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Kollektives Gedächtnis Mauer-Ausstellung Einsatzpläne, Plastiktaschen, Folterkammern, Hawaii-Hemden, die Jugendbilder eines Puppenspielers, Dokumente und Fotos zum "Antifaschistischen Schutzwall" - sind das tatsächlich "Bausteine und Bruchstücke" für eine Mauer-Ausstellung? Oder ist es dem einen zu aggressiv und dem andern, dem Westler vor allem, der die Mauer immer nur als Metapher erlebte, zu konkret? Von Stefanie Brauer
Ich gehe hin an einem schönen Frühlingstag, die Vögel
zwitschern, die ersten Frühlingsblumen blühen, ein paar Knospen
zeigen sich an den Bäumen. Im "Teehaus" - einem Ausstellungsraum
mit riedgedecktem Dach, vor dem ein paar Zierbeete angelegt sind - stehen
bereits einige Besucher herum. Frauen in dunklen Kleidern und Mänteln,
modisch. Männer vorwiegend in Popeline-Jacken, wie man sie in der
DDR trug und wie sie langsam immer seltener werden. Die meisten Besucher
sind in B.s Alter, graumeliert, aber auch ein paar Studenten sind darunter.
Sie laufen zwischen unseren Papp-Säulen umher, auf denen wir Texte,
Dokumente und Abbildungen zur Mauer kollagiert haben. Und thematisch
geordnet. Die Mauer haben wir damals nicht nur als Bauwerk verstanden,
sondern als Metapher: Mauer als Existenzbedingung und Mauer als Synonym
für eine erstarrte Gesellschaft. Aber natürlich nahm die Ausstellung
auch immer wieder die Mauer selbst ins Bild, den "Antifaschistischen
Schutzwall." Viele Abbildungen davon stammten von einem ehemaligen
DDR-Grenzoffizier. Der hatte eine Fotokartei gerettet, die lückenlos
die Grenzanlagen aus der Sicht zwischen den einzelnen Sperrzäunen
dokumentierte. Und er hatte Einsatzpläne, Skizzen der Grenzanlagen,
Dienstvorschriften und unzählige Absonderlichkeiten. Zum Beispiel
eine Grabkarte, die den Angehörigen den Besuch eines Friedhofs
im Grenzgebiet gestattete. Ich erinnere mich: an die mühsamen Recherchen.
Etwa im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, im ehemaligen Stasi-Gefängnis
in Potsdam und in Hohenschönhausen: Die Zellen, die Verhörzimmer,
die Folterkammer im Keller, die in den ersten Jahren der DDR in Benutzung
war: die Häftlinge wurden auf Holzgestellen festgebunden und mit
Wasser gefoltert, das langsam auf sensible Körperteile tropfte.
Einig waren sich B. und ich im Entsetzen über solche Funde. Uneinig
darüber, was sie bedeuteten im Hinblick auf das Leben in der DDR. Als ich wieder hereinkomme, steht B. vor der Säule, die wir "durch
Mauern" genannt hatten. Sie sollte zeigen, welche Produkte und
Einflüsse trotz der hermetischen Abriegelung doch in das Alltagsleben
der DDR-Bürger gelangten. Konsumgüter aus dem "Intershop",
Sonderauflagen von Udo-Lindenberg-Platten, die Fernsehprogramme ...
Ich erinnere mich: Wie wir tage-, wochen- und monatelang einzelne Motive
gesucht haben. Etwa ein Foto vom"Westbesuch". Die Westdeutschen
mit geschmacklosen Hemden sollten drauf sein - Hawaii-Hemden hatten
wir uns vorgestellt. Und die Mitbringsel aus dem Westen sollten auf
den Fotos wie Trophäen inszeniert sein:"Das war immer ein
großer Augenblick, wenn der Kofferraum aufging, und da lagen die
Schätze drin"- B. hatte genaue Bilder im Kopf, aber den fotografischen
Beleg für diese Erinnerung konnten wir nicht finden. Vielleicht,
weil man sich geschämt habe, meinte B. Auch unsere in der Potsdamer
Lokalpresse veröffentlichten Aufrufe halfen da nicht weiter. Wir
verbrachten manchen Nachmittag und manchen Abend bei Leuten, die wir
vorher nicht gekannt hatten, und sahen uns deren privaten Fotoalben
an. Etwa bei dem gutmütigen Apotheker im Ruhestand und seiner Frau,
deren Wohnung so originalgetreu eingerichtet war, dass man sich in die
Mitte der 80er Jahre zurückversetzt fühlte. Tatsächlich
wurden wir hier fündig: Es gab ein paar Weihnachtsfotos mit Tengelmann-Taschen,
Dosen mit Jacobs-Kaffee standen auf der Anrichte unter dem Tannenbaum,
die Kinder des Paares trugen T-Shirts mit den Emblemen amerikanischer
Universitäten. Von einem melancholischen Puppenspieler erhielten
wir Jugendbilder: Da, tatsächlich standen die Flaschen aus dem
Westen leer und staubig auf dem Board über dem Bett: Trophäen
-"Trophäen". So hätte ich Bilder vorher gar nicht
lesen können. B. hat mir sehr viel erklärt, in diesem halben
Jahr. 8. August 2001 |
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