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Kollektives Gedächtnis

Mauer-Ausstellung

Einsatzpläne, Plastiktaschen, Folterkammern, Hawaii-Hemden, die Jugendbilder eines Puppenspielers, Dokumente und Fotos zum "Antifaschistischen Schutzwall" - sind das tatsächlich "Bausteine und Bruchstücke" für eine Mauer-Ausstellung? Oder ist es dem einen zu aggressiv und dem andern, dem Westler vor allem, der die Mauer immer nur als Metapher erlebte, zu konkret?

Von Stefanie Brauer

Auf dem Anrufbeantworter die Einladung: Ob ich nicht nochmal kommen wolle, zum Rundgang durch unsere Ausstellung "Mauern - Bausteine und Bruchstücke", er habe ein paar Leute eingeladen... ich könne auch gerne Freunde mitbringen. Ich las ein wenig Unsicherheit in seiner Stimme. Natürlich würde ich hingehen, schließlich hatten wir mehr als ein halbes Jahr lang intensiv an diesem Projekt gearbeitet. Ich würde aber allein erscheinen, weil ich mich selbst so sehr distanziert hatte, dass ich es anderen nicht als meines präsentieren wollte: die Ausstellung "Mauern - Bausteine und Bruchstücke",die wir aus Anlass des Mauerfalls für die Landeszentrale für politische Bildung in Brandenburg vor zwei Jahren erarbeitet hatten. Im August 2001 wird des vierzigsten Jahrestages des Mauerbaus gedacht" - für das Bezirksamt Mitte Grund genug, in diesem Frühjahr die Ausstellung für ein paar Wochen im Teehaus im Tiergarten zu zeigen.

Ich gehe hin an einem schönen Frühlingstag, die Vögel zwitschern, die ersten Frühlingsblumen blühen, ein paar Knospen zeigen sich an den Bäumen. Im "Teehaus" - einem Ausstellungsraum mit riedgedecktem Dach, vor dem ein paar Zierbeete angelegt sind - stehen bereits einige Besucher herum. Frauen in dunklen Kleidern und Mänteln, modisch. Männer vorwiegend in Popeline-Jacken, wie man sie in der DDR trug und wie sie langsam immer seltener werden. Die meisten Besucher sind in B.s Alter, graumeliert, aber auch ein paar Studenten sind darunter. Sie laufen zwischen unseren Papp-Säulen umher, auf denen wir Texte, Dokumente und Abbildungen zur Mauer kollagiert haben. Und thematisch geordnet. Die Mauer haben wir damals nicht nur als Bauwerk verstanden, sondern als Metapher: Mauer als Existenzbedingung und Mauer als Synonym für eine erstarrte Gesellschaft. Aber natürlich nahm die Ausstellung auch immer wieder die Mauer selbst ins Bild, den "Antifaschistischen Schutzwall." Viele Abbildungen davon stammten von einem ehemaligen DDR-Grenzoffizier. Der hatte eine Fotokartei gerettet, die lückenlos die Grenzanlagen aus der Sicht zwischen den einzelnen Sperrzäunen dokumentierte. Und er hatte Einsatzpläne, Skizzen der Grenzanlagen, Dienstvorschriften und unzählige Absonderlichkeiten. Zum Beispiel eine Grabkarte, die den Angehörigen den Besuch eines Friedhofs im Grenzgebiet gestattete. Ich erinnere mich: an die mühsamen Recherchen. Etwa im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Potsdam und in Hohenschönhausen: Die Zellen, die Verhörzimmer, die Folterkammer im Keller, die in den ersten Jahren der DDR in Benutzung war: die Häftlinge wurden auf Holzgestellen festgebunden und mit Wasser gefoltert, das langsam auf sensible Körperteile tropfte. Einig waren sich B. und ich im Entsetzen über solche Funde. Uneinig darüber, was sie bedeuteten im Hinblick auf das Leben in der DDR.
Ich, Jahrgang 1967, kannte Ostdeutschland nur aus dem Fernsehen, und natürlich, aus der Darstellung der Dissidenten: Biermanns Lieder ließen ein wehmütiges Gefühl aufkommen, unbestimmt, fremd. B. hatte als Graphiker und Maler vierzig Jahre in der DDR gelebt - als Intellektueller und Oppositioneller. Viele andere, sagte er später immer wieder, seien viel mutiger gewesen, aber er hatte eine Nische in dem Staat gefunden, seine Stimme hatte Gewicht, und an Fortgehen hatte er nie gedacht. Irgendwie hatte er dieses "kleine Land", wie er es immer nannte sehr geliebt und versuchte jetzt, mir - stellvertretend für alle anderen Außenstehenden - diese Liebe zu erklären. Ich war die "ausm Westen", sollte die Nachfragerin für das Projekt sein und es nach außen hin kommunizierbar machen. Das ist gescheitert - und vielleicht kann so etwas nur scheitern. Weil die Vielschichtigkeit des Gelebten nicht dokumentierbar ist und auch nicht rekonstruierbar. Daher auch das fortdauernde Unverständnis.
Viele Erinnerungen gehen mir im Kopf herum. Etwa an die Begegnungen damals in seinem Haus in Mecklenburg. Eine berühmte ostdeutsche Schriftstellerin lebt da im Sommer mit ihrem Mann, Freunde aus Kirchenkreisen - alles frühere Oppositionelle, die vom"Anschluss" sprachen. Alle haben mir unentwegt die DDR erklärt und über die Gegenwart geklagt. Ich konnte nicht immer gut zuhören, und das lag daran, dass keiner jemals an mich eine Frage richtete.
Jetzt erklärt B. seinem Publikum die Ausstellung, und während er das tut, läuft ein älterer Herr mit Hut suchend durch die Ausstellung, bis er endlich bei mir stehen bleibt und mich attackiert. Wir hätten die Grenzer ausgeklammert, so gehe das aber nicht, denn die Grenzer seien die wahren Peiniger des Volkes gewesen. Ich versuche, gegen seine überbordenden Emotionen anzugehen, schlage vor, die Diskussion vor der Tür fortzusetzen, um B.s Vortrag nicht zu gefährden. Kaum draußen, explodiert der Mann: Er wisse genau, warum wir das unterschlagen - und dann folgt eine wirre Geschichte über das Selbstverständnis des deutschen Zolls, der erst 1990 endgültig seine Ambitionen auf die polnischen Ostgebiete aufgegeben habe. Ich möchte gerne auf ihn eingehen, komme aber nicht zu Wort. Politische Intrige, vermutet der Eiferer auch bei B.s Exponaten. Eines stellt eine Welle dar, zusammengeklebte Headlines der "Berliner Zeitung" von der Maueröffnung bis zur Unterzeichnung des Einigungsvertrags. Ein anderes sind die Ausgaben des "Neuen Deutschland" der 80er Jahre. Es ist immer die Ausgabe zum"Tag der Opfer des Faschismus", Mitte September. Und es zeigt in allen zehn Jahren das gleiche Foto einer Demonstration mit der identischen Überschrift. "Skandal" ruft der Mann, auch die Blockparteien hätten in der DDR ihre systemkonformen Publikationen gehabt, und er vermutet, wir seien vom Vorstand der CDU bestochen worden, dieses schäbige Kapitel nicht zu erwähnen ... Wie ihm erklären, dass alles viel schlimmer ist: Dass es bei dem, was wir zeigen, niemand versucht hat, politisch zu intervenieren.

Als ich wieder hereinkomme, steht B. vor der Säule, die wir "durch Mauern" genannt hatten. Sie sollte zeigen, welche Produkte und Einflüsse trotz der hermetischen Abriegelung doch in das Alltagsleben der DDR-Bürger gelangten. Konsumgüter aus dem "Intershop", Sonderauflagen von Udo-Lindenberg-Platten, die Fernsehprogramme ... Ich erinnere mich: Wie wir tage-, wochen- und monatelang einzelne Motive gesucht haben. Etwa ein Foto vom"Westbesuch". Die Westdeutschen mit geschmacklosen Hemden sollten drauf sein - Hawaii-Hemden hatten wir uns vorgestellt. Und die Mitbringsel aus dem Westen sollten auf den Fotos wie Trophäen inszeniert sein:"Das war immer ein großer Augenblick, wenn der Kofferraum aufging, und da lagen die Schätze drin"- B. hatte genaue Bilder im Kopf, aber den fotografischen Beleg für diese Erinnerung konnten wir nicht finden. Vielleicht, weil man sich geschämt habe, meinte B. Auch unsere in der Potsdamer Lokalpresse veröffentlichten Aufrufe halfen da nicht weiter. Wir verbrachten manchen Nachmittag und manchen Abend bei Leuten, die wir vorher nicht gekannt hatten, und sahen uns deren privaten Fotoalben an. Etwa bei dem gutmütigen Apotheker im Ruhestand und seiner Frau, deren Wohnung so originalgetreu eingerichtet war, dass man sich in die Mitte der 80er Jahre zurückversetzt fühlte. Tatsächlich wurden wir hier fündig: Es gab ein paar Weihnachtsfotos mit Tengelmann-Taschen, Dosen mit Jacobs-Kaffee standen auf der Anrichte unter dem Tannenbaum, die Kinder des Paares trugen T-Shirts mit den Emblemen amerikanischer Universitäten. Von einem melancholischen Puppenspieler erhielten wir Jugendbilder: Da, tatsächlich standen die Flaschen aus dem Westen leer und staubig auf dem Board über dem Bett: Trophäen -"Trophäen". So hätte ich Bilder vorher gar nicht lesen können. B. hat mir sehr viel erklärt, in diesem halben Jahr.
Jeder Fetzen dieser Ausstellung hat eine persönliche Bedeutung für B. "Jeder transportiert eigene Erinnerungen"oder kollektive "Bausteine und Bruchstücke" von DDR-Biographien. Je länger B. redet, desto weiter weg kommt mir alles vor. Neue Besucher kommen in die Ausstellung, irritiert sehen sie sich um - dieser Teil des Tierparks wird vor allem von Bewohnern des ehemaligen Westens frequentiert. Manche machen sich die Mühe und hören einige Augenblicke zu - um sich bald abzuwenden. B. hört nicht auf zu sprechen. Es scheint, als sei ihm so vieles noch so nah, und immer wieder nah. Nach zwei Stunden ist meine Ungeduld zu groß. Ich will nach Hause. Verabschiede mich - und fühle mich nicht gut. Ein lauer Wind weht durch den Tiergarten, Kinder spielen, am Potsdamer Platz esse ich ein Eis. Wenige Tage später ruft B. an. Er habe sich gefreut, dass ich da war.

8. August 2001

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