr zusammen zu lachen. Sie wandte den Blick dem Fenster zu, was er, ihrem Beispiel folgend, ebenfalls tat. Draußen huschte das Land vorbei.
Ich interessiere mich vor allem für Breker zum oder Klinger.
Sie sagte es, ohne ihn anzusehen, aber jetzt wandte sie ihm wieder ihr Gesicht zu. Konnte denn ein lebendiges Wesen wirklich ein solches Gesicht haben? Oh, es war das Gesicht eines Engels!
Aha, sagte er. Und Klimsch?
Jawohl, er war kein Dummkopf, sie mußte ihn doch bestimmt bald tragen, wieso er sich so gut auskannte. Doch sie bestätigte nur, ja, Klimsch sei auch sehr gut. Was sollte er anlangen? Er faltete die Zeitungen zusammen.
Ein Verwandter von mir ist auch Bildhauer, behauptete er leichthin, er war schon ein Teufelskerl! Aber ich bin ihm nie begegnet.
Ach, und warum nicht? sagte sie.
Ich weiß nicht, antwortete er. Vielleicht macht er nur moderne Sachen, und dann weiß ich nicht, ob ich ihn überhaupt kennen lernen will.
Sie mögen Moderne Kunst nicht besonders?
Nicht allzusehr.
Sie lächelte, legte den Duden beiseite und stand auf. Sie entschuldigte sich und verließ die Kabine. Torre sitzt da wie geohrfeigt und sieht ihr nach, wie sie in Richtung Toilette verschwindet. Ja, er fühlt sich nicht sehr wohl in seiner Haut und blickt um sich als suche er nach Zeugen seines Mißgeschicks. Die beiden Männer hantieren unterdessen noch immer mit den Karten, die alte Frau sieht zum Fenster hinaus, der Kleine hat die Lakritzstange längst verschlungen. Als sich ihre Blicke trafen, steckte der Junge die Hand in die Hosentasche, nahm zwei Lakritzstangen heraus und reichte Torre eine davon. Torre war ganz verblüfft und nahm die Süßigkeit. Nett von dir. Die alte Frau blickt kurz zu ihm herüber, lächelnd.
Warum lesen Sie so viele Zeitungen? fragte der Junge.
Torre: Ich lese sie ja gar nicht.
Nein, aber Sie haben sie gekauft.
Ja, das stimmt.
Sie saßen beide da und aßen ihre Lakritzstangen, und Torre kam sich ganz ulkig vor. Der junge Franzose erwachte. Er gähnte und reckte sich - als er die Blicke der anderen auf sich fühlte etwas weniger geräuschvoll. Er schaute sich um.
Excusez-moi, savez-vous où elle est alle, mon amie? fragte er.
Er hatte nur so in den Raum hinein gefragt und niemand Bestimmtes dabei angesehen. Die beiden Kartenspieler schauten ratlos drein. Mon amie! Natürlich, sie waren keine Geschwister, sie waren ein Paar, und hatte Torre das denn auch anders erwartet? Nein, aber ein wenig niedergeschlagen war er jetzt. schein, es war dumm, er wußte das. Er war eben ein gutaussehender Franzose, und besser aussehen als Torre tat er allemal, und er hatte auch schönere Schuhe an als er, das war Torre gleich aufgefallen. Er ist bestimmt sehr reich! dachte Torre, und das tröstete ihn ein wenig. Noch eine Weile zögert er. Er hatte sich in Gedanken die Antwort zurechtgelegt, darauf bedacht, grammatikalisch richtig zu antworten, denn sein Französisch war wirklich sehr
schlecht. Schließlich sagte er:
Elle est aux toilettes, je suppose.
Der junge Franzose schaute ihn an.
Merci.
Die Zeit schien nicht vergehen zu wollen.
Sie kam zurück. Der junge Franzose zündete sich die zweite Zigarette an. Das Mädchen mustert ihn wortlos, die Arme verschränkend. Offensichtlich mochte sie nicht, daß er soviel rauchte. Ihr Freund schien ihre Gereiztheit nicht zu bemerken, gewiß tat er nur so.
Torre versuchte, ein wenig auf sich aufmerksam zu machen.
Hier, sieh mal! sagte er zu dem Kleinen.
Und er nahm eine der Zeitungen und faltete einen Hut daraus. War es nicht ein Meisterwerk? Er setzte es dem Jungen auf den Kopf, und dem gefiel es. Torre war sehr zufrieden mit sich, aber das Mädchen schenkte ihm keine Beachtung mehr, sie schien sich gar nicht mehr für ihn zu interessieren. Dann, plötzlich, als der junge Franzose gerade die Zigarette lose zwischen den Lippen hängen hatte, nahm das Mädchen sie ihm ab, zerdrückte sie im Aschenbecher. Der Junge saß wie vor den Kopf gestoßen da. Torre war es erst etwas mulmig zumute, dann aber war er amüsiert. Er schaute den Kleinen an, doch der war mit seinem Hut beschäftigt,
ohne etwas von dem Vorfall bemerkt zu haben; überhaupt, es schien, als sei er der einzige gewesen, der es beobachtet hatte, dieses kleine Drama. Jetzt wurde es spannend! Doch der junge Franzose beherrschte sich, er warf ihr einen Blick zu, welch ein Blick, gleichwohl blieb er stumm.
Au weia, wird das nachher einen Streit geben! dachte Torre bei sich. Ihm konnte es gleich sein. Aber wie temperamentvoll sie war! Ein Prachtmädchen! Gleich fühlte er wieder dieses Gefühl aufflammen, er war ganz bezaubert. Und dann knurrte sein Magen! Hoffentlich hörten die anderen nichts davon. Schrecklichen Hunger hatte er plötzlich, Er hätte nun die Brote aus der Tasche packen können, die ihm seine Mutter mitgegeben hatte, aber wie sah das aus? Nein, er wollte sich nicht bewegen, wollt keine Unruhe ins Abteil bringen, indem er die Brote suchte, er wollte jetzt nicht die geringste Bewegung machen.
Sie steigen in Straßburg aus? hörte er.
Das Mädchen sah ihn an.
Ja, antwortete er, ein wenig verwirrt.
Wir haben dort keinen Aufenthalt, weil direkt ein Anschlußzug geht.
Sie fahren nach Aix zurück?
Ja, sagte sie. Wir wollen dort heiraten.
Torre sah die beiden an. Sie konnten kaum älter sein als er, vielleicht zwanzig oder so. Das Mädchen sah ihn erwartungsvoll an. Sie lächelte.
Man sieht es wohl noch nicht? sagte sie, lächelnd.
Wie? fragte Torre.
Sie nickte und schien auf einmal der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Ach... dachte Torre nur. Er sah am Gesicht des Franzosen, daß der kein Deutsch sprach und nichts von dem verstand, was sie sagte. Das Mädchen übersetzte es ihm nicht. Torre lächelte ihn an, und der junge Franzose lächelte zurück. Eigentlich schien er ganz nett zu sein, er war gewiß ein anständiger Kerl, warum auch nicht? Hoffentlich meint er nicht, wir würden über ihn reden, dachte Torre. Es bereitete ihm Kopfzerbrechen, der andere könne annehmen, sie redeten über ihn. Noch eine Zeitlang beobachtete ihn die Französin, dann fuhr sie fort, in ihrem Duden zu blättern. Sie hatte es wohl unbedingt sagen müssen, sie schien ganz froh darüber zu sein.
Torre hörte, wie einer der beiden Kartenspieler sagte, letzte Woche wäre jemand im Schlafwagenabteil tot aufgefunden worden.
Davon hab ich gehört, meinte der andere.
Haben ihn einfach abgemurkst.
Der andere fragte, ob sie ihn nicht erstochen hätten.
Weiß nicht mehr.
Ich glaub, sie haben ihn erstochen.
Die beiden redeten laut und wichtig. Torre hörte ihnen nicht zu. Was hatte das alles für einen Sinn, wenn es so endete?
C´est une maladie!
Oui, je dois finir, sagte der Junge.
Tu parles toujours de cela.
Je sais.
Die beiden verstanden sich wohl wieder. Torre blickte zum Fenster hinaus. Der Teufelskerl, da hockte er nun, alles Grübeln nutzte nichts, er wälzte tausend dumme Gedanken, nein, daran fehlte es nicht. Er schaute zum Fenster hinaus. Es war ein warmer Vormittag im Zug. Das Land draußen war flach und grün, und der Zug fuhr an vielen Dörfern vorbei, die Torre nicht kannte. Bei der Geschwindigkeit hatte man ohnehin keine Möglichkeit, die Eigentümlichkeiten des einen mit denen des anderen zu vergleichen, und sie sahen alle gleich aus. Aber das Land war schön, manche Bäume hatten bereits Knospen. Torre hätte es sich gerne genauer angesehen, aber man sah nicht viel, sie fuhren nur vorbei. Die Bäume blieben zurück und würden bald blühen.

27. August 2001

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