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Dalits

Die nicht dazugehören

Es gibt vier große Kasten (Warna, wörtlich: "Farben") in Indien: Brahmanen (sie stammen aus Brahmas Mund), Kschatrija (aus seinen Armen), Waischja (aus den Schenkeln) und Schudra (aus den Füßen). Über den Brahmanen ist nur der Himmel, unter den Schudra nichts mehr. Wer zu keiner der vier Kasten gehört, steht außerhalb der guten Gesellschaft. Diese "unberührbaren" Menschen, die sogenannten Dalits, machen ein Viertel der indischen Bevölkerung aus, zweihundertvierzig Millionen (Foto: Dalits auf einem Protestmarsch). Das Land, das sich gern "die größte Demokratie der Welt" nennt, bewahrt dieses Diskriminationssystem seit dreitausend Jahren.

Von Brigitte Voykowitsch

Der 30-Jährigen Amta wurde das Gesicht schwarz angemalt, dann wurde sie vor dem Dorfrat ausgepeitscht. Der Grund: Sie hatte zwei einer höheren Kaste angehörige Männer eines Diebstahls in ihrem Haus beschuldigt.

Fünf Teenager wurden vergewaltigt, dann wurden sie mit Schüssen in ihre Vagina schwer verletzt und durch Abtrennen ihrer Brüste verstümmelt. Der Grund: Die Gemeinde, der die Mädchen angehören, hatte sich für ihre Landrechte eingesetzt.

Gangaratnamma wurde nackt ausgezogen und durchs Dorf geführt, andere Frauen ihrer Gemeinde wurden geschlagen und ihre Häuser beschädigt. Der Grund: Gangaratnamma hatte mit mehreren Frauen aus höheren Kasten über ihr Recht, den Dorfbrunnen zu benutzen, gestritten.

Amta, die Teenager und Gangaratnamma verbindet eines: Sie sind Unberührbare, Menschen also, die unter- und außerhalb des indischen Kastensystems stehen und als unrein gelten. Offiziell gibt es die Unberührbarkeit zwar nicht mehr, wurde sie doch mit der 1950 verabschiedeten Verfassung für abgeschafft erklärt. Tatsächlich aber besteht sie auch mehr als fünf Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit Indiens und seiner Umwandlung in eine pluralistische Demokratie so unvermindert weiter wie das Kastensystem selbst. 240 Millionen Menschen, knapp ein Viertel der eine Milliarde Inder, sowie weitere 20 Millionen in den anderen Staaten Südasiens, sind als Unberührbare Opfer einer Diskriminierung, die der Aktivist Paul Divarkar "als die schlimmste aller heute praktizierten Formen von Unterdrückung" bezeichnet.

Amta, die Teenager und Gangaratnamma verbindet aber noch etwas: Sie selbst und ihre Gemeinden haben begonnen, sich gegen ihre Ausgrenzung zur Wehr zu setzen und um ihre Rechte zu kämpfen, sei es um den Anspruch auf ein Fleckchen Land, das ihnen von höheren Kasten streitig gemacht wird, die Möglichkeit, einen Dorfbrunnen zu benutzen, von dem andere sie wegen ihrer Unreinheit fern halten wollen, oder generell um ihre Anerkennung als vollwertige, mit allen unveräußerlichen Menschenrechten ausgestattete Lebewesen. Deshalb auch nennen sie sich heute selbst Dalits, gebrochene Menschen, ein Begriff, der sowohl ihre Unterdrückung symbolisiert wie auch den Kampf um ihre Emanzipation.

"Wir sind Menschen und wollen als Menschen in diesem Land leben können", erklärte der Dalit Maruthapandi in diesem Frühjahr bei einer Tagung in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, die in Vorbereitung auf die UN-Konferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Xenophobie und verwandte Formen der Intoleranz (WCAR) abgehalten wird. Die Dalits ringen darum, dass bei dieser UN-Konferenz Anfang September im südafrikanischen Durban die Kastendiskriminierung konkret behandelt und als eine extreme Form von Intoleranz in das Schlussdokument aufgenommen wird.

Die indische Regierung ist ihrerseits bemüht, dies auf jeden Fall zu verhindern. Sie betont zum einen, dass es sich um eine innere Angelegenheit handle, und verweist zum anderen auf die Verfassung sowie eine Reihe weiterer Gesetze zugunsten der Dalits. Kaste und Rasse, wirft Neu Delhi darüber hinaus ein, seien keinesfalls gleichzusetzen.

Letzterem Argument stimmen auch führende indische Soziologen bei. Während Rassendiskriminierung auf biologischen Unterschieden wie der Hautfarbe beruhe, gehe es bei der Kastendiskriminierung um einen religiös-ideologisch konstruierten Unterschied, nämlich dem der rituellen Unreinheit. Die Kategorien Weiß-Schwarz seien zudem sichtbar, größer und gröber als die viel subtileren Reinheitsabstufungen innerhalb des Kastensystems. Dort gehe es ja weniger um die vier Hauptkasten und die Dalits als vielmehr um die tausenden Unterkasten (Jatis), die von Region zu Region variieren und für die sich keine landesweit gültige, klare soziale Hierarchie erstellen läßt.

Doch bei der UN-Konferenz soll es ja nicht bloß um Rassismus, sondern eben auch um verwandte Formen der Intoleranz gehen, zu denen die Kastendiskriminierung in jedem Fall zählt. Wie der Rassismus in Südafrika oder den USA hat auch die Ausgrenzung der Unberührbaren zu ihrer Segregation geführt. Sie müssen traditionell in eigenen Vierteln am Rande der Dörfer leben und haben vielfältigste Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit zu gewärtigen. "Doch sollen wir uns wirklich um soziologische und anthropologische Finessen zum Thema Kaste und Rasse streiten, wenn Dalit-Familien verbrannt werden, weil sie Dalits sind, weil sie um ihre Rechte kämpfen und wie normale Menschen behandelt werden, so wie das Woche für Woche in dem einen oder anderen Teil Indiens passiert?", fragt Paul Divarkar, Leiter der Kampagne für die Menschenrechte der Dalits. Im Dezember 1998, zum 50. Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, lanciert, ist diese Kampagne das seit Jahren bedeutendste Forum, über das die Dalits auf dem Subkontinent sowie weltweit ihre Anliegen verfechten. Sie fügt sich in eine Mitte des 19.Jahrhunderts beginnende lange Reihe von Bewegungen für die Emanzipation der Unberührbaren.

Die Dalits stimmen der indischen Regierung ja in einigen Punkten zu: Die Landesverfassung gehört zu den besten weltweit, die in ihr festgelegten Förderungsmaßnahmen wie reservierte Plätze an Universitäten respektive den Dalits vorbehaltene Jobs im Staatssektor haben zur Schaffung einer kleinen Dalit-Mittelklasse beigetragen. Der demokratische Prozess hat es zudem ermöglicht, dass einzelne Dalits hoch aufgestiegen sind. So war die Unberührbare Mayawati zweimal Chefministerin (Landeshauptfrau) des mit mehr als 150 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten indischen Bundesstaats Uttar Pradesh, und auch der derzeitige Staatspräsident, R.K. Narayanan, ist ein Unberührbarer. Die große Mehrheit der Dalits aber lebt auch heute noch in absolutem Elend, bei allen Sozialindikatoren wie Bildung, Gesundheit oder Zugang zu reinem Wasser schneiden sie am allerschlechtesten ab. Die meisten sind landlose Arbeiter in der Landwirtschaft oder verdienen sich als Tagelöhner ihr Leben in den Städten. Dazu müssen sie weiterhin alle als unrein geltenden und mit der Berührung von Kadavern, Leichnamen, Blut und Exkrementen verbundenen Arbeiten verrichten. Knapp eine Million Dalits müssen bis heute mit bloßen Händen Latrinen räumen. Auch die meisten Kinderarbeiter und in Schuldknechtschaft gefangenen Inder kommen aus den Reihen der Unberührbaren. Aufgrund der engen Verbindung von Kastenzugehörigkeit und Beruf ist es Unberührbaren auch durch Konversion zum Buddhismus, Christentum oder Islam kaum gelungen, sich von ihrem sozialen Stigma zu befreien, noch dazu, wo das Kastendenken auch den nicht-hinduistischen Religionen des Subkontinents keinesfalls fremd ist.

Das Gesetz zur Verhinderung von Grausamkeiten gegen Dalits, das die indische Regierung 1989 verabschiedete, führen Aktivisten als weiteren Beweis für die miserable Lage der Unberührbaren an. Weil sie sich dagegen verwehren, weiterhin als Untermenschen zu gelten, "werden sie Opfer eines Auslöschungskrieges, der in Form grausamer Verbrechen gegen sie geführt wird", heißt es im Manifest der Kampagne. Erst die massive Gewalt gegen die Dalits habe das Gesetz von 1989 erforderlich gemacht. Von dessen Umsetzung sowie der vieler anderer Maßnahmen zugunsten der Dalits kann freilich nur rudimentär die Rede sein. Nur in den allerwenigsten Fällen kommt es nach Verbrechen wie jenen, die an Amti, den Teenagern oder Gangaratnamma verübt wurden, zu einem Prozess oder gar einer Verurteilung.

Doch die Dalits werden weiter kämpfen. "Wir wollen keine Worte mehr, sondern Taten: Setzt unsere wunderbaren Gesetz um, schafft die Unberührbarkeit tatsächlich ab, errichtet eine neue, gerechte Gesellschaftsordnung", lautet ihre Forderung an die Machthaber. In diesem Kampf suchen die Unberührbaren auch internationale Unterstützung, wie bei der UN-Konferenz in Durban. Denn nach Jahrtausenden der Unterdrückung wollen sie endlich Menschen sein dürfen.

Infos zur Kampagne: www.dalits.org

27. August 2001

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