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Interview mit Professor Dr. Wolfgang Frühwald
Die Gazette: Professor Frühwald, Sie sind in den letzten Wochen
zustimmend und ablehnend kommentiert worden für Beiträge zur
Gentechnik-Debatte, zuletzt für Ihren Artikel in der Süddeutschen
Zeitung "Billige Konfessionspolemik". Sind Sie mit dieser
Überschrift mißverstanden worden oder war sie so von Ihnen
gemeint?
Professor
Frühwald: Die Überschrift hatte bei mir gelautet "Eine
Erwiderung auf den Angriff von Friedrich Wilhelm Graf" in der Süddeutschen
Zeitung. Ausgangspunkt des Ganzen war ein Interview, das ich für
die Hochschullehrerzeitschrift "Forschung und Lehre" gegeben
habe und in dem ich Stellung genommen habe erstens zu der Rede des Bundespräsidenten
vom 18. Mai dieses Jahres und zweitens zu der darauf erwidernden Rede
des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft vom 20. Juni dieses
Jahres. In beiden Reden, bei Johannes Rau wie bei Hubert Markl, stehen
Natur und Wesen des Menschen (so heißt es wörtlich) im Mittelpunkt
und nicht die Frage der Stammzellenforschung. Dadurch, daß dieses
Interview in der "Süddeutschen Zeitung" dann sehr gerafft
wiedergegeben wurde, entstand eine sogenannte "Gen-" oder
"Bio-Debatte", in der ich angeblich eine bestimmte Rolle spiele:
Ich sei der Auslöser dieser Bio-Debatte gewesen. Wenn es einen
Auslöser gibt, dann ist es Johannes Rau mit einer sehr schönen
und - wie ich bis zum heutigen Tag immer noch meine - nachdenklichen,
aber zu wenig gewürdigten Rede.
Sie haben sich als Christ bezeichnet, aber Ihre Argumente kann man
in keiner Weise "konfessionell gebunden" nennen. Trotzdem
hat man Ihnen vorgeworfen, Sie hätten "konfessionell"
argumentiert. Trifft Sie dieser Vorwurf?
Ich halte den Vorwurf für töricht. Er trifft mich nicht, denn
ich finde, man kann nicht eine persönliche Gewissensentscheidung
und eine Entscheidung, die von Muslims, Shintoisten, Konfuzianern, Juden
und vielen anderen geteilt wird, ohne weiteres als "römische
Gesinnung", als eine vatikanische Verschwörung darstellen.
Ich finde, in diesem Bereich der Stammzellenforschung und im Bereich
des Beginns und des Endes des Lebens genügt der gesunde Menschenverstand;
da brauche ich nicht katholisch oder evangelisch oder muslimisch zu
sein. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, wie ich mich in dieser
Frage zu positionieren habe. Sonst wäre die Bischofssynode der
Evangelischen Kirche Deutschlands auch "römisch gesinnt":
Denn sie hat viel deutlicher als ich gesagt, daß der Beginn des
Lebens in ihrer Sicht mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle stattfindet
und daß man von da aus dem menschlichen Embryo Schutz und Würde
zuspricht.
Neuerdings hat sich ja diese Forschung mit einem anderen Subsystem,
nämlich der Wirtschaft, verbunden, nach der Devise "Wer zu
spät kommt, den bestraft das Patentamt". Hat der gesunde Menschenverstand
gegen diese Allianz noch eine Chance?
Ich bin skeptisch. Die Frage ist ganz berechtigt, ob der gesunde Menschenverstand
eine Chance hat gegen einen - wie Enzensberger sagt: - "wissenschaftlich-industriellen
Komplex", der ja kein nationaler, auch kein kontinentaler, sondern
ein weltweiter Komplex ist, und es stehen erhebliche Verwertungsinteressen
dahinter. Auf der anderen Seite werden verantwortungsbewußt denkende
Personen der Wirtschaft und viele Wissenschaftler heute doch nachdenklich
über die heftigen Reaktionen der Menschen. Und sie wissen, daß
man wirtschaftliche Interessen nicht gegen die Menschen durchsetzen
kann. Bei diesen Interessen geht es ja nicht mehr um die Gründung
von großen Fabriken oder um Arbeitsplätze und dergleichen,
sondern es geht hier um Geburt und Tod und Leid und Trauer. Mit andern
Worten: Es geht um das, was jeden einzelnen Menschen, auch denjenigen,
der Stammzellenforschung haben will, unmittelbar in seinem individuellen
Leben betrifft. Und der gesellschaftliche Aufstand, der da entstehen
wird, ist wahrscheinlich so leicht nicht zu bändigen, auch nicht
durch noch so starke wirtschaftliche und wissenschaftliche Interessen.
Von der Atomkraft versprach man sich ja einst ebenfalls großen
Nutzen für die Gesellschaft. In der Debatte darüber wurden
jedoch die Gegenargumente immer wieder als technophob und angstinduziert
abgetan, bis sich Jahrzehnte später herausstellte, daß es
sich doch um keine Zukunftstechnik handelte. Wird das hier nicht wieder
so sein?
Erstens ist die Frage nach dem Nutzen der Atomkraft, meine ich, noch
nicht entschieden, jedenfalls weltweit noch nicht. Außerdem geht
sie dieser heutigen Bio-Debatte voraus, so daß die Argumente,
die in der Atom-Debatte gebracht wurden, jetzt in der Bio-Debatte eine
Rolle spielen. Außerdem war die Atom-Debatte nicht so hautnah
mit dem einzelnen Menschen verbunden wie die heutige Bio-Debatte.
Der Wissenschaft - und das ist eine große Errungenschaft, das
muß man immer wieder betonen - ist es gelungen, in das Innere
des Lebens einzudringen und damit auch das menschliche Leben zu manipulieren.
Daraus entstehen große Hoffnungen, Hoffnungen zum Beispiel darauf,
daß eine überfüllte Erde lebenswert erhalten werden
kann, weil Pflanzen ergiebigere Frucht tragen und mehr Menschen ernähren
können, weil ganz andere Tiere hergestellt werden können als
bisher. Auch werden eines Tages, davon bin ich fest überzeugt,
Therapien gefunden werden gegen genetisch bedingte Krankheiten, für
die wir heute noch keine Lösung haben. Dieser ganze Bereich ist
ein Bereich der Hoffnung und der Chancen, aber eben auch ein Bereich
des Risikos. Und das betrifft jeden einzelnen Menschen in seinem Innersten,
in dem, was Leben in ihm ist. Deswegen werden sich die Menschen in diesem
Bereich nicht so rasch zufrieden geben. Ich bin fest überzeugt:
Sie lassen sich nicht mit dem Argument abspeisen, der Forschungsstand
sei nun einmal so weit, also müßten wir statt mit Mäuse-Embryonen
mit menschlichen Embryonen forschen. Ich finde, das ist keine würdige
Argumentationsweise in einem so ernsten Feld.
Sie glauben also nicht, daß die Redeweise von Wissenschaftlern,
bei solchen Widerständen handle es sich um irrationale, vorwissenschaftliche,
unzeitgemäße Einwände, Erfolg haben wird?
Zum Teil hat sie Erfolg. Und ich weiß auch nicht, wie die Debatte
weitergehen wird und wie die Menschen sich weiterhin verhalten werden.
Aber wenn ich sehe, daß in den USA der Präsident dieser großen
Wissenschaftsnation im Fernsehen zur besten Sendezeit vor die Menschen
tritt und ihnen erklärt, warum er staatliche Gelder für Stammzellenforschung
freigibt und daß bei uns der Hauptausschuß der Deutschen
Forschungsgemeinschaft vielleicht im Dezember über einen Antrag
entscheidet, der genau dieselben Folgen haben wird wie Bushs Entscheidung
für die USA - dann sieht man einfach den Unterschied in der Bewertung
dieser Frage. Ich glaube, die USA wissen, worum es geht. Es geht darum,
die Menschen dafür zu gewinnen, daß solche Forschungen angestellt
werden müssen und können. Aber mit einem Hauptausschuß-Beschluß
der DFG kann ich nicht die Gesellschaft gewinnen. In der Tat muß
in diesem Fall die Gesellschaft gewonnen werden, nicht nur die Wissenschaft.
Es ist nur ein guter Rat, den ich gebe. Etwas anderes kann ich ja gar
nicht tun. Für mich war die Deutsche Forschngsgemeinschaft, die
ich sechs Jahre lang geleitet habe, stets mehr als eine Lobby der Wissenschaft.
Sie war in Wissenschaftsfragen eine moralische Instanz in diesem Land.
Und ich möchte gerne, daß es so bleibt.
Sie meinen also, daß der Wissenschaft auf die eine oder andere
Weise Grenzen gezogen werden können, sei es durch die Gesellschaft
oder durch eine starke moralische Instanz?
Ja, das glaube ich. Und ich glaube, es muß auch so sein. Diese
Grenzen dürfen nur nicht vorzeitig gezogen werden. Die menschliche
Rationalität muß sehr weit gefordert sein, bis man an eine
solche Grenze stößt. Bisher gilt zum Beispiel in der ganzen
Gen-Debatte eine Linie, die mit drei Grenzsteinen besetzt war. Der erste
hieß: "Keine reproduktive Klonierung von Menschen".
Menschen werden nicht kloniert, sondern sie kommen auf andere Weise
zur Welt. Der zweite Grenzstein hieß: "Wir stellen keine
menschlichen Embryonen her für die verbrauchende Forschung."
Und die dritte, ebenso wichtige Verbotstafel lautete: "Wir greifen
nicht ein in die Keimbahn des Menschen", so daß nicht ein
Mensch ein manipuliertes Genom an seine Nachkommen weitergibt. Das waren
drei in internationaler Übereinkunft geltende Verbotstafeln. Alle
drei werden jetzt langsam geschleift.
An dieser Stelle der Debatte stehen wir derzeit, und die Menschen wissen:
Wenn diese Grenze überschritten wird (das ist es, was der Bundespräsident
mit dem "Rubicon" gemeint hat), dann wird es lange keine neue
Grenze mehr geben, und wir wissen nicht, in wessen Hände wir unser
Schicksal dann legen werden. Und ich glaube, daß viele sehr nachdenkliche
Menschen auf der Welt eben deshalb wissen wollen, warum diese so bestimmte
Grenze überschritten werden soll.
Präsident Bush hat sie übrigens nicht überschritten;
er hat nicht für die verbrauchende Emryonenforschung plädiert,
sondern für die Forschung an überzähligen Embryonen.
Nun ist das eine Nuance. Und wer will feststellen, was "überzählige"
und was "hergestellte" Embryonen sind. Deswegen ist das so
gefährlich. Aber daß man an dieser Stelle eine grundsätzliche
Debatte führen muß, und zwar eine Debatte, die vielleicht
sogar vorwissenschaftlich ist (denn die Frage nach dem Menschenbild
ist eine vorwissenschaftliche Frage) - das scheint mir nach wie vor
ganz deutlich.
Was in Deutschland gegenwärtig als Konsens angestrebt wird,
läßt vermuten, daß hier eine Art Kuhhandel, ein Kompromiß
geplant ist, wie man ihn aus dem politischen Alltag kennt. Aber ein
derartig im Detailstreit ausgehandelte Übereinkunft ist doch in
einer so grundsätzlichen Debatte ganz undenkbar.
Das ist es eben. Ich finde auch, daß die Art und Weise der Konsensfindung
derzeit dieser wirklich großen und für alle Menschen einschneidenden
Frage nicht angemessen ist. Da gibt es nun die Überlegung: Sind
Embryonen in den ersten vierzehn Tagen ihrer Entwicklung für die
Forschung freizugeben oder nicht? Aber die grundsätzliche Überlegung
müßte wirklich lauten: Wenn wir schon an menschlichem Embryonenmaterial
in dieser Weise forschen, dann müssen wir wissen: Unter welchem
(das klingt ganz pathetisch, es ist auch so gemeint) geistigen Horizont
tun wir das? Ist es eine Grenzüberschreitung oder ist es keine
Grenzüberschreitung? Mir ist bewußt, daß das Einfallstor
die berühmte In-vitro-Fertilisation war: Um eine solche künstliche
Befruchtung zu ermöglichen und den Kinderwunsch der Menschen zu
erfüllen, muß ich überzählige Embryonen herstellen.
An ihnen zu forschen, ist in Deutschland verboten, in Großbritannien
erlaubt, es wird wohl auch in Frankreich erlaubt werden - die europäischen
Staaten sind sich darin uneinig. Aber sie debattieren über das
Bild des Menschen, das diesem Tun zugrundeliegt: Die europäische
Menschenrechtskonvention zur Biomedizin debattiert die Frage des Menschenbildes
und nicht bloß technische Machbarkeiten. In Deutschland ist diese
Diskussion zu sehr auf die Machbarkeitsfrage reduziert, und das ist
einem solchen Thema nicht angemessen.
Was würde Sie denn dem "concerned citizen", dem besorgten
Zeitgenossen, empfehlen zur Teilnahme an einer Diskussion angemessenerer
Art?
Besorgten Bürgern würde ich in der Tat empfehlen, sich mit
ihrem Abgeordneten in Verbindung zu setzen. Denn es kommt jetzt darauf
an, daß in einer solchen Frage der Souverän entscheidet.
Und der Souverän ist in diesem Fall nun einmal nicht die Gemeinschaft
der Wissenschaft, sondern mit Sicherheit das Parlament. Denn in Deutschland
geht es ja darum, ob das Embryonenschutzgesetz stehenbleibt oder ob
es verändert wird. Bei diesem Gesetz nun Lücken zu suchen,
durch die man Embryonen importieren kann, wenn man sie schon nicht selber
herstellen darf und dergleichen - so etwas empfinde ich als eine dem
Ernst der Sache nicht angemessene Diskussion. Die Menschen sollen sich
also mit ihrem Abgeordneten in Verbindung setzen; die Parlamentarier
sind in der Frage dieser Gesetzesänderung bereits genügend
sensibilisiert.
Sie machen also den Menschen Mut, ihre Abgeordneten, deren Handeln
unter kleinschrittigen Sachzwängen ja bekannt ist, mit politisch
ungewohnten Fragen zu konfrontieren : "Wie wollen wir leben?"
und "Was ist der Mensch?"
"Wie wollen wir leben?" und "Was ist der Mensch?"
- das sind tatsächlich die zwei großen Fragen. Johannes Rau
hat sie wörtlich so gestellt und für einen Fortschritt "nach
menschlichem Maß" plädiert. Und wer diese Rede liest,
hat eigentlich alles auf dem Tablett, was er braucht: Wie wollen wir
in Zukunft leben? Was ist der Mensch? Und die Frage nach dem, was der
Mensch ist, kann nicht nur dadurch beantwortet werden, daß die
einzige Wertquelle die subjektiven Wünsche des Menschen seien,
und Ethik ist nicht nur die konfliktfreie Erfüllung dieser subjektiven
Wünsche. Sondern der Mensch ist ein Wesen, das mehr ist als diese
Wünsche des Einzelnen. An dieser Frage müssen wir weiterdenken.
Der deutsche Bundestag hatte einmal eine große Stunde. Und zwar
vor einigen Jahren, in der Beratung über das Hirntodkriterium.
Es war eine wirklich große Debatte des Deutschen Bundestages.
Der Fraktionszwang war dabei aufgehoben. Ich hoffe, daß eine ähnliche
Debatte auch über das Embryonenschutzgesetz stattfindet und daß
auch dann das Gewissen des Einzelnen entscheidet - und nicht die Fraktion
oder Partei- oder Wirtschafts-Interessen.
27. August 2001
Ihr
Kommentar
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